Unerwünschter Zuwachs

Mali Mit dem gerade ausgerufenen Tuareg-Staat sucht eine Nomadenvolk nach nationaler Selbstbestimmung, doch kollidiert das mit der Integrität eines souveränen Staates

Nach der Republik Südsudan könnte sich Afrikas Staatenfamilie innerhalb eines Jahres eigentlich über den nächsten Zuwachs freuen. Warum aber tut sie das nicht? Der Tuareg-Staat Azawad im Norden Malis scheint weder erwünscht noch willkommen. Es fehlt an Paten und Potentaten im Hintergrund, sei es in Afrika oder Europa. Als Verlierer und Vertriebene des libyschen Bürgerkrieges sind bewaffnete Tuareg in Mali eingesickert, haben die Gunst der Stunde zu nutzen verstanden und ihrer nationalen Selbstbestimmung so radikal Geltung verschafft wie nie zuvor.

Doch wie soll dieser Staat existieren, wenn ihm die Nachbarschaft so energisch die Existenz bestreitet? Und das mit aller Radikalität. Immerhin will die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS notfalls militärisch intervenieren, um die Tuareg zur Räson zu bringen. Mit welcher Legitimation würde sie handeln? Das Recht auf nationale Selbstbestimmung wird heutzutage über alle Maßen hofiert und findet – wenn es sein muss – starke Schirmherren. Man denke an die serbische Provinz ­Kosovo, die 2008 unter dem Patronat der EU zum Staat ausgerufen wurde. Oder an die Republik Südossetien, das im gleichen Jahr dank russischer Hilfe ihre Unabhängigkeit von Georgien erklärte. Offenbar besitzt in den Augen der 15 ECOWAS-Staaten die territoriale Integrität des Mitglieds Mali höheren Stellenwert als das Selbstbestimmungsrecht eines nordafrikanischen Nomadenvolkes. Und das hat Gründe. Es gilt einen Präzedenzfall zu vermeiden, der Schule machen könnte.

Die meisten Grenzen in Westafrika gehen auf die Berliner Kongo-Konferenz von 1884/85 zurück, als sich imperialer Hochmut nicht daran störte, dass Demarkationslinien zwischen Kolonien die Lebensräume von Völkern zerschnitten. Mit der Souveränität der meisten westafrikanischen Länder wurden daraus nach 1960 Staatsgrenzen. Wer sie in Frage stellt, beschwört nicht selten Grenz- und Bürgerkriege herauf. Während der vergangenen Jahrzehnte litten darunter Nigeria, Liberia oder Sierra Leone nicht weniger als die Elfenbeinküste oder eben Mali. Ob dem Staat der Tuareg unter diesen Umständen ein Sitz in der Vereinten Nationen winkt und ein langes Leben beschieden ist, darf bezweifelt werden.


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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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