Lutz Herden
07.04.2011 | 15:30 17

Vom Gegner zum Feind zum Monster

Libyen Dämonisierung sorgt dafür, dass vom Politiker Gaddafi nichts als der Verbrecher Gaddafi übrig bleibt, gegen den so gut wie alles erlaubt ist. Die Muster sind erprobt

Am 10. Oktober 1990 erregt eine Schreckensnachricht weltweit die Gemüter und passt ins Bild. Zwei Monate zuvor ist die Armee des irakischen Diktators Saddam Hussein in Kuwait eingefallen. Nun erzählt das 15-jährige kuwaitische Mädchen Nayirah vor einer Fernsehkamera, es habe mit ansehen müssen, wie irakische Soldaten ein Hospital in Kuwait-City stürmten, Babys aus den Inkubatoren rissen, auf den Boden warfen und qualvollem Sterben aussetzten. Die Sequenz wird zur Weltnachricht – bis durchsickert, die Zeugin heißt eigentlich Nijirah al-Sabah, ist die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA und hat sich mit Hilfe der PR-Agentur Hill Knowlton alles ausgedacht. Vor den Halluzinationen des Botschafterkindes über die massakrierten Säuglinge halten laut Umfragen 30 Prozent der US-Bürger eine Invasion gegen den Irak für unabwendbar – danach sind es 72 Prozent. Nicht der Krieg, sondern der Verzicht darauf, erscheint als Zivilisationsbruch. Wenn der ins Visier genommene Gegner kein zivilisiertes Wesen mehr ist, sondern als barbarische Kreatur wahrgenommen wird – wer kann da noch zaudern?

Halb Mensch, halb Kreatur

Am 27. März 1999 – die NATO bombardiert Serbien seit einer Woche – meint der damalige deutsche Verteidigungsminister Scharping (SPD): „Wir wären ja niemals zu militärischen Maßnahmen geschritten, wenn es nicht diese humanitäre Katastrophe im Kosovo gäbe mit 250.000 Flüchtlingen … und einer zur Zeit nicht zählbaren Zahl von Toten.“ Von einer solchen Flut der mutmaßlich von serbischen Milizen Vertriebenen wie den nicht mehr „zählbaren“ Toten haben die OSZE-Inspektoren nichts bemerkt. Ihr Bericht für März 1999 nennt 39 Opfer. Das hindert allerdings Kanzler Schröder (SPD) nicht daran, von „Gräueltaten“ im Kosovo zu sprechen, „die alles überschreiten, was in den letzten 50 Jahren in Europa passiert ist“. Und weiter: „Hier führt ein Diktator gegen die eigene Bevölkerung Krieg ...“

Seinerzeit gibt der jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic (Serbien und Montenegro bilden damals die Bundesrepublik Jugoslawien) den Hundsfott, den es aus der Wertegemeinschaft des menschlichen Anstands zu verstoßen gilt. Wie schon bei der Operation Wüstensturm gegen den Irak Anfang 1991 sind es die moralischen Barschaften der Gesinnungsethiker, mit denen sich die Kriegskasse der NATO gut füllen lässt. Besonders als der grüne Außenminister Fischer doziert: „Nie wieder Auschwitz“ lehre, gegen Serbien Krieg zu führen. Wer sich dieser Verstiegenheit verweigert, läuft Gefahr, als nützlicher Idiot oder Sympathisant Milosevics markiert zu werden.

Oder man denke an das grelle Horror-Gemälde, das US-Außenminister Powell dem UN-Sicherheitsrat am 5. Februar 2003 als Großbild-Projektion serviert. Die zeigt Basen und Depots der irakischen Armee – es kommt einem Sakrileg gleich, nicht daran zu glauben, dass Saddam Hussein dort Massenvernichtungswaffen hortet und zur Räson gebracht werden muss. Später gilt es als vertretbarer Kollateralschaden für westlich-imperialen Bellizismus, dass keine einzige Giftgas-Kartusche gefunden wird.

Dieser Furor des Verteufelns, der einen Gegner nicht als Feind, sondern das Böse schlechthin identifiziert, resultiert nicht allein aus eklatanten Begründungsdefiziten, die es bei sämtlichen Interventionen seit Ende des Ost-West-Konfliktes gibt. Er bezeugt zugleich ein religiös anmutendes Pharisäertum, das nichts sehnlicher wünscht, als sich am selbst geschaffenen Feindbild erst delektieren und dann rächen zu dürfen. Und das mit aller Gewalt. Bis zum bitteren Ende. Bis das Scheusal nicht mehr aufsteht und aus einem Erdloch gezogen wird wie der verwahrloste Saddam Hussein. Eine erbärmliche Gestalt, halb Mensch, halb Kreatur. Powells Horrorshow bekommt ihr Finale als self-fulfilling prophecy – das kann einem Feldzug im Namen des Guten schon schmeicheln.

Entweder oder

Bevor Slobodan Milosevic im März 1999 als Schlächter des Kosovo ausgerufen wurde, ließ sich mit ihm unter amerikanischer Vermittlung 1995 der Vertrag von Dayton schließen und ein Bürgerkrieg in Bosnien beenden. Als es darauf ankommt, den Kosovo-Konflikt auf ähnliche Weise zu entschärfen, ist Milosevic auf dem propagandistischen Scheiterhaufen vorsorglich verbrannt worden.

Vergleichbares widerfährt derzeit dem libyschen Machthaber. Was lässt sich in den westlichen Stimmungsdemokratien noch mit dem Partner von einst anfangen, der „Waisenkinder als menschliche Schutzschilde“ vor seine Panzer holt, wie der Schweizer Tages-Anzeiger am 23. März als „Gerücht“ kolportiert? Gaddafi findet sich als „Despot“, „Henker“, „irrer Diktator“ oder „Monstrum“ medial so erschöpfend dämonisiert, dass von einem Politiker nichts übrig bleibt – für einen Verbrecher hingegen alles spricht. Dem ist jede Untat zuzutrauen! Der hat verdient, was gegen ihn unternommen wird! In der Berliner Zeitung vom 2./3. April kann in einem Interview unwidersprochen zum Tyrannen-Mord aufgerufen werden. Wieder ist Krieg kein Zivilisationsbruch, bestenfalls das kleinere Übel, wenn überhaupt.

Da wirkt die Frage, ob das Anti-Gaddafi-Lager in Benghazi von seinen westlichen Schirmherren hochgerüstet werden soll, fast schon marginal. Und das, obwohl ein Waffentransfer eine nächste Stufe der Intervention und daher zu fragen wäre: Was hat das noch mit dem Auftrag von UN-Resolution 1973/2011 zu tun, für „den Schutz von Zivilisten und von Zivilisten bewohnter Gebiete“ zu sorgen? Wer glaubt ernsthaft, dass ein durch Waffenhilfe von außen angeheizter Bürgerkrieg der libyschen Bevölkerung auch nur einen Hauch mehr Sicherheit verschafft? Und wie lässt sich Waffennachschub mit dem vom UN-Sicherheitsrat bereits am 26. Februar verhängten Waffenembargo vereinbaren, das für alle am libyschen Konflikt Beteiligten gilt? Theoretisch dürfen die Rebellen nur dann mit neuem militärischen Equipment ausgestattet werden, wenn gleichzeitig der Waffen-Boykott gegen Gaddafi fällt – oder der Embargotext geändert und im Sicherheitsrat erneut darüber abgestimmt wird. Käme es dazu, wäre freilich Resolution 1973/2011 endgültig zur Farce degradiert. Wenn aus „humanitären Gründen“ das militärische Potenzial der einen Seite durch Luftschläge dezimiert, das der anderen Seite aber zielstrebig qualifiziert wird – warum wurde dann nicht gleich eine UN-Resolution verabschiedet, die einen per Intervention erzwungenen regime change legitimiert?

Als wäre diese Spritztour des Westens auf der völkerrechtlichen Geisterbahn nicht längst des Schlechten zu viel, wird sie auch noch durch die Gewissheit pointiert: Die Rebellenmacht ist keine militärische Macht – sie vermag gegen Gaddafi am Boden nur zu leisten, was ihr die NATO aus der Luft ermöglicht. Bis auf weiteres gehört die Einnahme von Tripolis nicht dazu. Es sei denn, die westliche Allianz sekundiert mit Truppen, was ihr nicht nur Risiken, sondern innere Zerreißproben beschert. Mit anderen Worten, die NATO hat mit ihrem Eingreifen eine Alternative heraufbeschworen, die so nicht beabsichtigt war: Entweder sich militärisch exponieren oder zur Politik zurückkehren und nach diplomatischen Auswegen suchen. Nur mit wem? Dem „Monster“ von Tripolis?

Kommentare (17)

Magda 07.04.2011 | 18:46

Ja, das ist schon eine stringente Verteufelungsreihe.
Ich denke aber, der Umgang mit Gaddafi ist zwar ähnlich, wie in den von Ihnen genannten Beispielen. Aber bei dem libyschen Revolutionsführer waren Zwielichtigkeit und der terroristische Verdacht immer deutliche Grundierung aller aller Beziehungen, die man mit ihm pflegte.

Anonsten denke ich auch, dass dieses merkwürdige zweckgerichtete Moralisieren allerstärksten Verdacht wecken muss.

Bei der Gelegenheit, ein interessanter Link. Ein Gespräch mit dem deutschen Verleger von Gaddafis Schriften und Texten.

www.sueddeutsche.de/kultur/interview-mit-gaddafis-deutschem-verleger-psychogramm-eines-einsamen-herrschers-1.1075808

Das ist eine - von der literarischen Seite - sehr ernsthafte Annäherung an Gaddafi.
Der hält sich in der Tat für einen Idealisten. Hat aber wie so viele, den Kontakt zu den Menschen verloren.

chrislow 07.04.2011 | 22:50

Den Kontakt mit den Menschen verloren ...

Das kann man nach 40 jahren Herrschaft so annehmen - quasi zwingend. Und ganz sicher wird er darunter gelitten haben. Was man an seinen Texten erkennen kann. Vom Idealisten bleibt nicht viel übrig, wenn man die ganze Bandbreite von Herrschaft und Gesellschaft kennen lernt. Die Kompromisse werden jeden zerreissen. Es scheint niemals alles ernsthaft zu gehen. Es fehlt die Möglichkeit auf Gleichzeitigkeit...

Ausserdem werden in jedem politischem System auf Dauer viele Abläufe zu systematischen Strukturen, und gehen so in die Wahrnehmung ein. Das kann man auch in der deutschen Demokratie sehen. ... leider.

Waffenlieferungen kann ich nicht unterstützen. Aber das ist auch wieder so eine ideologische Einstellung. Habe ich aber nicht was von rebellischen Islamisten gehört...? Kann man dieser Information trauen...? Dann wären Waffen wohl nicht die Lösung...! Aber ich weiss sonst nichts darüber.

Wem also soll man unterstützen?

Während des Irak-Konfliktes habe ich immer was von Suniten und Schiiten gehört... und irgendwie habe ich irgendwann den Überblick verloren, bevor ich einen hatte... wer denn nun Täter oder Opfer sein soll...

Endlich blieb dann nur die Idee und der Wunsch, dass es einfach nur zuende sein sollte... am liebsten. Aber vom Wohnzimmertisch zuhause empfand man das dann auch wieder anmassend, weil irgendwie nicht beteiligt...

Der Zaungast (via TV) wagt es zu bewerten... wie merkwürdig "gerecht" kommt man sich dann vor.... wenn man es nicht verdrängt bekommt....?

Mir scheints aber, als ob die Show vorbei ist... von Gaddafi...

Was also kann nun neues beginnen? Hatte Europa nicht immer schon viel vor zusammen mit Afrika...?

Das wird aber dann nicht so einfach, wie wenn man nur was auf ein Spendenkonto überweisen tut...

Maria Jacobi 08.04.2011 | 12:40

Was sich der "Westen" seit dem Ende des Ost-West-Konflikts gegenüber anderen Staaten, denen er sich überlegen dünkt, erlaubt, ist schlechtweg Selbst-Demaskierung. Hier legt ein System seine wirklichen Charaktereigenschaften bloß, Eigenschaften, die es bis 1990 im Konflikt mit der Sowjetunion sorgfältig verbarg, aber schon immer hatte. Lediglich die Tatsache, dass der "Westen" 1939 das Opfer eines noch aggressiveren Systems wurde, hat ihm geholfen, das Feigenblatt der Demokratie, Toleranz und Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten so lange zu tragen. Jetzt ist die Zeit gekommen, das alles beiseite zu lassen.

SchmidtH. 08.04.2011 | 19:02

Zitat:
"Beängstigend ist, wie leicht sich jedes Mal große Teile der deutschen Bevölkerung vor den Kriegskarren spannen lassen."

Wenn es "nur" die Bevölkerung wäre, könnte man auf den Faktor "Zeit" setzen, aber dem ist nicht so. Nein, hier sind ganz andere Kräfte am Werk. Personen, denen wir vertrauen, dieses Vertrauen dokumentiert haben, durch Wahlen. Diese begehen offensichtlich Vertrauensbruch zu Lasten derer, die sie gewählt haben. Ohne Skrupel.

Wer nun glaubt, dieses sei ja schlimm genug, denn in jeder Demokratie gäbe es eine "4. Gewalt", die im Besitz der Informationen ist, und diese aber auch nutzt, um solch Demontage des Rechts anzuprangern, bestensfalls zu verhindern, sieht sich immer mehr getäuscht.

Krieg ist in diesem Lande - Dank ROT/GRÜN - wieder hoffähig geworden. Und dieses auch nicht der Notwendigkeit, im Sinne der "ultima ratio", geschuldet, nein, mit Bündnistreue, mit Lügen begründet und gerechtfertigt.

Als wäre der Auftritt und Sturz des Verteidigungsministers Volker Rühe Anfang der 90iger in Somalia nicht eine "versteckte Botschaft, Warnung" genug gewesen.

Nein, ich bin kein Pazifist, aber solch Treiben muss, wie auch immer, Einhalt geboten werden.

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Ehemaliger Nutzer 08.04.2011 | 21:29

Gaddafi, wie aus einem Splatter-Film entsprungen, ist doch die Idealbesetzung für eine Schurkenrolle. Zudem lenkt der Stämmekrieg in Libyen hervorragend davon ab, dass die vielbesungenen "demokratischen" Revolutionen in Tunesien Ägypten nichts an den jeweiligen Machtstrukturen verändert haben. Die Galionsfiguren wurden ausgewechselt, viel Lärm, keine grundlegende Änderung. Wie auch, real existierender Kapitalismus hat viele Regierungsformen unter sich, es ist egal, wer formell an der Staatsspitze sitzt, das Kapital muss wachsen. In Händen Weniger.

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Ehemaliger Nutzer 11.04.2011 | 11:11

Vielen Dank für den Artikel. Noch vor meiner Analyse der politischen Situation in Libyen führte das von Ihnen beschrieben Muster der Dämonisierung zu einer Ablehnung der NATO-Intervention. Nach der Analyse sehe ich keinen Widerspruch der Propaganda zu den politische Zielen des Westens.

Immer wieder führt es zum Streit zwischen mir und Freunden, wenn ich eine abgestimmte Kommunikationsstrategie zwischen den militärischen Handlungen der NATO und der über die Massenmedien hergestellten Öffentlichkeit unterstelle. Die Pressefreiheit verhindere eine solche Konstellation; jeder könne sich doch informieren, wo er wolle; die Meldungen und Kommentare in den Medien sind doch gar nicht einer Meinung...

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass solche Propaganda-Kampagnen per Reflex von Journalisten auf hingeworfene Bilder aus den Propaganda-Abteilungen von Militär und Geheimdienst losgetreten werden. Wie funktioniert das? Wer steuert das?

Auch würde ich zu gern von den Kalkulationen der Kommunikationsstrategen wissen. Wie bewerten diese die Konditionierung des Publikums, ist diese Konditionierung quantifizierbar und qualifizierbar, lässt die sich steuern.... Wann geraten Kommunikationsstrategien in temporäre Krisen, wer weist den Wechsel an, wer "springt" in der Organisation über "die Klinge"?

Warum gingen im Februar 2003 völlig überraschend 500.000 Menschen in Berlin auf die Straße, um gegen den Irak-Krieg zu demonstrieren, um sich dann wieder im "Nichts" aufzulösen? Ich erinnere mich an eine Reihe sehr wohlwollender Kommentare im DLF im Vorfeld der Demo. Dies wunderte mich seinerzeit, weil ich derartiges dort noch nie hörte. 70% sind gegen das Engagement Deutschlands in Afghanistan, aber es gibt keine Aktionen gegen diesen Krieg.

Das alles lässt einerseits hervorragend organisierte Herrschaftsstrukturen und andererseits untertänig eintrainierte Beherrschtenkonditionierung beobachten. Dieses symbiotische Verhältnis scheint unerschütterlich.

Immer wieder gern gelesen: Gustav Le Bon, Psychologie der Massen.