Von allen guten Brüdern verlassen

DDR/SU Das Ende eines lange Zeit als unzerstörbar apostrophierten Bundes: Fast beiläufig wurde die DDR von der Sowjetunion ­abgeschoben – in die ­deutsche Einheit

Diese Geschichte muss von ihrem Ende her erzählt werden: DDR-Premier Hans Modrow fliegt am 29. Januar 1990 nach Moskau, hinter sich eine dem Untergang geweihte DDR, vor sich eine von innerer Erosion gezeichnete Sowjetunion, der engste Verbündete und Bruderstaat, dem die DDR ihre Existenz verdankt.

Am nächsten Tag trifft Modrow auf Generalsekretär Michail Gorbatschow. Man weiß, mit der deutschen Zweistaatlichkeit wird es vorbei, die Wiedervereinigung unaufhaltsam sein. Aber die will man gestalten, Übergangsfristen sichern, eine Vertragsgemeinschaft DDR/BRD aushandeln, die ein Durchgangsstadium zur Konföderation, später zur Einheit sein soll. Der dafür veranschlagte Zeitraum: drei Jahre mindestens.

Freier Fall in die Einheit

Aus heutiger Sicht wirkt das wie eine irreale, fast utopische Vorstellung angesichts der seit dem 9. November 1989 offenen Grenze zum Westen. Sie hat die DDR noch nicht die staatliche Existenz gekostet, doch genug an staatlicher Autorität, dass der Spielraum des Ministerpräsidenten Modrow von Tag zu Tag schwindet. Und das dramatisch. Was will man da noch gestalten? Seitdem Helmut Kohl am 19. Dezember 1989 Dresden als ein Meer schwarz-rot-goldener Fahnen ohne DDR-Emblem erlebt hat, fühlt sich seine Regierung berufen, der DDR ihre Bedingungen zu diktieren und die Wiedervereinigung zu forcieren.

Als Modrow an jenem 29. Januar 1990 bei Gorbatschow vorspricht, bleibt nicht viel, um den freien Fall in die Einheit abzubremsen. Ein letzter Rettungsanker bietet sich – die 350.000 in der DDR stationierten sowjetischen Soldaten und die Rechte der UdSSR als Besatzungs- und Siegermacht des Zweiten Weltkrieges. Nur solange die DDR existiert, kann Moskau mit diesem Status noch etwas anfangen. Ist sie verschwunden, verliert die UdSSR die mittelosteuropäische Pufferzone vor ihrer Westgrenze. Was bleibt dann von dem mit mehr als 20 Millionen Toten errungenen Sieg von 1945 außer dem Eintrag ins Ehrenalmanach der Geschichte?

Drei Tage vor dem Gespräch mit Modrow scheint die sowjetische Seite entschlossen, ihre alliierten Rechte als Joker auszuspielen. Gorbatschow, Premier Nikolai Ryschkow, Außenminister Eduard Schewardnadse und ZK-Sekretär Valentin Falin einigen sich auf ein Junktim: Wir winken die Einheit durch, wenn die Bundesrepublik aus der NATO austritt und das wieder vereinigte Deutschland entmilitarisiert wird.

Vollstrecker der Kapitulation

Dieses Konzept entspringt keiner spontanen Eingebung, bereits am 11. Dezember 1989 hat Wjatscheslaw Kotschemassow, sowjetischer Botschafter in der DDR, die Amtskollegen der USA, Frankreichs und Großbritanniens zum Ärger der Regierung Kohl ins Alliierte Kontrollratsgebäude in West-Berlin gebeten, um alliierte Interessen abzugleichen. Seine Position: Wenn sich die beiden deutschen Staaten vereinigen, kann das nicht zu Lasten anderer Staaten und der europäischen Nachkriegsordnung geschehen.

Aus Moskau nach Ostberlin zurückgekehrt, verkündet Modrow vor der Presse seinen Plan Deutschland, einig Vaterland, dessen wesentliche Elemente lauten: Die beiden deutschen Staaten mögen nicht überstürzt, sondern in drei Stufen zueinander finden, ihren Bündnissen entsagen und militärisch neutral sein.

Der Westen ist alarmiert, sofort wird der damalige US-Außenminister James Baker in Moskau vorstellig, interveniert energisch und findet Gehör. Das von Gorbatschow und Modrow geschnürte Paket wird wieder ausgepackt und im wahrsten Sinne des Wortes in seine Einzelheiten zerlegt – der innere Vollzug der Einheit plötzlich zur internen Sache der Deutschen erklärt und von den äußeren Bedingungen getrennt. Die Blockfreiheit Gesamtdeutschlands ist für Moskau nun keine Conditio sine qua non mehr. Monate später, im Juli 1990, beim Strickjacken-Gipfel mit Kohl im Kaukasus, wird sie vollends aufgegeben. Gorbatschow unterwegs von der Ikone des Wandels zum Vollstrecker der Kapitulation? Bis heute streiten sich Zeitzeugen und Historiker, ob man seinerzeit einem Akt des Masochismus oder des Unvermögens beiwohnen durfte. Vermutlich beidem.

Der Modrow-Plan hat sich mit dem Moskauer Schwenk vom Februar 1990 erledigt. Es gilt nicht mehr die Formel, dass erst von den vier Alliierten geklärt werden muss, welchen Status Deutschland künftig international besitzt, bevor über den Verlauf der Vereinigung entschieden wird. Der Rettungsanker bleibt eingezogen, die Vertragsgemeinschaft ein Wunschtraum. Als Helmut Kohl am 10. Februar 1990 in Moskau mit Gorbatschow verhandelt, erhält er grünes Licht – und das in jeder Beziehung.

Zerrüttetes Verhältnis

Hat Moskau die DDR kurzerhand aufgegeben? Unrühmlicher kann doch wohl das Ende dieses gern als unzerstörbar apostrophierten Bruderbundes kaum sein. Wer freilich genauer hinsieht, kommt nicht umhin, dieses Finale als logische Folge des letzten Jahrzehnts zu sehen, das den Beziehungen UdSSR-DDR sowie KPdSU-SED beschieden war.

Zwischen 1980 und 1990 sah Moskau vier Generalsekretäre der KPdSU. Die Zeit reichte von der Stagnation unter Leonid Breschnew, den ­Interregnen unter Juri Andropow und Konstantin Tschernenko bis zur Ära Gorbatschow, der im März 1985 an die Spitze der Partei gewählt wurde. Alle vier hatten in Ostberlin mit Erich Honecker stets denselben Ansprechpartner, der in diesen Jahren mit Besorgnis registriert haben dürfte: Die wirtschaftliche Schwäche der Sowjetunion, ihre gesellschaftliche Krise und der Versuch Gorbatschows, mit der Perestroika das Ruder noch einmal herumzureißen, lassen die Existenz der DDR nicht unberührt.

Die tat gut daran, sich mehr denn je auf eigene Füße zu stellen. Nur wie? Honecker mauerte nach Osten und blickte nach Westen, ging auf Distanz zur Perestroika, verweigerte eigene Reformen und verschrieb sich einer Diplomatie, deren Kern die Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten waren. Zu guter Letzt konnte ihm nichts davon wirklich helfen. Ende 1989 war das Verhältnis zu Moskau hoffnungslos zerrüttet. Die Sowjetunion gab den zweiten deutschen Staat fast beiläufig auf.

Der war Zeit seines Lebens nicht nur ein Geschöpf der europäischen Nachkriegsordnung, sondern ebenso eine Kreatur des Antagonismus der beiden Systeme in Ost und West. Entfielen diese Voraussetzungen, wurde die DDR überflüssig. Insofern bescherte die von Gorbatschow 1985 eingeläutete Perestroika der SED-Führung eine Gratwanderung der zwei Gewissheiten: Wenn die UdSSR ihre Hand von uns zieht, sind wir erledigt. Wenn wir eine DDR-Perestroika riskieren, sind wir es auch. Wer sich politisch öffnet, kann die Grenzen nicht geschlossen halten. Von daher verdient die Ostberliner Skepsis gegenüber der Politik Gorbatschows mehr als das übliche Stigma vom „dogmatischen Starrsinn“. Auch wenn es den mit einer an Autismus grenzenden Selbstgerechtigkeit gab.

Nur ein Beispiel: Bis zum Oktober 1989 mieden offizielle Statements der SED Begriffe wie Glasnost und Perestroika. Die tauchten nur auf, wenn DDR-Medien sowjetische Quellen zitierten. Allein am 7. Oktober 1989 nahm Erich Honecker das Wort Perestroika in den Mund, als er im Schloss Niederschönhausen, der Residenz Gorbatschows während des 40. Jahrestages der DDR, auf dessen kurze Rede vor dem SED-Politbüro antwortete. Es sei möglich, meinte er, dass sich die Sowjetunion auf eine Inventur ihrer selbst einlassen müsse, nur lebe die DDR unter anderen Bedingungen, die ein anderes Handeln verlangten. Wie dünn die Kesselwände in der an diesem 7. Oktober unter Hochdruck stehenden DDR schon waren, schien den SED-Generalsekretär, der keine zwei Wochen mehr im Amt sein sollte, nicht zu interessieren.

Doch schreckte die SED-Führung seit 1985 nicht allein die Angst vor Perestroika-Viren. Mindestens ebenso trieb sie die Frage um, ob die ökonomische Skorbut der UdSSR auch der DDR an die Substanz gehen könnte. Zu den Öl- und Gas-Lieferungen aus dem Osten fehlte die Alternative, wie die sowjetische Ökonomie den Transfer von Industriewaren und Konsumgütern aus der DDR kaum entbehren konnte. Die Hochseeflotte der UdSSR bestand 1989 zu zwei Dritteln aus Erzeugnissen des DDR-Schiffbaus. Auf den transkontinentalen Eisenbahn-Routen in den Fernen Osten verkehrten allein Schlafwagen des DDR-Waggonbaus. Weitere Branchen und Beispiele ließen sich finden, die siamesische Nähe zweier Volkswirtschaften zu bezeugen. Nur bliebe auch dann nur ein Fazit: War der Rohstoffexporteur UdSSR für die DDR von existenzieller Bedeutung, besaß umgekehrt der Warenproduzent DDR für die UdSSR wohl erheblichen Wert – unverzichtbar war er nicht.

Was nutzte die Westöffnung?

Die erwähnte Hinwendung zum Westen führte Erich Honecker bis Mitte der achtziger Jahre nach Finnland, in die Niederlande, Belgien, Österreich und Italien. Im September 1987 konnte er endlich nach Bonn fliegen, um den Besuch Helmut Schmidts in der DDR (1981) zu erwidern. 1988 folgten Visiten in Paris und Madrid, die USA und Großbritannien standen als Reiseziele in Aussicht, doch dann nahm sich die DDR eine Auszeit ohne Wiederkehr.

Steter Bezugspunkt dieser diplomatischen Ausfallschritte blieben die Kontakte zwischen Bonn und Ost-Berlin, denen in jener Zeit der grassierende Rüstungswahn zu einem unerwarteten Schub verhalf. Durch die 1983/84 von der NATO betriebene Stationierung atomarer Mittelstrecken-Raketen und die Antwort Moskaus, den Aufbau von Kurzstrecken-Raketen auf dem Territorium der DDR, wurden beide deutsche Staaten von ihren Bündnissen zum potenziellen nuklearen Gefechtsfeld erkoren. Die DDR-Führung musste dies aus Paktdisziplin ebenso schlucken wie die Regierung in Bonn. Ein Treffen zwischen Honecker und Kanzler Kohl am 15. März 1986 in Stockholm am Rande der Trauerfeier für den ermordeten schwedischen Premier Olof Palme endete mit einer erstaunlich deutlichen Erklärung: Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen, hieß es. Was sich nach Lage der Dinge nur auf den größten Gefahrenherd beziehen konnte, den es in diesem Moment gab – die den beiden deutschen Staaten von ihren Blöcken verordneten Raketen.

Danach sprach der DDR-Staatschef mehr denn je von einer „Koalition der Vernunft“, die es zwischen Ost und West geben müsse, und verfolgte eine Außenpolitik, die sich einerseits von der UdSSR emanzipierte, andererseits Gorbatschows Zauberformel vom „Gemeinsamen Haus Europa“ mit einer für die DDR vermeintlich existenzsichernden Westöffnung parierte. Die galt allein für die staatlichen Beziehungen, nicht die DDR-Gesellschaft an sich. In Moskau sorgte dieser Kurs der Selbstermächtigung nach außen und des Reformvetos nach innen für wenig Entzücken.

Ließ das Stockholmer Gespräch einen Bonn-Besuch Honeckers noch im Jahr 1986 erwarten, kam es kurz darauf beim Treffen mit Gorbatschow während des XI. SED-Parteitages zum offenen Schlagabtausch: Der DDR-Staatschef musste zur Kenntnis nehmen, erst nach Bonn fahren zu dürfen, wenn der neue erste Mann im Kreml dort vorgesprochen hatte. Als es im September 1987 schließlich soweit war und kurz zuvor SED und SPD ihr Papier Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit veröffentlicht hatten, fiel das in Moskau als „ideologisches Abweichlertum“ durch.

Was hat die West-Offensive der DDR in ihrem letzten Jahrzehnt gebracht? Der politische Ertrag blieb symbolisch, der ökonomische marginal. Kooperation und Handel mit dem „nicht-sozialistischen Wirtschaftsgebiet“ konnten weder technologische Defizite der DDR-Ökonomie noch deren Devisenschwäche, schon gar nicht die Abhängigkeit von der Sowjetunion kompensieren. Erich Honecker hatte sich überschätzt und scheiterte gewissermaßen im Niemandsland – verlassen von den Brüdern im Osten und den Partnern im Westen.

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Ihre Freitag-Redaktion

05:00 20.05.2009
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 42/2021

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