Ronald und seine Freunde

Legende Matthias Frings hat eine redselige Biografie über den 1991 verstorbenen Schriftsteller Ronald M. Schernikau vorgelegt

Biografen, die das Objekt ihrer Arbeit persönlich gekannt haben, können eine wahre Plage sein. Wo sie ehrfürchtig hinter der Gestalt des Porträtierten zurückzutreten glauben, sprechen sie meist ebenso scham- wie bewusstlos von sich selbst. Subjektive Eindrücke halten sie für verallgemeinerbare Erfahrungen, Gelegenheitsäußerungen werden zu Grundsatzerklärungen, und die Partikularität des eigenen Blicks erscheint als Norm, an der jede fremde Äußerung zu messen sei. Weil aber der Verzicht auf „Objektivität“ Voraussetzung jeder gelungenen Biografie ist, kann aus solcher Befangenheit eine Stärke werden, sofern der Biograf genug Sprachbewusstsein und Reflexionsvermögen mitbringt, um durch seine Sichtweise hindurch die porträtierte Person zum Sprechen zu bringen. Das gelingt aber nur selten. Meistens entspringt aus der persönlichen Bekanntschaft zwischen Autor und Objekt ein ebenso verwaschener wie eitler Subjektivismus.

Dass nun ausgerechnet der 1991 an AIDS gestorbene kommunistische Schriftsteller und Wahl-Ostdeutsche Ronald M. Schernikau, dessen Werk bislang nicht einmal ansatzweise erschlossen ist, Opfer eines solchen Missgeschicks wurde, bleibt auch dann zu bedauern, wenn man seinem Hagiografen die besten Absichten unterstellt. Matthias Frings, bekannt als Moderator der Fernsehsendung Liebe Sünde und enger Freund Schernikaus, spekuliert mit seiner belletristischen Biografie jedenfalls nicht auf die Instinkte von Menschen, die sich das Leben eines schwulen Kommunisten als Freakshow vorstellen. Vielmehr geht es ihm darum, „die Unterscheidung zwischen ‚schwulen Autoren’ und ‚Schwulenautoren’“ in Frage zu stellen, weil in ihr die Sexualität des Künstlers nur als Mittelpunkt subjektivistischer Nabelschau oder Gegenstand neugieriger Erforschung in den Blick komme. Frings dagegen versucht, seine Freundschaft mit Schernikau symptomatologisch zu verstehen – als Experimentierfeld, an dem sich die Verflechtung von Sexualität, Politik und Kunst in den beiden deutschen Staaten und im vereinigten Deutschland en détail studieren lässt.

Wo sie ein Zeitpanorama entwirft, ist Frings romaneske Biografie mit Gewinn zu lesen. Wo sie sich aber an die politischen und ästhetischen Implikationen von Schernikaus Werk heranwagt, scheitert sie kläglich. Schernikau, der in Westberlin Mitglied der SEW war, in die DDR ging, um als erster Bundesbürger am Leipziger Literaturinstitut zu studieren, und just zur Zeit des Mauerfalls endgültig nach Ostberlin übersiedelte, war zeitlebens weder politisch noch literarisch ein „Westkommunist“. Seine Texte – von der 1980 bei Rotbuch veröffentlichten kleinstadtnovelle bis zu seinem posthumen Großwerk legende, das erst 1999 durch Unterstützung des Konkret-Verlags sowie zahlreicher Freunde publiziert werden konnte – waren der ostdeutschen Literaturszene mindestens ebenso fremd wie dem westdeutschen Medienbetrieb. Daraus resultierten die Konflikte mit Verlagen wie Suhrkamp und Rowohlt, aber auch mit Rotbuch oder Stroemfeld, dessen Lektor einem Text Schernikaus unverblümt zum Vorwurf machte, nicht zu wissen, „was er bedeuten soll“. Bemerkenswert an diesen Auseinandersetzungen, die Frings zwar eher am Rande, aber präzise nachzeichnet, sind die Konvergenzen zwischen ost- und westdeutscher Verlagspolitik gegenüber einem Autor, dessen Sprödigkeit überall auf Unverständnis stößt. Ob seine Werke in der DDR wegen ihrer Inkompatibilität mit den Normen eines längst weichgespülten sozialistischen Realismus abgelehnt werden, oder ob ihnen in der BRD aus dem Geiste der „neuen Subjektivität“ der Vorwurf erwächst, sie seien nicht „authentisch“ – hier wie dort stößt man sich gerade an ihrer Literarizität, an ihrer selbst in Essaybänden wie die tage in l. erkennbaren Weigerung, zur Reportage, zur Bekenntnisprosa oder zum Feuilleton zu werden.

Einer Auseinandersetzung mit Schernikaus Texten stehen freilich viele Hürden im Weg. Eine Werkausgabe ist noch lange nicht in Sicht, Dichte und Anspielungsreichtum der Arbeiten erschweren den Zugang, es gibt keine Schernikau-Forschung und nur eine kleine Leserschaft. Insofern ist es verständlich, dass sich Frings, der kein Literat, sondern Journalist ist, auf die Darstellung von Schernikaus extravaganter Existenz als „Diva“ konzentriert, die der tristen Egalität des DDR-Alltags manch skurrile Facette abgewinnen kann. Dennoch leidet sein Buch unter der Selbsterfahrungs- und WG-Rhetorik, die einem bereits nach den ersten Kapiteln heftig auf die Nerven geht. Nicht nur Schernikaus Mutter Ellen, neben „Ronald“ und „Matthias“ die dritte Zentralfigur des Buches, sondern alle Freunde, Verwandten und Kollegen sollen Fringsens Willen gemäß mit dem Leser per Du sein, und spätestens wenn „Lorenz“ ein Geständnis und „Anna“ den Abwasch macht, während „Sonja“ hochschwanger ist und „Ellen“ sich „fremd in dieser deutschen Sprache fühlt“, hat man das Gefühl, von einem jener unhöflichen Zeitgenossen zugetextet zu werden, die vor lauter Geselligkeit darauf verzichten, einem zu erklären, mit wem man es zu tun hat.

Hinzu kommt, dass Frings kein guter Stilist ist. Unmotivierte Zeitsprünge und Redundanzen erschweren den Lesefluss, es wimmelt von Plattitüden („Kreuzberger Ruppigkeit“, „sexuelle Flaute“, „preisbewusstes Leben“) und Stilblüten: „Der Konsum von Parfum und Haarpflegemitteln war genauso hoch wie die Erwartungen.“ „Attraktive Frauen“ haben „lange Locken“ und eine „gepflegte Stimme“, ein Jüngling sieht aus wie eine „Putte“ mit „luxuriösem Kussmund“, und doch kommt Ronalds Leben in der schwulen Subkultur nicht eben spannend rüber: „Oft nahm er sich vor, zum Kraftsport zu gehen, doch das endete voraussehbar: Er schlief mit einem achtzehnjährigen Kraftsportler.“ Andererseits weiß der Liebe- Sünde-Moderator: „Mit dem Verliebtsein ist das so eine Sache – man kann es nicht steuern.“ Bei allem guten Willen vergehen sich solche Phrasen am Werk eines Dichters, dem in jedem Satz die Arbeit am treffenden Ausdruck anzumerken ist und der sich aller Extravaganz zum Trotz nicht auf derart plakative Weise als „schwuler Kommunist“ begriffen haben dürfte, wie sein medial sozialisierter Biograf es nahelegt.

Der letzte Kommunist. Das traumhafte Leben des Ronald M. SchernikauMatthias Frings, Aufbau, Berlin 2009, 488 S., 19,95

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