Zurück zur Zivilisation

Appell Vergesst die Kulturwissenschaften. Lest endlich wieder Norbert Elias, denn wer von "Kultur" spricht, fällt schnell hinter die Zivilisation zurück

Weitgehend unbemerkt ist der 20. Todestag von Norbert Elias am 1. August vorübergegangen. Was lässt sich auch heutzutage anfangen mit einem Autor, für den Begriffe wie „Affektkontrolle“, „Schamschwelle“, „individuelle Selbstregulierung“, ja sogar „Selbstzwang“ begrüßenswerte Errungenschaften in der Geschichte der Menschheit bezeichneten, die gegen „Entzivilisierungsschübe“ zu verteidigen seien? Ist nicht spätestens seit Hans Peter Duerrs Studie über den Mythos vom Zivilisationsprozess, deren erster Band 1988 erschien, bewiesen, dass Elias ein eurozentrischer, rassistischer, westlicher Logozentrist war, dessen positiver Zivilisationsbegriff Ausdruck einer kolonialistischen und triebfeindlichen Ideologie gewesen ist? Wie die Vertreter der frühen Kritischen Theorie, mit denen Elias wenig gemein hatte, obwohl er mit einigen befreundet war, ist sein Name mittlerweile aus dem Curriculum ebenso verschwunden wie aus der Medienöffentlichkeit.

Elias’ epochales Werk über den Prozess der Zivilisation ist erstmals 1939 erschienen und kann in der Unerbittlichkeit, mit der es den Begriff der Zivilisation nicht nur gegen die Verherrlichung von „Natur“, sondern auch von „Kultur“ verteidigt, nur verstanden werden, wenn man es auf seine historischen Entstehungsbedingungen bezieht. Was Elias anhand einer breiten empirischen Materialbasis als den Prozess der Zivilisation rekonstruiert – als einen einzigen Prozess also, der nicht in partikulare Strömungen aufzuspalten sei –, drohte bei Erscheinen seines Werks bereits historisch überholt zu werden. Indem er detailliert vor Augen führte, wie prekär und entbehrungsreich die Entwicklung gewesen ist, in deren Folge die Menschen durch einen Prozess der „Psychologisierung“ und „Rationalisierung“, durch Sublimation, Differenzierung sozialer Verkehrsformen und institutionelle Vermittlung von Herrschaft, zu sich gemäß eigenem Urteil selbst bestimmenden Individuen werden konnten, rechnete Elias vor, was akut verloren zu gehen drohte: jenes Gefüge aus Verhaltensweisen, Institutionen und sozialen Kodizes, das untrennbar mit der hohen Zeit der bürgerlichen Gesellschaft verbunden war und im Englischen civilisation, im Französischen civilité genannt wird. Nur hierzulande, wo es nie ein entwickeltes Bürgertum gegeben hat, hat der Begriff keine Entsprechung.

In Deutschland, aus dem Elias als jüdischer Wissenschaftler fliehen musste, spricht man von „Kultur“ und meint damit, über die „Zivilisation“ hinaus zu sein. Tatsächlich fällt man hinter sie zurück: „Kultur“ bezeichnet das autochthone Gegenmodell zur Entfremdung, Abstraktion und Uneigentlichkeit der „Zivilisation“ – eine Vergesellschaftungsform, die sich nicht auf der Basis von Urbanität, Zirkulation und Individualisierung vollzieht, sondern im Dienste von Volk und Gemeinschaft, als Verherrlichung der Unfreiheit der zweiten Natur. Die „Kulturnation“ ist das kulturalistische Pendant zum zivilisatorischen Modell der bürgerlichen Republik. Die Kulturwissenschaften, die aktuell dabei sind, die Geistes- und Sozialwissenschaften durch ihr „interdisziplinäres“ Modell zu ersetzen, sind der institutionelle Reflex der Rückverwandlung von Zivilisation in Kultur. Konsequent stellt sich ihnen die „Gesellschaft der Individuen“, von der Elias sprach, als Konglomerat von Ethnien und Minoritäten dar, gegenüber denen die Rede von der Zivilisation nur mehr als Überheblichkeit erscheint.

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