Diese Leistung lohnt sich

Familienplanung Deutschland ist ein altes Land – und das schafft eine Realität, in der Kinderkriegen alles andere als selbstverständlich ist. Warum man es dennoch wagen sollte
Malte Welding | Ausgabe 06/2015 20

Dreihundert Euro. So viel Elterngeld wird meine Frau monatlich erhalten, wenn wir noch mal den Schritt wagen, ein Kind zu bekommen. Zurzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit. Sie ist Stipendiatin, was natürlich sehr angenehm ist, aber die Nebenwirkung mit sich bringt, dass ein Stipendium nicht als Einkommen gerechnet wird, wenn es ums Elterngeld geht. Erwartet man, dass eine 30-Jährige während ihres Studiums ein so stattliches Polster angespart hat, dass sie sich selbst durchschlagen und das Elterngeld als freundliche Dreingabe betrachten kann?

Also fängt bei uns wieder die Rechnerei an: Wie viel muss ich verdienen, damit ich meine Frau das erste Jahr ernähren kann? Ich habe gerade beruflich Glück, also wird das wohl klappen, aber was kommt danach? Wer nimmt eine dann zweifache Mutter? Mütter stehen in dem Ruf, nicht mehr voll verwendungstauglich an der Arbeitsfront zu sein, weshalb es die sogenannte motherhood penalty gibt, die Mutterschaftsstrafe. Mütter werden seltener eingestellt, seltener befördert und bekommen weniger Gehalt als Nicht-Mütter.

Bis jetzt werden Väter nicht strukturell benachteiligt. Aber was passiert, wenn auch Männer in den Verdacht geraten, mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu wollen? Bislang ist etwa die Hälfte aller Mütter mit kleinen Kindern nicht erwerbstätig, 93 Prozent der Väter sind es. Und 69 Prozent der erwerbstätigen Mütter minderjähriger Kinder arbeiten Teilzeit, aber nur 5 Prozent der Väter. Väter mit mehreren Kindern arbeiten sogar mehr als kinderlose Männer, ein Effekt, den ich auch bei mir bemerkt habe: Man kommt in den Versorgermodus.

So gerät ein Paar in Deutschland – auch wenn beide das nicht wollen – durch die Geburt eines Kindes schnell wieder in ein Rollenmodell, das veraltet scheint, aber die Regel ist: Papa versucht, Karriere zu machen, Mama ist Hausfrau oder verdient etwas dazu. Karriere und Teilzeit schließen sich weiterhin nahezu aus, was aber kein Naturgesetz ist, sondern eine Frage der Kultur. Das zeigt der Blick über die Landesgrenzen: In den Niederlanden arbeiten immerhin 12 Prozent aller Führungskräfte in Teilzeit, in Deutschland nur ein Prozent.

Während die große Mehrheit der Mütter, die Teilzeit arbeiten, angibt, diese Arbeitsform aus familiären Gründen gewählt zu haben, sagen das nur 25 Prozent der Teilzeit arbeitenden Väter. Männer arbeiten meist nur Teilzeit, weil es keine Vollzeitstellen für sie gibt. Der Mann, der wegen seiner Familie kürzertritt, ist eine Ausnahme, Teilzeit hat immer noch ein Loserimage.

Ab zur Babyrhythmik

Und auch dem Mann selbst fällt es nicht leicht, von dem Selbstbild, mit dem er groß geworden ist, loszukommen. In Karl Ove Knausgårds autobiografischem Buch Lieben gibt es eine quälend komische Passage, in der er seine kleine Tochter zur Babyrhythmik begleitet. Er fühlt sich in seiner Würde beschädigt, sehnt sich an seinen Schreibtisch zurück, seine Männlichkeit liegt am Boden. Der Schriftsteller nimmt die Rolle zähneknirschend an, er hat es schließlich seiner Frau versprochen und so findet er es nur fair.

Aber er leidet furchtbar, und ich weiß genau, was er meint. Ich kann auch nicht in Elternzeit Autor sein. Ich kann in Gegenwart meines Sohns ja nicht einmal ein Buch lesen. Meine Frau liebt ihren Beruf aber genauso, würde gern fair behandelt werden und fühlt sich allein unter Babys intellektuell, nun ja, nicht voll gefordert. Nur zur Erinnerung: Babys können nicht reden. In indigenen Kulturen lässt man einen Erwachsenen daher auch nicht den ganzen Tag mit solchen Kleinstmenschen allein. Bei ihnen ist Erziehungsarbeit Gemeinschaftssache, überall auf der Welt. Die Kita ist die Normalität, Mama allein zu Hause die Abweichung. Aber damit Kitas mit gutem Gewissen genutzt werden können, müssen sie gut sein, müssen Erzieherinnen und Erzieher gut bezahlt werden. Es dürfen keine Kinderabladestationen sein, die dann auch noch dazu genutzt werden, den Eltern zu sagen: „Bleibt doch etwas länger im Büro, für die Kinder ist ja gesorgt.“ Es gibt in der Debatte um Kitas viele falsche Freunde, denen es nicht um die Kinder geht, sondern um eine Durchökonomisierung der Familien.

Nun wird jungen Eltern ja gern geraten, einfach nicht nachzudenken. Früher war das simpel: Wer mal nicht nachgedacht hat, war ziemlich schnell schwanger. Heute gibt es zuverlässig funktionierende Verhütungsmittel. Und wir müssen eine Entscheidung treffen. Schon Schopenhauer wusste, dass diese Entscheidung meist gegen Kinder ausfallen würde. „Wenn Kinder in die Welt gebracht würden allein durch einen Akt der reinen Vernunft, würde die menschliche Rasse dann weiterexistieren?“ Schopenhauer war Anti-Natalist, Existenz bedeutete für ihn Leiden, eine Haltung, die letztlich so schwer zu widerlegen ist wie eine Depression, aber er war da dennoch etwas auf der Spur: Eine so weitreichende Entscheidung fällt schwer.

Malte Welding, Jahrgang 1974, ist Vater eines zweijährigen Sohns, Drehbuchautor und Zeitungskolumnist. Gerade ist von ihm das Buch Seid fruchtbar und beschwert Euch! Ein Plädoyer für Kinder – trotz allem bei Kiepenheuer & Witsch erschienen | Foto: Urban Zintel

Deutschland gehört jetzt schon zu den ältesten Ländern der Welt, was leider nicht daran liegt, dass wir Deutschen so außergewöhnlich viel älter werden als die Menschen anderswo. Infolgedessen löst sich die generationenübergreifende Solidarität auf. Und zwar von Alt nach Jung. Heiner Müller hat sich dazu einmal zutreffende Gedanken gemacht. „Ich glaube, dass es mit dem Lebensgefühl oder der Haltung einer Bevölkerung zum Leben zu tun hat, wenn die Geburtenrate sinkt: ein Volk, das sterben will. Es will natürlich das Leben noch genießen bis zum Ende. Es will nichts abgeben. Dafür ist die Bundesrepublik exemplarisch. Man will hierzulande alles Bier trinken, und wenn man selbst kein Bier mehr trinken kann, soll es keines mehr geben.“

Was Müller hier beschreibt, ist eine der Ursachen dafür, dass deutsche Gesetze so wenig familienfreundlich sind. „Wir hatten es auch schwer“, ist die Haltung. „Wir haben hier alles aufgebaut und jetzt wollt ihr auch noch Geld fürs Kinderkriegen? Und Kitas? Geschlechtergerechtigkeit? Sonst noch Wünsche?“

Dabei ist die Entwicklung ja nicht neu. Auch unsere Onkel und Tanten taten sich schon mit der Entscheidung für Kinder schwer und sitzen jetzt als enkellose Omis und Opis in den Fußgängerzonencafés.

Aber wieder zurück zu meiner Frau. Warum ist ihre Lage so kompliziert? Warum hilft ihr das Elterngeld nicht bei der Entscheidung für ein Kind? Weil das Elterngeld nie dafür konzipiert war, dass Leute mehr Kinder bekommen. Christian Seiler, Professor für Staatsrecht an der Uni Tübingen, sagte, bevor es eingeführt wurde, bereits 2006 in seiner Stellungnahme vor dem Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Selbst unter der Annahme, der Mensch entscheide über das Kinderkriegen als Homo oeconomicus, scheine „die konkret gewählte Ausgestaltung“ des Elterngeldes nur bedingt geeignet, das Ziel, mehr Nachwuchs zu bekommen, „zu befördern, und könnte sogar teilweise kontraproduktiv wirken“. Denn da das Elterngeld anhand des zuletzt erzielten Nettoeinkommens berechnet wird, sind Jüngere gegenüber Älteren benachteiligt. Erst wer einen hohen Lohn erzielt, kann von dem Elterngeld überhaupt leben.

Seiler nannte im Ausschuss das Kind beim Namen: „Um die Vorteile des Elterngeldes zu optimieren, müssten junge Erwachsene ihre Familiengründung möglichst auf einen späteren Zeitpunkt mit dann höherem Einkommen verschieben, an dem biologische Gründe sie jedoch zu einem Verzicht auf mehrere Kinder zwingen könnten.“

Der Staatsrechtler Seiler bezweifelt daher rundheraus, dass das Elterngeld zum Ziel habe, „junge Menschen für Familie zu gewinnen“. Und ich muss das vielleicht noch mal betonen: Er sagte das nicht in einer juristischen Wochenschrift, sondern vor den Politikern, die genau das zu entscheiden hatten. Mit dem Elterngeld sorgt der Staat also dafür, dass man das Kinderkriegen aufschiebt, bis man genug Geld verdient. Mit 40 dann ist man aber zu alt, um finanzielle Hilfe für eine Behandlung zu bekommen, falls man bereits unfruchtbar geworden ist. Das klingt nur unlogisch, wenn man tatsächlich glaubt, der Staat wolle einem dabei helfen, Kinder zu bekommen.

Der Anreiz dazu ist für Politiker auch denkbar gering. Sie werden abgewählt, wenn die Arbeitslosenzahlen steigen, nicht wenn die Kinderzahlen sinken. Maßnahmen, die jetzt in die Wege geleitet werden, haben unter Umständen erst in einigen Jahren Erfolg, vielleicht nie: Wer glaubt, Finanzminister Schäuble würde für so eine vage Wette auf die Zukunft ein paar Milliarden lockermachen, dem muss man zu seinem Optimismus gratulieren.

Manuela Schwesig ist eine Ausnahme. Sie hat gleich zwei Maßnahmen erdacht, die tatsächlich jungen Familien und Menschen mit Kinderwunsch helfen würden: Sie schlug die Einführung einer 32-Stunden-Woche vor und wollte zurück zur alten Regelung, nach der unfruchtbare Paare ihre Behandlung bezahlt bekommen und nicht wie heute zur Hälfte selbst tragen müssen.

Aber Schwesig wurde schneller zurückgepfiffen, als ein Pegida-Anhänger „Lügenpresse“ sagen kann. Was heute etwas kostet und nicht morgen Wählerstimmen bringt, wird nicht gemacht. Und weil Deutschland ein altes Land ist, denken viele Wähler vor allem an ihre Rente.

Den Wahlausgang abwarten

Dabei hat sich gesellschaftlich auch etwas verschoben. Früher wurde der Verzicht auf Kinder gern ideologisch überhöht mit der politischen Gesamtlage begründet, heute wird individueller argumentiert. Günter Grass beschrieb 1980 in Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus den Weg des Lehrerpaars Dörte und Harm in die Kinderlosigkeit. Die Argumente der beiden stehen für die damalige anti-natalistische Haltung der Intelligenz: „Wir müssen den Wahlausgang abwarten. Unter Strauß setz’ ich kein Kind in die Welt.“

Das klingt antiquiert, aber in anderer Form ist dieses Denken heute noch präsent. Die Angst vor Atomkrieg und Super-GAU ist durch die Angst vor dem Klimawandel abgelöst worden. Der Mensch gilt als Umweltbelastung. Nur wird diese Haltung heute nicht mehr von so vielen Menschen geteilt. In den 80er Jahren bin ich noch aufgewachsen mit dem Satz: „Aber wie soll man denn in diese Welt Kinder setzen.“ Den habe ich nun schon lange nicht mehr gehört. Dennoch war das von Grass beschriebene Szenario Teil deutscher Realität – und Figuren wie Dörte und Harm sind mit dafür verantwortlich, dass hier lange Zeit keine Familienpolitik betrieben wurde.

Wir sind die Nichten und Neffen dieser Mittelschichtsapokalyptiker, und die meisten von uns finden heute durchaus, dass man „in diese Welt Kinder setzen“ kann. Wie wissen nur nicht so recht, wie.

Es überwiegen nicht die Weltuntergangsfantasien, sondern die Frage, wie das Leben mit Kindern weitergehen kann. Das sind aber keinesfalls selbstbezogene Überlegungen einer egofixierten Generation Y, sondern durchaus bedenkenswerte Fragen. Denn sonst geht es einem rasch so wie meinen Schwiegereltern, die zum ersten Mal seit der Geburt der Kinder allein miteinander Zeit in einem Restaurant verbrachten, als sie die Aufteilung des Sorgerechts besprachen.

Weil Kinderkriegen schon so lange eine hochkomplizierte Entscheidung ist, befinden wir uns in einer Situation, die der Demograf Wolfgang Lutz „die Falle der niedrigen Fertilität“ nennt: Wenn Menschen „in ihrer Umwelt wenige oder keine Kinder erleben, spielen auch in ihrer eigenen Vorstellung eines wünschenswerten Lebens Kinder eine geringere Rolle“. Die deutschsprachigen Länder waren in den 70er Jahren die ersten mit sehr niedrigen Geburtenraten. „Drei Jahrzehnte später waren sie dann auch unter den ersten Ländern, in denen die in Bevölkerungsumfragen ermittelten Ideale zur Familiengröße in den jüngeren Kohorten unter den Generationenersatz fielen.“ Erst bekamen die Leute weniger Kinder, dann wollten sie weniger Kinder.

Die Kohl-Jahre waren eine verlorene Zeit für Familien. Auch die Gleichberechtigung wurde verschoben. Die Auswirkungen sind heute noch zu greifen. Fast 200.000 Euro verliert eine Frau mit mittlerer Bildung bis zum 46. Lebensjahr brutto an Lohn, wenn sie drei Jahre Erziehungszeit nimmt und danach noch einmal drei Jahre nur Teilzeit arbeitet. Das wären 1.000 Monate Kindergeld, also 83 Jahre. Ein Ausgleich dieser finanziellen Lasten findet nicht statt. Für Frauen mit höherer Bildung sind die Zahlen noch dramatischer. Ein Kind zu bekommen bleibt in Deutschland Privatsache.

Und dann sitzt man also da und rechnet, ob man es sich leisten kann, die Pille abzusetzen. Man fragt sich, ob man mit einem Kind noch seine Pläne verwirklichen kann, ob Reisen noch möglich sind und Abende als Erwachsene, mit Gesprächen, die sich nicht um PEKiP und Zahnen drehen.

Aber viele Menschen kommen überhaupt nicht erst an den Punkt, an dem sie sich den Kopf zerbrechen müssen über Elterngeld und Kitaplätze: Sie haben gar keinen Partner. Die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder sagte zu dieser Tatsache, die die Folgenlosigkeit ihrer Politik zu entschuldigen scheint: „Wo soll die Politik da bitte eingreifen?“

Tausend Castingstufen

Nun hat Deutschland im internationalen Vergleich eine erstaunlich hohe Zahl an Ungebundenen. Nur 20 Prozent der jungen Frauen in Frankreich, aber 50 Prozent der Frauen gleichen Alters in Deutschland leben ohne Partner im Haushalt. Doppelt so viele junge deutsche Frauen wie junge Französinnen sind ganz ohne Partner. Stefan Fuchs, dem Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Demographie, zufolge hat sich innerhalb von einer Generation der Anteil der Frauen, die mit 25 partnerlos sind, verdoppelt. Zu dieser „Häufung der Partnerlosigkeit“ komme die „Zunahme der subjektiv wahrgenommenen Instabilität von Partnerschaften“ – die Dauer der Beziehung ist zu gering, um ein Kind zu bekommen. Und das Wissen darum, dass Partnerschaften instabil sind, verstärkt diesen Effekt noch.

Es ist aber durchaus kein Zufall, dass es jungen Franzosen leichter fällt, sich für einen Partner zu entscheiden. Denn in Frankreich werden Alleinerziehende nicht die soziale Leiter nach unten durchgereicht. Der Partner muss nicht perfekt, nicht durch tausend Castingstufen gelaufen sein, damit man mit ihm ein Kind riskieren kann. Ein ganzes Dorf, sagt das bekannte afrikanische Sprichwort, brauche man, um ein Kind zu erziehen. Ja, ein Klischee, aber dennoch ist etwas dran. Wer ist unser Dorf?

Am Ende fällt die Entscheidung noch erstaunlich oft zugunsten von Kindern aus. Wer heiratet, bekommt in der Regel welche. Jenseits aller Kosten-Nutzen-Rechnungen sind Kinder ein evolutionär recht erfolgreiches Modell. Weshalb auch wir vermutlich die Augen schließen und noch ein Kind zeugen werden. Nicht für das Vaterland oder die Rentenkasse. Nicht einmal, um Schopenhauer zu widerlegen, obwohl das natürlich Spaß macht. Sondern weil wir einfach Kinder wollen. Und wenn genug andere so blöd sind wie wir, wird es unseren Kindern leichterfallen, irgendwann selbst diese Entscheidung zu treffen.

06:00 18.03.2015
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