Riskantes Farbenspiel

Kommentar Die Wahlkampfstrategie der SPD

Der Mitte ordnet die Sozialdemokratie im Wahlkampf gern Eigenschaften zu: Vor vier Jahren noch war sie "neu", heute - wieder in Vorwahlzeiten - wird sie schließlich "rot". "In Deutschland ist die Mitte rot", lautet die Botschaft des von Generalsekretär Franz Müntefering vor einigen Tagen präsentierten SPD-Wahlslogans. Das Bild dazu: Die Deutschlandfahne mit überdimensioniertem roten Zentrum, das die schwarzen und gelb-goldenen Streifen an den Rand, fast aus dem Rahmen drängt.
Die Begriffe "rot" und "Mitte" als logisches Begriffspaar im Hirn des Wählers zu etablieren - darum geht es bei der Kampagne. Damit im Bewusstsein zusammenwächst, was lange nicht zusammengehörte. Denn verbunden mit der Kernbotschaft ist ein weiterer Abschied vom Selbstverständnis als explizit linke Volkspartei.
Daneben setzt die Plakatkampagne auf nationale, wenn nicht gar nationalistische Anklänge. In Zeiten der EUROpäischen Verunsicherung, in Zeiten der subjektiven Angst vor "Überfremdung", in Zeiten auch des Wiedererstarkens der Militärmacht Deutschland auf der internationalen Bühne ist diese Symbolik mit Bedacht gewählt. Vorbei die Jahre, in denen die Sozis dagegen ankämpfen mussten, als vaterlandslose Gesellen verunglimpft zu werden.
Die Strategie ist nicht ohne Risiko: Wer allzusehr in die Mitte rückt gibt den Rand - hier den linken - zwangsläufig kampflos preis. Nachdem die Grünen sich nicht mehr als links-ökologische Partei begreifen, entsteht linksseits der Mitte ein Riesen-Vakuum, das allein die PDS zu füllen bereit ist.
Wobei wir beim zweiten Risiko des von der SPD ins Bild gesetzten Fahnen- und Farbenspiels wären. Die Farbe rot wird in der Parteienlandschaft zunehmend mit der PDS identifiziert, die Symbolfarbe der Sozialdemokratie ist - Folge eben jener Hinwendung zur Mitte - ins Rosafarbene abgerutscht. Der Versuch, die Symbolfarbe rot in die Mitte zu rücken, um so einer Linksverortung im bevorstehenden Lagerwahlkampf zu entgehen, kann leicht das Gegenteil bewirken. Wer sich plakativ zu rot bekennt, legt rot-rot und nicht rot-grün oder rot-gelb als Zukunftsmodell nahe. Doch nichts fürchtet die in erster Linie um den westdeutschen Mittelstand buhlende Sozialdemokratie nach der Berliner Hauptstadtkoalition mehr, als allzu eng mit den Gysi-Genossen in Verbindung gebracht zu werden.
Vor vier Jahren ging die Strategie der Neuen Mitte auf, der SPD gelang nach 16 Jahren der Sprung zurück an die Regierung. Die neue Wahlkampfstrategie ist auch deshalb ein Aufguss der alten. Eine Erfolgsgarantie ist das mitnichten: Was einmal klappt, muss beim zweiten Mal noch lange nicht funktionieren.

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