Nichtnutzung von Ressourcen schafft Probleme

Der Fall Yasuni Der Yasuni Nationalpark in Ecuador ist ein schwieriger und zugleich symptomatischer Fall, bei dem die Nichtnutzung von Ressourcen zu Problemen führt.
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„Ohne die Wälder gibt es keine Zukunft, für niemanden. Wenn der Planet schweigt, wie werden wir leben? Wohin werden wir gehen, wenn wir unsere Welt zerstört haben?“
Davi Kopenawa (Yanomami)

Ein Paradies auf Erden
Papageienrufe, ein Chor von Tierstimmen und Geräuschen. Dichter, grüner Wald, besprenkelt mit bunten exotischen Blumen. Flüsse voller Fische und Heimat rosafarbender Delfine. So stellen wir uns das Paradies vor, das Urbild Amazoniens, der großen, grünen Lunge der Welt. Doch das Paradies schrumpft. Etwa ein Fünftel der Waldflächen in Amazonien sind bereits verschwunden und die Rodungen gehen täglich weiter.
Eines dieser wenigen Paradiese ist der ecuadorianische Yasuní-Nationalpark im westlichen Amazonasgebiet, der 1989 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt wurde. Es ist wissenschaftlich belegt worden, dass Yasuní einer der artenreichsten Gebiete auf der Erde ist (Bass et al. 2010). Er beherbergt mehr Baumarten als ganz Nordamerika. Auf einem Baum finden sich mehr Käferarten als in ganz Europa. Fast nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele verschiedene Arten von Amphibien, Vögeln, Säugetieren und Pflanzen. Der Nationalpark ist aber auch der Lebensraum des indigenen Volkes der Huaorani und anderer Stämme, die sich vor der Zivilisation zurückgezogen haben.
Der Yasuní-Regenwald könnte bewahrt werden, gäbe es nicht die zunehmende Gier nach dem Schmierstoff der Weltwirtschaft: Erdöl. Noch immer ist Öl mit einem Anteil von ca. 35 % am Primärenergieverbrauch der weltweit wichtigste Energieträger. Die Industriegesellschaft hat einen großen Teil ihres Wohlstands auf Öl aufgebaut. Mobilität, Raum- und Siedlungsstrukturen, unser moderner Lebensstil, all dies funktioniert (momentan) nur mit Öl. 850 Mio. Barrel dieses Rohstoffs, mit einem geschätzten Wert von über 7 Mrd. Dollar, lagern unter dem Yasuní-Paradies.

Zum Wert von Öl und Wald
Was hat Vorrang, Wald oder Öl? Diese Frage stellt sich in einer ökonomisierten Welt eigentlich gar nicht mehr. Und die Bedeutung des Waldes für das Klima, für einzigartige Tier- und Pflanzenwelt inklusive vieler unentdeckter Arten und Stoffe ist nur schwer bilanzierbar. Der Nutzen bemisst sich zunächst nur nach dem (einmaligen) Verkaufswert des Holzes und des Bodens. Gegen kurzfristige Profite, den die Ölförderung, neue Weideflächen oder der Anbau von Soja bringen, haben ideelle Werte offensichtlich keine Chance (Reichholf 2010).
Jedes Jahr wird weltweit eine Fläche von ca. 13 Mio. ha Wald zerstört. (Bildlich gesprochen bedeutet dies, dass jede Minute ein Waldgebiet in der Größe der Rasenfläche aller deutschen Fußballstadien der 1. und 2. Liga abgeholzt werden). Wälder beherbergen aber nicht nur unzählige Pflanzen- und Tierarten, sie sind auch Lebensraum für rund 1,6 Mrd. Menschen. Sie bieten Schutz vor Erosion, Lawinen und Über-schwemmungen und regulieren als natürliche Speicher den Wasserhaushalt (WWF Schweiz 2011). Ein Drittel der großen Städte der Erde beziehen einen bedeutenden Teil ihres Trinkwassers aus Wäldern. Zudem speichern Wälder etwa die Hälfte des auf der Erde gebundenen Kohlenstoffs, obwohl sie „nur“ ein Drittel der Landoberfläche bedecken. Allein in der Biomasse der Wälder sind ca. 283 Mrd. t Kohlenstoff gebunden. Während ihres Wachstums nehmen Wälder Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf, speichern es in Biomasse und Boden und bilden so eine Kohlenstoff-Senke, bremsen also den Klimawandel (FAO 2010).
Doch dies alles scheint nichts wert zu sein, wenn es um schnelle Einnahmen aus der Ölförderung, dem Sojaanbau oder dem Holzverkauf geht. Einnahmen, von denen einige große Unternehmen (und ihre Aktionäre) profitieren, von denen aber nur wenig bei der breiten Bevölkerung verbleibt. Selbst dort, wo mühselige Erfolge im Waldschutz errungen wurden, wächst der Druck. Das zeigen beispielsweise die Diskussionen um das Waldgesetz in Brasilien, aber auch in vielen anderen Ländern, die noch viel ursprüngliche Natur besitzen.

Schwarze Hölle
Das Geschäft mit dem Öl ist meist dreckig und zerstörerisch (Bülow 2011). Dennoch hat bisher kein Land der Welt auf die Förderung von Erdöl verzichtet. Für den Bau der Pipelines und die Exploration des Öls wurden und werden an vielen Orten die ursprünglichen Bewohner vertrieben. Nicht nur im Amazonas-Gebiet tritt aus vielen Rohren unkontrolliert Öl aus. Flüsse werden verseucht und das Grundwasser wird verunreinigt. Das Öl enthält krebserregende Stoffe und radioaktive Elemente. Studien über die Gesundheitsrisiken in Ölförderregionen haben ergeben, dass das Krebsrisiko der Bevölkerung sich deshalb vervielfacht.
Es wäre zu einseitig, diese Problematik allein auf die Südhalbkugel zu fokussieren. So setzt beispielsweise Kanada auf die Ölförderung aus Teersanden (Greenpeace 2010). Dabei werden etwa 23 % mehr an klimaschädlichen Gasen freigesetzt als bei der konventionellen Ölför-derung. Hinzu kommt eine teils massive Waldzerstörung, die Entste-hung von giftigen Abwässern, die Verseuchung der Fische und damit der Nahrung für viele Menschen. Eine unglaubliche Fehlentwicklung, die dazu führen muss, dass die EU einen Import von Öl aus Teersanden ausschließt.
Wir sollten immer bedenken, dass die übermäßige Ölförderung vor allem durch den Energiehunger und den Lebensstil der nördlichen Industrieländer angetrieben wird. Weil einwohnerstarke Länder wie China, Indien und Brasilien mit Meilenstiefeln ebenfalls unseren Reichtumsstand entgegenstreben – wer sollte ihnen das verdenken – wird die Situation immer dramatischer. Es müsste immer mehr Öl gefördert werden, um den wachsenden Energiehunger zu stillen.
Steigender Verbrauch und knapper werdende Reserven führen zu steigenden Preisen. Deshalb werden immer größere Risiken eingegangen, um an die Ressource Öl zu gelangen. Risiken, die, wie beim Unfall der Ölplattform Deepwater Horizon (2010) und der Elgin-Havarie (2012), zu großen ökologischen und ökonomischen Belastungen werden können.

Die ITT-Initiative – ein innovativer Vorschlag
Die internationale Politik hat beim Thema Öl und Wald bisher kläglich versagt. Deshalb sind die außergewöhnlichen Vorschläge dringend erforderlich. Ein solcher Vorstoß kam von der ecuadorischen Regierung: die ITT-Initiative, benannt nach den Ölquellen Ishpingo, Tambococha, Tiputini. Der Vorschlag: Ecuador schützt den Yasuní-Nationalpark und verzichtet auf die Hälfte des Profits der möglichen Ölverkäufe. Die andere Hälfte soll die internationale Staatengemeinschaft beisteuern. Der Wald bleibt, das Öl auch. Durch den Nutzungsverzicht würden etwa 1200 Mio. t CO2-Emissionen vermieden, weitere 800 Mio. durch die nicht stattfindende Abholzung.
Die praktische Umsetzung der ITT-Initiative wäre ein Paradigmenwechsel mit Vorbildcharakter (grundlegend hierzu WBGU 2002, 2004 und 2009). Denn sie vereint drei Ziele: (1) Klimaschutz durch Nichtausbeutung fossiler Brennstoffe, (2) Erhalt der Artenvielfalt und (3) Schutz der indigenen Völker. Das Geld – schätzungsweise 3,6 Mrd. US-Dollar in 13 Jahren – soll, so ein weiteres Detail des Vorschlages, von den Vereinten Nationen in einem Treuhandfonds verwaltet werden, der ausschließlich zur Finanzierung nachhaltiger Projekte in Ecuador verwendet werden darf. Die lokale Bevölkerung soll aktiv in den Schutz des Yasuni-Nationalparks eingebunden werden. Absichernd gibt es eine Garantieerklärung der Rückzahlung der Mittel, falls eine neue Regierung in Ecuador den Vorschlag zurückziehen oder annulieren sollte.

Wir brauchen mehr als REDD
Der Yasuní-Vorschlag unterscheidet sich von dem sonst von vielen Staaten favorisierten REDD-Mechanismus (REDD = Reducing Emissions from Deforestation and Degradation), der einen finanziellen Ausgleich für die Verringerung der Entwaldung gewährleisten soll. So wichtig REDD auch sein könnte, bis heute ist die Finanzierung nicht geklärt. Eine Idee besteht darin, REDD in den Emissionshandel zu integrieren, was bedeuten würde, dass man für vermiedene Entwaldung Emissionszertifikate bekäme. Die Gefahr dabei ist, dass der Markt mit Emissionsrechten überschwemmt und die ohnehin tief-preisigen Kohlendioxid-Märkte weiter geschwächt werden könnten.
Beim Yasuni-Vorschlag verstecken sich viele Staaten hinter REDD und begründen ihre sonstige Untätigkeit damit, dass es dieser Mechanismus schon richten werde. Tut es aber nicht. Nur wenn Staaten vorangehen, wenn erneuerbare Energien den Markt erobern, wenn Eigeninitiativen von Kommunen und Regionen die Energiewende vorantreiben, wird es sichtbare Resultate geben können. Die Hoffnung auf den Emissionshandel hat sich nicht erfüllt. Ähnliches steht bei einer einseitigen Festlegung auf REDD zu befürchten.

Zur Rolle Deutschlands
Vertreter internationaler Umweltverbände sprechen zunehmend häufig vom „schlafenden Riesen“ Deutschland. Lange Zeit gehörte Deutschland zu den Antreibern des internationalen Waldschutzes. Das deutsche Engagement hatte Signalwirkung für viele andere Länder, ebenfalls mitzuziehen. Bis zum Regierungswechsel 2009 gehörte Deutschland auch zu den Unterstützern der Yasuní-Initiative. Weil man bei zahlreichen Konferenzen hatte erleben müssen, wie mühselig konkrete Beschlüsse zum Wald- oder Klimaschutz vorankamen, erkannte man Yasuní als neue Chance. Das zuständige Bundesministeri-um (BMZ) stellte – unterstützt durch fast alle Fraktionen im Deutschen Bundestag – 50 Mio. Euro jährlich für die ITT-Initiative in Aussicht.
Von dieser Vorreiterrolle ist nicht viel übrig geblieben. Zwar hat die derzeitige Bundesregierung verschiedene Versprechungen zum Wald- und Klimaschutz abgegeben, doch tatsächlich passiert ist in den letzten Jahren wenig. So droht „der Riese“ vollends einzuschlafen. Damit verliert Deutschland seine Sogwirkung und der immer notwendigere Waldschutz kommt unter die Räder. Besonders schlimm ist es bei der Yasuní-Initiative selbst.
Das BMZ blockiert die in Aussicht gestellten Gelder weiterhin. Trotz des Drucks von Umweltverbänden und der Opposition soll nichts in den Fonds fließen. Stattdessen sollten einmalig 34,5 Mio. Euro für den allgemeinen Waldschutz in Ecuador zur Verfügung gestellt werden. Nachdem sich das BMZ lange nicht mit Ecuador einigen konnte, wie das Geld zu verwenden sei, verständigte man sich im Mai 2012 doch darauf, dass wenigstens die einmalige Zahlung erfolgen soll.
Die vorgebrachten Argumente für die Ablehnung der ITT-Initiative sind fadenscheinig. Man wolle keinen Präzedenzfall schaffen, der in immer neue Forderungen münde, finanzielle Mittel zum Unterlassen von Umweltschädigungen bereitzustellen. Die deutsche Regierung negiert damit aber auch den Rat der eigenen Berater: Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen hatte in drei seiner Gutachten (WBGU 2002, 2004, 2009) die Sinnhaftigkeit von Anreizen zu Nutzungsverzichtserklärungen von Ressourcen detailliert begründet. Die ecuadorische Regierung hat da gelernt, wo die deutsche Regierung offenbar nicht lernen will.
Der Yasuní-Nationalpark ist also vorerst nicht gerettet, weil nach dem deutschen „Vorbild“ auch andere Länder ihre Zusagen für den Fonds zurücknehmen werden. Ohne Erfolgsmeldung aber wird die ecuadorianische Regierung immer mehr unter Druck, den Weg zu gehen, den sonst alle gehen. Wir, die Deutschen, hätten einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, dass ein Naturparadies doch noch gerettet wird.

Den schlafenden Riesen wecken!
Statt die Vorreiterrolle im Klima- und Waldschutz weiterzuentwickeln, scheint die deutsche Regierung nicht nur im Fall von Yasuní in eine andere Richtung zu marschieren, wie beispielsweise der Bau eines brasilianischen Atomkraftwerks in einer Risikoregion zeigt, das mit einer Hermes-Bürgschaft abgesichert werden soll. Diese Prioritätensetzung zeigt, wie verflochten man immer noch mit den alten Energiestrukturen und ihren einflussreichen Lobbys ist. Der Beschluss zum mittelfristigen Atomausstieg macht allein noch keine Energiewende – und die Wende zu einer nachhaltigen Entwicklungshilfepolitik müssen wir offenbar erst noch einleiten.
Die aktive Unterstützung der Yasuní-Initiative wäre ein innovativer Schritt in diese Richtung gewesen. In Zeiten unzureichender Ergebnisse der globalen Umweltpolitik brauchen wir mehr konkrete Projekte des Yasuní-Typs. Warum wir dafür zahlen sollen? Weil wir mitverantwortlich dafür sind, dass unser Planet abgeholzt wird. Weil in Europa kaum noch ein ursprünglicher, artenreicher Wald existiert. Weil unsere energie- und ressourcenintensive Wirtschaftsweise den Klimawandel weiter anheizt. Und weil wir es trotz unseres Reichtums bisher nicht geschafft haben, nach den Prinzipien der Nachhaltigkeit zu leben.

Literatur
Bass, M. S., A. Finer, C. N. Jenkins, H. Kreft, D. F. Cisneros-Heredia et al.: Global Conservation Significance of Ecuador’s Yasuní National Park. 2010. In: Public Library of Science 5, Nr.1: e8767. doi:10.1371/journal.pone.0008767.


Bülow, M.: Dossier Erdöl. Berlin 2011. http://www.marco-buelow.de/uploads/media/Marco_Buelow_OEl-Dossier.pdf


FAO: Global Forest Resources Assessment. Rome 2010.


Greenpeace e.V.: Ölsand-Abbau in Kanada. Hamburg 2010.


Reichholf, J. H.: Der tropische Regenwald. Frankfurt a. M. 2010.


WBGU: Entgelte für die Nutzung globaler Gemeinschaftsgüter. Politikpapier 2. Berlin 2002.


WBGU: Welt im Wandel. Armutsbekämpfung durch Umweltpolitik. Hauptgutachten. Berlin 2004; insbes. Kapitel 4.2.2.6 und 5.6.


WBGU: Welt im Wandel. Zukunftsfähige Bioenergie und nachhaltige Landnutzung. Hauptgutachten. Berlin 2009; insbes. Kapitel 10.5.2.


WWF Schweiz: Die Wälder der Welt. Ein Zustandsbericht. 2. Auflage. Zürich 2011.

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Dieser Artikel ist erschienen im Jahrbuch Ökologie 2013 -Wende überall? Von Vorreitern, Nachzüglern und Sitzenbleibern, S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2012. Mehr Infos hier.

13:34 01.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marco Bülow

Marco Bülow, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Dortmund
Marco Bülow

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