Im Anderen ankommen

Provence Reisen und nicht nur Urlaub ­machen – das geht noch. Zum Beispiel beim Schnitt der Oliven­bäume in der Land­kooperative Longo mai

Die Fenster stehen offen. Das Haus wird geputzt – Freitagsritual auf dem Hof. Ich bin in der Nacht zuvor angekommen, sitze unter der noch blattlosen Riesenplatane, an ihrem hellen, gefleckten Stamm. Viele Vogelstimmen, manchmal erregt und sich überschlagend, die Paare suchen sich. Aus dem Haus tönt von einer CD eine dunkle Frauenstimme, spanische Folklore. Sie haben hier – wie in den anderen Longo-maï-Kooperativen – Musik von Freunden aus aller Welt. Über die Wiese fährt Paula mit dem Fahrrad zu den Gemüse-Plastiktunneln, die hinter einer Sträucherreihe angelegt sind, im Anhänger, einem Holzkasten, sitzt ihr anderthalbjähriger Wanja, sie holpern dahin. Eine Katze rennt hinterher wie ein Hund, plötzlich wirft sie sich auf den Rücken, streckt wie im Freudenanfall den Bauch in die Sonne und rennt wieder zurück. Die Sonne wird auch im Süden sehnsüchtig erwartet.

An einem Reisebeginn muss etwas Unvorhergesehenes passieren, und sei es noch so klein, sonst fehlt der Adrenalin-Stoß, der einen vom Alltag abkoppelt. Diesmal waren es Schienen, die repariert wurden: Umsteigen in einen Bus, der sich durch die Provence drängelte und in Marseille im Stau stecken blieb, der Anschlusszug war weg. Eine Verbindung suchen, sich orientieren, fast aufspringen auf einen Zug. Die Nacht begann, auf der Sitzbank vor mir rollte sich eine fiebrige Schülerin zusammen. Zuletzt der 20-Jährige, der mich mit dem VW-Bus voller Gemüsekisten vom Bahnhof in St. Martin de la Crau abholte. Er, selbst ein Gast, fand nachts den Weg kaum zurück. Endlich kam das Haus, dann plötzlich viel Licht und Musik, der Geburtstag von Sabina wurde gefeiert.

Diesen Hof in der Provence kenne ich bisher nur vom Erzählen. Wobei ich Longo maï, das Netz von selbstverwalteten Kooperativen, seit vielen Jahren kenne. Ich lese ihre Publikationen, habe Aktionen zur Rettung von Saatgut und für Rechte von Flüchtlingen miterlebt und darüber geschrieben, habe den Aufbau der Kooperative Ulenkrug in Mecklenburg begleitet. Hier im Süden trifft sich jedes Frühjahr eine kleine Gruppe von Frauen zum Olivenbaumbeschneiden, sie kommen gern aus Mecklenburg, Thüringen, Österreich in den mediterranen Frühling und machen sich nützlich. Das gehört zu den Longo-maï-Regeln: bei besonderen, heftigen Saisonarbeiten kommen von überall Helfer. Ob Sommer oder Winter, sie schonen sich nicht und machen es doch auch zu einem Fest.

Man schaut gern in Sabinas Gesicht mit den lebendigen Farben unter sehr hellem, lockigem Haar. Sie ist seit langem hier, ihre Kinder verlassen gerade nacheinander den Hof, Sabina hat alles im Blick, ist unermüdlich, aber in einem ländlichen Gleichmaß. In einer Gruppe, die gemeinsam und gleichberechtigt einen großen Bauernhof bewirtschaftet, gibt es doch unübersehbare Rollenverteilungen. Sie ist hier die Mutter.

Ein Netzwerk der Solidarischen

Die knorrigen Olivenbäume stehen in lockeren Reihen, das Gelände ist von Zypressen begrenzt als Schutz gegen Winde und Hitze. Ein neuer Berater ist in Erscheinung getreten, Philippe, alle sind neugierig auf ihn: auch er hat seine besondere Geschichte, wie so viele, die aufs Land gehen, um auf andere Art zu leben. Noch vor der Begrüßung kommt von ihm schon ein Redeschwall, in klingendem Pariser Ton, dann lässt er sich kaum noch unterbrechen. Er war Manager, murmelt etwas von Produktbetreuung, Kommunikation und ist 1999 auf das Erbgrundstück seiner Frau bei Arles mit 3.000 Olivenbäumen gezogen. Hier gibt es gerade mal 300. Philippe ist gesund, zupackend, schlau, inzwischen Experte für Olivenbäume, hat die Gemeinde in einer Art Schildbürgerstreich dazu gebracht, eine Müllkippe abzuräumen, die an das Longo-maï-Gelände grenzte. Er mischt sich auch sonst ein in die Belange der Region. Und die Bäume heute will er ganz alleine schneiden. Sie stehen in hellgrünem Gras auf Hügeln, im Hintergrund ein Bergzug. Schöner geht es kaum. „Allein mit den Olivenbäumen kann ich mir nicht entfliehen.“ Was mag er mit sich klären?

Die Bäume sollen radikaler als bisher beschnitten werden, empfiehlt er: ein Erziehungsschnitt für die kommenden Jahre. Sie werden gestutzt, jeder Zweig soll Luft haben und nach außen wachsen, die Gesamtform des Baums soll korrigiert werden. Wir Helfer räumen Berge von abgesägten Ästen in lange Reihen, die mit dem Traktor zerschreddert werden. Peter vertraut Philippes Rat. Peter lebte von Anfang an mit Sabina auf dem Hof, hat ihn quasi mit aufgebaut und ist zum Hüter der Olivenbäume geworden. Sie sind sein „Thema“, sein Engagement, das sich irgendwann herausgebildet hat und von allen respektiert wird.

Im Morgengrauen werden Schafe auf einen Transporter geladen, sie dürfen endlich wieder zurück auf die Weiden im Zentralmassiv. Der Schäfer Boló steht allein vor dem großen Stalltor, wir stellen uns im Halbkreis um ihn, leise, um die Schafe nicht zu verschrecken, um sie aber am Ausbrechen zu hindern. Das Tor wird aufgeschoben, und er ruft sie: mit einem Ton, der nicht zu den menschlichen Tönen gehört, ein Urton, aus tiefer Kehle, aus einer Erfahrung, die nur in Jahren gesammelt sein kann. Und Bolós schwarze Schafe trappeln eifrig die Bretter hoch in den zweigeschössigen Wagen, den ein Freund fährt. Eine Landkooperative kann nur im solidarischen Netz von Bauernhöfen, Ziegenmilchkäsereien, Schäfern, Bienenzüchtern, Fischern, Handwerkern, Brotbäckern existieren, durch ihre gegenseitige Hilfe und ihren Naturalienaustausch.

Blühen und leuchten

Ein Tag Dauerregen, schwere Schritte in lehmigen Schuhen. Wir pflanzen im Tunnel Tomatensetzlinge ein, alle sind dabei, viel Plaudern beim Hocken, was aber die Arbeiten aber nicht mindert. Nach dem Mittagessen die wöchentliche Arbeitsbesprechung, die Réunion. Manche unterdrücken ihr Gähnen, aber es gibt kein Entziehen.

Am nächsten Morgen wieder Sonne. Nebel über der Wiese zwischen den Gräben. Die Wiesen hier werden im Sommer reihum nach einem alten System überschwemmt, ihr Heu ging früher nach Paris in die herrschaftlichen Pferdeställe und gehört bis heute zu den begehrten Produkten der Region.

Endlich das erste Mittagessen draußen an drei runden, fest installierten Tischen unter den Platanen. Alle freuen sich, ihre Tage aus dem Jahrhunderte alten, langgestreckten Landhaus aus schweren Steinen und der angebauten Stuckvilla wieder ins Freie zu verlegen. Ein hoher, buschiger Mimosenbaum blüht und leuchtet, die Butterblumen saftig gelb in der Wiese, Bienen summen laut in den Mandelblüten. Ich habe an diesem Vormittag nur einen Olivenbaum geschafft: bei jeder Positionsveränderung entdecke ich eine übersehene Stelle. Es erinnert mich ans Schreiben, wie bei jedem erneuten Lesen des Textes wieder ein Wort auffällt, ein ungenaues, ein überflüssiges, ein fehlendes. Am Ende des Essens steht der elfjährige Suria auf, schlägt an sein Glas und ruft mit heller Stimme: Bringt alle eure Teller in die Küche, spült sie kurz ab und stellt sie in die Plastikkisten für die Spülmaschine! Er hat heute mit irgendjemand für die rund 25 Leute gekocht, davon sind 10 Gäste, alte Freunde, Sich-Umschauende, Helfende.

Suria kommt aus Brasilien, er ruft es auf Französisch, hier wird Deutsch und Französisch gesprochen, denn die Hälfte der Leute kommt aus der Schweiz und Österreich. Surias Wimpern sind so dicht, als könnten sie ihn beim Sehen stören. Mit den gleichaltrigen Sasha und Jonas geht er im Städtchen zur Schule, sie spielen nachmittags, werden nicht in die Feldarbeit einbezogen, aber sie kennen sich gut aus, helfen einem bei Fragen. Surias Eltern spielen mit dem Gedanken, in Südamerika in ähnlicher Form mit einem Kollektiv Landwirtschaft zu betreiben.

Van Gogh war hier

Die beschnittenen Bäume werden mehr, man guckt sie ein wenig mitleidig an, wie frisch geschorene Lämmer. Wir stehen im dichten Gras. Über uns der Himmel von Horizont zu Horizont mit seltsamsten Wolken. Lautlos die Raubvögel. Von früh bis spät sich entscheiden: Abschneiden? Retten? Das Denken hört auf, hoch und runter die Holzstufen auf den kleinen Leiter-Ungetümen mit Rädern, den Kopf im Nacken nach Ästen greifen, sich strecken, sich bücken, manchmal schwindlig taumeln, bei dicken Ästen die Schere mit beiden Händen zudrücken oder zur Säge greifen, zum Schluss die Äste sammeln und an den Rand tragen. Dazu der Wind, auf- und abschwellend, ein Rauschen, Rascheln, Pfeifen, manchmal ein Aufheulen, dann die Sorge, es kündige sich der Mistral an, der Kälte bringt und an den Nerven zerrt. Aber wieder kehrt das Rauschen zurück, eine ständige Windmusik, sie ist fast das Schönste zwischen den Bäumen, diesen Individuen, die man allmählich kennen lernt, zu denen man hinstrebt, an denen man Geschicklichkeit übt. „Nimm‘s mir nicht übel, den Ast säge ich jetzt ab. Das Licht bekommt freie Bahn, die Läuse auf deinen Zweigen werden sich verziehen“, will man flüstern.

In der nahe gelegenen Stadt Arles erst steigt es ins Bewusstsein auf: wir sind ja im van-Gogh-Land! Hier hat er die Kornfelder in Sonnenglut, die Schilf-Gräben, dunklen Zypressen-Silhouetten, die unheimlichen Olivenbäume, die Himmel mit kreisenden Wolken gemalt. Wo ist das alles? Eckige Lager- und Kühlhäuser in grellen künstlichen Farben und Reihen von Plastiktunneln versperren die Sicht. Aber nicht alles ist verschwunden, man kann es mit den Augen suchen, bis van Goghs Bilder in der Landschaft auftauchen und ihr die Zusammenhänge zurückgeben. Der Hof ist eine Insel, die besteht aus den Wiesen, dem Olivenhain, dem Gemüsegarten, den Scheunen und Werkstätten. Sogar die alten Plastiktunnel, umwuchert von Rosensträuchern und Kletterpflanzen, passen dazu. Und wie alles Schöne muss auch diese Insel immer gegen Bedrängnisse von außen verteidigt werden.

Ein Opfer ist fällig

Es gibt all das nicht umsonst, auch nicht leicht. Es fordert enorme Arbeit, auch Selbstüberwindung und ein ständiges Lernen: über den Boden und die Pflanzen, Landmaschinen, Konservenherstellung, über Tierzucht und die traditionellen Regeln in der Region. Das Bezieher-Netz für die Produkte muss gepflegt werden. Menschenkenntnis ist wichtig, um jene zu verstehen, die mitmachen und bleiben wollen und jene, die wieder abspringen. Vertrauen ist nötig, um Freunde zu finden und Flüchtlingen helfen zu können. Ihr Wissen erweitern die Menschen von Longo maï durch Lesen und Vorträge über Genmanipulation, Bodenspekulation, über Kontaminierung, über die Rettung von alter Bauernerfahrung. „Wir in Long Maï waren in den 70er Jahren Rebellen und sind es auch heute noch. Longo maï wollte stets ein Ort der Selbständigkeit und Freiheit sein.“ So stellen sie sich vor.

Drei Wochen: die Bäume sind beschnitten. Würden wir an Baum-Geister glauben, wäre jetzt ein Opfer fällig: „Gedeiht! Tragt Früchte! Bringt im Herbst eine dicke Ernte!“ Lino und Christoph zerhacken geduldig die abgesägten Äste. Sie sind 20, kommen aus einem Dorf bei Wien, waren zusammen in der Grundschule, begegneten sich – auf der Suche nach einem sinnvollen Leben – zufällig wieder. Sie hörten von Longo maï und kamen, sie wollen für ein Jahr bleiben, man nahm sie auf, und das wäre wieder eine neue Geschichte. Wir aber trinken mit allen einen Apéro vor dem letzten Abendessen und sehen jetzt erst, dass unsere Hände braun wurden und unsere Gesichter rot.


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16:00 25.08.2010
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Ausgabe 16/2021

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