Widerhall des Krieges

Realismus Mercè Rodoredas Romane "Auf der Placa del Diamant" und "Weil Krieg ist" beschreiben kunstvoll das einfache Leben

Auf der Placa del Diamant ist ein außergewöhnlicher Roman. Ob er, wie häufig zu lesen, als einer der besten der katalanischen Literatur gelten kann, werden international nur wenige Experten beurteilen können, nur dürften die sich vermutlich wenig mit Beurteilungen und Etikettierungen dieser Art beschäftigen. Der Roman, in katalanischer Sprache geschrieben und mittlerweile in über zwanzig Sprachen übersetzt, wird überdies als eine der besten Beschreibungen des Spanischen Bürgerkriegs apostrophiert. Das ist eine interessante Behauptung, denn dieser Krieg kommt im Buch nicht unmittelbar vor. Es ist in einer Region Barcelonas angesiedelt, die heute als Bohèmeviertel gilt, zur Zeit des Bürgerkriegs, in der dieser Roman spielt, jedoch mit ihren engen Gassen und vielen, kleinen Wohnungen einen sehr dörflichen Charakter besaß.

Von den Handlungen an der Front, den Schlachten und Kämpfen, den Auseinandersetzungen innerhalb der spanischen Linken, wird nichts erzählt. Die Soldaten kommen und gehen, überleben oder sterben. Registriert wird der Widerhall - vor allem in der Ich-Erzählerin, Colometa, einer Frau, die aus einfachen Verhältnissen stammt, keinerlei politische Ambitionen hegt, und in ihrem Viertel, mit einem Mann, zwei Kindern, wenigen Freunden lebt.

Der Roman folgt ihren Lebensstationen - mit Heirat, den plötzlichen Veränderungen durch den Bürgerkrieg, Tod des Mannes, bitterer Armut. Zwischen diesen Etappen liegt herzzerreißendes Leid. Colometa muss ihren Sohn in ein Heim abgeben, weil es an Nahrungsmitteln fehlt. Nach dem Bürgerkrieg verschlimmert sich die Lage weiter, und sie steht kurz davor, die Familie durch Salzsäure umzubringen, als etwas Glück in Gestalt eines kriegsbedingt impotenten Kleinwarenhändlers, der gleichwohl eine Familie haben möchte, das Leben in nicht glückliche, aber auskömmliche und zivile Bahnen lenkt.

Diese Episoden sind klar, eindringlich geschrieben. Mercè Rodoreda schreibt hier einen einfachen, schnörkellosen Stil, der kunstvoll ist und dennoch wirkt, als könnte er die Sprache, die Gedanken einer nicht literarisch gebildeten Frau wiedergeben. Tatsächlich wäre die Annahme plausibel, dass die Erzählerin Colometa nie in ihrem Leben ein Buch in die Hand genommen hätte. Bewundernswert ist folglich die Kunstfertigkeit der Autorin, diesen Eindruck zu erwecken; denn Rodoreda ist natürlich eine belesene Frau.

In Barcelona 1908 geboren, veröffentlichte sie ab 1932 erste literarische Arbeiten und arbeitete noch in den ersten Tagen des Bürgerkriegs sowohl im Propaganda-Kommissariat der katalanischen Regierung wie im katalanischen Literaturinstitut. Ende der dreißiger Jahre ging sie wie viele Intellektuelle ins Exil, zuerst nach Paris und Bordeaux, ehe sie sich in der Nähe von Genf niederließ. Kurz nachdem sie Auf der Placa del Diamant geschrieben hatte, kehrte sie nach Katalonien zurück und beendete Anfang der sechziger Jahre eine mehr als zwanzigjährige Zeit der Schreibaskese.

Rodoreda führte ein von Politik und Krieg geprägtes und geprüftes Leben, und dennoch ist die Hauptfigur ihres berühmtesten Romans eine denkbar unpolitische Erscheinung - ein Umstand, der in den sechziger Jahren, als der Diktator Franco noch frei von allen Problemen regierte, dem literarischen Erfolg nicht abträglich war. Aber es wäre verfehlt, der Autorin dies vorzuwerfen, und das nicht nur, weil Auf der Placa del Diamant ein qualitativ hoch stehender Roman ist, dessen formale und stilistische Kunstfertigkeit überzeugt. Die Autorin hat auch nicht nur das Leben einer einfachen Frau beschrieben, die Krieg und Faschismus leidend erfährt. Vielmehr versteht es Rodoreda geschickt, die Ungeheuerlichkeiten, die Zumutungen, die in der kleinen Alltagswelt versteckt sind und als Widerhall der großen Politik verstanden werden können, zur Sprache zu bringen. Kurz nachdem die Erzählerin Colometa heiraten wird, findet in der Kirche das Fest der Palmweihe statt. Auf der Straße sind Jungen mit Palmwedeln, Mädchen mit kleinen Palmzweigen unterwegs, andere tragen hölzerne Keulen und schlagen damit Juden tot und es ist ein Mordsradau. Das Grauen steckt im Volksfest, wird in einer Sprache ausgedrückt, die unaufdringlich aus den kleinen Zimmern der Vorstadt hervorkommt.

Wenig später heiratet Colometa ihren Quimet. Sie wird schwanger, was der glückliche Vater mit den Worten kommentiert, endlich sei seine Frau "trächtig" geworden. Nach der Geburt des zweiten Kindes hält er es für eine blendende Idee, in der heimischen Wohnung mit einer ausgedehnten Taubenzucht zu beginnen, und seine Frau muss die trüben Resultate verwalten.

Es geht nicht darum, den südländischen Machismo zu verstehen - es gibt wirklich sinnvollere Unternehmungen. Aber wer sich dafür interessiert, wie und warum er funktioniert und Frauen zur Duldung bewegt werden können, kann hier einiges genauer nachlesen. Der Realismus dieser Beschreibungen besteht nicht nur darin, darzulegen wie schlimm es doch steht. Das Geheimnis dieses Romans liegt in etwas anderem. Stets schimmert durch die Zeilen die Möglichkeit eines anderen Lebens. Unverständnis stellt sich ein. Warum ist es so, wie es ist, es wäre doch schön und nicht einmal schwierig, anders zu leben? Dieser Gedanke ist hier von tückischer Naivität, denn die Sehnsucht nach Alternativen lauert beständig auf den Buchseiten, und das nicht nur, wenn es um profane alltägliche Dinge geht. Genauso verhält es sich mit Machismo, Krieg, Passivität.

Ein literarisches Projekt wie dieses kann leicht als naiver Humanismus kritisiert werden. Auf Rodoredas späte Bücher trifft der Vorwurf durchaus zu. Auf den Roman Auf der Placa del Diamant angewandt, griffe er aber zu kurz. Dafür ist der Roman zu komplex und bei aller Einfachheit der Erzählung zu vielschichtig. Das Thema des Bürgerkrieges nahm die Autorin in den nachfolgenden Büchern auf, vor allem in Weil es Krieg ist, einem Roman aus dem Jahr 1980, der jetzt wieder neu erscheint.

Auch hier gibt es eine durchgehende Handlung, einen Ich-Erzähler, den Spanischen Bürgerkrieg als Thema. Doch bereits die Kapiteleinteilungen - und Überschriften markieren einen wesentlichen Unterschied. Sie lauten zum Beispiel "XX Die Frau mit dem Kanarienvogel", oder "XLII Der Zorn". Die insgesamt 63 Kapitel sind relativ kurz und können als eigenständige, bedeutungstragende Texte gelesen werden. Der Symbolismus in diesen Beschreibungen ist unverkennbar. Auch in diesem Roman finden sich große Szenen, in einer suggestiven, aber schon durchscheinenden und sphärischen, von wehmütigen Seufzern durchzogenen Sprache. Die Bodenhaftung fehlt, dazu das Gleichgewicht von Stil, Komposition und konkreter sozialer Thematik, das den früheren Roman noch ausgezeichnet hatte.

Mercè Rodoreda, Auf der Placa del Diamant. Roman. Aus dem Katalanischen von Hans Weiss. Mit einem Nachwort von Gabriel Garcia Marquez. Suhrkamp-Taschenbuch, Frankfurt am Main 2007, 251 S., 8,50 EUR

Mercè Rodoreda: Weil Krieg ist. Roman. Aus dem Katalanischen von Angelika Maas. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007, 178 S., 18,80 EUR


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