"Ich habe ein Recht auf eigene Grenzen"

Interview Burkini-Verbote in Europa führen zur Ausgrenzung von Musliminnen und verfestigen rassistische Denkweisen, sagt Dudu Kücükgöl im Interview
"Ich habe ein Recht auf eigene Grenzen"
Die einen sehen Urlauberinnen, die anderen Terrorgefahr

Foto: AFP/Fethi Belaid

der Freitag: In Cannes wurde nun das Tragen von Burkinis in einigen Regionen verboten. Thierry Migoule, der Generaldirektor der städtischen Dienste, sagt, dass sie auf eine Zugehörigkeit zu terroristischen Bewegungen hinweisen. Was wird da verhandelt?

Dudu Kücükgöl: Migoule offenbart mit dieser Aussage sein rassistisches Denken. Wir sind in der Debatte schon so weit, dass nicht mal mehr zwischen Islam und Islamismus unterschieden wird, man setzt Islam mit Terror gleich.

So weit ging die offizielle Argumentation in Deutschland nicht. In Bad Saarow verteidigten die Betreiber einer Therme dennoch die Menschen, die sich von zwei Burkini-Trägerinnen gestört fühlten.

Ich weiß nicht, ob deren Argumentation besser ist. Diese besagte quasi: „Ja, die politische Stimmung ist gerade islamophob, also sind wir auch islamophob“. Es ist gefährlich, vorhandene Feindseligkeit und Paranoia strukturell und institutionell zu unterstützen. Anstatt dass man sich solidarisch mit Betroffenen zeigt, rechtfertigt und unterstützt man Ausgrenzung.

In den Wiener Stadtbädern beispielsweise sind Burkinis ausdrücklich erlaubt. Eine Bekannte, die dort schwimmen gegangen ist, wurde belästigt. Der Bademeister hat deeskalierend eingegriffen und klargestellt, dass sie selbstverständlich so schwimmen darf. Und genau das erwartet man eigentlich, dass eine Institution, eine Organisation oder Einrichtung vor Diskriminierung und Rassismus schützt.

Dudu Kücükgöl arbeitet und lebt in Wien. Sie schreibt und referiert zu den Themen Islam, Integration, Islamfeindlichkeit und Feminismus. Kücügkgöl war 15 Jahre in der Muslimischen Jugend Österreich aktiv, als solche Vorsitzende der Bundesjugendvertretung und ist Mitbegründerin des MiA-Awards (Ein Preis, der für besonders erfolgreiche Migrantinnen vergeben wurde)

In Deutschland kam es nun auch zu vereinzelten Verboten von Burkinis in Schwimmbädern.

Das ist unnötig und unverständlich. Es ist mir ein Rätsel, warum man Frauen gerade im Sport diskriminieren möchte. Die Erfindung des Burkinis ist eine tolle Sache für uns. Er bietet und die Möglichkeit, unsere persönlichen körperlichen Grenzen zu bewahren und gleichzeitig dabei zu sein, Spaß zu haben und teilzunehmen an sportlichen Aktivitäten. Ihn zu verbieten bedeutet, Teilnahme zu verbieten.

Ein weiteres Argument lautet, dass es nicht hygienisch ist, mit Burkini zu schwimmen.

Das stimmt einfach nicht. Die Burkinis sind aus dem Material, aus dem jede Schwimmkleidung ist wie ein Bikini oder eine Badehose.

Worum geht es also?

Durch diese Diskussionen wird erneut eine neue islamfeindliche Welle angerollt. Wann immer eine große breite Diskussion in den Medien stattfindet, fühlt sich auf der Straße dann ein jeder – und zwar egal wo – bemüßigt, „Musliminnen an ihren Platz zu verweisen“. Dass Politik, Institutionen und Firmen rassistische Argumentationen mittragen, ist eine Legitimation für Leute, dies auf der Straße zu tun. Muslime werden massiv angepöbelt.

Es gibt aber auch viele Menschen, die es anti-feministisch finden, ein Kopftuch zu tragen ...

Ich frage mich, was eine feministische Art ist, sich zu kleiden. Und seit wann Kleidung etwas über Feminismus aussagt. Leute argumentieren, dass das Kopftuch unterdrücke Frauen und es müsse deswegen verboten werden. Erstens belegen mehrere Studien, dass fast alle muslimischen Frauen ihre Köpfe freiwillig bedecken. Zweitens: Was ist das für eine Logik? Ich unterdrücke eine Gruppe, damit die andere Gruppe frei ist? Es ist sexistisch, ständig über die Bekleidung von Frauen zu diskutieren. Und gerade die Burkini-Debatte – so heftig und emotional sie geführt wird – wird fast unter der kompletten Abwesenheit von Musliminnen, also von Frauen, die diesen Burkini tragen, geführt.

Ich kenne Frauen, die kein Kopftuch tragen aber beim Schwimmen einen Burkini ohne Kopfteil anziehen, weil sie sich so wohler fühlen. Muslimische Frauen sind aber nicht die Einzigen, die andere körperlichen Grenzen haben. Auch nicht-muslimische Frauen gehen gerne zum Frauenschwimmen, weil sie sich verurteilenden Blicken nicht aussetzen wollen in einer Gesellschaft, in der ein ganz bestimmtes Frauenbild herrscht und jede Abweichung als „nicht schön“ gilt.

Tragen Sie das Kopftuch, um sich vor diesen Blicken zu schützen?

Nein. Ich trage es, weil ich das Recht habe, meine Privatsphäre und meine körperlichen Grenzen zu definieren wie ich möchte. Und das ist das Recht eines jeden Menschen, einer jeden Frau, sich an- oder auszuziehen wie sie möchte.

Wäre ein Verbot nicht auch eine Einschränkung der Religionsfreiheit?

Säkularisierung bedeutet, dass religiöse Werte nicht in Gesetze gegossen werden und das ist eine wichtige Errungenschaft. Die Trennung von Religion und Staat bedeutet jedoch nicht die Eliminierung von Religion und meine Religion auch öffentlich ausleben zu dürfen, ist ein Grundrecht. Religionsfreiheit bedeutet, dass jeder Mensch nach eigenem Wissen und Gewissen über seine Weltanschauung oder Religion entscheidet und das im Rahmen der Gesetze ausleben darf.

Zum Kopftuch gehört aber auch ein kultureller Kontext ...

Ja, das ist eine wichtige Diskussion. Aber die Menschen, die sie anstoßen müssen auch über die sexualisierte Kleidung in unserer Gesellschaft jenseits der Musliminnen nachdenken. Argumente, wie „Ich habe kein Problem mit dem Kopftuch, wenn Männer auch eines tragen“. Ok gut, dann verbieten wir bitte Miniröcke, High-Heels, Lippenstifte, ganz besonders rote, Anzüge, Krawatten und geben einheitliche Frisuren vor? Das ist doch absurd. Wir markieren und performen ständig Geschlecht in unserer Gesellschaft und hängen uns am Kopftuch auf. Zur Zwangsentschleierung gibt es im Übrigen auch eine Geschichte.

Und welche ist das?

Europa hat nicht eine Religions- sondern auch eine Kolonialisierungsgeschichte. Versuche Musliminnen das Kopftuch zu verbieten, Musliminnen zu entschleiern, erinnert sehr stark an koloniale Praktiken. Das haben westliche Kolonialmächte beispielsweise in Ägypten und Algerien gemacht, ebenso eine westlich orientierte Elite in der Türkei. Damit beschäftigte sich etwa der postkoloniale Theoretiker Frantz Fanon intensiv in seinem Artikel Algerien legt den Schleier ab. Er schreibt, dass im kolonialen Algerien jede Entschleierung von der französischen Administration als Eroberung des Landes verstanden wurde. Mit jeder Frau, die ihre Haare und Schultern entblößte, hatten die Franzosen das Gefühl, Algerien ein Stück mehr zu erobern. Europa muss sich mit dieser Kolonialgeschichte noch mehr befassen.

Und dennoch gibt es Frauen, die gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen.

Klar, aber das sind nicht so viele wie politisch und medial behauptet wird. In den Medien wird sehr gerne über die vielen angeblichen Fälle von Frauen berichtet, die zum Kopftuchtragen gezwungen werden. Was ich aber viel häufiger sehe, sind Frauen, die massivem gesellschaftlichen und sozialen Druck ausgesetzt sind, das Kopftuch abzunehmen, das aber gar nicht möchten. Teilweise kommt diese Aufforderung auch aus den eigenen Familien. Für diese Frauen aber interessiert sich keiner.

Und was ist mit denjenigen, die sich gegen ein Kopftuch entscheiden?

Muslimische Freundinnen von mir, die kein Kopftuch tragen, werden ständig von Nicht-Muslimen gefragt, warum sie kein Kopftuch tragen. Sie empfinden das als große Grenzüberschreitung und Respektlosigkeit. Egal ob eine Muslimin Kopftuch trägt oder nicht – sie wird immer wieder auf dieses Stück Stoff reduziert. Das muss aufhören.

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Ihre Freitag-Redaktion

18:01 19.08.2016
Geschrieben von

Marisa Janson

Ökonomin, Anti-Rassistin, Feministin & Journalistin. @asiramsa
Marisa Janson

Ausgabe 23/2021

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