Outgesourcte Hirne und digitale Wolken

Netzgeschichten FAZ-Herausgeber Schirrmacher ist nun auch zu dem Ergebnis gekommen, dass das Netz unser Leben grundlegend verändert. Darüber musste er gleich ein Buch schreiben

Frank Schirrmacher hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt Payback und erscheint Ende November im Blessing Verlag. Was das mit dem Netz zu tun hat? Auch der Feuilleton-Chef und Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist mittlerweile der Meinung, dass das Internet das Leben grundlegend verändert. Der Untertitel des neuen Buches verspricht eine fundamentale Erschütterung: „Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen.“ Wir hätten begonnen, uns selbst wie Computer zu behandeln, steht in der Verlagsnotiz, und liefen daher Gefahr, den Menschen in mathematische Formeln zu verwandeln.

Kurz vor der Bundestagswahl vollzog Schirrmacher einen digitalen U-Turn. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlichte er einen Text über die technischen Intellektuellen der Computer-Ära. Es war ein Hohelied auf die Nerds. Sie hätten die Drehbücher unserer Kommunikation und mittlerweile auch unseres Denkens geschrieben und seien „die größte Macht der modernen Gesellschaft“. Sogar die neu gegründete Piratenpartei bekam einen feuilletonistischen Ritterschlag. Sie habe die Zeichen der Zeit erkannt, schrieb er. Schirrmacher ist ein Meister im Aufspüren von Trends und gleichzeitig ihr Multiplikator. Am Ende scheint es fast so, als habe er sie selbst initiiert.

Bei seinen vorherigen Büchern gab es Vorabdrucke im Spiegel und in Bild. Diesmal wählt Schirrmacher eine andere Strategie. Er hat seine Thesen auf der Online-Plattform der Edge Foundation und ihres Debattierzirkels The Reality Club platziert. Dort treffen sich renommierte Wissenschaftler und Denker zum digitalen Gedankenaustausch. Auf Englisch philosophiert Schirrmacher in einem Videomonolog über das Outsourcing unseres Denkens: Das Hirn verlasse mehr und mehr den menschlichen Körper und werde in nicht allzu ferner Zukunft in der digitalen Wolke aufgehen.

Nicholas Carr, ­Autor von Big Switch und Prophet des „Cloud Computing“, gibt dem FAZ-Herausgeber in einem Netz-Kommentar Recht. Der Psychologe und Harvard-Professor Steven Pinker versteht hingegen die ganze Aufregung nicht: Das Telefon sei einst für manche auch der Untergang des Abendlandes gewesen. Was Frank Schirrmacher auf diesen Kommentar erwiderte? Bisher nichts. Die Debatte verlief dann doch nach den alten Regeln des Web 1.0. So viel Gutenberg muss sein.

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