Er sagt, sie sagt

Totalmoral Bettina Wilperts Roman über einen Vergewaltigungsvorwurf verzichtet auf einfache Antworten
Er sagt, sie sagt
Inszeniert sich als Opfer: die amerikanische Kunststudentin Emma Sulkowicz

Foto: Andrew Burton/Getty Images

Zwei junge Menschen, die miteinander im Bett landen. Und plötzlich ist alles anders: Eine ungeheure Beschuldigung steht im Raum und zwei Leben werden aus der Bahn geworfen. Wer ist Opfer, wer ist Täter? Wer lügt, wer sagt die Wahrheit? Das ist nichts, was uns passiert. Oder anders: Das könnte jedem von uns passieren.

Bettina Wilpert erzählt in ihrem Debütroman eine Geschichte, die vor dem Hintergrund der noch schwelenden #metoo-Debatte aktueller nicht sein könnte. Anna behauptet, ihre Affäre Jonas habe sie in einer Partynacht vergewaltigt. Anna zeigt Jonas jedoch erst zwei Monate nach der Tat an. In der linken studentischen Szene Leipzigs, in der der Roman angesiedelt ist, kursieren schon bald Gerüchte über den Vorfall. Und plötzlich muss diese kleine Öffentlichkeit ein Urteil fällen. Doch ein öffentliches Urteil, so zeigt es auch #metoo, hält sich nicht zwangsläufig an die Maßstäbe der Justiz.

Anna, das darf man vorausschicken, ist kein perfektes Opfer. Wilpert hat ihre Protagonistin klug angelegt. Anna trinkt etwas zu viel, hat viele Sexualpartner. Und warum hatte sie nach der mutmaßlichen Vergewaltigung noch Kontakt zu Jonas? Stellenweise erinnert die Konstellation an die reale Geschichte der Kunststudentin Emma Sulkowicz, die 2014 weltweit von sich reden machte: Sulkowicz trug nach einer angeblichen Vergewaltigung durch einen deutschen Kommilitonen im Rahmen ihrer Performance „Carry That Weight“ eine Matratze über den Campus ihrer Universität, der Columbia University in New York. Sulkowicz inszenierte sich als christusgleiche Schmerzensfrau. Ihr Fall war kontrovers aus vielen Gründen. So hatte sie nachweislich nach der Vergewaltigung Kontakt mit ihrem angeblichen Vergewaltiger. Und inszenierte sie sich nicht sehr offensiv und medienwirksam als Opfer? Je nachdem, welche Version der Geschichte man las, sah man ein Opfer, das verzweifelt nach Gerechtigkeit suchte, oder eine enttäuschte Geliebte, die sich rächen wollte. Man sah einen Vergewaltiger, der davongekommen war, oder nur einen „blassen Jungen“ (Die Zeit), dessen Leben durch die Anschuldigungen ruiniert wurde. Einer der beiden musste lügen. Denn es kann doch nicht zwei Wahrheiten geben, oder doch?

Wilpert findet für dieses Problem eine Lösung. Indem sie eine Erzählstimme wählt, die mal in das Bewusstsein des einen, dann des anderen Akteurs eintaucht, steht Aussage neben Aussage, Erinnerung neben Erinnerung. Dem Leser präsentiert sich das Problem auf dieselbe Art wie realen Staatsanwälten, Polizisten und Richtern. Verblüffend ist, dass man beim Lesen tatsächlich beiden glauben möchte. Man glaubt Anna, dass etwas geschehen ist, das sie nicht wollte. Man glaubt aber auch Jonas, dass er Anna nicht vergewaltigen wollte. Denn Wilpert zeigt Jonas als Menschen, nicht als Täter. Der durch und durch böse Täter ist ein Fall für den Psychothriller oder den Profiler.

Linke tun doch so was nicht!

In der Realität stammen 77 Prozent der Täter aus dem Umfeld des Opfers, so ergab es eine EU-Umfrage aus dem Jahre 2014. Es sind Partner, Bekannte, Vorgesetzte oder Kommilitonen. Keine Triebtäter, die nachts hinter dunklen Ecken auf uns lauern. Das durchaus gängige Vergewaltigungsnarrativ verdrängt diese Tatsache.

Auch Jonas’ Exfreundin kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie jahrelang mit einem Vergewaltiger zusammen gewesen sein soll. Anna muss lügen.

Wilpert spürt in ihrem Roman dem Problem der Debatte um Vergewaltigung nach: Solange die Schuld des Täters nicht zweifelfrei bewiesen ist, sieht sich das Opfer Angriffen und Zweifeln ausgesetzt. Ist die Schuld des Täters aber erst einmal bewiesen, wird der Verurteilte zum Unmenschen. „Am besten einfach wegsperren!“, lautet dann oft das einhellige Urteil der Öffentlichkeit. Das ist die gefährliche Kehrseite eines Opfer-Täter-Diskurses, der vielleicht nicht mehr postuliert, dass jeder Mann ein Vergewaltiger sei – wie es der feministische Diskurs der 70er bisweilen tat –, aber doch annimmt, dass jeder Vergewaltiger für immer ein Täter bleibt. Wie ja auch umgekehrt angenommen wird, dass jedes Vergewaltigungsopfer ein Leben lang Opfer bleibe. Auch im deutschen Sprachraum verbreitet sich der aus dem amerikanischen feministischen Diskurs übernommene Begriff der „Überlebenden“. Täter, Überlebende und Tat bleiben für immer auf unheilvolle Weise verbunden.

Nüchtern betrachtet könnte es doch aber so sein: Ein Mensch hat eine Grenze überschritten. Das ist zu verurteilen. Moralisch, auch juristisch. Nur heißt das nicht, dass es sich um einen Unmenschen handelt, der für den Rest seines Lebens öffentlich geächtet werden müsste. Kernpunkt dieses klugen Romans ist die Frage, wie Gerechtigkeit für Anna hergestellt werden kann, die für Jonas keine lebenslange Ächtung bedeutet. Gerade weil das moralische Urteil auch lange nach der verbüßten Strafe – im Zweifelsfall lebenslang – bestehen bleibt, wird das Verhängen eines Urteils umso schwieriger. Wer will jemandem schon lebenslange Konsequenzen zumuten, wenn doch berechtigte Zweifel bestehen? Die erste Lektion, gerade auch im Kontext der #metoo-Fälle, wäre dann, dass ein Täter nicht dämonisiert werden darf. Vielleicht bestünde gerade hierin, so paradox es klingt, ein Lösungsweg in öffentlich geführten Debatten über sexuelle Grenzüberschreitung und Vergewaltigung.

Die zweite Lektion des Romans ist, dass das Thema Vergewaltigung „uns“ alle betrifft und dass sich ein solcher Fall in jedem Milieu ereignen kann. Auch in einem studentischen, linken Milieu, wie es Wilpert für die Geschichte wählt. Sexuelle Selbstbestimmung und „Nein heißt nein“ sind hier Common Sense. Man hält sich für aufgeklärt und erklärt sich solidarisch mit den Opfern. Zugleich hegt das linke Milieu den unbedingten Wunsch nach totaler Moral, die bis zur Überidentifikation mit dem Opfer reichen kann. Am Rande taucht dann auch auf, was unter Konservativen und Liberalen häufig für Kopfschütteln oder grenzenlose Häme sorgt: Selbst ernannte Retterinnen wollen für Anna einen triggerfreien Schutzraum schaffen; man gründet schließlich eine Support Awareness Group. Im Plenum der M16, eines einst besetzten Hauses, in dem nun kollektiv eine Kneipe betrieben wird, debattiert man über einen Platzverweis für Jonas. Das öffentliche Urteil fällt vor dem der Justiz. Ist das schon eine Hexenjagd? Am Ende verlieren alle: Jonas’ Universitätskarriere ist vermutlich ruiniert, jedenfalls wurde sein befristeter Doktorandenvertrag nicht verlängert. Gerechtigkeit findet Anna nicht. Auch der Leser bleibt unbefriedigt zurück. Gut so! Denn so muss man selbst urteilen.

Info

nichts, was uns passiert Bettina Wilpert Verbrecher Verlag 2018, 168 S., 19 €

06:00 07.03.2018
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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