Es wird natürlich kompliziert

Psychothriller Katja Bohnet erzählt in multiplen Handlungssträngen vom „Fallen und Sterben“

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Niemand. Alle. Jedenfalls müssen sich auch Erwachsene vor seiner Reinkarnation fürchten. Als Macheten-bewaffneter Mörder auf einem Motorrad streckt er gleich sechs Menschen mitten in Berlin nieder. Was die Opfer eint, ist die gemeinsame Teilnahme an einer Interpol-Tagung. Sonstige Spuren? Fehlanzeige. Ein Fall für Rosa Lopez und Viktor Saizew, Aufklärungsquote sagenhafte 100 Prozent. Dumm nur, dass Saizew inzwischen in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung sitzt, weil er den Mann seiner ehemaligen Ärztin brutal angegriffen hat. Ein Ermittler, der zum Täter wird? Dieser Saizew ist eben unberechenbar. Keiner kennt ihn besser als Rosa Lopez, LKA-Kollegin, die nun mit der Unterstützung einer dänischen Hospitantin, Mette Hansen, auskommen muss. Weder Lopez noch Saizew sind gute Teamplayer. Dass Hansen eine Frau ist, macht die Sache nicht besser. Frauen untereinander – man kennt das ja, Zwinker Zwinker.

Eine interessante psychologische Versuchsanordnung breitet Autorin Katja Bohnet in ihrem Psychothriller Fallen und Sterben aus. Wie in all ihren Büchern entfaltet sich der Fall mitsamt seiner Lösung in multiplen Handlungssträngen, aus unterschiedlichsten Perspektiven erzählt, die zum Schluss, natürlich, spinnennetzartig zu einer Solution verwoben werden.

Dabei geht es nicht nur um den aktuellen Fall, sondern es geht auch um die „backstory“, die Vorgeschichte der beiden Ermittler. Das muss man wissen: Saizew und Lopez sind verletzt, geschädigt, kaputt. Da ist der Gehirntumor, der in Saizews Kopf wucherte, noch das geringste Problem. Einst musste er aus Russland flüchten, um seiner eigenen kriminellen Vergangenheit zu entfliehen. Wo landete er mit seiner Babuschka, der Großmutter Mila? Natürlich in Berlin, dem Heimathafen für „displaced people“, Heimatlosgewordene. Noch kaputter ist Lopez, seit ihr das eigene Kind bei einem Spielplatzbesuch abhandenkam.

Wie kann einer Mutter so etwas passieren, noch dazu einer Polizistin? Ob das die Anklage der Tochter ist oder doch Lopez’ Selbstvorwurf, das ist ziemlich egal. An der Schuld ändert auch das Baby, das sie inzwischen mit ihrem Mann Bernhard bekommen hat und das den Namen des Ermittlerkollegen trägt, überhaupt nichts. Lopez hat sich entfremdet von Tochter Tessa und Baby Viktor, und Bernhard spielt nicht länger mit. Scheidung unausweichlich. Viel Unglück für nur zwei Menschen.

Mit ihrem Ermittlerduo ist es Bohnet gelungen, die für den Krimi so typische Blaupause des Hardboiled Detective auf eine lässige Art weiterzuentwickeln. Der klassische Ermittler ist ja ein hartgesottener Kerl um die vierzig, ein seelischer Krüppel, dem die Frau abhandengekommen ist, durch Mord, Totschlag, Scheidung, das ganze harte Leben. Zumeist versucht er, diesen Verlust durch Alkohol und männliche Verhärtung zu kompensieren. Bei Bohnet aber wird diese klassische Figur aufgespalten in Saizew und Lopez. Interessanterweise verkörpert dabei Kollegin Lopez die vermeintlich männliche Härte. Klar, auch Viktor ist ein harter Hund, ein Mann wie ein Bär. Aber Lopez ist vom Leben abgehärtet, fast steinern. „Gute Pistolen waren wie sie. Präzise und akkurat“, vermeldet die Erzählerin über Lopez. Bohnets Ermittlerduo ist die Krimiversion des platonischen Kugelmenschen, kein Wunder, dass Lopez sich jetzt, da Viktor im Sanatorium lebt, praktisch amputiert fühlt.

Aber natürlich ist Viktor nicht zufällig da! Nicht bei Bohnet, die so gerne Kriminetze spinnt. Ein wenig seltsam mutet Navid Muchtari, der Leiter der psychiatrischen Klinik Psomavital, schon an. Als sich herausstellt, dass eines der weiblichen Opfer der Interpol-Tagung eine Bissspur trägt, dass der Täter oder die Täterin also womöglich Kannibale ist, erscheint Muchtaris Interesse für Menschenfresser plötzlich merkwürdig. Immer mehr Spuren führen zu ihm: eine Motorradkluft, das Motorrad, auf dem der Täter unterwegs war – sollte der Fall am Ende so leicht zu lösen sein? Es wird, natürlich, komplizierter. Eine weitere Verbindung zwischen den Mordopfern wird aufgetan, es stellt sich heraus, dass das Opfer mit den Bissspuren eine Doppelgängerin hat. Diese wiederum sitzt wie eine Spinne im Netz eines ungelösten französischen Kriminalfalles, der mehr als ein Jahrzehnt zurückliegt.

Zu viel vom Plot möchte man nicht verraten, um das Rätselspiel für den Leser nicht zu verderben. Nur so viel: Alles nimmt seinen Anfang mit drei Kindern, die fallen und sterben. Wobei sterben nicht für alle bedeutet, tot zu sein. Auch Seelen können sterben. Und einen unstillbaren Hunger entwickeln.

Katja Bohnet studierte Philosophie und Filmwissenschaften, sie war Moderatorin und Autorin beim WDR. Fallen und Sterben ist der vierte Fall ihres Ermittlerduos. Eigentlich hofft man, dass die beiden es irgendwann auf die Leinwand, ähm, den TV-Bildschirm schaffen. Einige der Sidekicks im Buch, wie die resolute Oma Mila oder der Gerichtsmediziner Morris, scheinen wie für den deutschen Vorabendkrimi gemacht. Im Buch dagegen wirkt Morris’ Denglisch à la Gayle Tufts, der US-amerikanischen Komikerin, die Sätze zur Hälfte auf Englisch und Deutsch formuliert, doch ziemlich nervig. Das aber ist der einzige nennenswerte Kritikerinneneinwand gegen den Roman. Und das will ja immerhin etwas heißen.

Info

Fallen und Sterben Katja Bohnet Knaur Verlag 2020, 368 S., 14,99 €

Ende, Anfang

Die Bilder unserer Krimibeilage stammen vom Fotografen Yorgos Yatromanolakis, dem Zeit seines Lebens Naturwanderungen halfen, Inspiration und seinen Frieden zu finden. Die Serie The Splitting of the Chrysalis and the Slow Unfolding of the Wings entstand während eines Heimataufenthaltes des griechischen Künstlers, der hier immer wieder das Thema der Metamorphose behandelt, so ist auch der Titel der Reihe an den Lebenszyklus des Schmetterlings angelehnt. Mehr über Yorgos Yatromanolakis und sein Projekt erfahren Sie auf seiner Internetseite www.yatrom.net

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06:00 09.05.2020
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 31/2020

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