Susan Sontags Töchter

Debatte Eine neue Generation von Journalistinnen wird als narzisstisch und belanglos abqualifiziert. Doch Frauen haben ein Recht aufs Ich-Sagen
Marlen Hobrack | Ausgabe 11/2015 20

Treffen sich eine angehende Buchautorin, eine Bloggerin und eine Journalistin und führen ein Gespräch über sich selbst … Was die angehende Buchautorin, Bloggerin und Journalistin Ronja Larissa von Rönne da selbstironisch und irgendwie dada in ihrem „Interview mit mir von mir“ in der Welt verhandelt hat, zielt auf ein Phänomen, um das man in Feuilleton und Netz gerade nicht mehr vorbeikommt: junge Autorinnen, die sich ganz und gar mit sich selbst beschäftigen.

Schade nur, dass die Texte dann nicht immer so humor- und gehaltvoll daherkommen. Kritisch wurde der Beitrag der Stern-Hospitantin Katharina Link diskutiert, die eine Begegnung mit dem Superstar James Franco verarbeitete. Zur Illustration ihres Texts diente ein Bild der Autorin, bauchfrei, „in voller Berlinale-Party-Montur“. Hier betreibt jemand vor allem eins: Nabelschau. Das Ich wird zum Ereignis.

Nun taugt ein Beitrag (oder meinetwegen auch fünf oder sechs) vielleicht noch nicht zur sicheren Diagnose eines Phänomens, aber man kann sich schon fragen: Was soll dieser Narzissmus? Und: Haben solche Texte noch einen Mehrwert für den Leser? Oder sind das die ganz falschen Fragen? Es ist erst einmal nur eine Beobachtung, aber der Vorwurf des Narzissmus kommt vor allem von Männern, und er geht meistens an Frauen. Männer, auch wenn sie noch so subjektiv und ichbezogen schreiben, trifft dieser Vorwurf eher selten. Es scheint, dass es ihnen leichter fällt, für ihre Texte beim Publikum eine Relevanz zu reklamieren.

Marlen Hobrack ist Kulturwissenschaftlerin und bloggt auf freitag.de

Ich aber schlage jede Woche meine Zeit auf und frage mich, ob die Rubrik „Ostkurve“, regelmäßig von Clemens Meyer bespielt, wirklich von Belang ist. Meistens erzählt Meyer von Leipzig-Ost und seiner Arbeitswohnung (im Arbeiterviertel!), aber was will er mir damit sagen? Ist das eine subtile Form der Gesellschaftskritik? Oder nicht doch das Anhäufen von symbolischem Kapital als Street Credibility (die den Bubis vom Literaturinstitut natürlich ermangelt). Da finde ich seine Romane, ehrlich gesagt, deutlich gehaltvoller. Mir ist übrigens noch nie zu Ohren gekommen, dass Meyer narzisstisch sei, obwohl er stets über sich selbst schreibt (und auch gern seine Tätowierungen zeigt).

Auch ein Sittengemälde

Oder denken Sie an Fritz J. Raddatz: Sind Puffbesuche mit Literaten, für deren Schilderung er posthum in der Süddeutschen und anderswo zelebriert wurde, für den Leser wirklich von Belang? Ja, denn es heißt, er habe ein „Sittengemälde der alten BRD“ gemalt. Lena Dunhams Buch Not That Kind of Girl wurde dagegen vielfach als belanglos und narzisstisch abgetan. Man scheint ihre Probleme ja inzwischen zu kennen: Sex, Beziehungen, Gewicht – das ermüdet doch auf Dauer, nicht wahr. Haben Frauen eigentlich nichts anderes im Kopf?

Tatsächlich könnte der Erfolg des Buchs in der identifikatorischen Lektüre ihrer Leserinnen gründen, die Dunham als „Stimme ihrer Generation“ begreifen – was auch die Frage nach „Belang“ und „Gehalt“ beantworten würde. Dieser Umstand mag aber auch erklären, warum die Texte aus männlicher Perspektive belanglos erscheinen: Lena Dunhams Texte (in Grenzen sogar der Text Katharina Links) spiegeln spezifisch weibliche Erfahrungen: die Begegnung mit einem begehrenswerten Mann, Scham und Pein bezüglich des eigenen Körpers et cetera. Der Gehalt der Texte mag also geschlechtsspezifisch und spezifisch „weiblich“ sein; aber zugleich sind diejenigen, die Werturteile über den Gehalt fällen, eben sehr oft männlich.

Noch einmal: Warum wird so rasch der Vorwurf des Narzissmus gegen diese Autorinnen in Stellung gebracht? Warum lassen wir junge Frauen, die da – meinetwegen auch bauchfrei – ihr Ich produzieren, nicht auch ein „Sittengemälde“ zeichnen?

Egal, wie psychologisch reflektiert der Begriff benutzt wird: Wer von Narzissmus spricht, meint etwas „Ungesundes“, meint ein schwaches Ich, das aus einer Schwäche heraus um sich kreist.

Aber was bringt es, den Narzissmus der schreibenden jungen Frauen zu „diagnostizieren“ und zum Gegenstand einer Debatte machen zu wollen („Warum sind junge Frauen so unsicher? Ist das Folge gesellschaftlicher Prozesse?“), außer, dass eine ganze Kohorte schreibender Autorinnen pathologisiert wird? Es ist eben kein Zufall, wenn eine Autorin vom eigenen Ich ausgeht, sich nicht als „man“ verkleidet und scheinbar objektiviert. Denn hierbei handelt es sich um einen fundamentalen Akt der Selbstvergewisserung und nicht weniger um einen der Selbstbehauptung. Dass das weibliche Ich Raum einnehmen darf – denkend, schreibend – ist in der Literaturgeschichte ja nicht selbstverständlich, und wir sollten diese Ich-Texte, mögen sie nun im Feuilleton oder im Blog erscheinen, als neues Kapitel in dieser Geschichte begreifen.

Die Literaturgeschichte von Frauen beginnt vor allem mit dem Tagebuch und dem Brief, in selbstreferenziellen Medien also. Beide avancieren im 18. und 19. Jahrhundert zu einem Medium, das die gerade erst entstehende, radikale Kluft zwischen privat und öffentlich, die Frauen aus der Sphäre des Öffentlichen ausgrenzt, zu überbrücken vermag, Brüche heilt.

Es mag überraschen, aber weder Brief noch Tagebuch sind in dieser Zeit rein private Formen. Sie werden im Freundeskreis weitergereicht und erzeugen so eine Intimität zwischen den Lesenden, erlauben es, Gedanken zu teilen. Zugleich ist es kein Zufall, dass das Tagebuch im 20. Jahrhundert den Frauen gleichsam entzogen wird und zum Medium schreibender Männer par excellence mutiert: Legitim ist die Veröffentlichung eines Tagebuchs nur dann noch, wenn der Autor bereits eine Leistung erbracht hat, die jede noch so ichbezogene Betrachtung zu einem Ereignis macht. Zugleich muss der herausragende Dichter darin Stil- und Formwillen beweisen. Und prägt damit maßgeblich das Bild, das sich andere von ihm machen werden.

Während die Tagebuch schreibende Frau an der Schwelle zur Moderne einen Schreibraum erobert, dichtet sich der Tagebuch schreibende Autor eine eigene Geschichte zurecht, die das Werk ergänzt, transzendiert und im Sinne des Autors ausdeutet. Sie bleibt eingesperrt in der Immanenz, die ihr immer schon zugeschrieben wurde, er erschreibt sich Transzendenz. Oder prägt unsere Erwartung an das Geschlecht hier zugleich die Rezeptionshaltung?

Selbst die posthume Veröffentlichung von Susan Sontags Tagebüchern wurde ja kritisch hinterfragt: Sind die Texte gehaltvoll genug und deren Veröffentlichung im Sinne der Autorin? Zu viel Selbstunsicherheit und Befragung, scheinbar zu wenig Zeitgeschehen in diesen Texten. Dabei könnte der Titel des zweiten Bands ihrer Tagebücher gewissermaßen das Motto zahlreicher Bloggerinnen antizipieren: Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke.

Keine andere Qualifikation

Der Blog oder der Feuilletoneintrag zitieren und imitieren weibliche Schreibtraditionen. Es bleibt einer Autorin (wie auch einem Autor) schlicht auch nichts anderes übrig, als sich in die Tradition des eigenen Geschlechts einzuschreiben. Allerdings hat der männliche Narziss das Glück, dass für ihn die Rolle des Dandys bereitsteht – und was sind Popliteraten wie Benjamin von Stuckrad-Barre anderes als Nachfahren des Dandys des 19. Jahrhunderts? Ist ein weibliches Pendant zum literarischen Dandy denkbar?

Vielleicht, so bleibt zu sagen, stellen Frauen mit gutem Recht ihr eigenes Ich aus. Und vielleicht sollten wir ganz und gar aufhören, über diese Frauen zu diskutieren: Wenn Männer jahrhundertelang über das Wesen der Frau schreiben durften, auch wenn sie hierfür keine andere Qualifikation besaßen, „außer der, keine Frau zu sein“, wie Virginia Woolf süffisant in Ein eigenes Zimmer feststellte, warum sollten dann nicht auch Frauen über sich schreiben dürfen, auch wenn dies auf den ersten Blick keinen anderen Nutzen erzeugt, als das eigene Ich zu reflektieren? Es ist nämlich manchmal nur auf den ersten Blick so.

06:00 22.04.2015
Geschrieben von

Marlen Hobrack

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Marlen Hobrack

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