So what?

Gender Seit Anfang Juni hat Irland mit Leo Varadkar den ersten offen schwulen Ministerpräsidenten
So what?
Der Politiker Leo Varadkar ist nun vor allem für seine sexuelle Vorliebe international bekannt
Foto: Paulo Nunes Dos Santos/AFP/Getty Images

Gesellschaftlicher Fortschritt wird oft an den Rechten bemessen, die Minderheiten eingeräumt werden. Im erzkatholischen Irland stand Homosexualität noch bis 1993 unter Strafe. Seitdem hat das Land einen erstaunlichen Weg zurückgelegt. 2015 wurde die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt. Und seit Anfang Juni hat Irland nun mit Leo Varadkar den ersten offen schwulen Ministerpräsidenten. So schnell kann sich eine tolerante Gesellschaft entwickeln.

Aber hat das eigentlich überhaupt noch einen Nachrichtenwert? Ist die viel beschworene offene Gesellschaft nicht erst dann wirklich offen, wenn sie sich nicht ständig zu ihrer eigenen Toleranz gratulieren und auf die Schulter klopfen muss, sondern es egal ist, ob jemand homosexuell, transsexuell oder asexuell ist? Eigentlich ja, nur so weit sind wir noch lange nicht.

Und der Fortschritt ist auch keine Einbahnstraße. Gesellschaften entwickeln sich nicht einfach von rückständigen zu modernen Staaten und bleiben dann im aufgeklärten Zenit stehen. Sie befinden sich in ständigen Aushandlungsprozessen, und die Drohung eines Backlashs ist ständiger Begleiter aller frisch erkämpften Freiheiten.

Auch bei den Rechten sexueller Minderheiten bieten die USA da zurzeit viel Anschauungsmaterial. Bereits am Tag eins nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten verschwand der Hinweis auf die LGBTIQ-Community von der Website des Weißen Hauses. Zum NATO-Gipfel Ende Mai fehlte dann wieder etwas. Auf der offiziellen Facebook-Seite des Weißen Hauses erschien ein Foto, auf dem die Partner der Staatschefs zu sehen waren. Während alle First Ladys namentlich aufgeführt wurden, blieb der Ehemann von Luxemburgs Premierminister Xavier Bettel unerwähnt. Gauthier Destenay wurde einfach verschwiegen, als sei er nicht auf dem Bild, als stehe er nicht hinter Emine Erdoğan und Melania Trump, als gebe es ihn schlicht gar nicht.

Es ist genau dieses Fehlen – die Repräsentationslücke –, das veranschaulicht, warum ein offen schwuler Premierminister wie Leo Varadkar wichtig ist. Er repräsentiert keine Minderheitenrechte, sondern er repräsentiert souverän: das Recht auf Gleichstellung.

Varadkar ist schwul – und er ist konservativ. Er steht für eine Politik rechts der Mitte. Nur weil jemand über eine Eigenschaft verfügt, die lange nicht ins konservative Weltbild passte, macht er ja noch keine progressive Politik. Aber vielleicht ist gerade das der Normalisierung besonders zuträglich. Man kann Leo Varadkar dann für seine Politik – ganz normal – kritisieren.

06:00 14.06.2017

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