Wohin mit dem Kind?

Mangel Deutschlandweit fehlen 300.000 Kita-Plätze. Das führt dazu, dass meist die Frauen ihre Jobs aufgeben müssen

Verzweifelte Eltern sitzen Ende Juli in der Bürgersprechstunde von Monika Herrmann (Die Grünen), der Bürgermeisterin von Berlin-Kreuzberg: Sie finden keinen Platz in einer Kindertagesstätte. Weil sie nicht wissen, wie sie ihre Kinder betreuen sollen, droht ihnen nun der Jobverlust. Mit diesem Problem ist man in Berlin nicht allein. Deutschlandweit fehlen Betreuungsplätze. Vor allem Großstädte sind betroffen. In Leipzig rückte kürzlich die Polizei an, weil 450 Menschen für einen Kita-Platz anstanden und die Warteschlange den Verkehr behinderte. Für betroffene Familien, besonders für Alleinerziehende, kann der Mangel an Betreuungsplätzen zur Existenzfrage werden. „Meist betrifft das die Frau, da kann man ja mal Klartext reden“, sagt Herrmann im Gespräch.

Finden Eltern keinen Betreuungsplatz für ihr Kind, hindert das vor allem Mütter daran, arbeiten zu gehen. Frauen verdienen laut Statistischem Bundesamt im Schnitt 21 Prozent weniger als Männer. Dabei spielt ihre Erwerbsbiografie eine entscheidende Rolle: Sie arbeiten öfter in Teilzeit und haben größere Pausen in ihrem Erwerbsleben. Das Angebot an Betreuungsplätzen ist dafür ein entscheidender Faktor. „Das ist ganz eindeutig“, sagt Wido Geis vom Institut für Wirtschaft in Köln (IW). „Es hat sich zwar ein wenig verschoben, aber es ist immer noch so, dass es die Frauen sind, die hauptsächlich die familiären Aufgaben übernehmen und die Erwerbstätigkeit reduzieren, während man bei Männern fast keine Anpassung sieht.“

Arbeitgeber wissen das und setzen sich daher für flächendeckende Betreuungsangebote ein. Deutschlandweit fehlen fast 300.000 Plätze an Kitas, wie das arbeitgebernahe IW aktuell berechnete. Die Arbeitgeberverbände setzen sich für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein, weil sie Fachkräfte suchen. Vor allem im Pflege- und Gesundheitsbereich sowie in der Erziehung fehlen Frauen. Die Forderung von Eltern, Bezirken wie Kreuzberg-Friedrichshain und Arbeitgebern lautet daher: „Bund, Länder und Kommunen müssen darauf hinwirken, dass möglichst zeitnah ein bedarfsgerechtes Betreuungsplatzangebot geschaffen wird.“

NRW muss nachsitzen

2008 verabschiedete die Große Koalition mit dem Kinderförderungsgesetz einen rechtlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem ersten Lebensjahr. Im August 2013 trat er in Kraft. Seither ist die Zahl der Kinder in Kitas gestiegen. Laut statistischem Bundesamt wurden 2014 rund 561.600 Kinder unter drei Jahren in einer Kindertageseinrichtung betreut. Das sind gut elf Prozent mehr als im Jahr zuvor. In Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein nahm die Anzahl der betreuten Kleinkinder mit rund zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr am stärksten zu. In Mecklenburg-Vorpommern war der Zuwachs mit knapp zwei Prozent am geringsten. In den ostdeutschen Flächenländern gab es eben schon vorher hohe Betreuungszahlen.

Die Nachfrage steigt schneller als das Betreuungsangebot. Laut aktuellen Zahlen des Instituts für Wirtschaft ist der Mangel an Betreuungsplätzen in Nordrhein-Westfalen besonders hoch. Für 16 Prozent der Kinder unter drei Jahren, für die ein Bedarf besteht, gibt es keinen Platz. Das entspricht 77.459 fehlenden Plätzen. Mitte der 2000er Jahre gaben in Deutschland noch etwa 35 Prozent der Familien mit Kindern unter drei Jahren an, dass sie einen Betreuungsplatz brauchen. Heute sind es 46 Prozent. Forscher Wido Geis erklärt sich das mit einem Wertewandel: „Seit 2007 beobachten wir deutlich veränderte Familienmuster: Frauen wollen schneller wieder arbeiten.“ Bereits 2011, also zwei Jahre vor Inkrafttreten des Rechtsanspruches, berichtete die Bundesregierung, dass der Bedarf an Plätzen stärker gewachsen war als erwartet. Zusätzlich wird der Bedarf – entgegen allen Prognosen – von erneut steigenden Geburtenraten in die Höhe getrieben.

Viele Einrichtungen könnten mehr Kinder aufnehmen, hätten sie mehr Betreuungspersonal. Die Rede vom Mangel an Kita-Plätzen ist irreführend. Es braucht nicht in erster Linie den Neubau oder Ausbau von Kitas, sondern es geht darum, genug qualifizierte Erzieherinnen und Erzieher auf den Arbeitsmarkt zu bringen.

Die Berliner Bezirksbürgermeisterin Herrmann sagt, sie habe bereits 2008 auf den Mangel an Kita-Plätzen hingewiesen. Damals fehlte vor allem die Infrastruktur, also baute der Bezirk gemeinsam mit den Trägern Kitas. Die Hardware sei nun da, meint Herrmann, aber beim fehlenden Personal könne eine Bezirksbürgermeisterin nicht viel ausrichten. Allein in Friedrichshain-Kreuzberg könnten 400 Kita-Plätze nicht belegt werden – „weil kein Personal da ist“. Berlins Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie ist für die Ausbildungskapazitäten zuständig. „Die Behörde hat das Problem zu lange nicht ernst genommen“, klagt Herrmann. Im Senat sieht man das anders. Seit 2011 hat man die Kapazität verdoppelt, das Schulgeld für private Erzieher-Fachschulen übernimmt das Land – um die Ausbildungszahlen anzuheben. Die gleichzeitige Qualitätsverbesserung in Kitas schlucke aber zusätzlich Personal. „Wir bauen massiv aus. Aber das ist eine Herkulesaufgabe. Es ist ja bundesweit das gleiche Problem“, heißt es dazu von Sprecherin Iris Brennberger. Vielerorts können Stellen nicht besetzt werden. Bleibt die Frage, warum sie offen bleiben.

Erzieherinnen unterbezahlt

Die Arbeitsbedingungen für Erzieherinnen sind schlecht. In München sollen Stellen nicht zu besetzen gewesen sein, weil die Erzieherinnen von ihrem Lohn die Miete nicht hätten zahlen können. Die Arbeitnehmerinnen, die schon da sind, haben mit der dünnen Personaldecke zu kämpfen, denn sie verschlechtert die Arbeitsbedingungen noch zusätzlich. Nur knapp fünf Prozent der Berufstätigen sind Männer.

Seit anerkannt wird, dass die frühkindliche Bildung für die Entwicklung eines Kindes extrem wichtig ist, wurde die Qualifikation für Erzieherinnen hochgesetzt. In vielen Bundesländern brauchen sie nun Abitur. Eigentlich ist der Bildungsstand eine wichtige Größe, um die Lohnhöhe zu bestimmen – eigentlich. Weder der Anstieg des Qualifikationsniveaus noch die gestiegene Nachfrage nach Erzieherinnen schlagen sich aber im Gehalt nieder. „Der Tarif für Erzieherinnen und Erzieher muss bundesweit überdacht werden. Das Gehalt ist ein ausschlaggebendes Moment“, konstatiert Herrmann.

Die Situation in Kitas betrifft vor allem Frauen – als Mütter oder als Erzieherinnen. Frauen arbeiten in Deutschland fast doppelt so häufig zu einem Niedriglohn wie Männer, oft im sozialen Sektor. Erzieherinnen leisten eine Form der Arbeit, die Frauen im familiären Kontext oft unentgeltlich ausüben. Die DDR setzte schon ab den 1960er Jahren auf die gezielte Entwicklung einer Ganztagsbetreuung. Auch hier war ein Ziel die Erhöhung der Erwerbstätigkeit von Frauen. In der BRD war zu dieser Zeit die Halbtagsbetreuung gesellschaftlicher Konsens. Die deutsche Politik hat sich lange am Ernährermodell orientiert. Es gab einen Hauptverdiener: den Mann. Die Frau verdiente dazu. Ihre Erwerbsbiografie war geprägt von Teilzeitarbeit und Niedriglohnsektor. Beide, der Mangel an Betreuungsplätzen und die schlechten Arbeitsbedingungen von Erzieherinnen, hängen zusammen mit einer strukturellen Benachteiligung von Frauen im Erwerbsleben. Und gemeinsam gehören sie in ein Deutschland vor unserer Zeit.

06:00 23.08.2017

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