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Linksbündig Was will die WAZ vom WDR?

Krise? Welche Krise? Während in den USA Immobilienmärkte zusammenbrechen und hierzulande die Landesbanken, die es zu spät gemerkt haben, herrscht in anderen Bereichen Goldgräberstimmung. Es ist noch keine zehn Jahre her, dass eine "Internetblase" geplatzt ist, und schon ist dieser Vertriebsweg wieder Gegenstand großer Deals und Wachstumsfantasien.

Im Westen sitzt mit dem WAZ-Konzern ein nach außen bescheidenes, aber extrem solventes Verlagshaus. Politisch ist es, welch glücklicher Zufall, zusammengesetzt wie die Bundesregierung: aus einem CDU-nahen Familienstamm Funke, in dem unter anderem der Anwalt Helmut Kohls tätig ist, und einem SPD-nahen Familienstamm Brost, für den WAZ-Geschäftsführer Hombach, der ehemalige Chefintrigant Gerhard Schröders, steht. Bei der ersten Internetblase war die WAZ nicht dabei, hat also kein Geld verbrannt. Nun aber, nachdem wohl auch interne Konflikte in der Funke-Familie beigelegt scheinen, will sie in die Vollen gehen. Der Internetauftritt aller Verlagsblätter wurde in einem Internetauftritt derwesten.de zusammengefasst, mit bescheidenem Erfolg. Denn bei der WAZ wurde bisher nie in teures Personal und Inhalte investiert; das Geschäft lief ja ohne viel besser. Nun findet aber im Verbreitungsgebiet der WAZ ein demografischer Wandel statt, wie sonst nur im deutschen Osten; die Zeitung hat also - wie "die Deutschen" - Angst "auszusterben".

Es sollen neue Geschäftsfelder erschlossen werden. Dabei ist den Verlegern aufgefallen, dass insbesondere junge Menschen weniger Zeitung lesen, Radio hören und TV glotzen, aber sich immer mehr Nachrichten und Unterhaltung über das Internet selbst zusammenstellen. Mit dieser Erkenntnis versuchen nun alle Medienhäuser der Welt mit mal mehr, mal weniger Verzweiflung, jedes erfolgreiche internetbasierte Geschäft aufzukaufen und ihrer Konzernstruktur einzuverleiben.

Außer der WAZ. Denn bei ihr regieren scharf rechnende Kaufleute. Warum sollen sie irgendeine Garagenfirma zu einem überteuerten Preis erwerben, wenn man eine "Medienpartnerschaft" mit dem öffentlich-rechtlichen Westdeutschen Rundfunk, in dem schließlich viele politische Freunde der Familien Brost und Funke tätig sind, quasi umsonst haben kann? Und der CDU-Ministerpräsident Rüttgers darüber so glücklich ist, dass er diese Partnerschaft mit staatlichem Segen gleich selbst verkünden will? Während woanders in der Republik ARD und ZDF auf der einen und die Zeitungsverlage auf der anderen Seite noch Streit darüber simulieren, wer sich im Internet wie viel bewegen darf, beobachten sie aufmerksam, ob das in Nordrhein-Westfalen so funktioniert, wie es sich die Partner ausgedacht haben. "Wir sitzen alle im gleichen Boot", soll WAZ-Boss Hombach gesagt und damit nicht nur TV-Dienste im Internet gemeint haben.

Denn parallel dazu erobert man zur Zeit mit ähnlichen Gebietskartellen wie beim Zeitungsvertrieb den Ticketing-Markt für Veranstaltungen. Und als nächstes ist der Einstieg in den stürmisch wachsenden Markt der Computerspiele geplant. Mit "Kunstförderung" fängt es an: für die Ansiedlung kreativer Entwickler und Firmen im Dortmunder "U", einem markanten ehemaligen Brauereigebäude, geben die EU, das klamme Land NRW und die noch klammere Stadt Dortmund 46 Millionen Euro Subventionen. Als Makler dieser Sache ist der mit überbordender Rhetorik ausgestattete Ex-Viva-Chef Dieter Gorny unterwegs, der einst alternativen Rockmusikern den Weg in den Kommerz wies, und sich rechtzeitig aus der Branche abgesetzt hat, als es mit ihr abwärts ging. Sein Chef ist Fritz Pleitgen, bis vor kurzem WDR-Intendant. In NRW kennen sich halt alle.

Ob solche politische und ökonomische Machtballung die Kreativität hervorbringt, nach der die Kids von heute und morgen fragen? Die Erfahrungen der Krisenbranchen Musik und Film jedenfalls sprechen dagegen.

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