Punktsieg für Mohn

Kommentar Bertelsmann ohne Vorstandschef Middelhoff

Könnte es sein, dass der wichtigste politische Personalwechsel dieses Jahres nicht mit der Bundestagswahl erfolgt, sondern gerade bei Bertelsmann stattgefunden hat? Immerhin kassiert der abgesägte Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff eine Abfindungssumme, die ein Kanzler sein Leben lang nicht erreichen wird. Das hat Gründe.
Im Gegensatz zu Kirch stand Bertelsmann nie im Mittelpunkt gesellschaftlicher Kontroversen. Zu Unrecht, denn die wirtschaftliche und politische Macht ist vermutlich entschieden größer, der Konzern außerdem - noch - viel gesünder. Als Machtzentrum gilt bis heute der mittlerweile über 80-jährige Patriarch Reinhard Mohn. In der Nazizeit hat er nicht zu den Verfolgten gehört, sondern mit widerlicher Landserliteratur sein Geld verdient. In den Fünfzigern und Sechzigern reüssierte der Verlag mit der Buchclub-Idee, die heute nicht mehr so recht funktionieren will. Später wurde Bertelsmann zu einem vielseitigen Verlags- und Medienhaus ausgebaut. Der Verlag Gruner und die RTL-Fernsehfamilie gehörten zu den wichtigsten Erwerbungen. Aus dem gemeinsam mit Kirch betriebenen Pay-TV-Anbieter Premiere stieg Bertelsmann rechtzeitig aus.
Die größte Tat des Vorstandsvorsitzenden Middelhoff war ebenfalls ein rechtzeitiger Verkauf. In Erwartung einer heraufziehenden Interneteuphorie machte er Bertelsmann zunächst zum Teilhaber von America Online (AOL), bald dem weltweit größten Internetanbieter. Auf dem Höhepunkt des Geschäfts - weit vor dem Platzen der Blase des Neuen Marktes - trennte man sich wieder davon. AOL fusionierte stattdessen mit Time-Warner, dem größten Medienunternehmen der Welt, und verschluckte sich mittlerweile daran. Patriarch Mohn hat ohnehin der Interneteuphorie und Börsen-Philosophie nie ganz getraut. Wer seine sparsam eingestreuten Medienauftritte verfolgt, erlebt einen von jeglichen Selbstzweifeln freien konservativen Unternehmer mit teils reaktionären gesellschaftspolitischen Ansichten. Machtlegitimation definiert sich für ihn nicht durch Demokratie, sondern "Verantwortung" bei der Führung eines Unternehmens. Diese altmodisch-patriarchale Sozialpartnerschaft ist dem neoliberalen Individualismus des Neuen Marktes völlig fremd. Schon der Middelhoff-Vorgänger Mark Wössner scheiterte daran, diese Marotten der Konzernführung heraus zu modernisieren.
Im aktuellen Machtkampf hat nun die Familie Mohn gegen die Börsianer-Fraktion gesiegt. Sie hält 17 Prozent; weitere 57 Prozent über die Bertelsmann-Stiftung, in der sie ebenfalls regiert. Die Stiftung ist nicht nur als Anteilseigner bedeutend. Mit 300 Beschäftigten und 70 Millionen Euro Jahresetat einer der bedeutendsten Think-Tanks. Mit dem anstehenden Generationswechsel in der Familie gehen vielleicht die reaktionären Elemente der Sozialisation aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verloren. Was dann kommt, könnte spannend werden.

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