„Das Destruktive bringt Spaß“

Im Gespräch Martin Sonneborn findet, dass Satire keine konstruktiven Vorschläge unterbreiten, sondern nach dem größten Lacher suchen muss
Martin Schlak | Ausgabe 42/2013 4

Der Freitag: Können Satiriker wirklich die Welt retten?

Martin Sonneborn: Auf keinen Fall. Wir streuen nur ein wenig Sand ins Getriebe.

Aber Ihre neue Sendung heißt doch „Sonneborn rettet die Welt“?

Hinter dem Titel steckt kein Funken Ernsthaftigkeit. Das war nur ein billiger Aufhänger, um gut bezahlt einer angenehmen Tätigkeit nachgehen zu dürfen.

Okay, und wer rettet uns dann? Die Politiker?

Es wäre ihre Aufgabe, aber ich sehe kaum Idealismus. Und zu wenig Möglichkeiten. Die Welt verbessern, das könnten wahrscheinlich nur Milliardäre wie Warren Buffett und einige Großkonzerne. Leider bringt es ihnen keinen Gewinn.

Wenn Satire nicht der Motor von Veränderung ist, warum widmen Sie sich ihr dann mit so großer Ernsthaftigkeit?

Satire kann punktuell Stiche setzen, wenn sie zeigt, wie korrupt die FIFA ist, oder rechtsradikale Abgeordnete oder Lobbyisten in ihrer Arbeit entlarvt, und die daraufhin zurücktreten. Die wichtigste Wirkung von Satire aber ist ein befreiendes Lachen über Dinge, die uns belasten. Und deshalb ist unser Antrieb bei Titanic zuerst einmal egoistisch. Ich arbeite satirisch, weil es mir Spaß macht. Am großen Ganzen ändert das wenig.

In Ihrer Magisterarbeit weisen Sie sogar nach, dass Satire in heutiger Zeit vergeblich ist. War das ein Witz?

Es ist doch so: Noch im 19. Jahrhundert wanderte man ins Gefängnis, wenn man seinen König als Birne karikierte. Heute gilt Lächerlichkeit nicht mehr als Qualitätsmangel. Wenn Rainer Brüderle in der heute-show untertitelt und ausgelacht wird, dann steigert das seinen Bekanntheitsgrad. Früher konnte Satire auf Missstände aufmerksam machen, heute sind alle unsere Probleme offenbar. Sie interessieren nur niemanden mehr.

Wie sehen Sie sich selbst: als Satiriker oder als Politiker?

Ich mache in erster Linie Satire. Aber Die Partei ist eine echte politische Partei. Auch unser Drang zur Macht ist authentisch. Vielleicht zeigt sich schon nach der Europa-Wahl im kommenden Mai, ob wir Satire oder Politik betreiben. Noch gilt ja die Drei-Prozent-Hürde, die der Bundestag soeben unauffällig eingeführt hat. Dieser Beschluss aber, davon bin ich überzeugt, wird den Anforderungen, die das Bundesverfassungsgericht gestellt hat, nicht gerecht. Die Piraten und weitere unseriöse Kleinparteien klagen gerade in Karlsruhe. Wenn das Erfolg hat, schicken wir nächstes Jahr einen Mann nach Brüssel.

Aber dort müssen Sie dann reden wie diese etablierten Politiker, die Sie kritisieren wollen.

Es sind ja auch politische Auseinandersetzungen, die wir hier führen – wenn auch mit satirischen Mitteln.

Ein Plakat Ihrer Partei zur Bundestagswahl hat Syrer gezeigt, die durch den Einsatz von Giftgas ums Leben gekommen sind. Daneben stand „Chemieunterricht verbieten. Lehrerzimmer bombardieren“. Ist das auch eine politische Auseinandersetzung?

Das ist in erster Linie Provokation. Das versteht nicht jeder, und das gefällt auch nicht jedem. Wir machen es trotzdem. Hinter dem Bild steht die berechtigte Kritik daran, dass Chemiewaffen existieren und dass Deutschland für ihre Produktion mitverantwortlich ist. Nicht das Plakat ist der Irrsinn, sondern die Realität. Wir sind eine zutiefst humanistische und sozial denkende Partei.

Das behaupten alle von sich.

Ja, aber wem nimmt man es tatsächlich ab? Uns, als 0,6-Prozent-Partei? Oder den etablierten Parteien, die auf Wähler, Industrie und Kapital, Medien, Rücksicht nehmen?

Blicken wir auf die außerparlamentarische Opposition. Sind Satiriker die besseren Piraten?

Ganz sicher. Ich war überrascht, dass die Piraten noch inhaltsleerer agieren als wir. Wir fordern seit 2011 auf Plakaten „Inhalte überwinden“. Unsere Diagnose lautet, dass feststehende Inhalte im politischen Tagesgeschäft keine Rolle mehr spielen. Im Gegenteil: Man muss Positionen innerhalb von Stunden mehrfach wechseln können, die FDP in NRW hat es vorgemacht.

In der ersten Folge Ihrer Sendung befragen Sie Menschen auf der Straße zu Pelz, Putzkräften und dem Wechseln von Staubsaugerbeuteln. Sie geißeln damit, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird. Kann Satire auch gesellschaftliche Visionen entwickeln?

Nein, konstruktiv zu arbeiten ist nicht unsere Aufgabe. Ich habe destruktives Arbeiten bei Titanic und der heute-show gelernt. Es bringt einfach mehr Vergnügen.

Vermutlich wird Deutschland bald von einer Großen Koalition regiert. Kommen bessere Zeiten?

Mehr Oppositionsstimmung können wir nicht erwarten. Eine Große Koalition bringt Unzufriedenheit, es werden schmerzhafte Dinge umgesetzt. Und es wird eine oppositionelle SPD fehlen, die einen Hauch sozialer agiert. Gleichzeitig fehlt es an Parteien, die diese Stimmung kanalisieren können. Die Grünen sind ja bloß noch die FDP des kleinen, dummen Mannes, die FDP hat sich selbst zerlegt, die Linke – nun ja. Also sind wir es, die Merkel ärgern müssen. Ich glaube, dass wir das in den vergangenen vier Jahren besser verstanden haben als die FDP. Als Satiriker kann ich Merkel hin und wieder den Tag versauen, das ist für mich Antrieb genug.

Aber die politische Satire hier arbeitet sich doch ständig an den gleichen Themenab: an der FDP, an Merkels Raute oder an der Stimme von Claudia Roth.

Nein, Roth und Raute sind Themen für das politische Kabarett. Und von FDP-Witzen haben wir uns verabschiedet, als Markus Lanz begann, sie zu machen. Wir arbeiten eher mit der Ernsthaftigkeit, die mir allerorten immer mehr fehlt.

Die deutsche Satire ist also auf einem guten Weg, finden Sie?

Solange wir einen überlegenen Gegner haben, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Erst wenn wir an der Macht sind, wird es problematisch werden. Satire arbeitet grundsätzlich aus der Position der Unterlegenen heraus. Wenn jemand wie Kai Diekmann zu satirischen Mitteln greift, um die taz vor-zuführen, mit dem ökonomischen und juristischen Gewicht des Springer-Verlages im Rücken, dann hat das schon etwas erstaunlich Ekelhaftes.

Laufen Sie und Ihre Kollegen nicht zu sehr den gesellschaftlichen Stimmungen hinterher?

Es ist der Satire wesenseigen, dass sie reagiert. Wenn wir feststellen, dass die Gesellschaft ins Netz abdriftet, gehen wir hinterher. Statt der üblichen Demonstration haben wir vor der Wahl am Brandenburger Tor eine iDemo veranstaltet, mit Großbildschirmen und iPads. Die Leute konnten zu Hause auf ihren hässlichen Sofas sitzen bleiben und ihre Forderungen übers Netz schicken. Das ist dieser vertwitterten Facebook-Gesellschaft angemessen, in der selbst ARD und ZDF ihre Zuschauer ins Netz treiben. Zu unserer iDemo gingen übrigens innerhalb von 48 Stunden über 25.000 Botschaften an Merkel ein, wir haben gerade ein Buch daraus gemacht: Bundesliga raus aus Afghanistan! Was die Deutschen wirklich wollen.

Aber wenn Ihre Partei doch einmal das Land regieren sollte, dann müssten Sie all Ihre Prinzipien über Bord werfen?

Sollten wir einmal regieren, wird sich diese Frage stellen. Aber vergessen Sie nicht, wir haben humanistische Ideale. Wir fordern zum Beispiel die Einführung eines Existenzmaximums in Höhe von einer Million. Alles jenseits dieser Grenze wird gekappt, egal, ob das in Häusern, Pelzen, Yachten oder Lamborghinis angelegt ist. Das werden interessante Umverteilungen...

Sie gehen auf der Suche nach einem Rezept, um die Welt zu retten, für Ihre Sendung in Umsonstläden und stellen die Phrasen der Banker bloß. Wird die Welt danach eine bessere sein?

Sie wird eine schwierigere sein. Wir werden nie wieder ein Interview bei der Deutschen Bank bekommen.

Ist das alles?

Man kann sicher lautstark darüber lachen, wie ahnungslos Umweltminister Peter Altmaier in der zweiten Folge durch die Welt tappt, und es lustig finden, wenn ein paar afrikanische Chauffeure lachend zehn Euro rausrücken, um mir CO2-Emissionszertifikate abzukaufen und direkt zu verbrennen. Dadurch wird die Welt nämlich ein ganz kleines bisschen besser, weil die Industrie eine Tonne weniger CO2 in die Luft blasen darf. Dieser kleine Witz gefällt mir sehr, aber die Einblicke in Energiewende und Finanzpolitik lassen mich eher resigniert zurück.

Das klingt traurig. Ein kleiner Witz, mehr nicht?

Nicht nur, sonst wäre es ja Klamauk. Man sieht schon deutlich, worauf wir zielen. Aber am Ende geht es immer auch um den größten Lacher.

Martin Sonneborn, geboren 1965, lernte einst, Versicherungen zu verkaufen. Zum Glück hat er die Branche gewechselt: Er war fünf Jahre Titanic-Chefredakteur und arbeitete dann als Außenreporter der heute-show . Im Moment ist er in seiner eigenen Sendung Sonneborn rettet die Welt auf ZDF neo zu sehen. Außerdem ist Sonneborn Bundesvorsitzender von Die Partei 

 

06:00 31.10.2013
Geschrieben von

Martin Schlak

Journalist und Physiker. Schreibt Geschichten über Wissenschaft. Beobachtet, wie Technologie unsere Gesellschaft verändert.
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Martin Schlak

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