Martin Schlak
Ausgabe 4914 | 08.12.2014 | 06:00 3

Heute bin ich nicht tariftreu

Regelbruch Ab Januar wird Schwarzfahren deutlich teurer. Unser Autor hat Berlin vorher noch einmal ohne Ticket durchquert

Heute bin ich nicht tariftreu

Hat sich hier ein Kontrolleur unauffällig unter die Fahrgäste gemischt?

Foto: Carsten Koall/Getty Images

Ich habe Prüfer 87.414 nicht kommen sehen. Er muss an der Station Voltastraße zugestiegen sein. Die U-Bahn ist voll an diesem Nachmittag, und ich bin kurz unaufmerksam gewesen. Ich sehe noch, wie Prüfer 87.414 seinen Ausweis aus der Jacke zieht. Zu spät, er sagt: „Die Fahrscheine, bitte!“ Alle suchen hektisch nach ihren Tickets. Ich habe keins.

Ich wollte noch einmal die Regeln brechen, noch einmal mit dem Risiko spielen. Solange man sich das noch leisten kann. Der Bundesrat hat vergangene Woche beschlossen, die Strafe fürs Schwarzfahren um 50 Prozent zu erhöhen. Ab 1. Januar zahlen Fahrgäste 60 Euro, wenn sie ohne gültiges Ticket erwischt werden. In ihrem Antrag an den Bundesrat sprach die CSU von einer „gestörten Relation zwischen den Beförderungsentgelten und dem aktuell geltenden erhöhten Beförderungsentgelt“, die es wiederherzustellen gelte. Während die Fahrpreise für Busse und Bahnen nämlich stetig steigen, liegt die Strafe für Schwarzfahrer seit über einem Jahrzehnt bei 40 Euro.

Diejenigen, die brav 2,60 Euro für ein Einzelticket in den Automaten stecken, nennt die CSU „tariftreu“. Die anderen heißen Leistungserschleicher. Damit sind die moralischen Kategorien abgesteckt, so wie sie sich Politiker vorstellen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Schwarzfahren ist wohl das Delikt in Deutschland, das quer durch alle Schichten am ehesten akzeptiert wird. Anders gesagt: Ich begehe mitten am Tag in der Berliner U-Bahn eine Straftat, und meine Mitfahrer schauen noch nicht einmal von ihrem Smartphone auf.

Der kleine Kick

Ich habe mir eigentlich fest vorgenommen, während der Fahrt aufmerksam zu sein. An jeder Station mustere ich die zusteigenden Fahrgäste. Die junge Frau, die noch schnell einen Text für die Uni liest. Ein Mann mit Brötchen und Kaffeebecher. Von den beiden geht keine Gefahr aus. Ich weiß ja, wie Kontrolleure aussehen. Sie kommen meist in Zivil und immer zu mehreren. Die Männer bullig wie Sicherheitskräfte, mit kurz geschorenen Haaren. Die Frauen drahtig. Ihr Erkennungszeichen ist die Umhängetasche. Wer sich hinsetzt, ist unverdächtig. Kontrolleure setzen sich nicht, niemals.

Schwarzfahren verschafft einem den kleinen Kick, den wir hin und wieder brauchen, und spart im Glücksfall auch noch Geld. Aber ist damit das Phänomen schon vollständig umrissen? Wissenschaftler haben tatsächlich versucht, die Schwarzfahrerquote mit dem einfachen ökonomischen Konzept der Nutzenmaximierung zu erklären. Das Ergebnis ist nicht überraschend: Je höher die gefühlte Wahrscheinlichkeit, kontrolliert zu werden, je größer das Verhältnis von Strafe zu normalem Ticketpreis, desto weniger Menschen fahren schwarz, lautet die These. Dennoch ist die Sache komplizierter. Denn Fahren ohne Ticket ist eben auch eine kleine Alltagsrebellion gegen das Establishment.

Die 68er-Bewegung wertete die Beförderungserschleichung einst zur politischen Protestform auf. Sie rief zum kollektiven Schwarzfahren auf und forderte so niedrigere Ticketpreise oder gleich einen kostenlosen Nahverkehr. Genutzt hat das wenig, seitdem haben sich die Preise fast überall immer nur in eine Richtung entwickelt: nach oben. Dabei könnten die städtischen Verkehrsunternehmen auch ihre Preise senken, um den Anreiz zum Schwarzfahren zu verringern. Das würde als Nebeneffekt die Mobilität der ärmeren Menschen sichern. Doch würde es auch heikle Diskussionen über Subventionen des Verkehrs auslösen, an denen Regierungsparteien nicht interessiert sind. Es würde unbequeme Fragen aufwerfen, etwa warum eigentlich zweieinhalb Kilometer Straßenbahn drei Euro kosten können, ein Ticket für 292 Kilometer Fernbus von Berlin nach Hamburg dagegen für neun Euro zu haben ist.

Der Protest gegen die hohen innerstädtischen Ticketpreise lebt seit den 68ern fort, nur die Methoden sind professioneller geworden. In Stockholm etwa gibt es seit zehn Jahren eine Schwarzfahrerversicherung. Das Modell sei sehr rentabel, berichtet die New York Times. Im vergangenen Jahr habe jedes Mitglied zwölf Euro pro Monat bezahlt und damit viel weniger, als eine Zeitkarte kostet. Nur die Hälfte des Geldes wurde benötigt, um die Strafen zu bezahlen – und das, obwohl in Stockholm satte 140 Euro bezahlt, wer ohne Ticket erwischt wird. In Schweden scheint sich also Schwarzfahren auf Dauer auszuzahlen.

Ob das Modell für deutsche Verkehrsnetze geeignet wäre, ist jedoch fraglich. Hierzulande setzen die Verkehrsbetriebe weniger auf automatische Schranken am Bahnsteig, dafür stärker auf Kontrollen. Der Versicherungsbeitrag müsste deshalb deutlich höher sein. Zudem riskieren chronische Ticketpreller eine Strafanzeige.

Warnungen auf Twitter

Während der Gesetzgeber die Schrauben anzieht, rüsten aber auch die Schwarzfahrer in Deutschland auf. In sozialen Netzwerken warnen sie sich in Echtzeit vor den Zivilkräften der Berliner Verkehrsbetriebe BVG. Auch ich klicke mich durch die Meldungen. Unter den Hashtags #BVG #Kontrolle berichtet jemand am Montagmorgen von massiven Kontrollen auf der U-Bahnlinie 8. Als ich drei Stunden später selbst in die U8 steige, fühle ich mich sicher. Ich bin zu diesem Zeitpunkt etwa 40 Kilometer ohne Ticket gefahren, drei Stunden quer durch Berlin.

Ein paar Minuten später stehe ich dann mit einem Feststellungsbeleg und einer Zahlungsaufforderung auf dem Bahnsteig. Nun möchte die Infoscore Forderungsmanagement GmbH 40 Euro von mir haben. Zahle ich nicht, wird sie mir Mahnungen schicken und mit einer Strafanzeige drohen. Reagiere ich dann immer noch nicht, werden die Mahngebühren steigen. Aber irgendwann, hat die taz herausgefunden, lasse Infoscore die Forderung fallen – sollte ich bis dahin nicht wieder erwischt worden sein. 40 Euro vor Gericht einzuklagen, lohne sich nicht.

Ich werde meine Strafe dennoch bezahlen. Tief drinnen bin und bleibe ich eben ein Tariftreuer.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 49/14.

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