Mensch, ärgere dich

Gesellschaft Es wird wieder gestritten in Deutschland. Sollte das Leben etwa doch mehr sein als nur Arbeit?
Mensch, ärgere dich
„Alle warten voller Spannung auf das absolute Spiel.“ (Frank Zander)

Foto [M]: IStock (2), Getty Images (2)

Bloß nicht über Politik sprechen, das ist das oberste Gebot, das Knigge-Experten einfällt, wenn sie zum aktuellen Verhaltenskodex in der Arbeitswelt befragt werden. Politische Themen eignen sich nicht für den Small Talk, lautet das Credo. Für Kontroverses seien Fabrik, Büro und die Kantine schlicht die falsche Adresse. Dabei spielt Belastbarkeit in den Stellenausschreibungen vieler Unternehmen stets eine große Rolle und das Charity-Projekt oder die Spende für die NGO wird als gesellschaftliches Engagement ausgeflaggt. „Wie viel Politik verträgt die Freundschaft?“, fragte der Stern beunruhigt, als vor zwei Jahren der Streit über die Aufnahme von Geflüchteten den Höhepunkt erreicht hatte. Die Therapeutin, die der Spiegel pünktlich zur Weihnachtszeit konsultierte, rät dringend davon ab, die politische Auseinandersetzung in den Verwandtschaftskreis zu verlagern, denn das könne den Familienfrieden gefährden. Für ein besinnliches Fest empfiehlt die Therapeutin Gesellschaftsspiele. „Mensch ärgere dich nicht“ oder „Monopoly“, damit die Stimmung nicht kippt?

Folgt man dem Soziologen Heinz Bude, dann ist das eh längst geschehen. In Das Gefühl der Welt beschreibt er eine gesellschaftliche Atmosphäre absoluter Gereiztheit. Um das Vertrauen in unser Umfeld und in die Welt, die uns umgibt, scheint es schlecht bestellt. Streng genommen kann man den Ratschlag, Politik bei familiären, freundschaftlichen oder beruflichen Begegnungen außen vor zu lassen, als weiteren Beitrag zur Destabilisierung der politischen Kultur bezeichnen. Er ruft aber auch Erinnerungen an die Wahl Donald Trumps hervor, in deren Vorfeld die Demoskopen sich von der Wortkargheit seiner Anhänger in die Irre hatten führen lassen.

Faust raus

Warnungen vor dem Auseinanderdriften der Gesellschaft sind spätestens seit der US-Wahl und dem Brexit-Votum allgegenwärtig. Mit der geballten Faust in der Tasche und wütendem Schweigen lässt sich der Krise der liberalen Demokratie wohl kaum entgegenwirken. Der gesellschaftliche Burgfrieden wankt; wer im privaten Umfeld die Auseinandersetzung scheut, ist für den öffentlichen Disput argumentativ schlecht vorbereitet.

Jene von Bude diagnostizierte Gereiztheit ist überall wahrnehmbar – und eine Bereitschaft zur politischen Kontroverse, nach langen Jahren der asymmetrischen Demobilisierung, ebenfalls. Auf Geburtstagen, bei der Wohnungseinweihung und in der Bar wird diskutiert: über Gentrifizierung, den Rentenbescheid als Depressionstrigger, die Berechnung der Arbeitsmarktkapazitäten eines grünen Kapitalismus. Universitätsdozenten berichten über Seminare, bei denen Effi Briest plötzlich Vorlage für einen Schlagabtausch über die steuerliche Besserstellung von Eheleuten wird, aber auch über ein neu entflammtes Interesse an den Klassikern der politischen Ideengeschichte von Platon bis zu John Rawls. Freunde laden zum sonntäglichen Debattier-Club ein, andere gründen Nachbarschaftshilfen. Man erlebt Bahnfahrten, bei denen CDU- und SPD-Wähler über die Bedingungen für die Fortsetzung der Großen Koalition streiten oder sich die Wut eines gesamten Zugabteils über den Abgas-Betrug entlädt, als beim Halt in Wolfsburg der Blick aus dem ICE-Fenster die VW-Zentrale trifft. Angesichts des Mitgliederschwunds der Volksparteien, der geringeren Bindung an Kirchen und des langsamen Aussterbens der freiwilligen Vereinskultur, die immer auch eine Agentur der politischen Sozialisation war, nimmt anscheinend die Neigung zu, flüchtige Begegnungen zur Selbstvergewisserung und Überprüfung der Belastbarkeit eigener Einschätzungen zu nutzen.

So viel Streit, Protest, Demonstration und Eskalation wie in diesem Jahr gab es hierzulande schon lange nicht mehr. Die Bundesregierung hat sich beinahe in der Auseinandersetzung um die Asylpolitik zerlegt, Hunderttausende sind auf die Straße gegangen, gegen hohe Mieten, für Seenotrettung, für unteilbare Solidarität, für den Hambacher Forst. Auf der anderen Seite gab es rechtsextreme Ausschreitungen im Osten und Westen, Pegida ist auf dem Weg ins fünfte Jahr, die AfD organisiert Aufmärsche unter dem Motto „Zukunft für Deutschland“, alle zweieinhalb Tage wird eine Flüchtlingsunterkunft angegriffen, die Zahl der antisemitischen Straftaten steigt.

Da überrascht es nicht, dass neben der Renaissance von Karl Marx inzwischen auch die Philosophin Hannah Arendt – die für sich selbst den Begriff der politischen Theoretikerin bevorzugte – wiederentdeckt wird. Ihr Politikbegriff geht von der Pluralität der Menschen aus, ein Gegengift zu den rechtsnationalen Kräften, die die offene Gesellschaft durch eine homogene Gemeinschaft ersetzen wollen. Diese politische Gemengelage trifft auf Menschen, die damit kämpfen, dass ihre Lebensentwürfe immer fragiler werden: eine „Gesellschaft der Angst“, die der Soziologe Heinz Bude vor allem an einer Mittelschicht ausmacht, die zwischen Selbstoptimierung und Selbstausbeutung schwankt. Es geht um verzweifelte Versuche, das hinzubekommen, was gerne als gelungenes Leben bezeichnet wird. Wer sich anstrengt, kann es schaffen, suggeriert die Leistungsgesellschaft, das Scheitern wird dabei zum individuellen Versagen stilisiert, mit dem Statusverlust droht der schnelle Abgang in die gesellschaftliche Exklusion.

Dabei müsste das Vertrauen in die Rationalität des kapitalistischen Wirtschaftssystems und auf eine Politik, die im Sinne des Gemeinwohls agiert, nicht nur beim ärmeren Teil der Bevölkerung längst brüchig geworden sein. „Die Menschen werden obdachlos, weil zu viele Wohnungen gebaut wurden, sie hungern, weil zu viele Lebensmittel produziert werden“, mit dieser Beschreibung bringen die Philosophen Rahel Jaeggi und Daniel Loick in ihrem Sammelband Nach Marx den Irrsinn, den der Spätkapitalismus hervorbringt, präzise auf den Punkt. Arendt beschrieb schon in Vita activa eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgeht. In Zeiten des Neoliberalismus wird darauf mit der Schaffung von „Bullshit-Jobs“ reagiert, die der US-amerikanische Ethnologe und Publizist David Graeber in seinem gleichnamigen Buch eindrucksvoll beschreibt. Man fragt sich, welche Vorstellung vom Zusammenleben eine Gesellschaft entwickeln kann, in der Lohnarbeit als Lebensinhalt gilt.

Das gute Leben wurde viel zu lange als reine Privatangelegenheit behandelt, dabei geht es nicht um persönliche Vorstellungen vom Glück, sondern um gesellschaftliche Teilhabe, unabhängig von Status und Herkunft. Gemeinsames Handeln als Gleiche unter Gleichen in öffentlichen Räumen, das hat Arendt in Vita activa als Bedingung für Politik skizziert. In ihrer Vorstellung von Demokratie geht es um das Gesehen- und Gehörtwerden aller, auch der gesellschaftlichen Minderheiten.

Auftritt Hannah Arendt

Die Öffentlichkeit hält den Regierenden den Spiegel vor, für die Legitimation von Regierungshandeln braucht es eine Öffentlichkeit, das ist das Grundprinzip der liberalen Demokratie. Denkt man über die Krise der Demokratie nach, muss man auch das Verschwinden öffentlicher Räume einbeziehen. Im vergangenen Jahr war eine Repolitisierung zu beobachten, etwa beim Pflegestreik, der sich nicht nur um bessere Arbeitsbedingungen drehte, sondern auch um die Frage, wie gut wir uns um jene kümmern, die Hilfe brauchen. Wenn Gewerkschaften für die Verringerung der Arbeitszeit kämpfen, dann wird dabei auch verhandelt, wofür wir uns Zeit nehmen wollen. Die Demonstrationen gegen die neuen Polizeigesetze mit all ihren Möglichkeiten zur Überwachung haben aber auch vor Augen geführt, wie bedroht das öffentliche Leben ist.

Mit gelben Westen haben sich in Frankreich die Unsichtbaren sichtbar gemacht. Mit ihren Straßenblockaden haben sie das öffentliche Leben lahmgelegt und mit den Debatten auf den Barrikaden zugleich Öffentlichkeit hergestellt. Spontaneität und Dialog von Angesicht zu Angesicht, damit dürften sie Arendts Idee von Freiheit, gemeinsamem Handeln und Sprechen ziemlich nahe gekommen sein. Sie hat übrigens oft gen Frankreich geblickt, wegen der Französischen Revolution, der Pariser Kommune – und wegen des Savoir-vivre.

06:00 23.12.2018
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