Nachsaison

KEHRSEITE Hubert kann sich nicht entscheiden. Drei Neuner rauslegen oder weiter klammheimlich horten? Bei Veronika muss man mit allem rechnen. Er zieht das ...

Hubert kann sich nicht entscheiden. Drei Neuner rauslegen oder weiter klammheimlich horten? Bei Veronika muss man mit allem rechnen. Er zieht das Sonnenhütchen tiefer in die Stirn, lässt seine immer noch meerblauen Augen lächelnd in einem Kranz von Fältchen und Falten versinken und wirft erneut einen Buben ab.

Der Eisverkäufer kratzt eine letzte Gusti Crema zusammen, schenkt sie einem Kind, packt dann zusammen und zieht davon.

Veronika hat diesen Sommer wirklich übertrieben. Die Falten in ihrem Dekolletee sind fast schwarz verbrannt. Trotzdem noch immer ein reizender Anblick, wie Hubert eingestehen muss. Veronika hat drei rote Dreier vor sich liegen und schon eine Weile verdächtig gut gelaunt die Karten in ihrer Hand herumsortiert. Noch bevor alle ausgelegt haben, murrt Hildegard ein Zeichen; sie nehmen den Tisch, je mit einer Hand, jeder seinen Klappstuhl und die Karten in der anderen, und rücken mit der Septembersonne einige Meter weiter.

Mit Hochdruck reinigen die Strandbuden- und Liegestuhlbesitzer ihre Strandbuden und Liegestühle.

Hildegard ist nicht ganz bei der Sache und die anderen warten. "Ach!", seufzt sie, "die Sonne, das Meer, die Leute hier - herrlich. Bin ich dran?" Sie wirft unsicher einen Blick in die Runde. "Guck einer alten Frau nicht so unverschämt auf den Busen, Hubert, alter Sack."

Der Oktober lässt sich freundlich an. Die Touristen wagen noch gern ein Bad im Meer, wenn auch nicht mehr vor zwölf und höchstens bis fünf Uhr. Die "Lido Bar" hat ihren letzten Cappucino für dieses Jahr aufgeschäumt und den giftgrünen Drachen vor der Tür vom Stromnetz genommen.

"Canasta aus der Hand. Fünfhundert Punkte. Da!" Edeltraud hat wieder still und unauffällig gesammelt und legt jetzt mit großer Geste aus. "So, Kinder! Ha!" Hildegard hat eine leichte Gänsehaut im frischen Novemberwind, würde das aber nicht zugeben. Ihre Haut ist so gesund gebräunt und wetterbeständig. Das Quartett rückt weiter in die Sonnennische, die die fertig eingepackten Umkleidekabinen des "Beach Paradiso" hinterlassen haben.

Wenn sich die Falten im Nacken stauen, ist auch Hubert dort viel zu stark gebräunt. Trotz Sonnenhut, den er ständig zurechtrückt. "Zieh endlich eine Karte und lass uns weiterspielen. Ich hab schließlich nicht ewig Zeit", ermahnt ihn Veronika. In diesem Moment werden die letzten Einzelteile des Kinderkarussels eingemottet, und der Platz mit der schönsten Herbstsonne liegt frei im Sand. Edeltraud, Hildegard, Veronika und Hubert ziehen ein Stückchen weiter. Edeltraud hat eben etwas gefröstelt; es hat niemand gemerkt. Hubert schielt mit leichter Besorgnis auf die erste Schneeflocke, die eben seine Schulter säumt.

Abschließend fegt ein Straßenkehrauto die Überreste der Saison zusammen. Wer jetzt noch ein Zimmer im einzigen geöffneten Hotel des Ortes bewohnt, ist hier, um in Ruhe seine Memoiren zu schreiben, den Auszug der Lebensgefährtin zu verdauen oder dem Weihnachtsrummel zu entgehen. Wer dieses Zimmer verlässt, tut dies in Gummistiefeln. Das Silvesterfeuerwerk ist ein harmloses, kleines, von wenigen Ortsansässigen und zwei integrierten Touristen weinselig begangenes Festchen.

"Letztes Jahr war's irgendwie warmherziger", sagt Hubert und schließt seinen dritten, einen echten Damencanasta. Als Hildegard den Arm hebt, eine Karte zu ziehen, knistert eine dünne Eisschicht auf ihrer Schulter. Der Tisch wandert neben die Stranddusche, die jetzt abgestellt ist und nicht mehr tropft. Hildegard hat sich ein Tuch umgelegt, sie gilt als verweichlicht.

Die Ampel des Ortes verlischt bis zum März. Veronika zupft ihren Bikini zurecht und Hubert bekommt Appetit auf Grillhähnchen. Als Hildegard ihre Buben ablegen will, erstarrt ihre Bewegung knarzend im frostigen Januarwind. Erst im späten März lässt sich der Arm wieder bewegen.

Dann legt sie aus und sagt: "Ich gehe. Mir ist kalt."

Hubert und die verbliebenen Damen entschließen sich zu einer Runde Skat. Als Hubert sich zu einem Grand ohne zweien versteigt, findet sich noch ein Bauer im Stock. Hubert hat sich restlos überreizt. Ausgebleichte Italiener installieren die ersten Strandparadiese.

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