Frau Merkels roter Anorak

Sinnsuche 2007 Ein Jahr "rundet" sich

Kein anderes Säugetier macht so ein Gesumms um den Jahreswechsel, wie der Mensch! Delphine beispielsweise stupsen nur die Nasen aneinander, wenn sie sich um Null Uhr zufällig begegnen. Der Mensch springt herum, sortiert Belege für die Steuer, ärgert sich, dass er wieder den Autoversicherer nicht gewechselt hat, bunkert Getränke und raucht definitiv die Letzte (und die schon heimlich). Und er versucht, das Jahr zu "runden": Kurz, er kann nicht davon lassen, den verröchelnden zwölf Monaten Werthaltiges zu unterschieben. Etwas, was sein Angestellten-, Arbeits-, oder Arbeitslosenleben nicht vorzuweisen hat: Sinn!

Man kann es ja versuchen. Dieses Jahr hat alle fortschrittlichen und friedliebenden Kräfte gestärkt, die dafür streiten, dass Minderjährige nicht unter unmenschlichen Bedingungen gehalten werden. Sie haben Unglaubliches erreicht: Der kleine lange Marco, der - denn Kinder sollen spielen - noch kleineren Kindern an die Wäsche geht, ist wieder zu Hause. Betroffene Bürger brauchen also keine Teelichter und Schilder mit der Aufschrift "Warum?" vor die Türe seiner Eltern zu stellen. Bei uns werden Kinder nicht eingesperrt, schon gar nicht in ein türkisches Gefängnis. Sie dürfen sich zwischen Fauligem Schimmligem und dem Fernseher frei bewegen. Wenn man mit dem Addieren fertig ist, wird man feststellen: Noch nie wurden so viele Kinder in deutschen Wohnungen zu Tode gebracht wie 2007, mitgezählt jene, deren Knochen man gefunden hat (Marco hatte Glück, er war nicht zu Hause). Buchstäblich in den letzten Minuten des Jahres hat die Kanzlerin die Kinder deshalb zur Chefsache ernannt. Wie das bei ihr aussehen wird, weiß man nicht; man kennt sie ja nur moderierend oder die Ärmchen reckend: "Ich bin die Mitte!". Chefsache - vielleicht klingt das bei ihr so wie kürzlich, als sie die Negerpräsidenten einen Kopf kürzer machte (bildlich natürlich), weil die so gar nichts mehr von dem wissen wollten, was sie von zivilisierten Nationen einst gelernt hatten. Vielleicht wird sie das Motto der Familienministerin "Hingucken!" zum Kammerton A ihrer weiteren erfolgreichen Regentschaft machen. Das wäre geschickt. Mit "Hingucken!" könnte man weitgehend nur noch verwalteten Bürgern wieder eine Aufgabe zuweisen, die kriminalistischen Spürsinn, denunziatorischen Eifer und ein staatstragendes Wertekostüm gleichermaßen verlangt. Demokratie ist doch Beteiligung! Schließlich könnten die Bürger die routinemäßigen Wohnungsöffnungen, die uns täglich gemeldet werden ("im Bad wurde Schmutzwäsche vorgefunden, die Mutter war angetrunken") dann wechselseitig übernehmen.

Überhaupt - war es nicht ein Jahr des deutschen Kindes? Lothar Bisky sagt zwar "Das war ein Jahr der Linken" - aber da er eilig auch 2008 für Die Linke requirierte, soll er das mal nehmen! Nein, es war ein Kinderjahr: PISA, Betreuungsgeld, die "Gebärmaschine" Ursula - und Knut! Na gut, das ist ein Bär. Aber ein Eis-Bär, also ein sinn-fälliger Übergang zum Klima: Lachende, junge Menschen durchstreifen golden sich im Winde wiegendes Korn. Glückliche G 8-Gegner, die gleich eins auf die Mütze kriegen und später mit Strafverfahren überzogen werden. Da rundet sich ein Jahr, da ist es nicht umsonst gelebt - umsonst sowieso nicht, sondern nicht vergebens. Und nun können wir entscheiden, welches Desktop-Hintergrundbild uns an wunderbar erfülltes Leben erinnern soll: Frau Merkel in rotem Anorak auf grönländischem Treibeis, das sie gerade noch so hielt - oder der sinnstiftende Riesenstrandkorb hinterm Zaun von Heiligendamm?

Daneben gab es dies und das, was uns mit Schadenfrohsinn erfüllte: Peter Hartz bekam wegen Untreue 15 Jahre Sibirien. Stoiber ist weg, Christiansen ging, der Dalai Lama kam, Howard Carpendale kam wieder, Seehofer ließ niederkommen. Der Kapitalismus wurde kurz vor Geschäftsschluss von einer "Debatte" um Managergehälter bis ins Mark getroffen. Für den Rest des Jahres beherrschte uns das Noro-Virus - es war fürchterlich. Wo ist der Sinn, fragten sich die Deutschen bitter und dehydriert. Und sind seitdem, melden die Agenturen, so religiös wie lange nicht.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare