Ein vorläufiger Abgesang

Madonna Dieser Tage wird ihr neuer Film bei den Festspielen in Venedig aufgeführt. Madonna dreht Filme, macht Werbung. Doch was ist aus der Musikerin und Performerin geworden?

Im Herbst 1995 endete ein journalistischer Schlagabtausch mit der Frage, ob Madonna sich für die wichtigste Künstlerin des 20. Jahrhunderts halte. Ihre Antwort: „Absolut.“ Die eigene Person derart superlativ zu denken, ist weniger ein Zeichen von Selbstüberschätzung als vielmehr ein Hinweis auf das Funktionieren der Unterhaltungsindustrie und deren Konkurrenz zum Zirkus Hochkultur: Wenn in der Kunst am meisten Aufmerksamkeit erhält, wer Totenschädel mit Diamanten besetzt, bereits verwendete Hygieneartikel in durchwühlten Betten auslegt oder dem eigenen Krebsleid mit Überhöhung ins Kathedrale begegnet, dann sind im Pop keine leisen Töne zu erwarten. Wer lauter schreit, hat Recht.

Dieser Tage macht Madonna bei den Filmfestspielen in Venedig von sich reden, wo ihr neuer, zweiter Film W. E. aufgeführt wird. Doch was macht die Musikerin, was die Performerin? Letztmals Laut gegeben hat sie 2008 mit Hard Candy, dem finalen Album für Warner: keine schlechte Platte, aber kein Paradestück. Eher die Anmutung von Durchhalteparole oder unaufge­fordert erbrachtem Konditionsbeweis.

Auch visuell schienen die Referenzgrößen eher ungewollte zu sein. Der schräg ins Gesicht gezogene Hut erinnerte an die greise Tuntenlegende Quentin Crisp, der unbedingte Wille zu sportlicher Höchstleistung an Mickey Rourkes The Wrestler. Was blieb, war der Nachgeschmack bloßer Sollerfüllung, die künstlerische Qualität durch das Brechen von Rekorden ersetzte: ­Sticky Sweet als bislang erfolgreichste Tour eines Solokünstlers aller Zeiten, unerreichte Besucherzahlen in Europa und Südamerika, dazu Kostüme von jeder Größe der Haute Couture und tausend Tonnen Strass von Swarovski. Höher, schneller, weiter.

Ewige Mädchen verhärten zu Riefenstahl

Verbucht man aber auch das als systemimmanente Hypertrophie, so zeichnet sich das tatsächliche Ende ab, das Madonnas Karriere droht – der ver­zweifele Versuch, den einmal erreichten Status quo auf immer zu halten. Ewige Mädchen verhärten zu Riefenstahl. Außerdem bestand Madonnas Qualität gerade in dem Paradox, nur im Wandel beständig zu sein. Zu ihren Stärken zählte es, kreatives Siechtum zu überwinden und aus Niederlagen Er­findungskraft zu schöpfen. Aktuell allerdings ist ihr die überzeugendste Neuauflage ihrer selbst nicht im Bereich der Musik, sondern lediglich im Zuge einer Werbekampagne für Dolce Gabbana gelungen.

Eine Neuerfindung von Madonna aber ist schon deshalb unabdingbar, weil es noch immer keine Nachfolgerin gibt. Bisher blieben alle Anwärterinnen dem Kronprinzessinnenstatus verhaftet: Kylie Minogue – durch den Verzicht auf Selbstbestimmung nie eine ernstzunehmende Rivalin. Britney Spears – nach diversen Psychiatrieaufenthalten nicht vollständig genesen. Christina Aguilera – nur halbherzig aus dem Mutterschutz zurückgekehrt. Lady Gaga – schon mehrfach nervenschwach, also abwarten.

Welcher Schluss lässt sich daraus ziehen? Madonna hat viel Unausge­gorenes produziert, insbesondere bei ihren Ausflügen ins Filmfach. Aber wenn sie gut war, dann war sie die Beste. Und deshalb gibt es auf die Frage, ob sie die wichtigste Künstlerin des 20. und vielleicht auch des 21. Jahrhunderts ist, bis auf weiteres nur eine Antwort. Absolut.

Matthias Weiß ist Kunsthistoriker und Theaterwissenschaftler. 2007 promovierte er mit Madonna revidiert. Rekursivität im Videoclip (Reimer Verlag)

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