Auf keinen Fall die Mitte

Leben In ihrer Kindheit spielte die Mauer scheinbar keine Rolle. Doch als sie fiel, fragte unsere Autorin zum ersten Mal: Worin besteht das eigentlich, Heimat?

Marian hat mir manchmal zugehört, wenn ich zur Gitarre gesungen habe. Kleine Hände wollte sie immer wieder hören. „Sind so kleine Hände, winz’ge Finger dran, darf man nie drauf schlagen, sie zerbrechen dann...“ – Mein Vater hatte es mir beigebracht, Mitte der Achtziger, da war ich vielleicht zehn Jahre alt.

Nach dem Sonntagsfrühstück hatte er die Gitarre genommen, und mir Kinder von Bettina Wegner vorgesungen. Ich liebte es und übte jeden Tag. Ich spielte es meinem Gitarrenlehrer vor, der mich bewegt fragte, ob ich es beim Prüfungsvorspiel vortragen würde. Begeistert berichtete ich abends meinem Vater davon. Er schaute mich besorgt an. „Das geht nicht“, sagte er leise. „Das darfst du nicht singen.“ Ich habe es nicht verstanden, und er erklärte es mir nicht. Ich fühlte mich beraubt. Er hatte mir etwas gegeben – und es mir wieder weggenommen.

Viele Jahre später habe ich Bettina Wegner besucht. Sie wohnte noch immer in dem Haus am Rande von West-Berlin, in dem sie sich niedergelassen hatte, weil sie sonst in der DDR lebenslang Berufsverbot gehabt hätte. Sie sah müde aus, eine ältere Frau in einem roten Pullover, ein bisschen gebückt, ein bisschen vergessen. Sie rauchte filterlose Gitanes und schaute lange in ihren verwilderten Garten. Später erklärte sie, was das Gute an den Filterlosen sei: Wer keine Filter zwischen sich und der Welt hat, der brennt durch. „Ist so’ n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht. Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht...“ Als ich ihr meine Geschichte erzählte, wehrte Wegner ab: „Ach dieses Lied“, sagte sie nüchtern, „ich kann’ s nicht mehr hören.“ In der DDR war es verboten, im Westen hätten die Leute sie immer gefragt: „Sind Sie das mit den kleinen Händen?“ Immer nur das. Für sie war es nur ein Lied. Mir aber wurde klar: Das Lied war ein Stück Heimat für mich gewesen. Und es zu verbieten war so lächerlich. Ich spürte damals: Im Leben meines Vaters gab es etwas, das ich noch nicht kannte.

Als dann die Mauer fiel, vergrößerte sich meine Welt – und verschwand gleichzeitig. Jedenfalls empfand ich es so für das Leben, das ich bis dahin geführt hatte. Damals fragte ich mich und Marian zum ersten Mal: Worin besteht das eigentlich, Heimat?

Sie war 1986 aus einem fernen, für mich damals unerreichbaren Land in meine Klasse nach Berlin-Lichtenberg gekommen. Ich hatte Marian angelächelt, und sie hatte sich neben mich gesetzt. Seitdem trafen wir uns jeden Morgen an der Kaufhalle. Wir hatten denselben Schulweg. Sie wohnte nur ein paar Straßen weiter. Manchmal hörten wir Musik aus ihrer Heimat. Was das eigentlich für ein Ort war, den Marian als Kind verlassen hatte, wie es dort aussah, was er ihr bedeutete, das hat mich damals kaum interessiert. Sie war ja hier, wo ich zuhause war, in meiner Welt, und für mich war das damals auch ihre.

Nach dem Fall der Mauer besuchte sie wieder das Land, in dem sie geboren worden war – was nicht ungefährlich war und auch heute nicht ist, weswegen ihr echter Name und der ihres Landes hier nicht genannt werden soll. Wir diskutierten oft, wo wir beide eigentlich zuhause waren. Ich würde zu sehr an Orten kleben, am Vergangenen, an unserer Kindheit, sagte Marian dann. Ich habe das lange nicht hören wollen. Ich brauchte Zeit, um mich zu lösen, sie hatte diese Erfahrung schon hinter sich.

Im Cabrio mit einer Wilden

Eigentlich hatte ich meine erste Begegnung mit dem Westen 1992, da war ich noch auf dem Gymnasium. Ich fuhr als einzige Ostdeutsche in ein Sommercamp mit Italienern, Deutschen und Franzosen an die südfranzösische Atlantikküste. Narciso saß auf den Treppen unseres Ferienhauses, er hatte schwarze Locken und pfiff lässig vor sich hin. Er war der Betreuer der italienischen Gruppe. Wenn er meinen Namen aussprach, lispelte er ein bisschen. Sein Kumpel war ein Anarchist aus Mailand. Wir spielten zusammen Theater, er sang mir Lieder von Vasco Rossi ins Ohr. „Komm mich in Italien besuchen“, sagte er beim Abschied. Ein paar Monate später saß ich im Zug nach Mailand.

Ich dachte daran, wie ich früher manchmal mit Marian Zelten gefahren bin, nach Brandenburg. Nun zeigte mir Narciso auf seinem Motorrad die Hügel von Bergamo und abends bewirtete er mich in einem verwunschenen Bauernhaus mit selbst gemachten Spaghetti Bolognese. Einmal klingelte sein Handy während des Essens. „Pronto? Si! Ihrer Tochter geht es gut“, rief er und sah mich lachend an. Ich verschluckte mich fast am Chianti. Mein Vater hatte angerufen. Ich konnte mir vorstellen, wie hilflos er sich fühlen musste. Italien war ihm damals noch so fremd wie mir. Ich fand es mutig, dass er anrief. Mein Vater hatte verstanden, dass mein Trip mehr war als eine Schwärmerei für einen schwarz gelockten Italiener. Es war mein Sprung in die neue Welt.

Während meines Studiums dann fuhr ich nach Freiburg im Breisgau für ein Praktikum. Am Bahnhof wartete meine Vermieterin. Sie hatte Falten im Gesicht, knallrote Lippen und trug ein Seidentuch in den Haaren. Sie steuerte ihr Cabrio wie wild durch die größte Fußgängerzone der Stadt. Sie und ihr wesentlich jüngerer Freund hätten gerade eine Auszeit, rief sie. Abends servierte sie in ihrem Wintergarten Schnaps, und zeigte mir lauter Artikel, die sie archiviert hatte: Porträts von starken Frauen wie Josephine Baker, Christa Wolf, Brigitte Reimann. Sie kannte sich besser mit ostdeutschen Biografien aus als ich. Meine Mutter sei doch sicher auch so eine Selbstbestimmte?

„Ja“, sagte ich, und mir fiel ein Streit mit meiner Mutter ein, bei der es um Emanzipation gegangen war. Um ihre. Meine Mutter klingt stolz, wenn sie über ihre Arbeit, ihre Ehe, ihre Kinder spricht. Der Weg, den sie gemacht hat, er scheint geradlinig, folgerichtig. Und dennoch hatte ich sie einmal gefragt: „Warum habe ich meinen Vater zuhause nie abwaschen sehen?“ Sie hatte geantwortet: „Dafür macht er eben andere Sachen.“ Sie müsse das nicht ständig aufrechnen. Ich wunderte mich. Jetzt redete ich mit einer badischen Bohémienne über das Selbstverständnis von Ostfrauen. Aber mir schien, als hätte ich selbst damit nichts zu tun. Klar, ich wollte auch mal Kinder, einen Job, irgendwann. Aber in Freiburg wollte ich mich erstmal selber finden.

Die Zeitung für die ich damals arbeitete, wollte, dass ich einen Text über Heimatverlust schreibe. Die Redakteure dachten wohl, dass ich – ein „Wendekind“ – dazu schon etwas sagen könnte. Ich habe den Artikel nun noch einmal gelesen, es ging um Ostrock-Discos, den Kick der Melancholie, um Punkte statt Zensuren und um Lehrer, die uns über Nacht das Grundgesetz erklären mussten. Heute klingt der Text oberflächlich, was hatte das alles mit mir zu tun? „Vielleicht habe ich das Gefühl, alles hätte langsamer gehen müssen, damit ein Stück Heimat mit in den Westen kommt“, schrieb ich damals. Dieser Satz immerhin stimmte.

Dann ging ich nach Paris. An meinem zwölften Geburtstag, hatte meine Mutter mir Bonjour tristesse von Francoise Sagan geschenkt, ich las das Buch in einer Nacht durch und begann, Französisch zu lernen. Diese Traurigkeit von Cécile, sie war so beiläufig, so verführerisch, so dekadent. Als Kind war auch Frankreich für mich unerreichbar gewesen. Jetzt war ich dort.

Meine erste WG, in der ich in einer Nacht im September 2001 ankam, lag über einer lärmenden Kneipe in einem Einwandererviertel. Ich fuhr morgens mit der Metro in die Uni, kam am Intellektuellen-Café Flore vorbei und an den Boutiquen der Strickdesignerin Sonia Rykiel. Mittags traf ich in der Kantine des Centre Pompidou eine Freundin, sie war meine Nachbarin, Bretonin und schimpfte oft über rechte Politiker. Abends nahmen wir den Aperitif manchmal auf dem Boden ihres Zimmers Wir aßen deutsches Schwarzbrot mit Käse und sie schwärmte von ihren Projekten in Afrika. Sie schrieb gerade eine Hausarbeit über die Beschneidung von Frauen in Mali, und zeigte mir Bilder, die sie in afrikanischen Dörfern gemacht hatte. „Und was beschäftigt dich?“, fragte sie. Ich war sprachlos. Ich saß hier mit ihr in Paris. Was sollte ich sonst noch sagen? Ich suchte nach einer Haltung, nach einem Platz in der Welt.

Odyssee durch die Metro

In meinem Journalistikkurs bekamen wir von einem Redakteur des Figaro die Aufgabe, eine Reportage über illegale Einwanderer zu schreiben. Ich streifte durch die Straßen meines Viertels, sprach zwei junge Männer an. „Voilá, hier sind wir“, sagten sie. Wir gingen in ein Café, hörten algerische Pop-Musik und tranken Minztee. Die beiden berichteten von ihren Odysseen durch Pariser Metro-Bahnhöfe, auf der Suche nach einem Schlafplatz, vom Duschen in Schwimmbädern, das für Obdachlose eigentlich verboten ist. Dann zeigten sie mir das Appartement, in dem sie untergekommen waren. Sie renovierten es gerade für die neuen Eigentümer. Danach wollten sie sich ein neues Zuhause suchen. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, wieder das Gefühl, etwas sagen, eine Position beziehen zu müssen.

Ich ging auf ein Konzert. Es regnete, auf der Bühne saß ein blasser Mann und sang melancholische Lieder, die hier alle kannten. Die Menschen feierten, sie waren eine Gemeinschaft, ich war dabei, aber ich gehörte nicht dazu. Es war ein bisschen wie früher bei Marian, wenn sie und ihre Familie Feste feierten und ich dort die einzige Deutsche war. In Paris konnte ich das genießen. Ich war heimatlos, aber bei mir. Ich war frei.

„Tizi Ouzo“, sang der Mann auf der Bühne. „Das ist meine Heimatstadt. Weißt du, wo sie liegt?“, fragte ein Typ, der neben mir nur mit seinen Hüften tanzte. Ich hatte nie von Tizi Ouzo gehört. Er sei Kabyle, Berber, und schrieb seinen Namen auf meine Hand. Ich wollte mich verlieren. Sein Badezimmer lag auf halber Treppe, er wohnte, duschte und schlief auf zwölf Quadratmetern. Auf einer winzigen Herdplatte setzte er ab und zu Cous-Cous an, á la maison, wie er es von seiner Mutter gelernt hatte. Er war weggegangen, um in Paris zu studieren, aber er studierte fast nie. Nachts arbeitete er in einem Vorort als Nachtwächter, tagsüber schlief er. Seine Wäsche brachte er einem „Cousin“, seine Hemden kaufte er bei nordafrikanischen Freunden auf dem Markt.

Wir könnten mal in die Normandie fahren, schlug ich vor, eine Gegend, die wir beide nicht kannten. Er schwieg einen Moment. Er spare sein Geld, um in den Ferien seine Heimat zu besuchen. Ich schluckte. Er war gekommen, um bald wieder zu gehen, er wollte zurück nach Hause. Ich dagegen suchte Abstand zu meiner alten Heimat, um eine neue zu finden. Für uns beide war Paris nur eine Station.

Ich bin nach Berlin zurückgekehrt. Vor einer Weile saßen Marian und ich in ihrer Küche: Wir redeten wieder einmal über uns in diesem neuen Deutschland. „Und, hast Du Deine Heimat gefunden?“, fragte sie mich. Ich zögerte. Mir kam Halb und Halb in den Sinn, Hans-Eckardt Wenzels Lied aus dem Jahr 1989, das mir später ebenso wichtig wurde wie Kleine Hände: „Immer nur die Mitte, immer nur das halbe Glück, halber Zorn, halbherzige Bitte, vom Leben nur ein halbes Stück, halb und halb, halb heiß, halb kalt...“ Wir redeten an diesem Abend viel, Marian und ich. Wir mussten uns aber kaum mehr etwas erklären.

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Ihre Freitag-Redaktion

15:00 13.08.2011
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

Ausgabe 41/2021

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