Auf Wiedersehn im Gulag

Eventkritik Christoph Maria Herbst liest aus seinem Buch über das Traumschiff. Und kokettiert damit, dass der Verlag den Verkauf seiner Bord-Enthüllungen stoppen musste

Die Schlange vor der MS Dussmann geht bis auf die Friedrichstraße, und sie zieht sich auch durch das Foyer des Kulturkaufhauses. „Wat gibt’s ’n hier, Bananen?“ fragt ein älterer Mann. „Nee, ’ne Lesung“, antwortet seine Frau. Wer denn lese? „Na, Joe Herbst oder so.“ Sie meint Christoph Maria Herbst, Comedy-Star und seit kurzem Buchautor.

Eine Frau um die sechzig will noch schnell das Buch zur Lesung kaufen und fragt die Kassiererin, wo sie es bekomme. „Gar nicht!“ Aber es gebe Autogrammkarten. Die Fans harren mehr als 40 Minuten aus, dann ist Einlass. Vor allem jüngere Leute strömen ins Untergeschoss. Dort warten schon mehrere Fotografen. Auf dem Tisch, auf dem sonst Bücherstapel liegen, sind Zettel verteilt, auf denen steht: „Ein Traum von einem Schiff ist leider erst ab Freitag, 11. Februar 2011, wieder im Handel erhältlich. Möchten Sie das Buch heute vorbestellen?“

Eitel, sehr eitel

Die Auslieferung des Bestseller aus dem Scherz-Verlag musste gestoppt und einige Passagen geschwärzt werden. Nun rätseln alle, warum. „Es war wohl an einigen Stellen etwas anstößig“, sagt eine Dussmann-Mitarbeiterin. Wen juckt’s – es sind 150 Leute gekommen, weitere 50 begehren Einlass. Christoph Maria Herbst erscheint pünktlich, aber absolviert erstmal ein Shooting, bei dem er demonstrativ sein Buch in die Kameras hält und so fies lächelt wie Stromberg. „Eitel, sehr eitel“, flüstert eine Dame. Dann steht Herbst auf der Bühne, Kameras blitzen. Er sieht aus, als sei er eben von Bord der MS Deutschland gegangen, braun gebrannt, Dreitagebart, ziemlich lässig.

„Es ist brechend voll. Warum? Na, wegen Christoph Maria Herbst“, schwärmt die Ansagerin. Sie weiß, es kommen sonst nur um die 20 Leute zu diesen Lesungen. Auch Herbst weiß das. „Ich soll in die Kameras winken, weil ganz Deutschland zugeschaltet ist bei diesem Event“, grüßt er. Es seien doch sicher auch ein paar versprengte Stromberg-Fans hier, oder? Applaus. Treue Traumschiff-Zuschauer sucht man hier dagegen vergebens: „Das ist mir zu albern, wie die Alten da rumspringen, das tue ich mir nicht an“ erzählt eine Dame, die optisch durchaus auf ein Kreuzfahrtschiff passen würde.

Bevor Herbst anfängt zu lesen, muss er noch etwas loswerden. „Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass diese Zen ...äh, diese einstweilige Verfügung“ (der erste Lacher) „noch aufgehoben wird.“ Und was das Signieren ohne Bücher angehe: „Ich schreibe auch gern auf Körperteile“. Er schlägt sein Buch auf („Ja! Ich habe noch eins“). Er hat es während der Dreharbeiten auf dem Kreuzfahrtdampfer verfasst. Für eine Nebenrolle in der Neujahrs-Folge war er mit nach Bora Bora gereist: 5 Drehtage in 5 Wochen.

Knüller, Knaller, Kracher

Zuerst beschreibt Herbst die Begegnung mit dem Traumschiff- und Schwarzwaldklinik-Produzenten Wolfgang Rademann. „Grüß dich, ick bin der Wolfjang“, so habe Rademann ihn entwaffnet, erzählt Herbst. Er sei ein großer Junge von graziler Wucht, der immer „Knüller, Knaller und Kracher“ sagt. Elf Bier später sagt Herbst zu Rademann: „Es wird mir eine Ehre sein, auf deinem Fuck, äh, Flaggschiff mitzufahren.“ Er beschreibt Rademann detailreich, sarkastisch und dennoch irgendwie liebevoll, das kann er gut. Er lässt ihm seine Würde.

„Werde ich genügend untalentiert spielen können, um zu überzeugen?“, fragt er sich. Denn es gehe in der Serie ja weder um die Rolle noch um Dialoge, sondern nur um eine Kulisse, die Träume transportieren soll. Von Stromberg auf die MS Deutschland, das sei für ihn wie ein Trip von der Schlossallee in die Turmstraße. Der Abend lebt davon, wie gestenreich der Schauspieler seine Texte vorträgt, von seinen Betonungen, dem Brüllen, den Grimassen.

Im Flugzeug nach Panama begegnet er der Traumschiff-Crew, „dieser Dings, äh, na, die Werbung für Spinatkügelchen macht, fällt mir gerade nicht ein“. Er trifft ein Jopi-Heesters-Double, das wie eine Mischung „aus leck geschlagener Minibar und Altherren-Brodem“ wirkt und das er am liebsten gefragt hätte: „Und, hatten wir heute schon Stuhl?“ Hm. Die Possen sind erwartbar, aber Herbst kann doch eigentlich mehr. Kommt da noch was? Kurze Pause. „Das ist jetzt die geschwärzte Stelle.“ Herbst hält das Buch in die Kameras, man sieht eine schwarze Seite. Er liest amüsiert weiter: Biep, biep, biep, biep.

Hommage ans Traumschiff

„Ist das nicht ein Knaller“ – mit diesen Worten hatte er vor kurzem in einer Talkshow berichtet, dass das Buch vom Markt genommen wurde. Die Gesichter von Moderator und Gästen wirkten nicht überrascht. Herbst versteht nicht, wie sich jemand persönlich verletzt fühlen könnte, sein Buch sei doch eine Hommage an das Traumschiff – „wenn auch auf verquere Weise“. Auch an diesem Abend kokettiert er mit dem kleinen Skandal, er bedankt sich für die kostenlose Werbekampagne. Man wird das Gefühl nicht los, dass all dies schon vorher in einem PR-Drehbuch gestanden haben könnte, dass die einstweilige Verfügung und die Koketterie damit ein gewiefter Schachzug gewesen sein könnten. Denn das gilt immer: Ein verbotenes Werk ist besonders heiße Ware.

Herbst liest von der Überschwemmung im Hotelzimmer in Panama. Er ist die perfekte One-Man-Show. Manchmal klingt er mit seiner Singsang-Stimme wie ein Priester, sein ursprünglicher Berufswunsch. Na klar, er heißt ja Maria, schlussfolgert eine Zuhörerin. „Der muss katholisch sein.“

Herbst imitiert einen schwäbischen Metzger, den er auf dem Schiff traf. „Können se mesch nisch unterbringe beim Film?“ Bravo-Rufe aus dem Publikum. Auch wenn seine Satire weit weniger subtil ist als in Stromberg. „Na dann bis November, auf meiner Lesereise. Oder wir sehen uns im Gulag wieder, in dem ich dann inhaftiert sein werde“, verabschiedet er sich. Er signiert noch geduldig Autogrammkarten. Einem Mann im Rollstuhl ruft er zu: „Sie haben gelacht – ich hoffe, nicht unter ihrem Niveau.“ Der Mann schweigt.

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Ihre Freitag-Redaktion

15:50 08.02.2011
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

Ausgabe 42/2021

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