Er darf das

Rainald Grebe Grebe trat vor fast 20.000 Leuten in der Waldbühne auf, mit Liedern übers Angeln, die neuen Bundesländer, Öko-Spießer und das Ende der Spaßgesellschaft: Er singt über uns

Der Regen hat sich verflüchtigt, auf der Bühne stehen am Samstagabend ältere Damen in roten Kleidern, der Gropius-Chor singt vom Knab, dem Röslein, und dem entsprungenen Roß. Hinter uns sitzt Ulrike Folkerts, die Tatort-Kommissarin, eingehüllt in ein Regencape, und schaut überrascht. Volkslieder? Hey, es ist die Waldbühne.

Es ist aber noch ein Boxring aufgebaut, hier hat schon Bubi Scholz gekämpft und Max Schmeling zelebrierte seinen Abschiedskampf. Heute braucht ein Nachwuchsboxer aus Griechenland "unsere gesamte Unterstützung", so der Moderator. Der Grieche muss sich gegen einen Usbeken behaupten. Gegen wen?

Wenn Griechenland auch so kämpft, sei ihm nicht bange um das Land, resümiert der Moderator nach dem Fight. "Aber die haben doch verloren", schallt es von den Holzbänken. Da bläst schon die Bolschewistische Kurkapelle, marschiert durch die Reihen und offeriert Satzfetzen, in denen auch die Russendisko vorkommt - die Party ist Kult in der Hauptstadt.

Fast 20.000 Leute schauen zu als Grebe schließlich auf einem Wallach seine Aufwartung macht. Der introvertierte, etwas verschrobene Typ am Klavier, er trägt jetzt Indianerfedern im Haar und versucht, ein Pferd zu bändigen.

Schwulenwitze und Chai-Chai-Latte to go

Hallelujah Berlin heißt die Show, die auch als Nachfeier seines 40. Geburtstags angekündigt wurde.

Wowereit wird kurz eingeblendet, der Bürgermeister, er wisse ja, was "Nachtarbeit" ist, beißt Grebe, aber nicht mehr lange.

Dann fängt er mit seinem 3-Stunden-Programm an, er steigt in den Ring, seine Arena, und wird erst nur von Gitarre und Drums begleitet. Der erste Hit: Dörte, die Studentin, die der "Ausweg aus der Spaßgesellschaft" ist, da hat er sie schon, seine Fans. Weiter mit einem Lied übers "Angeln", Grebe besteigt nun die große Bühne, fläzt sich auf einen Klappstuhl, "am Ufer gegenüber schreit der Rainer, verdammt, da beißt schon einer, wir fischen..." Und am Ende heißt es: "Nenn mir vier schwule Flüsse: Rhein Inn Main Po"... Oh.

Wowi schaut doch zu, und Ulrike Folkerts, und überhaupt, darf er das?

Die meisten Musiker seines Orchesters stammen aus den neuen Bundesländern, einer aus "Ostberlin", wie Grebe betont. Der Bassist sieht eher aus wie der junge Langhans (und kleidet sich wie der Alte), ein DJ aus Thüringen ähnelt Diktator Gaddafi.

Grebe macht Zirkus, er domptiert seine Musiker und sein Publikum, er reißt die Augen auf, schmeißt die Arme in die Luft, er gibt dem Volk was es haben will, den Hass auf "Chai-Chai-Latte to go"- und Prenzlauer Berg, ach ja. Haha.

"Wer kommt hier aus Prenzlauer Berg", fragt er - und außer mir meldet sich noch eine andere. Wir werden minutenlang ausgebuht. Ist Verführung wirklich so einfach? Wissen die denn nicht, dass Grebe selber...? Er klärt auf, er besitze natürlich selber eine Clubkarte der LPG, dem größten Bioladen Europas. Also darf er.

Grebe verführt, gleichzeitig führt er uns jedoch vor, er selber sei der Mittelschichtstyp par excellence - aufgewachsen in Frechen bei Köln, ohne Sorgen, die Tapete farblich passend zu den Servietten und zum Pullover - German Beauty des 20. Jahrhunderts. Zum Fasching ging er nicht als Punk sondern als Clown (man sieht den 9-Jährigen auf einem eingeblendeten niedlichen Kinderfoto). Es war wohl der Ausweg aus der Wohlstands-Langeweile. Er ist Clown geblieben.


Er ätzt weiter, gegen 30-jährige Pärchen, Uschi und Dirk, die Sushi essen, ihre Eltern verachten und auf Pfeffermühlen Luftgitarre spielen, Großstadt-Bohémiens, die aufs Land abhauen, über die Dörfler aber lästern, weil die ja so dumpf sind, dann sind sie doch lieber wieder anonym.

Seine neue Platte, verrät er, werde eine "grüne". Scheiß Co2, brüllt er ins Mikro. Es klingt nach Terror.

Grebe ist der Alleinunterhalter, er braucht eigentlich nur ein paar seiner züchtigen - manchmal etwas flachen - Sätze ins Mikro schreien, die Zuhörer folgen ihm, grölen auch mit, wenn sie gerade von ihm verarscht werden. Er hat sie in der Hand - das ist ein bisschen beängstigend.

Zwischendurch bringt er noch eine Ballade, geschrieben mit 19, da wollte er wie Clint Eastwood sein, ein lonely cowboy, dem keine Frau mehr die Seele rauseißen kann. Das bewegt, weil es ehrlich ist, so ungewollt.

Plötzlich holt er einen Behinderten auf die Bühne, der dabei war, damals, 1965, als hier die Stones auftraten und hinterher die Waldbühne demoliert wurde: "Los, steht alle auf, auf die Bänke, lasst uns die Waldbühne zertrampeln", ruft der im Rollstuhl. Das Publikum trampelt, kurz. Was soll das?

Schmeling, die Stones, Grebe?

Lieber ein bisschen Puppenspiel (Grebe hat an der Hochschule "Ernst Busch" in dem Fach diplomiert).

Sie steht ihm, die große Bühne, und er vergrault die 14.000 Leute auch nicht als er nacheinander die Landeshymnen der Ostler anstimmt: Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen, Meckenlenburg-Vorpommern... Ein Pärchen aus MV ist extra für das Konzert angereist, sie spenden stehend Applaus, sie sind stolz, dass einer überhaupt über ihr Bundesland singt und ihm damit Aufmerksamkeit verleiht. "Hier kann man rudern, wandern und fürstlich schlemmen...dafür stehen wir: Ayurveda und Hartz IV" - sie können darüber lächeln, sie leben längst nicht mehr da.

Grebes Spektakel endet mit "Brandenburg"- und standing ovations.

Gainsbourg für Brandenburg

Nun fängt Wowereits Schicht an, After-Show-Party im Clubhaus. Es gibt Currywurst, Kartoffelsalat und Steak.

Wie fand er eigentlich den Schwulenwitz?

"Ein Witz wie jeder andere... bei dem ist doch nichts politisch korrekt". Aha.

Neben dem Regierenden steht Oliver Welke, Star der Heute-Show und nickt. "Der macht die schlechten Witze doch absichtlich, gerade um Ressentiments zu bedienen. Er darf das. Diese Sinnlosigkeit ist Konzept - irgendwas zwischen Dada und Rockstar".

Comedien-Guru Thomas Hermanns hat Grebe einst in den Quatsch-Comedy-Club geholt, und er ist auch hier, winkt Pastewka zu. Grebe sei für ihn "ein großer Poet, ein Serge Gainsbourg, weil er sich zwischendurch auch mal eine Emotion zutraut...".

Unser Serge. Gainsbourg für Brandenburg.

Gainsbourg-Grebe taucht schließlich doch noch auf, aber er bleibt etwas abseits, am Rand, und verschwindet schnell wieder.

Sein Zeitzeuge im Rollstuhl, stellt sich heraus, war beim Stones-Konzert 65 gar nicht dabei. Es ist ein Schauspieler aus Leipzig. Grebe hat ihn für die Show engagiert.

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Ihre Freitag-Redaktion

15:30 19.06.2011
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

Ausgabe 41/2021

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