Im Namen der Rose

Freedom Theatre Es ist die erste Tournee des Freedom Theatre nach dem Tod von Juliano Mer Khamis. Im Anschluss redete das Publikum dann auch lieber über Politik als über die Vorführung

Sho Kman - was noch? Das Stück war seit Tagen ausverkauft.

Bevor es am Sonnabend in der Schaubühne beginnt, ruft eine deutsche Pressefrau zu Spenden für das Freedom Theatre auf. Seit dem Mord an Juliano Mer Khamis, seinem Gründer, befindet es sich in einer prekären Lage, nicht nur finanziell. Mehrere Schauspieler haben Morddrohungen erhalten, andere wurden von Israelis auf Verdacht festgenommen, ergebnislos zwar, aber die entstandenen Anwaltskosten sind hoch.

Das Freedom Theatre aus dem palästinensischen Flüchtlingslager Jenin tourt gerade durch Deutschland - es ist das erste Gastspiel seit Julianos Tod im April dieses Jahres. Die Wunde sitzt tief. Regisseur Nabeel Al Raee, der das neue Stück inszeniert hat und das Theater nun in eine Nach-Juliano-Ära führen möchte, erinnert in einer kleinen Rede an ihn und dann wird ein kurzer Film gezeigt. Man sieht darin Kinder in den staubigen Straßen des Flüchtlingscamps, die in die Kamera sagen, was Hoffnung für sie bedeutet. Und immer wieder sieht man Juliano, auf einer Mauer sitzend und über die Zäune schauend, die das Camp umgeben. Auch er redet von "Freedom" und von seiner Botschaft: Kunst ist Widerstand.

Dann kann das Theater losgehen: Eine leere Bühne, wenig Dekor. Scheinwerfer gehen an, mehrere schwarz gekleidete Männer winden sich vor Schmerz, Bombenlärm donnert minutenlang, laut, durch den Raum. Die Schauspieler verbergen sich, rennen, kämpfen, sie brauchen wenig Worte, um zu vermitteln: Es ist Krieg. Sie tanzen, werden gefoltert. Es sind Gefangene ihrer eigenen Welt, die Kinder der Intifada, man kann das körperlich spüren. Wenn einer der Akteure rappt, klingt es wie eine Kalaschnikow. Einmal halten sie den Schlüssel der Freiheit in der Hand, eine Farce. Das Stück als Tretmühle.

"So iss ja auch der Konflikt", kommentiert danach eine Frau in der dritten Reihe, während vorn auf der Bühne eilig Stühle aufgebaut werden, es soll noch eine Diskussionrunde mit den Zuschauern geben.


Der Regisseur und die palästinensischen Schauspielschüler der Schule des Freedom Theatre sitzen in einer Reihe neben den Übersetzern und schauen in das saturierte deutsche Theaterpublikum. Seltsame Szene.

"Das Team möchte wissen, was Sie so aufgerieben hat", sagt die deutsche Pressefrau. Es bleibt still.

Dann meldet sich einer: "Ich komme aus Gaza und als ich das Stück gesehen habe, wusste ich wieder, warum ich weggegangen bin: soviel Gewalt", sagt dann ein Mittvierziger ins Mikro, er habe einen Verein gegründet: Juliano und Freunde. Das Team nickt. "Juliano wurde von Islamisten, nicht von Israel umgebracht", ruft ein deutscher Mann mit Stoppelbart und Trainingsjacke und erntet Widerspruch, es folgen mehrere Wortmeldungen.

"Nicht Islamisten, nicht Israelis - die Besatzung hat Juliano umgebracht - und das Stück ist die Anwort!", kommentiert ein Pakistani. Es geht hier natürlich um Politik, und jeder hat eine Meinung zu dieser unendlichen Geschichte.

"Ich komme aus Israel", sagt eine unauffällige Mittvierzigerin sehr ruhig. "Ich kann mir das Stück nicht in Jenin ansehen, ich darf dort nicht hin. Hier bin ich in den Ferien und glücklich, dass ich euch zuschauen kann." Mehr muss sie nicht erklären.

Der kleine politische Konflikt wird hier im Theater zu einem universellen, einem Votum für das Humanitäre an sich. "Das ist eine Schwäche, denn damit wird das Stück verschieden interpretierbar", kritisiert ein eleganter Herr im Kaschmirpullover. "Was war die Frage?", antwortet Nabeel, der Regisseur. Ach, es langweile ihn, wieder nur einen Checkpoint zu zeigen, mit israelischen Soldaten und Palästinensern die ihre ID hervorholen. Das sei ihm viel zu konkret. It' s a play, common!

Es ist das Spiel ihres Lebens. Ist es Therapie für die Schauspieler, wenn sie ihre Realität spielen?

"Vor zwei Jahren war ich mit Juliano hier in der Schaubühne", erzählt Faisal, der ein T-Shirt mit der Aufschrift Art is Resistance trägt."Er war mein erster und einziger Lehrer". Nach der Ermordung habe er einen Monat geweint, nun kämpfe er weiter für die Freiheit, und für seine Ambitionen: "Ich will der beste Regisseur in der arabischen Welt werden."

Für seinen Kollegen Anas war der Tod von Juliano "als hätte jemand eine Rose weggepflückt. Nun wächst wieder eine neue Rose, sie wird immer schöner...". Er meint das Theater. Wenn es nach dem Zwanzigjährigen ginge, würde sein Weg ihn weit weg führen von Jenin. Nach Hollywood.

Sho Kman - was noch?, mit Studenten des Freedom Theatre
Idee und Regie: Nabeel Al Raee und Zoe Lafferty

Das Freedom Theatre ist noch bis zum 28.11. 2011 auf Deutschlandtournee

Termine: Schaubühne Berlin am Mittwoch, 28.09. und Donnerstag, 29.09.2011

Weiteres auf: www.thefreedomtheatre.org


MI28.09. 20:30 K18 - 12 Karten hier kaufen

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Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin „Kultur“

Maxi Leinkauf studierte Politikwissenschaften in Berlin und Paris. Sie absolvierte ein Volontariat beim Tagesspiegel. Anschließend schrieb sie als freie Autorin u.a. für Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel und Das Magazin. 2010 kam sie als Redakteurin zum Freitag und war dort im Gesellschaftsressort Alltag tätig. Sie hat dort regelmäßig Persönlichkeiten aus Kultur und Zeitgeschichte interviewt und porträtiert. Seit 2020 ist sie Redakteurin in der Kultur. Sie beschäftigt sich mit ostdeutschen Biografien sowie mit italienischer Kultur und Gesellschaft.

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