Leben im Bullshit

Interview Mathilde Ramadier will keine Welt, die aus Coworking Spaces besteht. Die Freiheit der Start-ups ist für sie eine neoliberale Lüge

Ein Hinterhof in Berlin-Kreuzberg, geräumige Wohnküche, Büro und Kinderzimmer. Im Flur hängt eine historische Frankreich-Karte und das Bild einer Nackten, die auf einem Pferd reitet. Sie habe es vom Pariser Flohmarkt, sagt Mathilde Ramadier sanft. Im Gespräch klingt sie dann resoluter.

der Freitag: Frau Ramadier, Sie waren in zwölf Berliner Start-ups tätig. Wie kamen Sie in diese Sphäre?

Mathilde Ramadier: Ich kam 2011 von Paris nach Berlin und suchte einen Job, denn von meiner Arbeit als Autorin konnte ich noch nicht leben. Die Stellenanzeigen der Start-ups klangen sexy, nach einer Welt des befreiten Arbeitens.

War das naiv?

Ja, ich merkte schon nach ein paar Tagen, dass die Leute unter Druck stehen und Angst herrscht. Ich hatte zwar schon in Paris als Praktikantin in der Werbebranche gearbeitet und wusste, wie sinnentleert Arbeit sein kann. Aber das war zumindest ehrlicher, da werden keine Lügen erzählt. Niemand sagt: „Wir verbessern die Welt.“

In welchen Branchen waren Sie?

Ich war fast nur im Internet-Handel, bei Plattformen, die etwas verkauft haben. Vor allem arbeitete ich als Content-Managerin, habe jeden Tag Newsletter übersetzt oder Excel-Tabellen mit Schlüsselwörtern für Google-Roboter ausgefüllt, damit Suchmaschinen Artikel finden. Dafür musste man ein Masterstudium vorweisen.

Sie hatten das einer Eliteuni.

Ich musste monotone Dinge tun. Ein Start-up verkaufte Möbel, ein anderes hatte eine Datenbank für Kunst, ein weiteres bot Fernunterricht an. Dort mussten Professoren 24 Stunden verfügbar sein und verdienten zehn Euro die Stunde. Es ist diese Art Arbeit, für die man überqualifiziert ist, die der Soziologe David Graeber Bullshit Jobs nennt. Mich hat das kaputt gemacht, bis zum Bore-out.

Wie viel konnten Sie verdienen?

Als Selbstständige bekam ich etwa zehn Euro die Stunde. In meinem ersten Start-up machte ich jeden Tag Überstunden und bekam im Monat 500 Euro. Es hieß: Wir wollen dich fest anstellen, nur müssen wir einen Monat Probezeit machen. Dafür habe ich einen Selbstständigen-Vertrag bekommen. Mein Chef hatte anfangs 1.500 Euro Gehalt versprochen, er habe dann mit der Verwaltung geredet und könne nur 500 Euro zahlen. Ich habe gelacht und schon meinen Mantel angezogen. Da sagte mein Chef arrogant: „Mathilde, kannst du nicht, oder willst du nicht? Wenn du nicht bereit dafür bist, kannst du auch als Hostess auf einer Messe arbeiten.“ Wird dieser Mann die Welt verbessern?

Viele unterwerfen sich freiwillig dieser Knechtschaft.

Ja, sie wollen um jeden Preis in Berlin oder anderen europäischen Metropolen leben. Sie wollen nicht in großen Konzernen arbeiten.

Das Versprechen lautet: „Flache Hierarchien, alle sind frei, jeder hat seine Chance.“

Es gab Start-ups, bei denen wir alle Manager von etwas waren: People-Manager, Country-Manager, der Herr am Empfang war Office-Manager. Das Wort hatte keinen Sinn.

Weil alle Manager waren?

Man verteilte Titel wie Bonbons oder Karotten. Als wären wir alle eine große Familie, jeder gleich. Aber alle CEOs, die ich getroffen habe, waren weiß und männlich, Deutsche oder Amerikaner aus wohlhabenden Familien, alle zwischen 30 und 45. Frauen in führenden Positionen waren lediglich in der Personalabteilung oder in der Kommunikation tätig. Die Männer hatten alle diese „Coolitude“, diese Bro Culture, spielen Ping-Pong, Videospiele, tragen Sneakers.

Coolitude?

Ich meine eine Fake-Coolness. Dieses Immer-unter-Männern-sein- und-Bier-Trinken.

Sie haben 2017 ein Buch über Ihre Erfahrungen veröffentlicht. Darin analysieren Sie auch die Sprache der Firmen. Wofür steht sie?

Ich habe irgendwann bemerkt: Egal wie groß die Firma ist oder was sie genau treibt: Die Sprache ist immer dieselbe. Es ist die des Silicon Valley, der Superlative und der Metaphern. Alles ist übertrieben optimistisch. Alle sind einzigartig und frei. Und wenn jemand gefeuert wird, dann sagt man: Il est parti vers d’autres aventures. Er widmet sich neuen Herausforderungen. Es ist die oft verlogene Sprache des Neoliberalismus.

Elektro, Comics und French Touch

Techno war einer der Gründe für die heute 31-Jährige, nach Berlin zu ziehen. Mathilde Ramadier wurde 1987 in Valence (Drôme), in der Nähe der französischen Stadt Arles geboren. Ihr Vater ist Physikprofessor, ihre Mutter Literaturwissenschaftlerin. Sie studierte in Paris zunächst Grafikdesign, anschließend Philosophie und Psychoanalyse. 2011 machte Mathilde Ramadier an der renommierten Pariser Hochschule ENS ihren Master in zeitgenössischer Philosophie. Ihre Arbeit schrieb sie über Sartre und die Psychoanalyse.

Parallel moderierte sie mehrere Jahre lang beim Campus-Radio die Sendung PoneyClub54, die sich mit elektronischer Musik und digitaler Kultur beschäftigt hat. Ramadier war auch DJ.

Sie arbeitet mittlerweile nicht mehr in Start-ups, sondern als Autorin und Übersetzerin. Sie schreibt Drehbücher und Essays über Arbeitsrechte oder Feminismus. Außerdem hat sie Graphic Novels über den französischen DJ Laurent Garnier sowie über den Philosophen Jean-Paul Sartre veröffentlicht. 2015 brachte sie mit dem spanischen Zeichner Alberto Madrigal das Comic Berlin 2.0 heraus. Ihr Bericht aus der Start-up-Welt Bienvenue dans le nouveau monde (Premier Parallèle, dt. „Willkommen in der neuen Welt“) erschien im Februar 2017 in Frankreich und erreichte mehrere Auflagen. Das Buch wurde u. a. inLe Monde besprochen.

Mathilde Ramadier ist vor Kurzem Mutter geworden und lebt mit ihrem Freund und ihrer Tochter in Berlin-Kreuzberg.

Ihr Buch zielte mitten in den französischen Wahlkampf.

Ja, Macron wollte aus Frankreich eine Start-up-Nation machen. War ein heißes Thema. Auf der anderen Seite wurde ich attackiert – und zwar nur von Männern.

Trolls?

Ja, es waren aber auch Leute aus der Start-up-Sphäre. Sie beschuldigten mich, ich würde übertreiben: „Sie hat nur ein paar schlechte Erfahrungen gemacht, und jetzt schreibt sie ein Buch und profitiert davon.“ Einmal bekam ich eine Mail von einem Mann, der beim französischen Start-up-Verband ist: „Ich frage mich, wie sie es schaffen, in allen Medien zu sein, ohne dass sie etwas zu sagen haben. Aber immerhin sind Sie sehr süß.“ Ich habe einen Screenshot davon gemacht und den am 8. März, am Frauentag, auf Twitter gepostet.

Auch in Deutschland wurde das Buch besprochen. Es kamen ebenfalls Kommentare, die es in Zweifel ziehen. Sie haben gerade auf LinkedIn darauf reagiert.

Ja. Die Deutsche Welle hatte zum Jahresanfang ein kurzes Video veröffentlicht, in dem ich von meinem Lohn und meinen prekären Arbeitsverträgen erzähle. Darauf bekam ich die Mail eines Verantwortlichen vom Bundesverband Deutscher Start-ups: Er fragte nach den Namen der Firmen, für die ich gearbeitet habe. Ich wollte sie aus rechtlichen Gründen nicht preisgeben, auch um mich vor Belästigung zu schützen. Ich habe ihm aber andere Artikel sowie Seiten meiner Arbeitsverträge (mit unkenntlich gemachten Unternehmensnamen) geschickt.

Und da tauchen die prekären Arbeitsbedingungen auf?

Ja, aber er bezichtigte mich wieder der Lüge. Er glaubte mir einfach nicht, dass man unter 1.000 Euro arbeiten kann. Er wusste nicht, dass es bis 2015 in seinem eigenen Land noch keinen Mindestlohn gab, und wollte einfach nicht wahrhaben, dass Start-ups häufig versuchen, hart erkämpfte Arbeitnehmerrechte zu „disruptieren“. Ein Zeichen, dass er einer privilegierten Elite angehört. Es ging ihm nicht um Dialog, sondern um blinden Lobbyismus.

Der Mindestlohn gilt nicht für Freelancer.

Ich wurde als Selbstständige oft gefragt: Wie viele Worte kannst du in kurzer Zeit schaffen? Und nie: Wie lange brauchst du, um eine gute Arbeit zu machen? Einmal wollten sie im Vorstellungsgespräch wissen: Kannst du Texte im Akkord schreiben?

Legebatterie-Texte.

Ja. Start-ups sind kurzfristig und kurzsichtig. Das hat etwas mit unserer Epoche zu tun, mit Konsum.

Warum ist eigentlich Ihr Buch „Bienvenue dans le nouveau monde“ noch nicht auf Deutsch erschienen?

Mir wurde gesagt, Verlage hätten Interesse am Thema, wollen aber lieber einen deutschen Autor. Andere fanden, es wurde in den deutschen Medien bereits zu viel über die französische Ausgabe gesprochen. Als wäre der Buzz wichtiger als der Inhalt.

Präsident Macron wolle selbst den Staat wie ein Start-up führen, empören sich viele.

Ja, er ist extrem neoliberal. Es werden öffentliche Einrichtungen zerlegt, die Mächtigen geschützt, und das Volk wird ausgebeutet. Im Jahr 2017 hat Macron in der Station F, einem ehemaligen Bahnhof, einen großen Inkubator eingeweiht, ein Gründerzentrum für junge Tech-Unternehmen.

Es ist der größte Start-up-Campus der Welt.

Ja, der Hauptgründer Xavier Niels ist Milliardär, einer der reichsten Männer Frankreichs. Macron hat dort eine Rede gehalten und gesagt: „Es gibt Leute, die erfolgreich sind, und es gibt Leute, die nichts sind.“ Macron hat nie etwas getan, um die, die bei Uber oder Lieferdiensten wie Deliveroo arbeiten, gesetzlich zu schützen. Aber auch in Berlin sehe ich, wie Start-ups das Gesicht der Stadt verändern.

Wie denn?

Überall entstehen Coworking Spaces, wo dann die Freelancer der Start-ups sitzen und selber für ihren Arbeitsplatz bezahlen müssen. Viele Unternehmen haben Englisch als Amtssprache. Es beschleunigt die Gentrifizierung. Am Hermannplatz hängt an dem Baugerüst eines Gebäudes ein riesiges Plakat, ungefähr 20 Meter hoch, 10 Meter breit: Werbung von Uber.

Starkes Symbol.

Der französische Philosoph Éric Sadin kritisiert diese „Silikonisierung der Welt“, die wachsende Macht der Start-ups, die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz. Diese führe letztlich zu einer Entwürdigung der condition humaine durch diesen „glänzenden Kapitalismus“.

Google wollte in Kreuzberg einen riesigen Campus errichten, aber nach massiven Protesten musste das Unternehmen aufgeben. Waren Sie dabei?

Ich bin mit den Leuten vernetzt und wir haben uns ein paar Mal getroffen. Vor einem Jahr war ich bei einer Podiumsdiskussion der linken Organisation Top B3rlin. Ich bin zwar keine Aktivistin, werde in Frankreich aber mittlerweile als Botschafterin gesehen. Im Dezember wurde ich von einem Start-up-Inkubator in Frankreich eingeladen, um von meinen Erfahrungen zu berichten. Diese Leute waren offen und wollten diskutieren, selbst wenn sie anderer Meinung waren. Es war klug und echt wohlwollend.

Die Gilets Jaunes kämpfen auch für höhere Löhne. Was halten Sie von der Gelbwesten-Bewegung?

Am Anfang war ich skeptisch, weil ich auch Ökologin bin, kein Auto fahre und fossile Brennstoffe sowieso keine Zukunft haben. Aber die Leute, die auf dem Land leben, die manchmal dort geboren sind, die haben gar keine Wahl. Sie sind Bauern, Rentner, Arbeiter oder Handwerker. Sie müssen mit dem Auto zur Arbeit, zum Arzt oder einkaufen. Sie sind erschöpft. Sie arbeiten schwer und sind trotzdem arm. Ausgerechnet sie sollen eine Steuer aufgebrummt bekommen, während die Pariser Bourgeoisie am Wochenende ihre Easy-Jet-Trips macht – ohne Kerosin-Steuer zu bezahlen? Es gibt keine Ökologie ohne soziale Gerechtigkeit. Macron hat ausgerechnet die Reichensteuer abgeschafft.

Kennen Sie Leute, die bei den Gelbwesten sind?

Leider nicht. Ich stamme aus der Nähe von Arles, meine Familie lebt da, und ich verbringe da viel Zeit. Es gibt dort drei Gelbwesten, die Anfang Dezember beschlossen haben, dass sie keine Blockaden oder Demos mehr wollen. Diese drei sind jetzt zu Fuß von Arles nach Paris unterwegs, etwa 800 Kilometer. Unterwegs diskutieren sie dann mit anderen Gelbwesten, die sie treffen. Am 20. Januar wollen sie in Paris sein und Politiker konfrontieren. Mir gefällt diese Idee. Es hat mich sehr bewegt.

Als Philosophin und Autorin einer Graphic Novel über Sartre: Worin besteht Freiheit für Sie?

Die Freiheit der Start-ups war eine falsche, keine liberale im klassischen Sinne, sondern eine neoliberale. Bosse, die sagen, „unsere Mitarbeiter sind frei“, die machen was falsch. Es liegt an den Mitarbeitern, das zu sagen! Für mich selbst bedeutet Freiheit, dass ich nicht nur auf eine Rolle festgelegt werde: Berufstätige, Frau oder Mutter. Ich möchte jeden Tag selber entscheiden können, wer ich sein will.

06:00 13.02.2019
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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