Mamma mia, multisconi

Selbstbild Sie sind jung und leben in einem Land der Dauerkrisen: keine Jobs, keine eigene Wohnung, Fast-Food-Spaghetti. Kann man Italien trotzdem noch lieben? Zwei Antworten

Chiara Masi, 28, Rom

http://img98.imageshack.us/img98/1055/sieo.jpgBerlusconi als Inbegriff von Italien? Das war ein übertriebenes Bild von uns. Da habe ich mich als Italienerin beleidigt gefühlt. Als sei die Frau in Italien nur ein Objekt. Wir haben nicht nur einen Körper, sondern auch ein Gehirn! Und wir haben andere Probleme. Manche meiner Freunde haben einen Uni-Abschluss, ein paar Jahre gearbeitet und wurden dann entlassen. Sie finden seitdem nichts mehr, leben mit Mitte dreißig noch bei ihren Eltern. Sie können sich nicht mal ein Bett leisten. Ja, in Italien kann man ein Bett mieten, statt eines Zimmers. Man teilt sich den Raum mit anderen und zahlt 400 Euro.

In der Region Latium, in der ich wohne, sind die Preise für Verkehrsmittel gestiegen, aber es gibt immer weniger Busse. Wir zahlen mehr für weniger Service. Ich habe gestern zwei Stunden gebraucht, um nach Rom zu meiner Arbeit zu kommen. Als würde ich in Neapel wohnen. Im vergangenen Monat hat das Benzin fast zwei Euro pro Liter gekostet. Die Familien fingen an zu überlegen, ob sie überhaupt aus dem Haus gehen, ob sich das lohnt.

Es ist Krisenzeit: Viele Unternehmer haben in den vergangenen Jahren Selbstmord begangen. Sie hatten Schulden, konnten ihre Mitarbeiter nicht bezahlen und sahen keinen Ausweg. Familien wissen nicht mehr, wovon sie leben können. Und wir wandern aus: Es gibt gerade eine große Migration junger Italiener. Ein Freund von mir ist zweisprachig, hat Biologie in Italien studiert, aber nichts gefunden. Dabei hat er mit der Note 1 abgeschlossen! Aber für Forschung oder die Labore, die man dafür braucht, gibt es kaum Geld. Er lebt jetzt in England und arbeitet am King’s College. Wir wollen alle Kinder kriegen, aber heute bekommen wir sie erst mit vierzig. Man muss die Kinder unterstützen können, aber durch die Krise haben wir keine Sicherheit mehr. Ich hatte allerdings Glück im Unglück: 2011 wurde ich fest angestellt. Die deutsche Sprache hat mich im Grunde gerettet: Ich arbeite als Übersetzerin bei einem Bauunternehmen. Das war wie ein Wunder. Ich fühle mich in meinem Umfeld wie eine Ausnahme. Man bekommt heute eigentlich einen Vertrag für zwei Monate. Die Generation unserer Eltern war verwöhnt, wir müssen uns mit weniger zufriedengeben. Mit Vollzeit-Praktika für 200 Euro, aber so ist es ja in vielen europäischen Ländern. Vergangenes Jahr ist ein Buch über die „Republik der Praktikanten“ erschienen. Es handelt davon, wie sie ausgenutzt werden, sich hinter einem Praktikum zum Beispiel eine Mutterschutz-Vertretung verbirgt. Und selbst wenn man angestellt wird, liegt der durchschnittliche Lohn bei 1.000 Euro, mitunter sogar für Leute, die zehn Jahre dabei sind. Das frustriert uns.

Die Mutter ist immer die erste Frau eines italienischen Mannes

Ich höre oft, dass viele junge Menschen gar nicht mehr studieren wollen, lieber schnell einen Job finden. Das ist schrecklich. Wir werden langsam zu einem Volk, das nicht mehr denken kann. Mein Vater ist 57, Rentner, und er geht jetzt zur Uni, um Anthropologie zu studieren. Auch das ist ungewöhnlich.

Ich bin seit sechs Jahren mit demselben Mann zusammen. Und er ist kein Macho. Es gibt sie aber noch bei uns: Machos überleben auch in Krisenzeiten. Ich glaube: Die Mutter ist immer die erste Frau eines italienischen Mannes. Unsere Männer sind viel weiblicher geworden. Sie legen viel Wert auf ihr Aussehen, auf die Haut, sie kaufen alle Crème. Italiener sind weniger männlich als Spanier.

Mein Traum ist es, in Norditalien zu leben, in Mailand. Chaotische Städte mag ich nicht: Rom ist wie Afrika geworden! Mailand ist ordentlicher und organisierter. Der Hauptbahnhof von Rom, der Termini, gibt den Touristen so ein Bild von Nachlässigkeit: Bierflaschen auf dem Boden und ganz viele Bettler. Es werden immer mehr: In Krisen-zeiten geht man in die Hauptstadt. Das war immer so. Es sind aber nicht nur Migranten, die nach Geld fragen, sondern auch 60-jährige Italiener liegen herum. Wenn das Touristen sehen: Was halten sie von uns?

Italien gefällt mir, trotz der schwierigen Lage, der Skandale, der Affären. Weil es mein Land ist, bin ich mit ihm verbunden. Ich mag die Sonne. Und ich mag es, dass wir auch in der Verzweiflung versuchen, eine Lösung zu finden. Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir wollen überleben.

Lorenzo Rossi, 29, Livorno

http://img220.imageshack.us/img220/2580/eroj.jpgDas war merkwürdig: Während der EM gab es viele Italiener, die nicht mehr für ihr Land waren, sondern für England, oder Spanien. Wegen der calcioscommesse, der ganzen illegalen Fußball-Wetten. Aber ich finde, jeder sollte sein Land verteidigen. Das wird als Italiener immer schwerer. Politik ist Schmutz – bei fast allen Parteien. Livorno ist traditionell eine linke Stadt, die Wiege des italienischen Kommunismus. Hier wurde 1921 die kommunistische Partei gegründet. Ich bin mit einer großen linken Tradition groß geworden: Mein erstes Wort war nicht Mama oder Papa, sondern Anarchie. Heute ist es nur noch eine Pose, links zu sein ist in Mode. Manche tun so, als würden sie die Proleten unterstützen, aber verdienen sehr viel Geld. Sie spielen den Linken nur.

Vor einer Weile war ich mit Freunden im Londoner Nachtclub Bunga-Bunga. Er war in italienischem Style eingerichtet. Das war lustig, aber es machte mich auch traurig. Nach Berlusconi haben wir das Gefühl, dass die Dinge noch schlimmer werden. Es gibt diese Technokraten-Regierung mit Premier Monti, aber sie tut nichts. Man hat gut verdienende und arme Leute besteuert, aber die Reichen können ihr Geld einfach in die Schweiz bringen. Europa geht es schlecht. Italien auch. Wir leben, wie mein Vater es oft scherzhaft sagt, im multisconi-Land: Berlusconi hoch 5!

Die ökonomische Krise zwingt uns, zu Hause zu wohnen

Meine Eltern beobachten den Unterschied zwischen ihrem und meinem Leben. Und sie sind besorgt: Was haben wir getan? Wie konnten wir nur diesen Berg an öffentlichen Schulden anhäufen? Wie viele Italiener in meinem Alter wohne ich noch zu Hause. Es gibt bei uns auch nicht die Tradition der WGs wie in Deutschland. Allein können wir uns die Mieten nicht leisten. Wir Italiener sind traditionell stark an unsere Familien gebunden. Aber dass wir bei unseren Eltern wohnen, weil wir „Mama-Boys“ sind, ist ein Klischee. Die ökonomische Krise zwingt uns dazu. Bisher ist nur einer meiner früheren Klassenkameraden verheiratet, einige leben bereits im Ausland. Sie konnten hier nichts finden oder haben ihre Jobs verloren. Sie mussten gehen. Aber ich möchte bleiben. Ich habe studiert, einen Abschluss als Sprachlehrer, und unterrichte privat Latein, Griechisch und Italienisch. Deutsch mag ich auch, es ist eine philosophische Sprache. Um an einer Schule arbeiten zu können, braucht man bei uns ein Referendariat. Seit zwei Jahren finden dafür jedoch keine Aufnahmeprüfungen statt, weil es sowieso nirgends Stellen gibt. Dieses Jahr ist es wieder möglich: Und ich werde es versuchen, um an eine Schule zu kommen. Ich hatte schon überlegt, meinen Beruf zu wechseln, und vielleicht alte Menschen zu pflegen, in Hospitälern oder im sozialen Dienst. Ich habe eine Ausbildung dafür absolviert. Doch selbst in diesem Bereich gibt es kaum Stellen, und wenn, dann bewerben sich Leute in jedem Alter, auch viele über 50-Jährige, die ihren Job verloren hatten. Es ist doch schrecklich, wenn man mit 50 noch eine neue Karriere anfangen muss.

Ich habe mich entschieden, zu kämpfen. Mein Platz ist in einer italienischen Schule, erst als Aushilfslehrer und später vielleicht mit einer Festanstellung. Ich mag es, anderen etwas beizubringen, und meine Schüler sind glücklich. Ich möchte weitermachen, auch wenn die Zeiten gerade ziemlich miserabel sind. Ich fühle mich als Italiener, aber auch als Europäer. Aber wir brauchen Menschen, und nicht Banken. Während des Erdbebens Ende Mai in Norditalien sind Franzosen gekommen mit Hubschraubern, um uns zu helfen. Das fand ich schön.

Immerhin findet man in der Toscana noch traditionelle italienische Küche: Aber auch die verschwindet nach und nach. Das Problem ist, dass in immer mehr Bars häufig Fertig-Pasta angeboten wird: aus der Mikrowelle. Was für ein Horror! Touristen gehen zu diesen Plätzen: Pasta, Pizza für nur drei Euro. Da muss man sehr vorsichtig sein, sich genau und sorgfältig ein gutes Ristorante oder eine Trattoria aussuchen. Und nicht in die erste Kneipe rennen. Ich koche gern – Livorno ist bekannt für seine Fischsuppe. In Dublin habe ich mal für ein paar Studienfreunde gekocht. Pasta Bolognese, Seafood, Risotti. Einmal kam eine Deutsche. Ich hatte Spaghetti gemacht, und sie fragte: Gibt es Ketchup? No!

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10:00 07.07.2012
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

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nashira- | Community