"Man kann auch in der Platte schön wohnen"

Eventkritik Ikea will in Deutschland seine letzten weißen Flecken auf der Landkarte tilgen und entwirft Musterwohnungen für Plattenbauten in Berlin-Marzahn

Die vietnamesische Zigarettenverkäuferin hockt auf der Treppe am S-Bahnhof Landsberger Allee und wartet auf Kundschaft. Die meisten Passanten ignorieren sie und hasten an ihr vorbei zur Straßenbahn. Man kann sich leicht verfahren in dieser Gegend Berlins, in der die elfgeschossigen Plattenbauten so austauschbar scheinen. Auf dem Weg in die Zukunft muss man in Marzahn durch vergangene Zeiten und monotone Bausünden. Die Bahn hält gegenüber einer Gewerbefläche, die lange verwaist war. Jetzt kann man aber schon von weitem vier große Lettern sehen. Ikea lädt zum Richtfest.

Der Rohbau steht, Ende Dezember soll der neue Markt eröffnen. Es ist der erste im Osten von Berlin. Ein großes weißes Partyzelt ist aufgebaut, davor parken schwarze Limousinen – sie wirken hier fremd. Walter Momper, der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, ist schon beim Bier. 500 weitere Gäste feiern mit: Bauarbeiter, Vertreter der Baufirmen, Mitarbeiter des Bezirks und Vertreter der schwedischen Botschaft. Drei Frauen in Pumps wedeln mit ihren Einladungskarten. Sie hätten mittags extra nur Salat gegessen, schließlich hat Ikea „schwedische Leckereien“ angekündigt. Zuerst aber werden T-Shirts verteilt, mit der aufgedruckten Skizze des neuen „Glashauses“. Für die geladenen Journalisten gibt es eine blaue Ikea-Tüte mit dem aktuellen Katalog und einer Orchidee, die in einer blauen Plastikgießkanne steckt.

Vollkornstullen mit Schmalz

Das Zelt ist bereits gut gefüllt, ein Beamer wirft die Bilder des Bauprozesses auf eine Leinwand. Aber die Monteure und Elektriker, die auf den langen Holzbänken sitzen, schauen eher auf ihre Vollkornstullen mit Schmalz und Gurken. Made in Stockholm?

Armin Michaely ist ein rundlicher Mann Ende vierzig, der dauernd in sein Handy spricht. Er ist bei Ikea der „Expansionschef Deutschland“. Er sucht die letzten weißen Flecken. Gebiete, in denen Ikea noch nicht in jedem Haushalt vertreten ist. Und Areale, auf denen der Konzern neue Filialen errichten kann. Es sei ziemlich schwierig, Plätze zu finden, „wo man in diesen Größenordnungen noch bauen kann“, erklärt er mit hessischem Dialekt. „Doch das wollen wir: in Deutschland regelmäßig weiter expandieren“. Die Party hat noch gar nicht angefangen, aber im Geiste ist Michaely schon wieder woanders.

Hannover, Düsseldorf, Augsburg, Frankfurt, Rostock, Köln, Göttingen, Berlin: In den vergangenen Jahren hat Ikea etwa ein Dutzend neuer Filialen in Deutschland, seinem wichtigsten Absatzmarkt, eröffnet. Schließlich sind die Deutschen verrückt nach Billy und Ektort. Mit solch offensivem Expansionsstreben eckt die Firma aber auch an, in manchen Regionen wurden Bauvorhaben sogar verboten. Der Einzelhandel leide unter dem Möbelgiganten, so die Kritik. „Dafür gibt es keinen einzigen Beweis“, sagt Michaely. Eher würden Städte von Ikea profitieren, die Nachfrage ziehe an, neue Firmen würden sich um Ikea herum ansiedeln, „dafür sind wir berühmt“. Wo immer Ikea investiert, das Unternehmen will sich – bei aller Standardisierung und Globalisierung – auch den lokalen Eigenarten des Wohnens anpassen.

Solaranlage und Fußbodenheizung

Bevor ein neuer Markt eröffnet wird, recherchiert man, wie die Kunden leben. In Peking wurden Essstäbchen, ein Wok und ein extrascharfes Küchenmesser ins Sortiment genommen. In Moskau lieferte man Ballonlampen aus Papier nach, weil die dort so begehrt waren. Und in Marzahn? Da haben Ikea-Mitarbeiter ebenfalls die Umgebung sondiert und Hochhaus-Bewohner zu Hause besucht. Aus dem formatierten Wohnungszuschnitt ist ein Modell für eine Plattenbau-Einrichtung à la Ikea entstanden. Wie es genau aussehen soll, wird nicht verraten. Die Konkurrenten würden nur darauf lauern. „Aber man kann auch in der Platte schön wohnen“, sagt Michaely. Und die Faktum-Küchenteile seien Klassiker, die vor allem für kleine Küchen geeignet seien, wie sie in Plattenbauten üblich sind.

Plötzlich wendet er sich zur Bühne, die Reden fangen an. „Gott meint es wohl heute nicht so besonders gut mit Ikea“, sagt die Chefin des neuen Einrichtungshauses und wischt das schlechte Wetter mit gewaltigen Zahlen weg: 70 Millionen Euro wurden in den Bau investiert, 140.000 Meter Kunststoffrohre verlegt, 420.000 Meter Elektrokabel. Dieses Ikea-Haus sei das modernste, innovativste und umweltfreundlichste, das jemals errichtet wurde. Es gibt Solaranlagen, Regentanks, Abwasserwärme, Fußbodenheizung. Der zweitgrößte Markt in Europa soll es sein, hieß es im Vorfeld.

Lieber keine Luxusvariante

„Diese Superlative passen eigentlich nicht zur Ikea-Kultur“, rudert Simone Settergren, Sprecherin von Ikea Deutschland, dann aber später im Gespräch zurück. Erst war eine Ikea-Luxus-Variante geplant, mit langer gläserner Fassade, Atrium und Plaza. Aber die hätte sich in dieser Gegend wohl kaum gerechnet. Nun ist die Standardvariante übrig, 100 Artikel sollen dafür im Preis gesenkt werden. Zeit für den Richtkranz.

Nur knapp ein Drittel der Leute treibt es nach draußen auf die Baustelle. Der Kran lässt den Richtkranz vor der Fassade baumeln. Drei Zimmermänner sprechen den Richtspruch. Plötzlich singt Carla Bruni vom Band. Und das Büffet ist eröffnet. Berliner Kartoffelsuppe, Bouletten, Eisbein, Erbsenpüree, Sauerkraut – das sollen schwedische Leckereien sein? „Ein bisschen Köttbullar muss sein: So heißt doch die Berliner Boulette bei Ikea“, sagt ein Bauarbeiter. Ein Stück lokale Anpassung einer weltweit erfolgreichen Marke.

Gibt es auch Grenzen des Wachstums? „Nein“, sagt Michaely, „wir müssen immer fleißig weiter bauen“. In Schweden stamme etwa jede dritte Küche von Ikea, in Deutschland noch nicht mal jede zwanzigste. Er sehe vor allem im Osten noch Potenzial. Zumal man da an eine Tradition anschließen kann. Der DDR-Designer Rudolf Horn entwarf bereits 1967 sein „Möbelprogramm Deutsche Werkstätten“: Bretter, die man zu Möbeln zusammenschrauben konnte. Ikea kehrt also zu den Wurzeln zurück.

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Ihre Freitag-Redaktion

17:45 30.08.2010
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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gill-bost | Community