„Mein Vater hat mir die Neugier geschenkt“

Porträt Pierre Simenon ist der Sohn des berühmten Krimiautors Georges Simenon. Nun hat er selbst einen Thriller verfasst. Warum?

Pierre Simenon fragt, ob man das Interview mit ihm lieber auf Englisch oder auf Französisch führen möchte. In der Sprache, in der er sich heimischer fühlt? Sein Zuhause seien die Staaten, sagt er mit einer etwas hohen Stimme. Aber on peut parler français. Es ist die Sprache seines Vaters. Manchmal sucht Simenon nach Worten und entschuldigt sich: Er habe manche französische Ausdrücke einfach vergessen.

Der Freitag: Herr Simenon, fangen wir an, wo alles begann: Drei Zimmer in Manhattan.

Pierre Simenon: Ich mag diesen Roman sehr. Das Buch berührt mich jedoch auf eine ambivalente Weise: Mein Vater beschreibt darin die Begegnung mit meiner Mutter.

Ihre Eltern sind auseinandergegangen, als Sie klein waren.

Ich war viereinhalb Jahre, habe mit meiner Mutter nur sehr wenig Zeit verbracht. Und wir hatten ein schwieriges Verhältnis. Mitte der Neunziger hatten wir den Kontakt wieder aufgefrischt. Dann starb sie. Zu der Zeit hat mich auch meine Frau verlassen. Sie sagte von heute auf morgen: Ich gehe, nach 18 gemeinsamen Jahren. Es war ein Schock. Ich stürzte in eine Krise, aber es war keine gewöhnliche, sondern eine existenzielle.

Woran merkt man das?

An diesem Punkt war mein Alltag wie eine Krankheit. Ich war ein Workaholic, lebte in Los Angeles in einer großen Villa, aber allein. Ich mochte den Job als Anwalt, arbeitete etwa 14 bis 16 Stunden am Tag, schlief kaum. Ich hatte einen schönen deutschen Sportwagen, aber habe nicht wirklich gelebt. Ich wünschte mir jeden Montag, dass die Woche schnell vergeht, damit ich frei habe.

Und dann?

Ich habe mein altes Auto verkauft, packte meine Sachen und habe in einem Toyota 44 die Vereinigten Staaten durchquert. Während des Fahrens kamen mir literarische Ideen in den Sinn. Sehr vage. Ich hatte alles im Kopf, musste es später nur noch abtippen.

Warum haben Sie sich diesem Vergleich mit Ihrem Vater ausgesetzt?

Einige nahestehende Menschen hatten mich gewarnt, ein Buch zu schreiben. Weil es den Namen der Familie trägt, weil man mich mit Georges vergleichen könnte und es eventuell Schatten auf das Werk meines Vaters werfen würde. Oder ich Profit aus seinem Namen schlagen will. Aber ich kopiere ihn ja nicht. Das kann niemand. Und er selbst hätte mir gesagt: Mach was du willst!

Ihr Thriller Im Namen des Blutes handelt von einem Anwalt, der mit dem Verdacht konfrontiert wird, dass sein verstorbener Vater im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis kollaboriert haben soll. Es geht um Verstrickungen von Schweizer Banken mit dem NS-Regime. Schon wieder so eine NS-Geschichte.

Ja, eine Freundin sagte mir auch: In Deutschland haben die Leute diese Nazi-Geschichten satt. Ich kann mir das vorstellen, man hat sich bei euch so sehr gewünscht, dass so etwas nie wieder passiert, dass man wirklich aufpassen muss, nicht noch die Generation zu beschuldigen, die damit gar nichts mehr zu tun hat. In Frankreich sagte mir auch ein Verleger: Das interessiert doch niemanden mehr, diese Kriegsverbrecher. Was beschäftigt Sie daran? Man hat vor einer Weile in Ungarn einen alten Mann gefunden, über neunzig Jahre alt, der mehr als 5.000 Menschen in Gaskammern geschickt hat. Es gibt viele solcher Geschichten, in denen Menschen plötzlich feststellen, dass der, den sie liebten, ein Monster war. Ich bin in der Schweiz groß geworden, da hat man erst in den Neunzigern angefangen, den Umgang mit jüdischen Konten aufzuarbeiten.

Und vorher?

In der Schule habe ich noch den „Réduit-Mythos“ gelernt: Dass die Schweizer Armee sich aufrüsten und in Bunkern verstecken würde, von dort würden die Partisanen kämpfen, und Hitler wusste, sie sind zu stark. Die Realität? Die Schweiz hat ihnen Präzisionswaffen verkauft und Namen jüdischer Konten an die Nazis gegeben. Sogar mein Vater wurde mal beschuldigt, kollaboriert zu haben.

Der Verdacht, das ist auch das Motiv Ihres Romans.

Ja, es gab sogar Untersuchungen von einem Befreiungskomitee, aber jeder Verdacht stellte sich als vollkommen falsch heraus. Simenon hat niemals etwas getan, um Deutschland zu unterstützen, er hat einfach weiter seine Bücher geschrieben. Manche haben ihm vorgeworfen, dass er damals nicht in einen „Bücher-Streik“ getreten ist.

Sie nennen ihn „Simenon“?

Ja, wenn ich von seiner Rolle als Autor rede. Aber bei Georges Simenon denke ich an meinen Vater, nicht an den Schriftsteller. Und ich habe nie an seiner Haltunggezweifelt.

War diese Gratwanderungdaheim ein Thema?

Mein Vater berichtete uns von meinem Onkel, der Kollaborateur in Belgien war und lange wegen Tötungsdelikten gesucht wurde. Ein anderer Onkel, Kanadier, war beim D-Day am Juno Beach dabei. Er befreite mit seiner Einheit deutsche Konzentrationslager. Noch ein anderer Onkel war Gouverneur in einer Provinz in Belgisch-Kongo.

Einer Kolonie.

Ja, also hatte auch er Erfahrung mit Kollaboration. Mein Vater ist mehrmals dort hingereist, hat im Radio über die Zustände berichtet, die Art, wie sie dort die Ein-heimischen behandelt haben. Er war angeekelt vom Kolonialismus, aber diese Atmosphäre hat ihn auch für Romane inspiriert.

Ist er auch mit Ihnen verreist?

Das klingt jetzt womöglich nicht so abenteuerlich, aber ich habe mit ihm Paris entdeckt. Als ich acht Jahre alt war, verreisten nur wir beide: Vater und Sohn. Das mache ich mit meinem Sohn heute auch: „Boys Trips“. Wir waren in Boston, London, der Schweiz. Und wenn ich Hand in Hand mit ihm durch Paris schlendere, ist das für mich sehr symbolisch. Mein Vater hat mir die Neugier geschenkt, und den Mut ‚alles zu leben‘.

Die Neugier auf Menschen.

Ja, und auf Natur oder Tiere. Die Leidenschaft für Geschichte.

Warum sind Sie dann Banker geworden?

Als Kind wollte ich Polizist oder Feuerwehrmann werden. Dann Jagdflieger, aber ich habe schlechte Augen. Und seit ich 17 Jahre alt bin, gehe ich tauchen – also wollte ich Meeresbiologe werden. Doch mein Bruder John sagte: Glaube bloß nicht, dass du auf einem Boot leben wirst, die meiste Zeit verbringt man in Laboren.

"Die Staaten sind wie ein Virus,
den man fürs Leben hat"

Sie träumten von Expeditionen wie denen von Jacques Cousteau.

Ja, ich kannte alle seine Filme. John sagte: Mach erstmal Business, dann kannst du später selbst die Expeditionen bezahlen. Also fing ich an, Wirtschaft in der Schweiz zu studieren. Da landet man natürlich bei einer Bank. Ich habe mich weiter qualifiziert, Recht studiert, was ich mochte. Und konnte später zwar nicht bei der Marine, aber wenigstens als Anwalt der Filmbranche in der Welt des Spektakels arbeiten.

Wie stehen Sie eigentlich zu den Occupy-Protesten?

Ich habe ein T-Shirt: Occupy Wall Street. Es ist ein Skandal, was da passiert ist: Banker sollten gehängt werden! Naja, ich meine das nicht physisch. Mitte der Neunziger hat in den Staaten jedoch ein demokratischer Präsident veranlasst, dass kommerzielle auch Investment-Banken werden können.

Bill Clinton beerdigte Gesetze, die Banken Grenzen setzten. Und auch nach der Krise hat man die Wall Street nicht reformiert.

Weil die Republikaner sich dagegen wehren. Das Leben in den USA ist komplizierter geworden, mit diesem extremistischen Teil der Republikaner. So einen wie Ronald Reagan würden sie heute als Sozialisten bezeichnen, der wäre nie Präsident geworden. Manche sind sogar gegen Verhütung, nicht nur gegen Schwangerschaftsabbruch!

Ihre Eltern haben eine Weile in den USA gelebt. Sind Sie mit der amerikanischen Kultur groß geworden?

Das war eine Mischung. Ende der fünfziger Jahre, als ich geboren wurde, kam mein Vater gerade aus Lakeville, wo er eine Farm hatte. Ich bin eher mit einer frankophonen Kultur aufgewachsen, er hat mit uns Französisch gesprochen. Aber manche Dinge waren sehr amerikanisch, bei uns gab es eggs and bacon zum Frühstück, daneben Tartine und Konfitüre. Er hat uns Geschichten von Charlie Brown vorgelesen, die damals noch gar nicht übersetzt waren. Ich träumte von den USA, einem Land, das ich entdecken wollte.

Und, was konnten Sie entdecken?

Es ist groß, schön und divers. Die Menschen sind großzügig. Und dort gibt es immer noch diesen can do-Spirit: Alles ist möglich, wenn du willst. Die Gesellschaft ist zwar widersprüchlich, aber die Staaten sind wie ein Virus, den man fürs Leben hat. Wenn du dich verliebst, ist es für immer.

"In unserer Epoche ist Geld
für viele Leute wichtiger
als Sex geworden"

Sie kennen Finanzanalysten, Schriftsteller, Kinoleute und Forscher: Was erfährt man da über menschliche Mechanismen?

Sie sind alle gleich, in welchem Land oder Milieu auch immer. Das menschliche Wesen wird von einfachen Instinkten angetrieben. Vom Sex und der Ernährung und von der Macht. Macht zu haben ist, aus dem Tierreich stammend, eine Notwendigkeit für Reproduktion. Aber für viele Menschen wird das Geld zur Obsession, es sublimiert die unmittelbaren Impulse. Geld wird wichtiger als Sex. Zur Zeit meines Vaters hatten wir diese Kultur des Schreibens, des Reisens. Leider besitzen wir jetzt alle ein iPhone.

Leider?

Natürlich hilft das Handy auch Entwicklungsländern und kleinen Unternehmern, Netzwerke zu knüpfen. Mein Vater schimpfte jedoch schon vor 40 Jahren: Jetzt tragen auf einmal alle Jeans.

Wir werden uniformer.

Ja. Andererseits: Auch schon im Römischen Reich gab es vor 2.000 Jahren diese Wellen. Gallier haben sich die Haare geschnitten und trugen die gleichen Kleider wie die Römer.

Weiß man in Amerika, wer Simenon war?

Er ist schon ein Begriff, aber nicht bei der Masse. Manchmal kennen ihn Menschen, von denen man es am wenigsten erwartet. Einmal habe ich in Malibu eine Pizza bestellt. Der Mann, der sie geliefert hat, sagte: Ach, Simenon – sind Sie etwa mit dem Schriftsteller verwandt? Ein anderes Mal war ich als Finanzanwalt in Washington D.C. bei einer Bank. Und eine hohe Staatsbeamtin sagte: Pierre, bist Du eigentlich mit Georges liiert?

Wie hat sich der Blick auf Ihren Vater verändert, als Sie selbst einer wurden?

Ich hatte gar nicht mehr daran geglaubt, Vater zu werden. Und nun schossen auf einmal so viele Fragen hoch, die ich meinem Vater stellen wollte. Aber er ist nicht mehr da. Es gab in meiner Familie große Unglücke, meine Schwester hat sich das Leben genommen. Ich hätte gerne mit ihm über sie, auch über meine Mutter, geredet.

Waren das Tabus?

Der Simenon-Clan, wie mein Vater uns nannte, hielt trotz dieser Schmerzen sehr zusammen.

Reden wir über die Liebe... Sie sind zum dritten Mal verheiratet.

Meine erste Ehe war ein Irrtum der Jugend, ich habe sie verlassen und bin verantwortlich. Bei der zweiten war sie es, die gegangen ist. Und dann wollte ich eigentlich gar nicht wieder heiraten, sondern war ganz zufrieden mit mir selbst. Bis ich meine Frau traf. Nach einer Woche bat ich sie, mir in die USA zu folgen.

Sie tat es?

Sie kann mich aushalten.

Die drei Leben des Pierre Simenon Banker, Anwalt und Schriftsteller

Sein Vater Georges Simenon war der Mann der 300 Pfeifen, 400 Bücher und 10.000 Frauen. Und vor allem war er der Erfinder des Kommissar Maigret.Pierre Simenon, geboren 1959 in Lausanne, ist Simenons jüngster Sohn.

In die Schule ging Pierre Simenon unter anderem mit dem Enkel von Gustav Stresemann. Seine Mutter Denyse Ouimet, Kanadiererin und Georges Simenons zweite Ehefrau, war depressiv und verbrachte viel Zeit in Sanatorien. Pierre Simenon hat nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Genf erst bei einem Schweizer Privatbankier gearbeitet. Dann ging er für ein MBA-Studium nach Chicago und fing schließlich an, in Boston Recht zu studieren.

Er war dann zunächst als Finanzanalyst und Berater in der Schweiz tätig, bis er Ende der achtziger Jahre in die USA zog, um Anwalt in der Filmbranche in Los Angeles zu werden. Mit 50 Jahren schrieb er seinen ersten Roman, in dem sich Parallelen zu seinem eigenen Leben finden. Im Namen des Blutes (Limes-Verlag) ist ein Thriller, der von einem Schweizer Anwalt handelt, der in Amerika lebt und sich auf die Spuren seines Vaters begibt, der mit Göring kollaboriert haben soll. Eineinhalb Jahre hat Simenon dafür in Berlin und Krakau recherchiert. Pierre Simenon ist außerdem ein passionierter Taucher und besonders von Haien fasziniert – er arbeitete eine Zeit lang auch selbst als Tauchlehrer.

Heute lebt Simenon mit seiner Frau und seinen kleinen Kindern Liv und Liam im kalifornischen Malibu. Er beschreibt sich selbst als Hausmann, der kocht, einkauft und sich um die Familie kümmert. Nebenher möchte er künftig weiter Bücher schreiben und ein „richtiger Schriftsteller“ werden – noch sieht er sich als Debütant.

ML

Das Gespräch führte Maxi Leinkauf
13:46 14.09.2012
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

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