Nicht für immer

Porträt Devid Striesow gilt als begnadeter Schauspieler. In seinem neuen Film spielt er einen Bisexuellen auf Glückssuche. Er selbst will lieber nicht zu lange glücklich sein

Devid Striesow kommt zehn Minuten zu früh in sein Lieblingslokal, das Gasthaus Majakowski am Schlosspark in Berlin-Pankow. Er wohnt um die Ecke, in einer ruhigen Villengegend, ein Refugium ehemaliger DDR-Funktionäre. Eigentlich dreht er gerade in München, aber sein Baby sei erst ein paar Monate alt, da lohne es sich, jede freie Minute zu Hause zu sein, sagt er. Er trägt ein graues Schweißband am Arm. Seit Kurzem gehe er regelmäßig zum Krafttraining, erzählt er. Wegen der Rückenschmerzen.

Der Freitag: Herr Striesow, Ihr Blick ist etwas reserviert und zugleich herausfordernd: Er erinnert mich an jemanden.

Devid Striesow:

Na?

Anthony Hopkins.

Dankeschön! Aber der hat mehr Haare. Hopkins hat nach dem Schweigen der Lämmer noch oft dieses Kannibalen-Gesicht auf­gesetzt, aber es hat nie mehr so gut funktioniert. Als er noch am ­„Royal Shakespeare Theater“ in London war, da hatte er immer so eine Hammerenergie. Und er hatte in Filmen diese Elefantenaugen, so tief in den Augenhöhlen sitzend. Aber er soll nicht gerade groß sein.

Er hat damals gesoffen und die Leute angebrüllt.

Er sagte: Es gibt keinen Schauspieler, der nicht trinkt. Stimmt ja auch. Er hat auch zum Beruf eine ziemlich ehrliche Meinung: Schauspielerei ist nichts anderes als Text lernen und Termine einhalten.

Sie ist doch etwas Anarchisches.

Diese Lust am Spiel ist da. Aber hinter dem Anarchisten steckt ein kindliches Persönchen, das traurig und unsicher wird, wenn der Regisseur es nicht lobt. Man reißt sich ja alles auf. Das macht sehr empfindlich.

Sie spielen in Ihrem neuen Film einen Bisexuellen, in den sich ein Mann und eine Frau unabhängig voneinander verlieben – ein Paar, das in der Krise steckt. Am Ende wird es eine Ménage à trois. Eine Utopie?

In der letzten Szene liegen die drei Liebenden glücklich vereint mit­einander im Bett. Dann endet der Film. Was danach alles passieren könnte, wird zum Glück nicht erzählt. Ich möchte nicht wissen, wer hinterher den Müll runterbringt. Es gibt nur diesen euphorischen Moment, insofern ist es wirklich eine Utopie. Haben Sie Milan Kundera gelesen?

„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“?

Ja, dieses Buch verhandelt dieselben Themen, mit einer größeren Tragik. Es ist viel aussichtsloser. Drei ist dagegen ein leichter, humorvoller Film. Mit diesen Ingredienzien Tod, Leben, Vergänglichkeit, Paarbeziehung, Dreier­beziehung – ja oder nein – wird so wunderbar komisch umgegangen.

Das kinderlose Paar um die 40 gehört zu einer saturierten Kunstszene in der Großstadt. Ist es nicht purer Luxus, sich immer wieder die Frage zu stellen, ob man gerade glücklich ist?

Man lebt lange miteinander, tauscht sich intensiv geistig aus, aber man hat keinen realen Sex mehr. Da ist es doch ein existenzielles Bedürfnis, den wieder ins Boot zu holen. Und sei es, indem man sich in einen anderen verliebt. Es ist kein Luxus, neue kreative Fixpunkte zu suchen, um die eigene Beziehung frischer zu gestalten. Wir sind ja nicht diese Generation: ‚Was liegt heute an, was habe ich noch nicht ausprobiert, ich langweile mich so‘.

Es heißt, Sie sollen sich schnell langweilen.

Ich drehe fast immer über Land.

Über Land?

In anderen, großen oder kleinen Städten. Ich fahre oft mit dem Auto ans Set oder ins Hotel. Diese langen Strecken sind wahnsinnig langweilig, da muss man sich schön sortieren und fragt sich: Was tue ich hier eigentlich?

Finden Sie Antworten?

Ich habe mal einen Tramper mitgenommen, ich bin ja früher selber oft nach Rostock getrampt und gucke seitdem immer, ob einer am Straßenrand steht. Er war nach langer Zeit der Erste, und wir haben so geredet, wer wir sind. Er hat mir erzählt, dass er einen Hirn­tumor hat – und der ist auch noch drin. Seit er das weiß, nimmt er jede Reise, jede Bewegung, jedes Aufstehen bewusst wahr. Er trampt lieber statt zu fliegen, oder er fährt mit der Bahn, weil das sinnvolle Lebenszeit ist. Diese Haltung gefällt mir.

Sind Sie deswegen meist in einem Wohnmobil unterwegs?

Ich habe einen großen ausge­bauten Transporter, mit einem Bett darin, wie zu Hause. Hund rein, Musik rein, Kaffee und los. Da kann ich in Ruhe nachdenken. Beim Drehen bin ich ja am Set dann sofort mit 50 Leuten befreundet, wie bei Facebook.

Sie sind bei Facebook?

Ja, aber nur um meine Leute zu verwalten, alte Mitschüler und Studenten. Wir hatten sogar ein Klassentreffen dieses Jahr, aber leider konnte ich nicht dabei sein, weil ich drehen musste. Es hätte mich gereizt zu erfahren, was aus denen geworden ist. Immerhin wurde ich über das Treffen informiert.

Sie waren 17, als die Mauer fiel. Spielt es für Sie noch eine Rolle, dass Sie aus dem Osten kommen?

Immer weniger. Ich spüre, dass es mir mehr um Menschen geht, um Begegnungen. Da spielt diese Herkunftsnummer kaum noch eine Rolle. Der Spalt verläuft doch eher zwischen oben und unten. Ich weiß, wer in einer ostdeutschen Kleinstadt wohnt, der setzt sich natürlich mit den Unterschieden auseinander. Mit meinem Leben hat das aber wenig zu tun. Ich war in letzter Zeit oft in Kamerun. Da spürte ich, dass die meisten Probleme nicht in verschiedener Herkunft wurzeln, sondern in individuellen, menschlichen Konflikten.

Was trieb Sie nach Kamerun?

Ich habe meinen Schwager dort besucht. Als ich das erste Mal ankam, war gerade Streik. Ich hatte in der Nacht vor meiner Ankunft erfahren, dass wir für

Und dann?

Ich blieb eine Woche lang im Hotel. Ich hatte damals wasserstoffweiß gefärbte Haare, die haben schon komisch geguckt. Aber ich merkte, man muss den Blick erwidern und einfach lachen. Nur wenn der Pöbel losgeht, wird es schwierig. Mein Bruder war schon zuvor im Hotel, und morgens standen die Massen am Tor und haben dagegen gehauen. Er sah vom Fenster, dass die Polizei abzog. Da ging ihm die Muffe. Aber Kamerun ist eher ein gemäßigtes Land. Ich war später noch ein paar Mal da, das war sehr schön. Ich habe dort meine Frau kennen gelernt.

Und mit ihr eine neue Welt?

Ja, ich fand es bereichernd, ihre Familie zu treffen, diese offenen Leute. Ich habe großen Respekt vor dem Arbeitsaufwand, den sie dort betreiben, vor allem die Frauen. Sie arbeiten hart, auf dem Feld. 60-Jährige ziehen dann tagelang mit großen Säcken voller Jamswurzeln in Kleinbussen durch die Gegend.

Wie stehen Sie zu den Afrika-Hilfsprojekten von Prominenten?

Ich bewundere George Clooney. Er betreibt diese Projekte mit seinem Vater zusammen, einem berühmten Anwalt in den Staaten. Sie tun das eher beiläufig. Clooney macht mit seinen Filmen größeren Gewinn, er kann das.

Waren politische Themen in Ihrer Kindheit gegenwärtig?

Meine Mutter war eher konsum-orientiert. Sie war immer sehr penetrant hinter den Einkäufen her und beklagte jeden Mangel: Schwarze Blumenköhle! Im Laden gab es Gezeter: Warum sind keine Tüten da? Ich habe draußen gewartet und sagte ihr: Wir haben doch unser Netz! Mit großem Vergnügen wurde bei uns auch der Wahlhelfer erwartet, der uns erinnerte: ‚Sie waren noch nicht wählen.‘ Der durfte sich was anhören. Auch Materialmangel war ein Thema. Mein Vater und mein Bruder kommen ja vom Bau.

War der Mauerfall befreiend?

Nach 89 brach alles auf und es war so offensichtlich, wie das System funktionierte, wie verlogen es war. Ich bin bei den Montagsdemos mitgelaufen. Joachim Gauck war bei uns in Rostock damals der Pastor, er traf mit seinen Predigten die Stimmung der Leute. Er hat mich damals mit seiner Rhetorik beeindruckt.

Das Bild von der DDR wird heute stark von Kinofilmen oder Fernsehserien geprägt. Wie fanden Sie

In diesem Film steckte mir zu viel Absicht. Es war so offensichtlich, dass damit ein Coup gelandet werden sollte. Ich empfand es als anmaßend, dies als den wahren Alltag in der DDR zu verkaufen.

Spielt es am Set eigentlich noch eine Rolle, wo man herkommt? Manche Schauspieler touren ja mit dem Soundtrack ihrer DDR-Kindheit durchs Land.

Ja, der Jan Josef Liefers, aber so nostalgisch bin ich nicht. Wenn ich etwa Axel Prahl treffe, müssen wir immer lachen, weil ich als Wessi durchgehe und er ist der Ost-Knülli. Dabei stammen wir beide aus dem Norden, nur jeweils von der anderen Seite. Man fragt sich heute eher, auf welcher Schule man war. Als ich von 1994-99 die Schauspielschule Ernst Busch besucht habe, waren die Klassen schon gemischt: Schweizer, Österreicher, Deutsche. Wir standen alle am Anfang. Ich habe trotzdem gespürt, dass ich in manchen Situationen unsicher war und weniger kommunikativ geschult als andere.

Weniger selbstbewusst?

Mir fiel es schwer, in einer Runde meinen Standpunkt zu behaupten. Ich dachte: Ist doch gar nicht wichtig, was ich dazu meine. Es muss doch nicht jeder seine Befindlichkeiten auf den Tisch knallen. Schauspieler tun das aber gerne. Ich wurde dagegen immer leiser.

Sich nicht ständig produzieren zu müssen, ist doch eine Stärke.

Mittlerweile habe ich eine gewisse Sicherheit und einen Rückzugsraum: meine Familie. Die schult auch in sozialen Situationen und gibt mir eine Sattlung, eine Struktur: Einkaufen gehen, einen Rhythmus finden. Ich möchte mich im Alltag nicht auf den Status des Schauspielers verlassen. An der Fischtheke stehen und pathetisch rufen: ‚Ich möchte bitte ...‘ – das ist doch lächerlich. Ich möchte als Mensch so vieles sein.

Mein Sohn soll sich finden. Ich meine damit nicht, dass er seinen Namen tanzt, sondern dass er sich selber spürt. Er soll nicht mein Vorbild nachleben, weil er denkt, dass er das muss. Ich versuche meinem Kind zu suggerieren, dass meine Probleme nichts mit ihm zu tun haben. Es gab diese Trennungsphase, hin und her. Aber er ist da gut durchgekommen.

Weihnachten ist das große Familienfest. Wie begehen Sie es?

In diesem Jahr feiern wir spektakulär! Wir fahren zu fünft auf den Fichtelberg. Ich bin vor zwei Jahren mal mit meinem Bruder hinge­fahren, es war alles verschneit. Auf dem Berg haben wir ein Hotel entdeckt. Die Seilbahn endet direkt daneben, wir können herunterballern. Man kann auch Rodeln oder Bob fahren. Wir haben so ein Gesamtpaket gebucht mit Gansessen und Gottesdienst. Unten im Tal, in der Marienkirche, singen wir Weihnachtslieder. Meine Frau hat schon einige vom vergangenen Jahr behalten. Das ist herrlich, wenn sie „Stille Nacht“ anstimmt ...

Sie wirken ziemlich glücklich.

Ich weiß, dass das alles bloß Momente sind. Es gibt nur Tendenzen, aber es gibt keinen dauerhaften Zustand, in dem man sagen kann: So ist das jetzt für immer.

Wäre doch schön.

Finde ich nicht. Sich zu lange wohl zu fühlen, ist auf die Dauer auch langweilig.


Das Gespräch führte Maxi Leinkauf

Devid Striesow wurde 1973 in Bergen auf der Insel Rügen geboren. Während seiner Schulzeit spielte er in einer Folk-Band Geige und Gitarre, später begann er eine Lehre als Goldschmied. Nach dem Mauerfall 1989 löste sich der Betrieb auf. Striesow machte sein Abitur nach und bewarb sich an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin. Dort war er im gleichen Jahrgang mit Fritzi Haberlandt und Nina Hoss. Noch während des Studiums erhielt er erste Theater-Angebote, unter anderem spielte er in Macbeth, Don Karlos und Hamlet.

Nach seinem Abschluss 1999 folgten weitere Gastengagements, unter anderem am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. 2004 wurde Striesow für seine Rolle des Wlas in Sommergäste am Schauspielhaus Düsseldorf mit dem Alfred-Kerr-Preis ausgezeichnet. Die Zeitschrift Theater heute kürte ihn zum Besten Nachwuchsschauspieler des Jahres. Er gilt als Instinktschauspieler, der mit einfachsten Mitteln einen genauen Charakter zeichnen kann. 2007 sah man ihn als SS-Sturmbannführer in dem oscarprämierten Film Die Fälscher, für seine Nebenrolle erhielt er den Deutschen Filmpreis. In Christian Petzolds Yella verkörperte er einen Investmentbanker. Außerdem ist Striesow regelmäßig in der ZDF-Krimireihe Bella Block als Assistent von Hannelore Hoger zu sehen. 2007 nahm er sich aber wegen Überarbeitung eine längere Auszeit.

Neben Sophie Rois und Sebastian Schipper spielt Striesow im neuen Tom-Tykwer-Film Drei. Dieser startet am 23. Dezember in den Kinos. Striesow lebt mit Ehefrau Francine, dem gemeinsamen Sohn und seinem Bruder in Pankow, ganz in der Nähe seines ersten Sohnes und dessen Mutter, der Schauspielerin Maria Simon. ML

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Ihre Freitag-Redaktion

13:00 16.12.2010
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

Ausgabe 38/2020

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