Wieder was gelernt

Porträt Martina Gedeck spielt meist Frauen, die an der Welt verzweifeln, in ihrer aktuellen Rolle aber kann sie strahlen
Maxi Leinkauf | Ausgabe 36/2015 10

Martina Gedeck tanzt in Blumenkleidern, sie wirkt ganz ausgelassen. Vielleicht ist Rom schuld, dieses Licht, die sandfarbenen Häuser, die Vespas, der Zauber der 70er Jahre. In Anni Felici – Barfuß durchs Leben spielt Martina Gedeck die deutsche Galeristin Helke, die Avantgardekünstler wie den Italiener Guido betreut, der irgendwas mit Body-Art macht, ambitioniert, aber erfolglos. Seine schöne, sinnliche Frau ist die Mutter seiner beiden Söhne und seine Ehefrau, mehr nicht. Sie wäre lieber Guidos Partnerin, ihre Sicht auf die Kunst soll sie aber für sich behalten. Streit, Eifersucht, hässliche Szenen vor den Kindern – jeder muss sich neu erfinden. Denn Mama bricht aus. Die deutsche Galeristin lädt sie ein in ein feministisches Feriencamp in der Camargue. „Aber die Feministinnen sind egoistisch. Sie denken nur an sich, nicht an die Kinder“, zögert die Italienerin. Dann steigt sie mit den Jungs in den Bus. Als sie zurückkehrt, beginnt sie mit der Galeristin eine Affäre.

Mit diesen Bildern im Kopf treffe ich mich mit Gedeck in einem Hotel in Berlin-Charlottenburg. Verglaste Eingangshalle, Palme und Flügel, eine Pressefrau. Dann erscheint sie: Martina Gedeck trägt einen schwarzen Hosenanzug und hochhackige Schuhe, das Haar offen. Sie wirkt groß, ihr Blick ist sanft, sie bestellt einen Kaffee und plaudert dann los.

Auf den Barrikaden

Sie habe sich in der Rolle sehr wohlgefühlt, selten würde man ihr solche Figuren voller Lebensfreude anbieten. „Luchetti, der Regisseur, mochte meine Arbeiten, hatte die Filme gesehen. Es ging nur noch darum, ob wir sprachlich zusammenkommen.“ Martina Gedeck wirkt ganz natürlich, sie baut nicht wie so viele andere Schauspielerinnen eine Barriere vor sich auf. Seit sie 2009 ihren ersten Film in Italien drehte, hat sie Sprachunterricht genommen. So konnte sie die Figur der Galeristin authentisch spielen, eine unabhängige Frau, die seit Jahren in Italien lebt. Regisseur Daniele Luchetti (La nostra vita, Mein Bruder ist ein Einzelkind) wollte die Figur unbedingt mit einer Deutschen besetzen, die ein starkes Frauenbild verkörpert, glaubwürdig verankert auch in der Historie. „In den 70er Jahren sind viele Leute aus Deutschland nach Italien gegangen, eben auch aus der Kunstszene“, sagt Martina Gedeck. Ist es für eine Frau leichter, mit einer Frau auszubrechen? „Ja, im Film lässt sich Serena spielerischer darauf ein, denn es liegt jenseits ihres Horizonts, sich in eine Frau zu verlieben, es hat keine wirkliche Realität. Mit einer Frau redet man über das Leben, man verbindet sich innerlich mehr und identifiziert sich stärker.“

Es ist die Zeit der Barrikaden und des Terrors. Hart und zugleich durchlässig hat Martina Gedeck im Baader-Meinhof-Komplex von Uli Edel und Bernd Eichinger Ulrike Meinhof verkörpert, das ist jetzt sieben Jahre her. Im Gegensatz zu einigen Schauspielerkollegen im Film wurde Martina Gedeck von der Kritik für ihre Meinhof-Interpretation gefeiert.

In Anni Felici bleibt die Rebellion privat, im Mikrokosmos. Deutschland ist eben nicht Italien. „Sie waren radikaler, die deutschen Ausbruchsbewegungen“, sagt Gedeck. „Bei uns haben sich die Menschen schneller gegen die Tradition gestellt. Das ist auch der Geschichte unseres Landes geschuldet, dem Aufbäumen gegen die Nazis.“

Italien war trotz der Roten Brigaden immer stark katholisch geprägt, weniger zersplittert und nicht derart kriegsversehrt. Ein Land, das derart familienorientiert ist, neigt nicht so sehr zu Umbrüchen. „Da hieß es für Frauen eher: Du darfst nicht individuell sein, sondern musst eingehen in den großen Clan.“ Wer wirklich radikal sein wollte, brach aus der Großfamilie aus. Schützen solche Bande nicht auch? „Ja, die junge Frau aus Georgien zum Beispiel, die gerade bei meiner Schwester arbeitet, versteht das überhaupt nicht, wie wir mit älteren Menschen umgehen, dass wir sie in Heime stecken.“

Eine europäische Frau

Die Kinorolle, mit der Martina Gedeck landesweit bekannt wurde, war die der Kellnerin Serafina in Helmut Dietls Rossini (1997). Danach spielte sie in vielen großen deutschen Filmen eine Hauptrolle. Für den Film entdeckt wurde sie bereits zehn Jahre vor Rossini, von Dominik Graf, der sie 1986 in Die Beute als Kellnerin und Privatdetektivin besetzte.

Geboren 1961, verbrachte Gedeck ihre Kindheit in Bayern und Berlin. 1981 machte sie Abitur, sie studierte Germanistik, Geschichte und Politologie. Nach kurzer Zeit gab sie das Studium auf, um sich der Schauspielerei zu widmen. Gedeck absolvierte das Max-Reinhardt-Seminar an der Berliner Hochschule der Künste und spielte Theater in Frankfurt am Main, Hamburg, Berlin und Basel. Die große Aufmerksamkeit (und hochkarätige Auszeichnungen) brachte ihr der Film: Für die Darstellung einer Bäuerin in Hölleisengretl (1998) erhielt Martina Gedeck den Bayerischen Fernsehpreis, zweimal gewann sie den Deutschen Filmpreis. Als weitere wichtige Karriereschritte gelten Bella Martha, Hunger auf Leben, Elementarteilchen, der oscarprämierte Film Das Leben der Anderen und der Baader-Meinhof-Komplex, in dem Martina Gedeck Ulrike Meinhof spielt.

Obwohl sie auch Erfahrungen mit dem US-Kino hat (sie spielte zum Beispiel in Robert De Niros CIA-Film Der gute Hirte) – man könnte Martina Gedeck als typisch europäische Schauspielerin bezeichnen. Gerade stand sie für die Verfilmung von Hape Kerkelings Jakobswegsgeschichte Ich bin dann mal weg vor der Kamera, ihr aktueller Film Anni FeliciBarfuß durchs Leben (Regie: Daniele Luchetti) ist soeben angelaufen.

Martina Gedeck wurde als älteste von drei Schwestern im niederbayrischen Landshut groß. Die Mutter war Hausfrau, der Vater arbeitete als kaufmännischer Angestellter für die Supermarktkette Rewe. Als Martina neun Jahre alt war, zog die Familie nach Westberlin, was mehr als ein geografischer Wechsel war – es war eine komplett andere Welt. Martina bekam Heimweh. „Meine alte Welt, die meiner Kindheit, war langsamer, ruhiger und für mich enorm vertraut. Ich war ja sehr bezogen auf die Natur.“ Ihr fehlte die Luft, der Geruch, doch dann fand sie eine innere Welt, hat viel gelesen und mehrere Musikinstrumente gelernt. „Ich war gern mit Dingen beschäftigt, die unabhängig waren vom menschlichen Zusammensein“, sagt sie und schaut ein bisschen weltvergessen.

Auf dem Gymnasium hat sie die Nachwehen der wilden Jahren erlebt und war beeindruckt: Wenn manche kurz vor dem Abitur die Schulbücher ins Klo geworfen haben, wenn sie Bands gegründet haben und Kommunisten oder Anarchisten sein wollten. Wir sind frei, und der Staat ist nichts wert, das war die Haltung damals. „Ich habe mir das interessiert von außen angeschaut“, sagt Gedeck, „Politik hat mich nicht wirklich beschäftigt.“ Sie war dabei, als eine Schülerzeitung gegründet wurde, sie war in der Frauengruppe, andere sind in die Drogenszene abgedriftet. Martina konnte immer nach Hause gehen, die Mutter war immer da. Fand sie das nicht eigenartig? „Meine Mutter war in diesen Jahren Mitte 30 und hat sich nicht in Frage gestellt. Es war gut, dass sie nicht gesagt hat: Ich verwirkliche mich jetzt selbst, und ihr seht zu, wie ihr zurechtkommt.“

Erst als die Kinder aus dem Haus waren, fing sie an, etwas anders zu machen, etwas zu unternehmen, und organisierte zum Beispiel Ausstellungen. „Ich habe meine Mutter sehr bewundert. Sie verkörpert für mich alles, was eine Frau ausmachen muss. Sie ist warmherzig, liebevoll und intelligent, eine sehr schöne Frau.“ Ihre Töchter gehörten zur ersten Generation, die studieren durfte. „Es stand gar nicht zur Diskussion, schlecht in der Schule zu sein. Das hat man nicht leichtfertig verspielt“, sagt Gedeck. Sie schrieb sich für die Fächer Germanistik und Geschichte ein, die ihr aber schnell zu theoretisch waren. Am Max-Reinhardt-Seminar der Berliner Universität der Künste wurde sie sofort genommen, und seitdem spielt sie. Ihr Debüt gab sie 1985 als Prinz in Aschenkinder am Frankfurter Theater am Turm, sie stand in Basel und Berlin auf der Bühne. Und bald kannte man Martina Gedeck aus dem Kino und dem Fernsehen.

Im Reifeprozess

Meisterhaft spielt Gedeck Frauen, die sich verweigern oder gnadenlos auf sich zurückgeworfen werden: die Schriftstellerin Brigitte Reimann in der filmischen Biografie Hunger auf Leben zum Beispiel, die fiktive Schauspielerin Christa-Maria Sieland im Leben der Anderen. Brigitte Reimann, die in der DDR der 50er und 60er Jahre der Enge des Lebens mit der Fantasie und dem Schreiben zu entkommen versucht und scheitert; Christa-Maria Sieland, die im Ostberlin der 80er Jahre die Scham ihres Stasi-Verrats nicht mehr ertragen kann und sich von einem Lkw überfahren lässt.

Bedarf es immer eines Dritten, um einen neuen Schritt zu wagen? Gedeck überlegt, fängt einen Satz an, bricht ihn wieder ab. „Entweder man braucht einen Dritten, der dazukommt, oder aber den Verlust des Zweiten. Das reicht manchmal schon aus.“ Man ahnt, von wem Martina Gedeck hier reden könnte. Ulrich Wildgruber, der Mann mit dem sie zehn Jahre zusammenlebte, 25 Jahre älter als sie und begnadeter Zadek-Schauspieler, war anfällig für Krisen, die immer riesiger wurden, und hat sich auf Sylt das Leben genommen. Gedeck lässt das so im Raum stehen.

„Der Dritte bedeutet eben eine radikale Veränderung im Gefüge, in der Gewichtung, in der man sich befindet“, sagt sie. „Man betritt Neuland. Wenn einer geht, ist das eine genauso radikale Veränderung, es hat dieselbe Wirkung.“ In einer Beziehung müsse man sich fragen, was man wirklich wolle. „Man muss lernen, Nein zu sagen. Bestimmte Grenzen müssen eingehalten werden. Das kann man dem Partner beibringen.“

In Anni Felici – Barfuß durchs Leben wünscht sich die Galeristin in Rom, dass ihr Verliebtsein ewig dauert. In den 70er Jahren hätte sich kaum einer getraut, eine feste Beziehung einzufordern. Haufenweise Erfahrungen sollte man sammeln, rücksichtslos im Zweifel, Hauptsache: nicht brav. „Das war fast schon rebellisch gegenüber der feministischen Welle. Das hat mich natürlich gereizt, dass diese Figur anfangs eher machohaft unterwegs war, sich dann aber doch richtig verliebt hat.“

Auch in der Partnerschaft müsse man sich immer wieder emanzipieren. „Das sollte man mittragen. Oft entpuppen sich Veränderungen als Bereicherung“, sagt Gedeck. Man brauche Geduld, „und vielleicht die Art von Liebe, die man auch Kindern gegenüber hat.“ Als ein Journalist sie einmal fragte, ob sie es denn nicht bedaure, ohne Kinder zu leben, sagte sie: „Blöde Frage.“ Mit Bedauern könne sie ziemlich wenig anfangen. Sie schwärmt lieber noch einmal von ihren Eltern, die alle Probleme auf den Tisch gebracht und nichts totgeschwiegen hätten. „Davon kann man nur lernen“, sagt Martina Gedeck. „Oh, das klingt jetzt, als würde ich Ihnen Ratschläge geben.“

Schauspieler leben von Veränderungen. Sie verwandeln sich, die Figuren in einer Geschichte, sie durchlaufen Prozesse. „Ich brauche solche Veränderungen auch für mein Leben“, sagt Martina Gedeck, „weil ich sonst anfange, mich zu langweilen.“ Sie finde das Leben aufregender, je mehr sie von ihm wisse. „Ich trage die Dinge, die ich erlebt habe, in mir wie einen Schatz.“ Sie brauche jetzt auch keine Filmpreise mehr und erst recht keinen Liebeskummer. Martina Gedeck lebt seit acht Jahren mit dem Schweizer Regisseur Markus Imboden zusammen, der drei Jahre älter ist als sie. Die beiden führen eine schweizerisch-deutsche Fernbeziehung.

Kennt sie Angst vor Veränderungen? „Ja, ich kenne Abschiedsveränderungen. Es gibt Menschen in meinem Leben, die jetzt nicht mehr da sind. Eine Generation, die sich langsam verabschiedet. Otto Sander ist nicht mehr da, Helmut Dietl, Klaus Michael Grüber, Peter Zadek. Das sind Leute, mit denen ich groß geworden bin. Ich war glücklich, dass es sie gibt. Und ich bin glücklich, dass ich sie erlebt habe und ich mit ihnen arbeiten konnte. Ich merke, dass sich durch ihr Fehlen auch diese Gesellschaft verändert. Auch fehlt so ein gewisses Empfinden für Qualität.“ Um beurteilen zu können, ob der Schauspieler oder eine Inszenierung gut ist, braucht man Erfahrung, ein gewisses Alter. „Ich bin schon sehr auf die Älteren fixiert gewesen. Ich mochte, dass es sie gab, auch als künstlerische Instanz.“

Aber ist das nicht ein bisschen seltsam, so eine professionelle und emanzipierte Frau, und doch hängt sie derart am Urteil von anderen? „Ich muss jetzt selber Verantwortung übernehmen“, sagt Martina Gedeck, „früher hätte ich vielleicht gefragt: War das gut? Jetzt verlasse ich mich auf mein eigenes Empfinden und auf mein Können.“

Vielleicht ist es ja auch gut, so mit sich selbst konfrontiert zu sein. Martina Gedeck ist jetzt 53 Jahre alt und muss niemandem mehr etwas beweisen.

10:00 15.09.2015
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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