Matthias Dell
01.01.2012 | 21:45 82

An der Bratenstraße

Tatort Das Jahr 2012 geht gar nicht gut los: Der schlampige Ludwigshafener "Tatort: Tödliche Häppchen" kann nichts anderes, als seiner eigenen Parodie Konkurrenz zu machen

Um nicht total destruktiv ins neue Jahr zu starten und das Positive herauszustellen: Der Ludwigshafener Tatort: Tödliche Häppchen lässt Luft nach oben; den besten Sonntagabendkrimi in diesem Jahr haben wir – Kasten Bier, halbes Schwein – in jedem Fall noch vor uns.

Der Titel, Tödliche Häppchen, bezeichnet das Elend der Folge recht genau: Wenn schon lieblos was zusammengekloppt wird, was irgendwie wie Tatort aussieht, warum sich mit dem Titel Mühe geben? Mit einer an Adorno ("Titel müssen es treffen, nicht sagen") geschulten Wahrnehmung ließe sich hier der Umkehrschluss feststellen: Wo "es" nicht zu treffen ist, weil "es" ein liederliches Etwas ist, kann der Titel auch nicht mehr tun, als etwas sagen zu wollen. Dass der Titel nicht aufgeht – die "Häppchen", die in der Lebensmittelfabrik im Film produziert werden, sind "tödlich" allenfalls sehr indirekt für die idealistische Aufdeckerin Steffi Pietsch (Idil Üner) –, bedeutet die Vagheit, mit der die Folge sich an Themen, Figuren, Geschichten probiert, sie aber nie modelliert. Was die Titel (wir hören gleich auf) anbelangt, wäre es immerhin lustig, wenn Ludwigshafen konsequent auf den "Tödlich"-Grand Slam hinarbeiten würde – nach Tödlicher Einsatz (2009), Tödliche Ermittlungen (2011) und Tödliche Häppchen (now) könnte in Ludwigshafen 2013 mit Tödliche Morde der Sack zugemacht werden.

Angesichts des seit kurzem kursierenden Filmchens Der typische Tatort in 120 Sekunden lässt sich in der aktuellen Folge der Versuch einer Rückeroberung der Deutungshoheit über die Gebrauchsanweisung durch das Original erkennen. Seine Klischees inszeniert Tödliche Häppchen (Regie: Josh Broecker, der gemeinsam mit Frauke Hunfeld auch das Buch geschrieben hat) immer noch selbst. Das Drehbuchbuch ist auf Autopilot gestellt: Dauernd rennen die Kommissare irgendwo hin und dürfen Zweifel immer erst haben, wenn genügend Zeit geschunden ist (diese Kolleginnenrunde der toten Steffi ist schon bei der ersten Vernehmung höchstsuspekt). Zwischendurch findet der Spusi-Becker (Peter Espeloer) Häppchen für Häppchen neue Details raus, damit das Ermittlerduo dann wieder zu irgendjemandem hinrennen kann.

DIN A6-Visitenkarten

Alles an dieser Folge ist unmotiviert. Das Rumgerenne dient nur dazu, dass ein paar Schauplätze vorgezeigt werden können (der See, an dem die kranke Elke joggt, die Tanzschule, in der Kopper irgendwas lernen soll). Dass ist in anderen Tatort-Filmen nicht anders, im Grunde könnte immer nur auf dem Kommissariat verhört werden, aber es fällt einem selten so auf wie hier. Ein Touchscreen-Tatort: Irgendwas wird angetippt, in der Hoffnung, dass beim Zuschauer dann schon das Gemeinte aufgeht. Exemplarisch für die Schlamperei beim Buch ist, wie Kopper (Andreas Hoppe) sich überlegt, diesen ebenfalls höchstverdächtigen Nervenarzt von seinem Schweigegebot zu entbinden. In jedem Kinderbuch wäre das ein Anlass, sich einen hübschen Trick auszudenken, hier hält Kopper dem Dottore einen Wisch unter die Nase, den der eigentlich nicht glaubt, dann aber doch tut, was von ihm verlangt wird, weil der Tatort ja weitergehen muss. Man könnte lediglich diskutieren, ob die DIN A6-Visitenkarte vom Nervenarzt in der Wohnung von Elke Schmitz (Bernadette Heerwagen) nicht noch absurder ist.

Wie traurig dieser Film ist, zeigt sich gerade in den Momenten, in denen es mit Humor versucht wird – don't try this at home, kids; es geht nie gut. Der dann auch noch schmierlappigste Tierarzt (Ole Puppe) zu Lena Odenthal (Ulrike Folkerts): "Sie haben einen Draht zu Hunden." Sie: "Maschendraht." Wird nur getoppt von dem Mörder-Gag gleich zu Beginn, als Lena zu Kopper sagt, weil der nicht tanzen konnte mit der Chef-Gattin: "So bekommt das Wort Plattfuß eine ganz neue Bedeutung." Wenn wir den Bezug zur "alten Bedeutung" von Plattfuß (Bud Spencer? Autoreifen?) verstanden haben, legen wir sofort mit dem Lachen los, versprochen. (Nachtrag: mit etwas Verspätung und Hilfe - verstanden, gelacht)

Da nun nichts hinhauen muss in so einem Tatort, könnte es Ludwigshafen doch wenigstens mit einer totalen Gaga-Variante probieren. Also Figuren wie diesem Patienten beim Nervenarzt mehr Raum geben und sie tatsächlich die ganze Zeit in Zola-Schopenhauer-Sonstwas-Zitaten reden lassen. Analog könne die beim Tanzen verhörte Tanzlehrerin (Kathrin Kühnel) ihre Antworten in diesem Schnell-schnell-lang-sam-Tanzlehrer-Sprech geben. Das wäre, wir wiederholen uns, immerhin lustig.

Irre lacht der Fabrikant

Der gesellschaftliche Entwurf ist in solcher Umgebung naturgemäß nichts, was interessiert. Die Lebensmittelindustrie ist zum Glück so grundkorrupt, dass darauf immer angespielt werden kann, wenn's nötig ist. Wenn nicht, dann nicht. Als Gegenbild zum ewig Bösen fungiert in diesem Tatort logischerweise nur ein autistischer Bilderbuch-Idealismus, den Steffi Pietsch in ihren gestellsfernen Videoposts auf "Nogbook" performen muss. Und Kopper, das alte Europa eines volkstümlichen Gerechtigkeitsempfindens, macht am Ende wie üblich auf dicke Hose, wenn er dem Knastkoch Bescheid geben will, dass der irre lachende Lebensmittelfabrikant (Johannes Zirner) im Kitchen nur miesestes Essen vorgesetzt bekommen soll - hat denn dieser Kopper überhaupt kein Vertrauen in unseren Rechtsstaat?

In der Manier des Sportreporters alter Prägung müsste man sagen: dunkelgelb wegen andauernden Formatsmissbrauchs.

Eine Erklärung, die für alles entschädigt: "Ich bin Jahrgang '31, ich bin mit 14 eingezogen worden"

Einen Wunsch, den man immer äußern kann: "Wir brauchen mehr Insider-Informationen"

Eine Frage, von deren Beantwortung man sich einen Erkenntnisgewinn erhoffen kann: "Was heißt denn cool, Kopper, alle sind immer so verdammt cool?"
 

Kommentare (82)

Blinkfeuer 02.01.2012 | 03:04

Nun, terminlich hätte auch eine Wiederholung es getan, also am 1.1.! ...da wird doch selbst von den Jobbewundertesten global nüscht erwartet.... aber für die grüne Roth- Abteilung: Kopper: " Im Knast...Frkadellen... kenne den Koch!"----- esse nur Beilagen---- "Welche Beilagen?"---- das ist cool. 2cool for a friday- man on sunday?
Und warum die schöne Idil Üner sterben musste... nicht eine der blonden Walküren, man ahnt es schon. "In Europa wird eben wieder *piep* gesprochen".

Achtermann 02.01.2012 | 09:33

Dass der Tatort nicht nur ein Drehbuch-Flickenteppich alter Versatzstücke geworden ist, zeigt ein Bericht der Frankfurter Rundschau. Danach werden die drei vom SWR produzierten Tatort-Folgen, Stuttgart, Konstanz und Ludwigshafen, in einem eigens dafür eingerichteten Gebäude in Baden-Baden gedreht. Die Pathologie sei immer dieselbe, die im Kellergeschoss des Gebäudes eingerichtet worden sei. Auch die Leichen lägen immer im selben mittleren Kühlfach, weil die anderen sich nicht öffnen ließen. Der Seziertisch sei eine Spende der Pathologie aus Leipzig. Der Fließbandcharakter der Produktion - eine Folge würde im Schnitt 1,3 Mio Euro kosten - kommt darin bestens zum Ausdruck. Nur zu den Lokalcolorit verströmenden Außenszenen werde vor Ort gedreht. Aber auch da scheint der Lokalbezug beim Suchen nach Drehorten sehr großzügig ausgelegt zu werden, wie ich gestern beobachten konnte. Nur in den spärlichen Kurzszenen, in denen die Silhouette Ludwigshafens zu sehen ist, ist auch wirklich Ludwigshafen drin. Alle anderen, wie bspw. die Joggingszenen, haben mit der Stadt nix zu tun. Deshalb ist die Wendung, der Tatort "aus Ludwigshafen" oder der Tatort aus "aus Konschtanz"(!) eher irreführend.

http://www.fr-online.de/image/view/2011/11/30/11372536,8745146,highRes,maxh,480,maxw,480,fr_71-28729511.JPG.jpg
Das Tatortstudio in Baden-Baden

Link zum Artikel:
www.fr-online.de/medien/tatort-das-haus-der-moerderjaeger,1473342,11372544.html

Grundgütiger 02.01.2012 | 10:08

Es ist zum verzweifeln, jetzt werden nicht nur die Drehbücher immer schlechter, es werden ganz offen die Zuschauer in Beugehaft genommen.
Die Tanzschulenscenen haben doch glatt dazu geführt, das ich jetzt Tanzkurse mit meiner Frau besuchen soll. Das fiel ihr nämlich als einzigstes von diesem Tatort auf, "wir gehen auch mal wieder zum Tanzkurs".
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Meine letzte Drohung an die DEGETO, ich hole meine Olsenbande Sammlung raus, da gibt´s wenigstens einen Plan!

Matthias Dell 02.01.2012 | 12:40

mit der wiederholung, d'accord. aber bei idil üner würde ich widersprechen: man kann es, gerade in ludwigshafen, als zivilisatorischen fortschriff werten, ein zeichen von normalisierung, dass sie einfach eine rolle spielt (dazu mit dem namen "steffi pietsch"), ohne dass kopper sich gezwungen sieht, ehrenmord zu sagen. und walküre trifft's ja bei der zarten bernadette heerwagen auch nicht so ganz

Matthias Dell 02.01.2012 | 12:43

achtermann!
fließbandcharakter der produktion, das ist schon richtig, gleichzeitig sollte nicht vergessen werden, dass es sich immer noch um film handelt und nicht um eine kunstprojekt zur wirklichkeitsabbildung. was hätte der zuschauer davon, wenn die innenräume reale räume in ludwigshafen wären und nicht in diesen zentralisierten studios gedreht würde - man sieht es ja doch nicht. und wo käme man hin, wollte man von jedem film authentische drehorte verlangen - ben hur ist auch nicht im alten rom entstanden. deshalb: man kann dieser folge vieles vorwerfen, das aber eher nicht

Achtermann 02.01.2012 | 13:24

@Matthias Dell

Ja, alles richtig. Alles ist Fiktion. Alles ist Entertainment. Winnetou wurde auch nicht an den fiktiven Orten aus Karl Mays Romanen sondern an den heutigen Staaten Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina oder Montenegro gedreht, wenn ich nicht irre. Ich bin Film- und sonstiger Laie. Der Blick hinter die Kamera, also dorthin, wo meine Gebühren fließen, ist dann doch desillusionierend. Er wird aufgrund des Wissens um die Produktionsbedingungen rationaler. Mein Einlassen auf den Film als solchen, also auf die Oberfläche, die die Drehbuchautoren, Regisseure, Schauspieler u.a. versuchen zu erzeugen, schwindet. Zurück bleiben Ironie oder Sarkasmus oder als besseres Surrogat drei, vier Bier in einer authentischen Ludwigshafener Kneipe.

Uwe Theel 02.01.2012 | 15:04

Schlimm an Folckerts-Tatoten ist inzwischen, dass die Drehbücher und Inszenierungen pro Folge ein bis zweimal den alten Betroffenheitsblick (Großaufnahme Gesicht Folkerts) als abstrakte Ikone ins Bild rücken, ohne dass die Handlung noch irgendwelche filmischen Realisationen oder Handlungsabbildungen dafür mitreichte. Die Verbissenheit mit der die Folkerts inzwichen spielt könnte der Ausdruck des eigenen Unwohlseins daran signalisieren. Die Folkerts lebt nur noch öffentlich von einem Ruf, den Sie bis zu den düsteren Folgen (kurze Haare, mit Lebensgefährtin statt Kopper) wunderbar aufbaute, und seither nicht mehr spielt / spielen darf, also wieder abbaut.

Achtermann 02.01.2012 | 15:35

@Alien59

Das ist der Unterschied zu Dells Filmblick, der die Lokalitäten, die da abgefilmt und zu Ludwigshafen gehörig präsentiert werden, wahrscheinlich gar nicht kennt. So schaue ich auf den Kieler Tatort: Kiel bleibt Kiel, auch wenn Gettorfs idyllischer Ortskern dafür herhalten müsste. Aber beides Mal gilt dasselbe: Die Städte werden aufgehübscht, in dem sie weltläufiger, anheimelnder oder wie auch immer den Tatortserien als dann doch fiktive Folie dienen. Für die lokalen Zuschauer erkennbar, für die Ortsunkundigen nicht. Deshalb ist Dells Ben-Hur-Vergleich nur bedingt tragfähig, weil der Film offenkundig das Bild einer 2000 Jahre alten Stadt transportiert und ich sicher bin, dass ich Rom heute so nicht vorfinden werde.

Ullrich Läntzsch 02.01.2012 | 16:18

Traurig aber alles wahr. Fürwahr jämmerlich. Doch es ist noch schlimmer, der Tatort wird wieder einmal mehr zum subtilen Werbefilm für den Poliziestaat.

Nein? Oh ja. Denn was man vielleicht noch als Joke durchgehen lassen könnte, obwohl ich durchaus auch da zustimme: hat denn dieser Kopper überhaupt kein Vertrauen in unseren Rechtsstaat? Diese Drohung an einen noch nicht einmal abgeurteilten Mann zu richten, an einen Untersuchungshäftling also, der als unschuldig zu behandeln ist, ihm anzudrohen, er könnte ermordet werden - kein Witz für mich.

ABER, warum nehmen wir es eigentlich wieder hin, daß die Kommissare bei vollem Unrechtsbewußtsein einbrechen? Das sind Polizeistaatsmethoden - sicher nur der Dummheit der Beteiligen zuzuschreiben. Denn sie wissen nicht was sie tun ...

Allerbeste mit wenig Hoffnung auf Besserung
Ullrich Läntzsch

Matthias Dell 02.01.2012 | 16:47

@achtermann, alien59
ist richtig, dass dell blick die lage in mannheim/ludwigshafen bislang vor allem aus dem zugfenster durchfahrender ices genommen hat. das fahrtrichtungsproblem über die brücke, meine ich mich zu erinnern, scheint aber eben jenen filmischen spiegelverkehrtheiten geschuldet zu sein, die auch die imbissbude in köln mit dem dom im hintergrund betreffen, die doch eigentlich auf der domseite steht bzw stand (sollte wohl da weg, was auch nicht uninteressant ist angesichts ihrer "tatort"-popularität): dass nämlich, damit die stadt "erkennbar" wird, das jeweilige landmark im sinne der kamera und nicht im sinne richtiger standorte, authentischer wege aufgenommen wird. versteht man, was ich meine? in jedem fall nichts, was man dem film vorwerfen könnte, denn so ist er nun mal - im gegensatz zur realität

Tobi-Eiki 02.01.2012 | 17:05

Ein so langweiliger Tatort verdient eigentlich keine so ausführliche Rezension. Bitte verzeihen Sie mir Herr Dell, dass ich Ihren Beitrag nicht bis zum Schluss gelesen habe, was nicht an Ihren Qualitäten, sondern viel mehr an der Langatmigkeit des gestrigen Tatort lag. Fand ich den Hamburger Tatort mit Cenk Batu noch spannend und aktuell, so war der gestrige Film einfach nur öde. Eigentlich ist mein Kommentar jetzt auch schon wieder viel zu lang, da dieser Tatort in die ewigen Archive der ARD gehört!

Alien59 02.01.2012 | 17:21

Na ja, in Köln ist es lediglich ein Spiegelverkehrtheitsproblem, richtig - aber in LU/MA hängt da ein juristischer Rattenschwanz dran: die rh-pf. Kommissare handeln rechtswidrig, wenn sie in MA ermitteln. Und es werden wirklich ganze Szenen aus Mannheim gezeigt: Fußgängerzone, Wasserturm....
Für jeden lokalen Tatort-Liebhaber stehen da die Haare zu Berge, und die Ludwigshafener sind beleidigt, weil ihre Stadt allein nicht gut genug zu sein scheint ;-)

minotawros 02.01.2012 | 18:01

Ich kann Ihnen leider zu 100% zustimmen! Eine Zumutung war dieser Tatort, wie die meisten dieses Genres. Hier ein Tipp: wenn Sie sich noch viel mehr ärgern möchten, schauen Sie sich den FIlm "Der Chinese" (ARD, Freitag 20:15h (30.12.2011)) in der entsprechenden Kinematek an. Hoffentlich sind Sie hinterher nicht so sprachlos, dass Sie nichts darüber schreiben möchten! Das Elend ist grenzenlos...

Avatar
Ehemaliger Nutzer 03.01.2012 | 15:31

Noch so ne Vollkatastrophe: Dieser Ex-Steffi-Mann (Kai Scheve) gegenüber von Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) - verlässt erst die Frau, deren Idealismus er nicht mehr ausgehalten hat, für die beste Freundin von der Frau, um dann wieder bei der Frau anzuklampfern, damit das Drehbuch einen Verdächtigen mehr hat

Nun sollen Liebesbeziehungen zwischen zwei Menschen, gleich welchen Geschlechts, ja manchmal, habe ich mir sagen lassen, widersprüchlich sein. Du liebst deinen Partner und manchmal ist er dir höchst zuwider. Du verläßt ihn und wanzt dich, zu anderer Zeit, bei anderer Gelegenheit, wieder an ihn ran.
Die Liebe ist ein seltsames Spiel...



Mit einer an Adorno ("Titel müssen es treffen, nicht sagen") geschulten Wahrnehmung ließe sich hier der Umkehrschluss feststellen: Wo "es" nicht zu treffen ist, weil "es" ein liederliches Etwas ist, kann der Titel auch nicht mehr tun, als etwas sagen zu wollen.

Bei allem Respekt vor der Geistesschärfe von Adorno - was das Thema "Effektvolle Kommunikation" anbelangt, so ist Adorno doch einer von diesen Ratgebern, die dir sagen können, wie es ginge, die es selbst aber nicht können. Für leserzentrierte Kommunikation war Adorno viel zu gescheit. Das heißt, er war viel zu dumm, sich in das Hirn eines nicht so gescheiten Menschen, wie er selbst es war, hineinzudenken.

Das Rumgerenne dient nur dazu, dass ein paar Schauplätze vorgezeigt werden können (der See, an dem die kranke Elke joggt, die Tanzschule, in der Kopper irgendwas lernen soll). Dass ist in anderen Tatort-Filmen nicht anders, im Grunde könnte immer nur auf dem Kommissariat verhört werden, aber es fällt einem selten so auf wie hier.

Ei was, das ist etwas, was mir bei jedem guten Krimi auffällt. Natürlich verhören die echten Kriminaler ihre echten Zeugen oder Verdächtigen fast immer auf dem Polizeirevier, weil sie nur dort das Gespräch aufzeichnen und für die Ermittlungsakten protokollieren können. Nur: Das Verhör vor Ort ist im Film halt eine wunderbare Gelegenheit, den Verhörten in seiner ganz persönlichen Umgebung zu zeigen. In welcher Umgebung lebt die Person, wie sieht ihr Arbeitsplatz aus etc. Ein Krimi, der die echte Polizeiarbeit nachstellt, wäre höchstwahrscheinlich ziemlich langweilig. "Es gibt für einen Menschen, der das Abenteuer liebt, nichts Langweiligeres als die Arbeit bei der Kriminalpolizei" sagte einst bereits Kommissar Münchinger, alias Monaco Franze.

Exemplarisch für die Schlamperei beim Buch ist, wie Kopper (Andreas Hoppe) sich überlegt, diesen ebenfalls höchstverdächtigen Nervenarzt von seinem Schweigegebot zu entbinden. In jedem Kinderbuch wäre das ein Anlass, sich einen hübschen Trick auszudenken, hier hält Kopper dem Dottore einen Wisch unter die Nase, den der eigentlich nicht glaubt, dann aber doch tut, was von ihm verlangt wird, weil der Tatort ja weitergehen muss.

Eben noch hast du den Tatort-Krimis vorgeworfen, sie würden die echte Polizeiarbeit effekthascherisch falsch darstellen und dann, nur ein paar Sätze weiter wirfst du ihnen vor, daß sie das darstellen, was in echt passiert wäre: Sie besorgen sich schlicht eine richterliche Anordnung zur Aufhebung der Schweigepflicht, statt sich irgendeinen effektvollen Trick auszudenken.

Wird nur getoppt von dem Mörder-Gag gleich zu Beginn, als Lena zu Kopper sagt, weil der nicht tanzen konnte mit der Chef-Gattin: "So bekommt das Wort Plattfuß eine ganz neue Bedeutung." Wenn wir den Bezug zur "alten Bedeutung" von Plattfuß (Bud Spencer? Autoreifen?) verstanden haben, legen wir sofort mit dem Lachen los, versprochen.

Beruhige dich. "Plattfuß" ist der - womöglich aus dem Amerikanischen übernommene - Spitzname für Polizisten. "Senk- und Plattfüße sind darum bei Personen besonders häufig, die beruflich sehr viel stehen und gehen müssen (z. B. Polizisten, Verkäuferinnen)."
www.healthy48.com/deu/d/fusskrankheiten/fusskrankheiten.htm

So allmählich frage ich mich... Okay, du magst den "Tatort" nicht besonders, nichts dagegen. Die Frage wäre, wieso du dir dann ausgerechnet den "Tatort" als Ziel deiner Filmkritiken nimmst.

Ciao
Wolfram
Avatar
Ehemaliger Nutzer 03.01.2012 | 15:32

@Matthias Dell
magda!
das mit den "langsamen gemütern" in ihrem zusammenhang kann ich mir nur mit dem neujahrstag erklären

Sie hat schon recht, die Magda. Ich bin, wie sie, ein eher "langsames Gemüt" und habe deshalb den Anspruch, daß ich einen Film auf Anhieb, ohne Rückspulen (wie war das jetzt?) verstehe. Ein guter Film sollte mir am Anfang die Personen und die Situation, in der sie sich befinden, vorstellen. Andererseits gibt es Filme, Gott möge Regisseur und Drehbuchautor verfluchen und in der Hölle schmoren lassen, die dir eine Viertelstunde oder länger eine Handlung servieren, bei der du dich frägst: Was sehe ich hier eigentlich? Wer ist wer, was tut er eigentlich und warum tut er das? Erst wenn du den Film zuende gesehen hast, wird dir beim nochmaligen Anschauen klar, was du eigentlich am Anfang gesehen hast.
Dies ist keine Filmkunst, sondern Stümperei. Ein Filmautor (Drehbuchautor oder Regisseur) sollte ausreichend Hirn unter der Schädeldecke haben, um zu bedenken, daß der Zuschauer den Film life sieht, daß er nicht zurückspulen kann, daß er den Plot auf Anhieb verstehen muß. Ein guter Filmautor sollte darüber hinaus bedenken, daß viele Leute den Film mit nicht optimalen Wiedergabegeräten anschauen. Eine Filmszene, die des nachts spielt, sollte also dennoch so gut ausgeleuchtet sein, daß Erwin und Hilde Normalgucker den Film auch mit einer Uralt-Gurke von Fernsehgerät sehen und verstehen können.
Selbstverständlichkeiten, gewiß. Bis zu den Film- und Fernsehhochschulen haben sie sich aber noch nicht flächendeckend herumgesprochen.

Ciao
Wolfram

Avatar
Ehemaliger Nutzer 03.01.2012 | 15:33

@Achtermann
Die Pathologie sei immer dieselbe, die im Kellergeschoss des Gebäudes eingerichtet worden sei. Auch die Leichen lägen immer im selben mittleren Kühlfach, weil die anderen sich nicht öffnen ließen.

Grauenvoll, so was. Auf der anderen Seite mäkelt man, weil die Wohnungen von Börne und Thiel im Münster-Tatort ganz unterschiedlich sind. Drehbuchmäßig ist es immer das gleiche Haus, produktionstechnisch mußte man aber anscheinend von einer Folge zur anderen den Drehort ändern.
Gottchen, ja. Agatha Christie hat in den frühen zwanziger Jahren in ihrem Romanerstling "The Mysterious Affair at Styles" einen pensionierten belgischen Kriminalbeamten namens Hercule Poirot eingeführt. Der muß also damals schon mindestens 55 Jahre alt gewesen sein. In den siebziger Jahren ist Poirot immer noch lebendig und aktiv... Okay, rein physiologisch ist das möglich, wenn auch sehr unwahrscheinlich. Gleiches gilt für die ältere Dame namens Jane Marple, die ebenfalls über viele, viele Jahrzehnte hinweg in den Büchern ermittelt.

Ciao
Wolfram

Avatar
Ehemaliger Nutzer 03.01.2012 | 15:34

@Achtermann
Der Blick hinter die Kamera, also dorthin, wo meine Gebühren fließen, ist dann doch desillusionierend. Er wird aufgrund des Wissens um die Produktionsbedingungen rationaler. Mein Einlassen auf den Film als solchen, also auf die Oberfläche, die die Drehbuchautoren, Regisseure, Schauspieler u.a. versuchen zu erzeugen, schwindet.

Ich darf daran erinnern, daß einer der größten Filmemacher, die es je gab, nämlich Alfred Hitchcock, bevorzugt im Studio drehte, auch dann, wenn ihm das Budget ein Drehen an Außenschauplätzen erlaubt hätte (im Studio sind halt die Bedingungen kontrollierbarer; es schneit etwa genau dann, wenn der Regisseur dies wünscht...). Es stört dabei überhaupt nicht, wenn das Drehen in der Kulisse im fertigen Film immer noch zu merken ist.
Im Theater haben wir uns an das sogenannte Regietheater gewöhnt, das heißt "Hamlet" spielt in unserer Gegenwart, die Schauspieler tragen Anzug oder Kleid, wenn sie nicht eh ganz nackt auftreten. Beim Film aber jault jeder Schlaumeier auf, wenn in einem Streifen, der 1793 spielt, ganz im Hintergrund ein Möbel steht, das es in dieser Form erst seit 1809 gab.

Ciao
Wolfram

Avatar
Ehemaliger Nutzer 03.01.2012 | 15:34

@Alien59
Es ist mit den Ludwigshafen-Tatorts eher noch schlimmer: viele Szenen zeigen Mannheimer Ansichten, es wird über die Brücke hin- und her gefahren. Völlig absurd: andere Stadt, anderes Bundesland, die Kommissare haben auf der anderen Rheinseite nichts verloren.

Je nun, der Regisseur sucht sich die Orte für den Außendreh so aus, daß sie möglichst gut für die Handlung passen. Scheiß auf die paar Zuschauer, die sich in Ludwigshafen und Umgebung so gut auskennen, daß sie merken, daß die abgefilmte Straße eigentlich in Mannheim liegt. Wenn eine Szene, die in Hamburg spielt, in München gedreht wird, sollte man vielleicht lediglich drauf achten, daß nicht haufenweise Autos mit Münchner Kennzeichen rumfahren oder daß nicht plötzlich eine weißblaue Straßenbahn ins Bild kommt.

Ciao
Wolfram

Avatar
Ehemaliger Nutzer 03.01.2012 | 15:35

@Alien59
Na ja, in Köln ist es lediglich ein Spiegelverkehrtheitsproblem, richtig - aber in LU/MA hängt da ein juristischer Rattenschwanz dran: die rh-pf. Kommissare handeln rechtswidrig, wenn sie in MA ermitteln. Und es werden wirklich ganze Szenen aus Mannheim gezeigt: Fußgängerzone, Wasserturm....

Im Film handeln die Kommissare ja in Ludwigshafen, auch wenn in Mannheim gedreht wurde, meinetwegen auch in München.
Du könnest auch monieren, daß die Leute in den Filmen immer einen Parkplatz direkt vor dem Haus finden, zu dem sie wollen. In seinem berühmten Interview mit Francois Truffaut (Unter dem Titel "Wie haben Sie das gemacht, Mr. Hitchcock?" als Buch erschienen) sagte Hitchcock, er habe in seinen Filmen viele Unwahrscheinlichkeiten. Er hätte sie wahrscheinlicher machen können, aber es wären dazu Szenen nötig gewesen, die das Tempo des Films nur bremsen, zur Handlung aber letztlich nichts beiträgen. In "Die Vögel" tauche etwa in einem Lokal plötzlich eine Ornithologin auf, welche die Angriffe von Vögeln auf Menschen für völlig unmöglich erkläre. Das sei unwahrscheinlich, er hätte ihr Auftreten durch eine zusätzliche Szene motivieren können, aber diese Szene wäre langweilig geworden, also habe er darauf verzichtet.

Ciao
Wolfram

Avatar
Ehemaliger Nutzer 03.01.2012 | 15:37

@Grundgütiger
Die Tanzschulenscenen haben doch glatt dazu geführt, das ich jetzt Tanzkurse mit meiner Frau besuchen soll. Das fiel ihr nämlich als einzigstes von diesem Tatort auf, "wir gehen auch mal wieder zum Tanzkurs".

Das ist nun in der Tat grauenhaft. Das ist noch schlimmer als die vielen Selbstmorde junger Männer, nachdem der junge Goethe seinen "Werther" veröffentlicht hatte.

Ciao
Wolfram
P. S.: Das Anschauen von Fernsehsendungen sollte Frauen grundsätzlich verboten werden.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 03.01.2012 | 15:37

@Ullrich Läntzsch
Diese Drohung an einen noch nicht einmal abgeurteilten Mann zu richten, an einen Untersuchungshäftling also, der als unschuldig zu behandeln ist, ihm anzudrohen, er könnte ermordet werden - kein Witz für mich.

Pardon, es wird ihm nicht die Ermordung angedroht, sondern Kopper weist ihn lediglich darauf hin, daß er sich bei den Knast-Fleischpflanzln lieber nicht fragen solle, was da alles drin sei. Gleiches gilt auch für viele Buletten, die man in freier Wildbahn erwerben kann. Faschierte Laberln beim Metzger, kein Problem in der Regel. Abgepackte Frikadellen dagegen esse ich nicht mehr, seit ich die Erfahrung machen mußte, daß mein Hund, der kein Vegetarier ist, sie nicht frißt.

Ciao
Wolfram

Matthias Dell 03.01.2012 | 17:07

lieber wolfram,
der hinweis auf connie francis ist sehr verdienstvoll. meine kritik zielt ja nicht darauf, dass es so was nicht geben kann - der mann, der sich trennt, und dann doch zurück will -, sondern darauf, wie schlecht das dargestellt ist, nur behauptet wird, weil man noch ein verdächtigen braucht, man es aber nicht sieht.
danke auch für deine ausführliche kritik meiner kritik. wenn ich dich bei adorno richtig verstanden habe - ich würde den betreffenden text keineswegs als gebrauchsanleitung verstehen, sondern als eine art ästhetik des titels, aus der man aber ableiten kann, wie gelungenes kunstwerk und gelungener titel zusammenhängen.
was die darstellung der polizeiarbeit angeht: wir sind da, wenn ich deine truffaut/hitchcock-hinweise weiter oben lese, nah beieinander, ich will den "tatort" nicht an der "realität" messen, er muss nur in sich stimmig sein, und stimmig ist dieser, auch noch als trick apostrophierte, versuch mit dem wisch leider nicht. eher hilflos, schlampig.
dass ich den "tatort" nicht mag - wie kommst du darauf? würde ich heftig widersprechen. diese wöchentliche kritik ist eine form der arbeit, die gemacht werden muss, die aber auch aus liebe zum format geschieht. der "tatort", so wie ich ihn verstehe und er wohl auch von einem großteil der kommentatoren hier verstanden wird, ist mehr als ein krimi, mehr als ein fernsehfilm, und als institution des fernsehens vor allem dazu, gesellschaftliche fragen im rahmen seiner möglichkeiten zu verhandeln. dem gilt hier das hauptaugenmerk, und dazu gehört eben auch die deutlichkeit der kritik, wenn der "tatort", wie in diesem fall, so lieblos unter seinen möglichkeiten bleibt. das kann aber, und das ist das schöne beim "tatort", nächste woche schon wieder ganz anders aussehen. hilfsadornitisch gesprochen geht es hier darum, den "tatort" gegen seine verschluderer zu verteidigen

ausbein 03.01.2012 | 17:08

@Wolfram Heinrich
Guter Hinweis, mit dem Plattfuß.
Aber eine ungewöhnliche Idee, dass Matthias Dell den Tatort nicht mag.
Hat er doch einfach nur (mal wieder) recht. Ein Tatort auf dem Niveau der darin präsentierten Fleischprodukte.

@Sarah Rudolph
How very clever of you!

---

Ansonsten fand ich mich überrascht, dass Schweinefüße mittlerweile zu den Schlachtabfällen gerechnet werden. Haben wir uns als Kinder doch noch darum gekloppt. War halt etwas Besonderes, das es auch nur einmal im Jahr gegeben hat, nach dem Schlachtfest.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 03.01.2012 | 19:57

@Matthias Dell
wenn ich dich bei adorno richtig verstanden habe - ich würde den betreffenden text keineswegs als gebrauchsanleitung verstehen, sondern als eine art ästhetik des titels, aus der man aber ableiten kann, wie gelungenes kunstwerk und gelungener titel zusammenhängen.

Ich meinte mit Adorno, daß er einem zwar vielleicht beibringen kann, wie man gut schreibt, dies aber selber nicht beherrscht. Die Titel von Adorno sind in der Regel aber auch nicht sonderlich aufpeitschend.

...er muss nur in sich stimmig sein, und stimmig ist dieser, auch noch als trick apostrophierte, versuch mit dem wisch leider nicht. eher hilflos, schlampig.

Wenn ich die betreffende Stelle noch recht in Erinnerung habe (ich müßte bis 20:00 h warten, bis der Film wieder in der Mediathek zu sehen ist), dann war die Bemerkung mit dem Trick ironisch. Achtung, hoppla, geiler Trick! Und dann kommt nichts weiter als Behördenroutine, die natürlich eh wirksamer ist.

dass ich den "tatort" nicht mag - wie kommst du darauf?

Weil ich bisher fast nur Verrisse gelesen habe. Gut, ich verfolge die Rubrik nicht systematisch, kann sein, daß mir da manches durchgerutscht ist. Immerhin hast du auch schon (mindestens) einen Münster-Tatort verrissen, für mich eine der Perlen des deutschen Fernsehens.

Ciao
Wolfram

Avatar
Ehemaliger Nutzer 03.01.2012 | 19:58

@ausbein
Ansonsten fand ich mich überrascht, dass Schweinefüße mittlerweile zu den Schlachtabfällen gerechnet werden.

Da bin ich als Metzgersohn auch zusammengezuckt. Auch die anderen sogenannten Schlachtabfälle, die man durchs Bild geschoben hat, hat man früher verwurstet, im wahrsten Sinn des Wortes. Früher, das heißt vor 40 und mehr Jahren, ist so gut wie nichts von einem Tier weggeworfen worden. Im Extremfall hat es der Metzger (als die noch selber schlachteten) als Hundefutter auf Anfrage verschenkt.

Ciao
Wolfram

Avatar
Ehemaliger Nutzer 03.01.2012 | 19:59

@Matthias Dell
danke. und ja, der plattfuß-hinweis ist wertvoll (fraglich dennoch, ob das als witz funktioniert, wenn der schwierigkeitsgrad im mindestens höheren fünfstelligen günther-jauch-bereich liegt, oder täusche ich mich da - aber so macht der witz dann natürlich sinn, mea culpa)

Ich glaube nicht, daß der Terminus "Plattfuß" einen fünfstelligen Wert auf der Jauch-Skala erreicht. Das ist eher mit einer dieser "leichten" Anfangsfragen zu vergleichen, die so leicht sind, daß der normale Intellektuelle sie nicht beantworten kann (etwa weil er nicht weiß, mit wem Brad Pitt verheiratet ist). Ich habe jedenfalls den Terminus "Plattfuß" oft in Krimis gelesen und gehört.
Flatfoot: A term that refers to the large amount of walking that a police officer would do, thus causing flat feet.
en.wikipedia.org/wiki/List_of_slang_terms_for_police_officers

Ciao
Wolfram

Matthias Dell 03.01.2012 | 20:26

na, na, bei adorno kann man auch anderer meinung sein, "blochs spuren", "versuch das endspiel zu verstehen", "erpreßte versöhnung", "zu einem portrait thomas manns", "standort des erzählers im zeitgenössischen roman" - um nur mal ein paar burner-titel aus den "noten zur literatur" zu zitieren. gut, mancher redakteur würde heute vielleicht versuchen, im glauben an so etwas wie lesefreundlichkeit aus einem satz drei zu machen. nicht zu vergessen all die sätze, die bis zum erbrechen in den zitatenschatz eingegangen sind, fun ist ein stahlbad usw
die erklärung, dass der trick ironisch gemeint sein soll, ist mir zu einfach, das ist die typische titanic-ausrede, das sachen, die man als problematisch auffasst, schon ironisch gemeint sein werden - ironie ist das letzte, was man in diesem tatort finden konnte.
zu den - es geht auch anders - lobhudeleien:
www.freitag.de/kultur/1139-cognac
www.freitag.de/kultur/1133-alkohol-rauchen-pommes
www.freitag.de/kultur/1144-dir-eine-elchsalami-vorbeibringen
www.freitag.de/kultur/1118-meinen-sie-das-ironisch
bei münster hingegen, da sehe ich weiterhin ungemach auf uns zukommen, also den dissens bestehen bleiben

miauxx 03.01.2012 | 20:38

Die Aufregung um eine Authentizität des Ortes kann ich nun gar nicht nachvollziehen.
Abgesehen von dem, was Wolfram dazu alles überzeugend sagte, würde ich noch hinzufragen:
Ist der zweimal jährlich erscheinende Tatort Odenthal/ Kopper eigentlich als "Ludwigshafen-Tatort" ausgeschrieben? Wieviele Hinweise außer dem Autokennzeichen von Koppers Museumsstück, gibt es denn je Folge auf den Ort?
Spielt "Ludwigshafen" irgendeine Rolle?
Und: Dialekt spricht auch nur einer; der Kriminaltechniker. Es ist also umso mehr wurscht, auf welcher Seite des Rheins nun gedreht wird, oder ob das wechselt.
Wollen wir wirklich die Frage der Authentizität eröffnen? Wie wichtig ist die? Fahren denn Kriminalbeamte ihre Einsätze mit einem fünfzig/ sechzig Jahre alten Museumsstück, das im Ernstfall lustigerweise nicht anspringt ("Ist halt ein alter Italiener. Der hat seinen eigenen Kopf.") ?

Matthias Dell 03.01.2012 | 21:02

was man dennoch auseinander sollte: authentizitität und regionalität. da ist das auto egal, der ort spielt aber schon eine rolle, die frage ist nur, welche. der tatort dealt in seiner anlage ja mit der föderalen struktur, gleichzeitig hat die regionalisierung grenzen, wie man am dialekt sieht, den meist nur ein paar nebenfiguren sprechen - alles andere, remember bienzle!, wäre wiederum auch schwer zu vermitteln. dass die mannheimer innenstadt als ludwigshafen ausgegeben wird, ist m.e. dagegn nicht unproblematisch, auch wenn es dem fall nur die happy few aus LU/MA sind, die die kuh vom pferd unterscheiden können

miauxx 04.01.2012 | 00:20

@Matthias Dell
Das regionale Konzept ist schon klar.
Bestimmte Fälle werden eben eher großstadttypisch sein, andere passen ins ländliche, wieder andere nehmen vielleicht norddeutsches Kolorit mit usw.
Wenn wir's jetzt aber mikroskopisch nehmen, also etwa fragen, ist das denn auch wirklich ein Kaufhaus in Ludwigshafen, dann erschließt sich mir ein Pochen auf die Authentizität des Ortes nicht. Zumal ja, wie wir zugeben, in allen Belangen authentische Kriminalarbeit keinen unterhaltenden Kriminalfilm hergeben würde. Bliebe also die Frage, was im betreffenden Tatort denn "Ludwigshafen" und nicht "Mannheim" ist, so dass ein nicht zu vernachlässigendes Gewicht auf eben den speziellen Ort und nicht allein auf die Region fallen soll?
Sie sagen ja selbst: (...) auch wenn es dem fall nur die happy few aus LU/MA sind, die die kuh vom pferd unterscheiden können.

Dreizehn 04.01.2012 | 00:35

Ehrlich gesagt irritieren mich die vielerlei Positionen. Ich fand den Film ganz passabel und mag Wolframs Beiträge dazu. Es gab ja ein- oder zweimal recht ausgiebig das Gesicht Lena Odenthals in Großaufnahme. Ich hab das als angenehme Szenen gelesen, für mich hat der Film eben auf Ruhe geschaltet, warum soll er das nicht.

Ich hab mir vor drei oder vier Wochen einen Tatort hier in einem Literaturcafe angeschaut. War voll, so bis vierzig Leute, und altersmäßig ausnahmslos - von mir abgesehen, zum Glück war ich mit meiner Tochter da - zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig. Angenehme Atmosphäre, der Tatort gefiel. Wie sehen junge Leute den Tatort? Was trägt er zu ihrem Bild von der Welt bei? Was kann er beitragen? [Deshalb war das Schweine-Thema meines Erachtens richtig gesetzt und gut.]

Was vielleicht doch ins Gewicht fallen sollte, ist die Tatsache, dass es so unfassbar viel Schrott in der Glotze gibt; ich sehe überhaupt nur den Tatort, und Tatort ist ein Renommierprodukt, erfolgreich. Sicher, der Film muss deshalb nicht von vornherein gut sein, und die kritische Diskussion ist oft produktiv.

Achtermann 04.01.2012 | 07:20

@ Wolframs Stellungnahme, dass "Schweinefüße mittlerweile zu den Schlachtabfällen gerechnet werden."

Wolfram, du schreibst: Da bin ich als Metzgersohn auch zusammengezuckt. Auch die anderen sogenannten Schlachtabfälle, die man durchs Bild geschoben hat, hat man früher verwurstet, im wahrsten Sinn des Wortes.

Warum zusammenzucken? Ist doch nur ein Fernsehkrimi! Oder um es mit dem an mich gerichteten Ton Michael Dells zu sagen, als er auf die von mir zuvor beschriebenen wahren und "falschen" Drehorte einging: Es "sollte nicht vergessen werden, dass es sich immer noch um film handelt und nicht um eine kunstprojekt zur wirklichkeitsabbildung."

Diesen Rat gebe ich an dich weiter. Also: Du brauchst nicht zusammenzucken. Zur weiterem Empfehlung und zum Ausprobieren ein Rezept zu den im Tatort deklarierten Abfällen, die inklusive Kommissar in die Kühlkammer geschoben wurden:

Die Schweinefuesse von Borsten saeubern und gruendlich waschen. Mit Wasser bedecken, salzen und eine Stunde koecheln. Essig, Wein, Tomatenmark, Oel, Paprika, zerdrueckte Pfefferkoerner und zerriebene Lorbeerblaetter zu einer Sauce verruehren. Zwiebeln, Chilis und Knoblauch zugeben; salzen und pfeffern. Die Schweinefuesse auf ein mit Butter eingefettetes Backblech legen. Sauce daruebergiessen und im vorgeheizten Ofen bei 150° eine Stunde backen, bis sie braun und knusprig sind.

Sarah Rudolph 04.01.2012 | 11:31

@ ausbein
Oh ja, manchmal ist mein Schlaf clever. Mit dem Mangel an selbigem in der Silvesternacht hatte das ganz sicher nichts zu tun! Ich wusste einfach, was da auf mich uz gekommen wäre!

@ allesamt
Den Plattfuß kenne ich mit ziemlicher Sicherheit aus (alten) Comics, könnten gar lustige Taschenbücher gewesen sein.
Interessant ist ja, das ich mich erst diese Woche über Schweinefüße unterhielt. Und Rinderzunge. Mache ich sonst eher selten. (Darüber reden. Zubereiten eher garnicht)

Bratt Pitt und Jennifer Aniston sind schon seit 2005 geschieden. Angeblich unter Anderem, weil Jennifer nicht akzeptieren konnte, dass er keine Kinder wollte. Jetzt hat er sechs davon - mit Angelina Jolie.

Herzlichst
Gossip-Sarah

Matthias Dell 04.01.2012 | 11:53

@gossip-sarah
die 500 euro für die richtige publikumszusatzjokerantwortbitte bei rtl oder direkt bei günther jauch abholen. silvesternacht versteht natürlich jeder, aber, oder ich erinnere ich mich da falsch, gab es nicht unlängst schon heftige kämpfe gegen den schlaf bei einem weitaus besseren tatort (war es kiel?)
@neunermann 6:04
ich fürchte, das war alles lustig gemeint. aber wenn nicht, nennen wir es schwarmintelligenz. und jetzt muss ich wieder die company leiten, ihr MICHAEL dell

Matthias Dell 04.01.2012 | 11:58

@miauxx
bin mir gar nicht so sicher, ob das regionale konzept so klar ist, denn, wie beschrieben, steckt darin für mich eine schwierigkeit: wie sehr regional darf ein fernsehfilm sein, der national adressiert? einen mundartkrimi würden die meisten wohl kaum sehen wollen.
zur frage der unterschiede: beim kaufhaus (solange es nicht sonderlich charakteristisch ist) würde ich ihnen recht geben, so wie rostocker polizeiruf-plattenbauszenen auch in berliner plattenbauten gedreht werden könnten - da, wo es nur um ein milieu, eine allgemeinere szenerie geht, ist es egal.
bei der weiter oben aufgeworfenen frage nach der innenstadt, scheint es mir allerdings problematischer, weil das zentrum für den charakter der stadt ja zentral sein kann, da ist MA oder LU, hauptsache stadt, nicht egal

Avatar
Ehemaliger Nutzer 04.01.2012 | 13:42

@Matthias Dell
na, na, bei adorno kann man auch anderer meinung sein, "blochs spuren", "versuch das endspiel zu verstehen", "erpreßte versöhnung", "zu einem portrait thomas manns", "standort des erzählers im zeitgenössischen roman" - um nur mal ein paar burner-titel aus den "noten zur literatur" zu zitieren.

Okay, ich bin überzeugt, was die Titelei von Herrn Adorno betrifft, er reicht da durchaus an H. G. Konsalik heran.

"versuch das endspiel zu verstehen"

Oh, Adorno schrieb auch über Fußball? Ein universal gebildeter Mann.

gut, mancher redakteur würde heute vielleicht versuchen, im glauben an so etwas wie lesefreundlichkeit aus einem satz drei zu machen.

Mancher Redakteur würde auch nicht sich entblöden, Adornos postponiertes Reflexivum nach vorne zu schieben.

die erklärung, dass der trick ironisch gemeint sein soll, ist mir zu einfach, das ist die typische titanic-ausrede, das sachen, die man als problematisch auffasst, schon ironisch gemeint sein werden

Ich glaube, das ist eher Krimi-Witzelei. "Für Ihre Verdauungsbeschwerden habe ich ein wunderbares Abführmittel", sagte der Kommissar und ließ die Handschellen zuklicken.

bei münster hingegen, da sehe ich weiterhin ungemach auf uns zukommen, also den dissens bestehen bleiben

Für den Münster-Tatort gilt das Paulus-Wort: "Wer es fassen kann, der fasse es."

Ciao
Wolfram

Avatar
Ehemaliger Nutzer 04.01.2012 | 13:44

@miauxx
Fahren denn Kriminalbeamte ihre Einsätze mit einem fünfzig/ sechzig Jahre alten Museumsstück, das im Ernstfall lustigerweise nicht anspringt ("Ist halt ein alter Italiener. Der hat seinen eigenen Kopf.") ?

Na ja, Kopper ist halt Italiener.

Eben grade in einem alten Derrick folgende Szene gesehen:
Italienischer Restaurantbesitzer läuft in die Küche und spricht dort lautstark auf Italienisch mit seiner wild gestikulierenden Mamma.
Harry: Warum ist der denn so aufgeregt?
Derrick: Der ist nicht aufgeregt, der ist Italiener.

In Castellabate, 120 km südlich von Neapel, hält sich das mediterrane Temperament dagegen schon wieder sehr in Grenzen. Die Leute dort erinnern (auch vom Aussehen her) eher an Niederbayern.

Ciao
Wolfram

Avatar
Ehemaliger Nutzer 04.01.2012 | 13:47

@Matthias Dell
...gleichzeitig hat die regionalisierung grenzen, wie man am dialekt sieht, den meist nur ein paar nebenfiguren sprechen

Ich erinnere mich da dumpf an einen absolut untypischen Tatort (wahnsinnig lange, ruhige Einstellungen, keine Action), der in Niedersachsen an der Küste spielt. Alle Leute sprechen dort Platt, der Film war dann auch - notwendigerweise - Deutsch untertitelt.

Ciao
Wolfram

Avatar
Ehemaliger Nutzer 04.01.2012 | 13:49

@Achtermann
Wolfram, du schreibst: Da bin ich als Metzgersohn auch zusammengezuckt. Auch die anderen sogenannten Schlachtabfälle, die man durchs Bild geschoben hat, hat man früher verwurstet, im wahrsten Sinn des Wortes.

Warum zusammenzucken? Ist doch nur ein Fernsehkrimi!

Mach dir keine Sorgen wegen mir. Ich bin ja nur zusammengezuckt und nicht in eine existentielle Krise gerutscht. Zu mehr als einem lautlosen "Nanu?" konnte ich mich nicht aufraffen.

Die Schweinefuesse von Borsten saeubern und gruendlich waschen. Mit Wasser bedecken, salzen und eine Stunde koecheln. Essig, Wein, Tomatenmark, Oel, Paprika, zerdrueckte Pfefferkoerner und zerriebene Lorbeerblaetter zu einer Sauce verruehren. Zwiebeln, Chilis und Knoblauch zugeben; salzen und pfeffern. Die Schweinefuesse auf ein mit Butter eingefettetes Backblech legen. Sauce daruebergiessen und im vorgeheizten Ofen bei 150° eine Stunde backen, bis sie braun und knusprig sind.

In Italien ißt man an Silvester und Neujahr traditionellerweise Zampone (gefüllter Schweinefuß) mit Linsen.
www.swr.de/swr1/bw/tipps/essen/-/id=1961224/nid=1961224/did=9075886/9fz2fi/index.html

Ciao
Wolfram

Avatar
Ehemaliger Nutzer 04.01.2012 | 13:54

@Sarah Rudolph
Den Plattfuß kenne ich mit ziemlicher Sicherheit aus (alten) Comics, könnten gar lustige Taschenbücher gewesen sein.

Schön zu hören, daß ich nicht verrückt bin.

Bratt Pitt und Jennifer Aniston sind schon seit 2005 geschieden. Angeblich unter Anderem, weil Jennifer nicht akzeptieren konnte, dass er keine Kinder wollte. Jetzt hat er sechs davon - mit Angelina Jolie.

Sechs Kinder in sex Jahren. Sakra, die gute alte katholische Art.

Ciao
Wolfram

Matthias Dell 04.01.2012 | 15:15

witzelei, ja, gut, aber lustig darf es auch über den kalauer hinaus sein.
was adorno betrifft: ob er was verstand vom fußball, sei dahingestellt, in dieser irren dokumentation von 1989 (tinyurl.com/8293zwg) redet er aber über ihn (ab 16.55 uhr), etwa den schönen satz: "ich glaube, man muss daran erinnern, dass die menschen, die auf dem sportfeld zuschauen, ... gegen die fremdgruppe, ... sich in einer weise benehmen, die den einfachsten anforderungen der gastfreundschaft, wie sie im privaten umkreis immer noch gelten , aufs krasseste widerspricht."
gibt auch noch eine schöne stelle (ab 15:10) , wo er die ddr-hymne sprechsingt, um eislers "falsches deklamieren" zu markieren

Ullrich Läntzsch 04.01.2012 | 19:00

@Mattias Dell,

richtig, der Dilettantismus ist schier unerträglich, das von Odental gemachte Video beweist rein gar nichts, um Kopper - könnte eine Frau gewesen sein - ja - niederzuschlagen, müßte er auch schon wieder sich recht dämlich anstellen, und wie dann diese Frau Kopper darein heben soll, richtig, so viel Unfug ist schwer zu ertragen, wenn es aber so wäre, dann wäre das "Parken" von Kopper im Kühlraum ein eiskalter Mordversuch, für den sich aber wieder niemand interessiert ...

Aber was nicht begreife ist die allgemein Gleichgültigkeit, wie allenthalben mit den permanenten Einbrüchen von Kommissaren umgegangen wird. Hier wird in einer Weise das Bewußtsein, sowohl bei der Bevölkerung wie auch bei Beamten mit der Preisgabe teuer erkämpfter Bürger- d.h. Menschenrechte vernebelt, daß Polizisten sich nun einmal auch an Gesetze zu halten haben.

Aber mit Drehbüchern wird viel Geld verdient, an diesen Futtertrog, da läßt man nur seine Freunde ran - soll heißen am Inzuchtbetrieb TV wird sich nichts ändern.

Ullrich Läntzsch 04.01.2012 | 19:04

@ Wolfram

... daß er sich bei den Knast-Fleischpflanzln lieber nicht fragen solle, was da alles drin sei.

Bekanntlich macht der Ton die Musik. LEtztlich ist es eine Abart von Scheinhinrichtungen, und es gehört ja eben zu den fiesesten Foltermethoden, daß man sich nicht dagegen wehren kann. Nicht jede Sauerei ist justiziabel - aber das weißt Du selbst, mein Lieber.

Allerbeste
Ullrich

Matthias Dell 04.01.2012 | 19:17

@wolfram heinrich
"Eben grade in einem alten Derrick folgende Szene gesehen:
Italienischer Restaurantbesitzer läuft in die Küche und spricht dort lautstark auf Italienisch mit seiner wild gestikulierenden Mamma."

das müsste, wenn ich mich nicht irre, die folge "mord im TEE 91" gewesen sein, ein agentenschocker, in dem derrick privat wird, weil wir nicht nur "seinen" italiener (heißt er nicht auch mario?) kennenlernen dürfen, sondern derrick sich auch unglücklich in diese frau verliebt. ob man das 35 jahre später noch so sagen würde, steht auf einem anderen blatt, aber groß ist die folge ohne zweifel

Uwe Theel 04.01.2012 | 19:27

@ Dreizehn schrieb am 03.01.2012 um 23:35

"Es gab ja ein- oder zweimal recht ausgiebig das Gesicht Lena Odenthals in Großaufnahme."

Ich schrieb dazu, weiter o.a. in diesem Thraed

>i>"Schlimm an Folckerts-Tatoten ist inzwischen, dass die Drehbücher und Inszenierungen pro Folge ein bis zweimal den alten Betroffenheitsblick (Großaufnahme Gesicht Folkerts) als abstrakte Ikone ins Bild rücken, ohne dass die Handlung noch irgendwelche filmischen Realisationen oder Handlungsabbildungen dafür mitreichte. Die Verbissenheit mit der die Folkerts inzwichen spielt könnte der Ausdruck des eigenen Unwohlseins daran signalisieren. ... " (Uwe Theel am 02.01.2012 um 14:04)

Viewleicht beschaffen sie sich einmal frühe Odenthalfolgen und vergleichen Dramaturgie und Komposition. - Aber ich gebe zu der Folkerts-Blick als solcher ist nach wie vor erste Sahne.

miauxx 04.01.2012 | 20:09

@Matthias Dell

Auf das Kaufhaus kam es mir nicht so an, war ein Beispiel aus'm Handgelenk.

"bei der weiter oben aufgeworfenen frage nach der innenstadt, scheint es mir allerdings problematischer, weil das zentrum für den charakter der stadt ja zentral sein kann, da ist MA oder LU, hauptsache stadt, nicht egal"

Statt Kaufhaus hätte ich oben auch eine ganze Innenstadt als Bspl. nehmen können; es ändert für mich nichts. Mein Punkt ist doch:
Was ist am Tatort Odenthal/ Kopper so ludwigshafenmäßig, dass die abgefilmten Orte mit dem Autokennzeichen übereinstimmen müssen??
Welche Relevanz hat das für den Krimi? (Dass Ortskundige aufstöhnen könnten, sei mal als Argument außen vor gelassen)

Gegenbeispiel: Wenn ich etwa einen Krimi drehe, der im Berliner Regierungsviertel sich zuträgt, dann kann ich freilich nicht stattdessen Einrichtungen der Hamburger Bürgerschaft einfangen. Aber einen Tatort, der den konkreten Ortsbezug überhaupt nicht zum Thema hat, zum Teil auch in einer Nachbarstadt zu drehen, dürfte doch weniger ein wirkliches Problem sein?!
Btw: Hat Ludwigshafen überhaupt eine große Fleischfabrik?

Entschuldigung, dass ich damit so penetrant bin ... :-) find's aber interessant!

Dreizehn 04.01.2012 | 21:57

Ich kenne etliche andere Odenthal-Folgen. Was mir vor allem auffiel, ist die Veränderung ihres Gesichts in der Chronologie der Folgen, was diverse Gründe haben mag.

Über die diesmal recht langen Großaufnahme-Einstellungen wunderte ich mich anfangs, weil das Gesicht wenig mimische Regungen zeigt, vielleicht soll das so sein. Nach meinem Eindruck arbeitet sie nur mit Blick und Kopfhaltung.

Es ist sicher eine Gratwanderung für die Regie, so mit Großaufnahme zu arbeiten, das Gesicht ist kalte Schönheit, Distanz, und jeder wird seinen eigenen Eindruck haben.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 05.01.2012 | 01:44

@Ullrich Läntzsch
Bekanntlich macht der Ton die Musik. LEtztlich ist es eine Abart von Scheinhinrichtungen, und es gehört ja eben zu den fiesesten Foltermethoden, daß man sich nicht dagegen wehren kann . Nicht jede Sauerei ist justiziabel - aber das weißt Du selbst, mein Lieber.

"Scheinhinrichtung" ist vielleicht ein etwas großes Wort in diesem Zusammenhang. Der Koch kann nicht steuern, wer welches Fleischpflanzerl bekommt.
Und, wie schon gesagt, bei Fleischpflanzerl, die du nicht selber zubereitest, sollte du dir die Frage nach dem Inhalt stets stellen.

Ciao
Wolfram

Avatar
Ehemaliger Nutzer 05.01.2012 | 01:46

@Matthias Dell
das müsste, wenn ich mich nicht irre, die folge "mord im TEE 91" gewesen sein, ein agentenschocker, in dem derrick privat wird, weil wir nicht nur "seinen" italiener (heißt er nicht auch mario?) kennenlernen dürfen, sondern derrick sich auch unglücklich in diese frau verliebt. ob man das 35 jahre später noch so sagen würde, steht auf einem anderen blatt, aber groß ist die folge ohne zweifel

Donnerwetter, was für ein Gedächtnis! In der Tat, es handelt sich um diese Folge, und der Italiener hieß tatsächlich Mario.


(und folgende)
Und ob die Folge groß ist? Was mich an "Derrick" immer gestört hat, das sind die papierenen Dialoge. Ständig verwenden etwa die Leute bei Berichten den korrekten Konjunktiv ("Er sagte zu mir, er wolle noch..."), den im Richtigen Leben nur die allerwenigsten Leute beim Sprechen benutzen.

Ciao
Wolfram
Matthias Dell 05.01.2012 | 11:21

innerhalb der derrick-reihe auf jeden fall ein highlight, schon diese agentengeschichte ist relativ ungewöhnlich. das indirekte reden ist für derrick/reinecker konstitutiv. in dem gespräch mit der hamburger künstlergruppe reproducts, auf das schon oft verwiesen wurde und immer wieder verwiesen werden kann, wurde einmal versucht zu verstehen, was sich dahinter verbirgt
www.freitag.de/kultur/1024-ermordet-ermordet

Matthias Dell 05.01.2012 | 11:28

@miauxx
nicht entschuldigen, für solche feinheiten, die genaue arbeit am gegenstand, ist der kommentarbereich ja da. der hase liegt m.e. hier im pfeffer:

"Wenn ich etwa einen Krimi drehe, der im Berliner Regierungsviertel sich zuträgt, dann kann ich freilich nicht stattdessen Einrichtungen der Hamburger Bürgerschaft einfangen. Aber einen Tatort, der den konkreten Ortsbezug überhaupt nicht zum Thema hat, zum Teil auch in einer Nachbarstadt zu drehen, dürfte doch weniger ein wirkliches Problem sein?!"

bei irgendeinem krimi ist da sicherlich richtig, den "tatort" würde ich aber nicht als "irgendeinen krimi" bezeichnen, das konzept der reihe, verschiedene "tatorte" in deutschland zu behaupten, orientiert sich von beginn an der föderalen struktur der ard. insofern spielt der "tatort" nicht einfach nur in einer großstadt oder auf dem land, sondern eben in ludwigshafen, stuttgart, kiel. das gehört zu den wesensmerkmalen der reihe, ein anderes wäre das je wiederkehrende ermittlerteam. deshalb muss nicht zwangsläufig die jeweilige stadt jedesmal mit ihren eigenheiten im vordergrund stehen, aber anders als bei "irgendeinem krimi" ist der ort immer klar benannt. aus diesem grund braucht es ja auch gewisse regionalismen, um das immer wieder kenntlich zu machen.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 05.01.2012 | 12:58

@Matthias Dell
das indirekte reden ist für derrick/reinecker konstitutiv.

Das ist jetzt, glaube ich, ein Mißverständnis. Ich meinte nicht das indirekte Reden, sondern den Konjunktiv bei der Wiedergabe von Äußerungen anderer. "Wulff sagte, er habe... er sei... er wolle..."
Beim Schreiben ist der Konjunktiv in diesem Falle absolut korrekt und wird von gewandten Schreibern auch verwendet, in mündlicher Alltagssprache ist er recht ungewöhnlich, er wirkt gestelzt. Wenn ich in einem Drehbuch einen Dialog schreibe , dann weiß ich, daß dieser Dialog später von den Schauspielern gesprochen wird. Ich muß ihnen also lebendige Dialoge schreiben, keine papierenen.

Ciao
Wolfram

Avatar
Ehemaliger Nutzer 05.01.2012 | 12:59

@Matthias Dell
bei irgendeinem krimi ist da sicherlich richtig, den "tatort" würde ich aber nicht als "irgendeinen krimi" bezeichnen, das konzept der reihe, verschiedene "tatorte" in deutschland zu behaupten, orientiert sich von beginn an der föderalen struktur der ard. insofern spielt der "tatort" nicht einfach nur in einer großstadt oder auf dem land, sondern eben in ludwigshafen, stuttgart, kiel.

Freilich. Andererseits macht es einen Unterschied aus, ob der Film in einer bestimmten Gegend spielt , oder ob der Film in einer bestimmten Gegend gedreht wurde.
Der Heimat-Krimi (auch das eine Reihe der ARD) "Sau Nummer vier"
derfranzehatgsagt.blogspot.com/2010/10/sau-nummer-vier.html
spielt etwa in einem Dorf in der Nähe von Straubing, gedreht wurde im Landkreis Rottal-Inn. Schon einem Münchner fällt das nicht weiter auf, mir ist die Gegend um Straubing vertraut und im Landkreis Rottal-Inn bin ich aufgewachsen. Beim ersten Sehen des Films dachte ich mir "Nanu?" und der Verdacht bestätigte sich. Macht aber nichts.
Und die Serie "Lindenstraße" spielt in München, wird aber nahezu ausschließlich in Köln gedreht. Macht auch nichts, die drehen die Straßenszenen auf dem Studiogelände, dort hat man die Situation unter Kontrolle, Anfahrten entfallen.
Es ist schon merkwürdig: Im Theater akzeptiert man es klaglos, wenn Maria Stuart in Jeans auftritt, im Film sollte dagegen jedes Detail stimmen.

Ciao
Wolfram

Matthias Dell 05.01.2012 | 15:45

@wolfram heinreich
ad 1: got it. trotzdem würde ich im sinne der sprache sagen (und zu bedenken geben, dass es in den siebziger jahren auch noch einen anderen sprachgebrauch gab als heute), dass es doch schön ist, wenn die indirekte rede richtig mit konjunktiv 1 gebildet wird.
ad 2: völlig d'accord mit der letzten bemerkung. ich meinte mit "in ludwigshafen, stuttgart, kiel spielen" auch nicht einen authentizitätspurismus, dass da jetzt jede szene gedreht sein muss, aber "ludwigshafen" muss doch als filmort erkennbar werden (in alter hitchcock-tradition reicht dafür ja meistens ein landmark, in LU ist das wohl die brücke). graduell wird es bei dem regionalismus des tatort (und damit nähren wir uns wohl dem nukleus vons janze), die sie mit straubing/rottal-inn ansprechen: ab wann gilt etwas als repräsentativ bzw. ab welcher menge von wissenden zuschauern kann man von "allgemeinheit" sprechen: wie wiedererkennbar/repräsentativ ist die innenstadt von LU. bei köln wären wir uns alle einig, dass köln nicht ohne dom erzählbar ist. aber wo liegt darunter die grenze der erkennbarkeit?

Avatar
Ehemaliger Nutzer 06.01.2012 | 03:24

@Matthias Dell
ad 1: got it. trotzdem würde ich im sinne der sprache sagen (und zu bedenken geben, dass es in den siebziger jahren auch noch einen anderen sprachgebrauch gab als heute), dass es doch schön ist, wenn die indirekte rede richtig mit konjunktiv 1 gebildet wird.

Diesen Sprachgebrauch mit Konjunktiv gibt es heute immer noch, ich selbst verwende den berichtenden Konjunktiv bei schriftlicher Kommunikation. In mündlicher Rede (im Alltag) allerdings kommt er mir affig vor, ich meide ihn. Es könnte natürlich sein, daß der Konjunktiv in mündlicher Rede schichtenspezifisch und regional begrenzt üblich ist. Was weiß denn ich, wie man unter besseren Leuten in Hannover spricht. Hier in Niederbayern ziehe ich eine kommunikative Barriere zwischen mir und meinem Gesprächspartner hoch, wenn ich im Gespräch den Konjunktiv einsetze.

ad 2: völlig d'accord mit der letzten bemerkung. ich meinte mit "in ludwigshafen, stuttgart, kiel spielen" auch nicht einen authentizitätspurismus, dass da jetzt jede szene gedreht sein muss, aber "ludwigshafen" muss doch als filmort erkennbar werden (in alter hitchcock-tradition reicht dafür ja meistens ein landmark, in LU ist das wohl die brücke).

Für mich ist Ludwigshafen eine gänzlich unbekannte Stadt, keine Ahnung, wie dort die Innenstadt aussieht, mir kann man also alles Mögliche erzählen, ohne daß es mich stören würde (weil ich es gar nicht merke). Andererseits könnte ich mir vorstellen, daß so mancher Zuschauer aus dem Norden, Westen oder Osten irritiert ist, wenn er im Film ein Auto aus München herausfahren sieht und dieses Auto dann durch eine Landschaft fährt, die sehr viel mehr an das Norddeutsche Flachland erinnert als an das hügelige Bilderbuch-Bayern, das man so im Kopf mit sich rumträgt. Nur: München und sein Umland sind flach, nur im Süden kommt man schnell in hügeliges Gelände.

graduell wird es bei dem regionalismus des tatort (und damit nähren wir uns wohl dem nukleus vons janze), die sie mit straubing/rottal-inn ansprechen: ab wann gilt etwas als repräsentativ bzw. ab welcher menge von wissenden zuschauern kann man von "allgemeinheit" sprechen:

Es ist wohl in erster Linie eine Frage des Geschicks der Filmleute. Beim angesprochenen Film "Sau Nummer vier" siehst du ein Auto, welches das Kennzeichen PAN und nicht, wie vermutet, SR trägt. Gut, darüber siehst du hinweg, es kommt vor, daß irgendwo Autos aus dem Nachbarlandkreis herumfahren. Dann aber kommt noch ein PAN-Auto und noch eines und du stutzt. Aber - pfeif drauf. Wichtig für die regionale Einordnung sind nicht die Autokennzeichen und die etwas zu hügeligen Hügel, sondern der Zungenschlag der Menschen. Und da stimmt es dann wieder.

Ciao
Wolfram

Achtermann 06.01.2012 | 12:58

@ Wolfram

Wichtig für die regionale Einordnung sind nicht die Autokennzeichen und die etwas zu hügeligen Hügel, sondern der Zungenschlag der Menschen. Und da stimmt es dann wieder.

Dann ist ja gut, dass die Ludwigshafener Sekretärin, Frau Keller, bürgerlich Analena Schmidt, nach eigenen Angaben mehrere Zungenschläge beherrscht, nämlich rheinhessisch, pfälzisch, rheinländisch, schwäbisch und bayrisch. Sie könnte sich mit dir völlig konjunktivfrei bestens verständigen.

Interessant auch, dass der männliche Part für den Zungenschlag, der Kriminaltechniker, ebenfalls keinen Vornamen trägt. Der heißt nur Becker.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 06.01.2012 | 22:37

@Achtermann
Dann ist ja gut, dass die Ludwigshafener Sekretärin, Frau Keller, bürgerlich Analena Schmidt, nach eigenen Angaben mehrere Zungenschläge beherrscht, nämlich rheinhessisch, pfälzisch, rheinländisch, schwäbisch und bayrisch.

Eine seltene Begabung, mehrere Dialekte sprechen zu können.



Sie könnte sich mit dir völlig konjunktivfrei bestens verständigen.

Wer Fremdsprachen kann, hat halt mehr vom Leben.

Ciao
Wolfram