An der Bratenstraße

Tatort Das Jahr 2012 geht gar nicht gut los: Der schlampige Ludwigshafener "Tatort: Tödliche Häppchen" kann nichts anderes, als seiner eigenen Parodie Konkurrenz zu machen

Um nicht total destruktiv ins neue Jahr zu starten und das Positive herauszustellen: Der Ludwigshafener Tatort: Tödliche Häppchen lässt Luft nach oben; den besten Sonntagabendkrimi in diesem Jahr haben wir – Kasten Bier, halbes Schwein – in jedem Fall noch vor uns.

Der Titel, Tödliche Häppchen, bezeichnet das Elend der Folge recht genau: Wenn schon lieblos was zusammengekloppt wird, was irgendwie wie Tatort aussieht, warum sich mit dem Titel Mühe geben? Mit einer an Adorno ("Titel müssen es treffen, nicht sagen") geschulten Wahrnehmung ließe sich hier der Umkehrschluss feststellen: Wo "es" nicht zu treffen ist, weil "es" ein liederliches Etwas ist, kann der Titel auch nicht mehr tun, als etwas sagen zu wollen. Dass der Titel nicht aufgeht – die "Häppchen", die in der Lebensmittelfabrik im Film produziert werden, sind "tödlich" allenfalls sehr indirekt für die idealistische Aufdeckerin Steffi Pietsch (Idil Üner) –, bedeutet die Vagheit, mit der die Folge sich an Themen, Figuren, Geschichten probiert, sie aber nie modelliert. Was die Titel (wir hören gleich auf) anbelangt, wäre es immerhin lustig, wenn Ludwigshafen konsequent auf den "Tödlich"-Grand Slam hinarbeiten würde – nach Tödlicher Einsatz (2009), Tödliche Ermittlungen (2011) und Tödliche Häppchen (now) könnte in Ludwigshafen 2013 mit Tödliche Morde der Sack zugemacht werden.

Angesichts des seit kurzem kursierenden Filmchens Der typische Tatort in 120 Sekunden lässt sich in der aktuellen Folge der Versuch einer Rückeroberung der Deutungshoheit über die Gebrauchsanweisung durch das Original erkennen. Seine Klischees inszeniert Tödliche Häppchen (Regie: Josh Broecker, der gemeinsam mit Frauke Hunfeld auch das Buch geschrieben hat) immer noch selbst. Das Drehbuchbuch ist auf Autopilot gestellt: Dauernd rennen die Kommissare irgendwo hin und dürfen Zweifel immer erst haben, wenn genügend Zeit geschunden ist (diese Kolleginnenrunde der toten Steffi ist schon bei der ersten Vernehmung höchstsuspekt). Zwischendurch findet der Spusi-Becker (Peter Espeloer) Häppchen für Häppchen neue Details raus, damit das Ermittlerduo dann wieder zu irgendjemandem hinrennen kann.

DIN A6-Visitenkarten

Alles an dieser Folge ist unmotiviert. Das Rumgerenne dient nur dazu, dass ein paar Schauplätze vorgezeigt werden können (der See, an dem die kranke Elke joggt, die Tanzschule, in der Kopper irgendwas lernen soll). Dass ist in anderen Tatort-Filmen nicht anders, im Grunde könnte immer nur auf dem Kommissariat verhört werden, aber es fällt einem selten so auf wie hier. Ein Touchscreen-Tatort: Irgendwas wird angetippt, in der Hoffnung, dass beim Zuschauer dann schon das Gemeinte aufgeht. Exemplarisch für die Schlamperei beim Buch ist, wie Kopper (Andreas Hoppe) sich überlegt, diesen ebenfalls höchstverdächtigen Nervenarzt von seinem Schweigegebot zu entbinden. In jedem Kinderbuch wäre das ein Anlass, sich einen hübschen Trick auszudenken, hier hält Kopper dem Dottore einen Wisch unter die Nase, den der eigentlich nicht glaubt, dann aber doch tut, was von ihm verlangt wird, weil der Tatort ja weitergehen muss. Man könnte lediglich diskutieren, ob die DIN A6-Visitenkarte vom Nervenarzt in der Wohnung von Elke Schmitz (Bernadette Heerwagen) nicht noch absurder ist.

Wie traurig dieser Film ist, zeigt sich gerade in den Momenten, in denen es mit Humor versucht wird – don't try this at home, kids; es geht nie gut. Der dann auch noch schmierlappigste Tierarzt (Ole Puppe) zu Lena Odenthal (Ulrike Folkerts): "Sie haben einen Draht zu Hunden." Sie: "Maschendraht." Wird nur getoppt von dem Mörder-Gag gleich zu Beginn, als Lena zu Kopper sagt, weil der nicht tanzen konnte mit der Chef-Gattin: "So bekommt das Wort Plattfuß eine ganz neue Bedeutung." Wenn wir den Bezug zur "alten Bedeutung" von Plattfuß (Bud Spencer? Autoreifen?) verstanden haben, legen wir sofort mit dem Lachen los, versprochen. (Nachtrag: mit etwas Verspätung und Hilfe - verstanden, gelacht)

Da nun nichts hinhauen muss in so einem Tatort, könnte es Ludwigshafen doch wenigstens mit einer totalen Gaga-Variante probieren. Also Figuren wie diesem Patienten beim Nervenarzt mehr Raum geben und sie tatsächlich die ganze Zeit in Zola-Schopenhauer-Sonstwas-Zitaten reden lassen. Analog könne die beim Tanzen verhörte Tanzlehrerin (Kathrin Kühnel) ihre Antworten in diesem Schnell-schnell-lang-sam-Tanzlehrer-Sprech geben. Das wäre, wir wiederholen uns, immerhin lustig.

Irre lacht der Fabrikant

Der gesellschaftliche Entwurf ist in solcher Umgebung naturgemäß nichts, was interessiert. Die Lebensmittelindustrie ist zum Glück so grundkorrupt, dass darauf immer angespielt werden kann, wenn's nötig ist. Wenn nicht, dann nicht. Als Gegenbild zum ewig Bösen fungiert in diesem Tatort logischerweise nur ein autistischer Bilderbuch-Idealismus, den Steffi Pietsch in ihren gestellsfernen Videoposts auf "Nogbook" performen muss. Und Kopper, das alte Europa eines volkstümlichen Gerechtigkeitsempfindens, macht am Ende wie üblich auf dicke Hose, wenn er dem Knastkoch Bescheid geben will, dass der irre lachende Lebensmittelfabrikant (Johannes Zirner) im Kitchen nur miesestes Essen vorgesetzt bekommen soll - hat denn dieser Kopper überhaupt kein Vertrauen in unseren Rechtsstaat?

In der Manier des Sportreporters alter Prägung müsste man sagen: dunkelgelb wegen andauernden Formatsmissbrauchs.

Eine Erklärung, die für alles entschädigt: "Ich bin Jahrgang '31, ich bin mit 14 eingezogen worden"

Einen Wunsch, den man immer äußern kann: "Wir brauchen mehr Insider-Informationen"

Eine Frage, von deren Beantwortung man sich einen Erkenntnisgewinn erhoffen kann: "Was heißt denn cool, Kopper, alle sind immer so verdammt cool?"
 

21:45 01.01.2012
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