Bloß keinen Altweibersommer

Kino „Ohne Dich“ ist das Regiedebüt von Alexandre Powelz. Und ein Anlass darüber nachzudenken, worauf ein deutscher Fernsehfilm auf großer Leinwand heute hoffen kann
Matthias Dell | Ausgabe 36/2014 6
Bloß keinen Altweibersommer
Wenn nicht Krebs ist oder Arbeit, ist auch mal voll gut drauf sein: Charly Hübner und Katja Riemann

Bild: Camino Filmverleih

In einem Interview zum Start seines Films Diplomatie (Freitag von vergangener Woche) hat der Regisseur Volker Schlöndorff gesagt: „Es werden so viele Filme gemacht, und kaum einer findet überhaupt Zuschauer oder gar den Weg ins Ausland.“

Um rauszufinden, warum das so ist, soll hier ein gewöhnlicher deutscher Kinofilm auf die Sorge Schlöndorffs hin betrachtet werden. Ohne Dich, der Film kommt in dieser Woche in die Kinos, ist von SWR, Arte, HR, MDR, der MFG Filmförderung Baden-Württemberg und dem Deutschen Filmförderfonds (DFFF) finanziert worden. Regie: Alexandre Powelz, der mit Alexandra Umminger auch das Buch geschrieben hat.

Die äußeren Umstände des Starts sind nicht schlecht. Am 4. September kommen – das ist heuer nicht viel – neun andere Filme heraus. Die Konkurrenz im Arthouse-Bereich, in dem Ohne Dich zu verorten ist, wäre nächste Woche größer: Neben Filmen von David Cronenberg (Maps to the Stars) und Anton Corbijn (A most wanted Man) starten noch zwei deutsche: Lügen von Vanessa Jopp und Töchter von Maria Speth.

Das Wetter ist weniger leicht vorauszusagen, der Hochsommer aber immerhin vorbei. Nicht so günstig: die wenige Werbung. Plakatwände in Großstädten sind bei einem Budget von gut einer Million Euro nicht drin. Es lässt sich aber alternativ nicht sagen, dass dem Film ein Ruf von seiner Festivalpremiere im Juni in Ludwigshafen vorauseilte. Die Besetzung mit Katja Riemann erzeugt ein Echo von so was wie deutschem Startum, Charly Hübner ist ein Charakter, den man im Fernsehen schätzt; dass er oder auch ein Auftritt von Rolf Hoppe Leute ins Kino zöge, darf man aber nicht annehmen.

Die Putzfrau putzt immer

Als ziemlich ungünstig erweist sich der Titel. Wenn man versucht, Ohne Dich zu googeln, landet man bei Wikipedia-Einträgen zu einem großen Hit der Münchener Freiheit. Gibt man „ohne dich film“ ein, wird eine ARD-Produktion mit Stefanie Stappenbeck und Oliver Mommsen aus dem Januar angezeigt („Martina und ihr Lebensgefährte Ralf betreiben in Köln mit großem Erfolg ein gehobenes Restaurant. An der bretonischen Küste wollen sie sich nun vom alltäglichen Stress erholen“).

Insofern ist die Titelwahl etwas rätselhaft. Natürlich kann man Erfolge nicht über den Namen programmieren, aber wenn die erste Funktion von Namen ist, unterscheiden zu können, dann macht Ohne Dich davon keinen Gebrauch. Und wenn man auf erfolgreiche deutsche Filme schaut, dann ließen die im Titel, wie immer man den im Einzelfall findet, doch eine gewisse Spezifik erkennen (Der bewegte Mann, Der Schuh des Manitu, Keinohrhasen, Fack ju Göhte).

Nach Ansicht des Films versteht man den Titel indes besser: Er ist der kleinste gemeinsame Nenner, das, worunter sich die drei miteinander verwobenen Geschichten, die mal mehr, mal weniger Episodenfilm sein wollen, versammeln lassen.

Es geht also um die Liebe (was gleichzeitig so allgemein ist, dass der Titel im Grunde gar nichts bezeichnet). Tragend ist die Beziehung zwischen der Hebamme Rosa (Riemann) und dem Therapeuten Marcel (Hübner), die getrübt wird, weil Rosa Krebs hat und dran stirbt. Das kann man sagen, ohne etwas zu verraten, weil der Film weder das Ringen ums Leben und damit die Hoffnung auf Rettung großmacht, noch einen langen Abschied zelebriert. Manchmal geht’s Rosa schlecht, dazwischen arbeitet sie und ist mit ihrem Mann glücklich.

Zur Arbeit von Rosa findet ein Mädchen (Helen Woigk), das schwanger ist, aber das Kind nicht will, am Ende dann irgendwie doch; wohl auch weil ihr Rosa mal einen Rock von sich gegeben hat. Das Mädchen arbeitet in einer Kneipe und ist mit der Tochter der Putzfrau von Rosa und Marcel befreundet. Die Putzfrau putzt immer, hat Migrationshintergrund und erzählt Marcel einmal ihre Liebesgeschichte, was klingt wie Literatur („zuerst waren es verstohlene Blicke“). Aktuell hat ihr Freund eine andere, die sich als – so klein ist die Welt im deutschen Film und auch das ist nichts, was man sich nicht bald denken kann – die eigene Tochter rausstellt.

Dringlich ist in diesem Film nichts und gegenwärtig auch nichts. Wer die Bücher von Dirk Kurbjuweit mag, könnte sagen, dass das Konsenskino der Merkel-Jahre ist, in dem sich alle lieb haben und es schon irgendwie weitergeht. Andererseits ist das Werk selbst für solche Aufladung zu mickrig und unambitioniert. Erzählt wird im gängigen Fernsehrealismus, die Musik nimmt manchmal in den Arm und die Kamera (Eeva Fleig) zielt auf pittoreske Zweisamkeitsbilder vor dämmerndem Stuttgarter Talkessel.

Dabei soll das „Debüt im Dritten“, als das Ohne Dich erscheint, eine „Talentschmiede“ sein. Das Talent von Powelz scheint darin zu bestehen, die Apparatlogiken zu bedienen. Also den Brei, der schon da ist, aufzuwärmen („Martina und ihr Lebensgefährte Ralf betreiben in Köln mit großem Erfolg ein gehobenes Restaurant. An der bretonischen Küste wollen sie sich nun vom alltäglichen Stress erholen“). Im Fernsehen gucken die Leute eh, im Kino landet der Film aus Förderarithmetik. Er ist nicht schlimm oder nervig, nur unendlich belanglos. Ohne Dich sucht gar keine Zuschauer.

Ohne Dich Alexandre Powelz Deutschland 2014, 90 Minuten

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11:20 03.09.2014
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