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Tatort-Kritik Gerechtigkeit auf kurzen Dienstwegen: Stuttgart mischt in der Realität nicht nur die Republik auf, sondern im Tatort "Die Unsichtbare" auch unsere Gefühle

Stuttgart ist eines der jüngsten Ermittlerteams der Tatort-Reihe, was es ähnlich wie die von Münster oder auch Hannover zur höchsten Zeitgenossenschaft prädestiniert. Nicht so sehr in der Richy-Müller-Figur des Thorsten Lannert, die der lonely wolf ist, den man aus dem Kino kennt, woher ja auch Richy Müller stammt, sondern in der Felix-Klare-Figur des Sebastian Bootz. Der ist der paradigmatische deutsche Mann, den der deutsche Mittelstand in Zeiten der Gleichstellung hervorgebracht hat. Das heißt in Die Unsichtbare etwa, dass die Abendtermine in der Piranha Bar Lonely Lannert überlassen werden, weil Busy Bootz zum Kinderhüten nach Hause muss.

Das gesellschaftspolitische Setting von Die Unsichtbare ist bemerkenswert, insofern der Migrationsdiskurs, der hierzulande vor allem "Illegale" betrifft, in einem - politisch gesprochen - grünen Sinne modernisiert ist. Die Tote am See ist eine Frau ohne Aufenthaltserlaubnis, aber Lannert und schließlich auch Bootz markieren ihre Skepsis gegenüber dem Denunziantentum durch die Einhaltung des Dienstes. Sie interessieren sich nur für den Mord – und die Waisenkinder, die er hervorgebracht hat – und dealen mit allen "Illegalen" Händel aus, ohne die zuständige Behörde zu alarmieren.

Besonders schön ist die Szene, in der Bootz den Wäschereibesitzer aus Zuffenhausen, der auf die Notlage der "Unsichtbaren" ein Geschäftsmodell gegründet hat, verrät und die Razzia anordnet – vorher aber den Betroffenen die Möglichkeit zur Flucht einräumt, wie sich am nächsten Tag bei der Befragung durch die dauerverliebte, Spanisch sprechende Staatsanwältin herausstellt. Bei aller Kitschigkeit, die dieser Tatort haben mag – und die vor allem in dem sich verschlechternden Pflegezustand der flüchtigen Kinder anschaulich wird, weil sie irgendwann in den hüstelnden Bedürftigkeitskarikaturen landen, die Waisenkinder im Angesicht des fiesen Mr. Burns bei den Simpsons seit je sind –, er rührt ans Gefühl und am Ende beinahe zu Tränen.

Karl May in Stuttgart

Tief in unserem Herzen wohnt eine sentimentale Seele, die die frühesten Fernseherfahrungen mit Winnetou-Filmen zur Weihnachtszeit nie verkraftet hat – und so ist es, bei aller Kitschigkeit, schön zu sehen, dass das Gute in dieser kalten Welt auch einmal triumphieren kann, wie sich das der Humanismus von Karl May vorgestellt hat. Bangend fiebern wir am Ende nicht der Lösung des Falles entgegen, sondern allein der Frage, ob die Kavallerie noch rechtzeitig kommt, um die kleine Ella mit dem krassen Herzfehler vor dem plötzlichen Tod zu retten. Und ja, auf die Kavallerie ist Verlass.

Die alte Stuttgarter Oben-Unten-Logik, wonach unten die Opfer sterben und oben die Täter wohnen, geht dieses Mal nicht auf: Den Dr. Jochen Winterberg, 400-Euro-Jobber im Ausstellungsbiz für unbekannte russische Dichter, der in der breathtaking Villa seiner Wurstfabrikantentochterehefrau hoch droben wohnt, spielt der große Martin Brambach als interludesken Witz ("Wir sind seelenverwandt"). Das Böse siedelt vielmehr im piefigen Kleinbürgertum des Behördenleitersohnes (Florian Bartholomäi), der aus Rache für die hintergangene, geliebte Mutter selbst vor verachtenswertestem Halbgeschwistermord nicht zurückschreckt. Die Überführung geschieht ihm ganz recht, sagt unser Karl-May-Bewusstsein, und die Verluste für die Wissenschaft in Tübingen, wo er sein Studium antreten wollte, halten sich jetzt, da er ins Gefängnis muss, vermutlich in Grenzen – wenn man dafür zugrundelegt, dass er seinen Umzug schon ohne Vater nicht bewältigen konnte. Dem Vater (Karl Kranzkowski) derweil wird, späte Gerechtigkeit, zwar der Sohn genommen, dafür gewinnt er die Tochter Ella und deren Bruder, deren schulische Leistungen zu größeren Hoffnungen für Tübingen berechtigen.
Und Busy Bootz? Liegt im Bett, wird sich seines privilegierten Daseins bewusst und fängt an, die FDP-Propaganda, die den deutschen Mittelstand mit ihren Abstiegsängsten in Schach hält wie im Mittelalter die Pest ganze Landstriche, in Frage zu stellen: Eine Mittelstandstochter kann auch dann ein glücklicher Mensch sein, wenn sie nicht aufs Gymnasium kommt. Obwohl sie – das ist etwas unlogisch – dauernd "Streberstempel" einsackt, deren Einführung im Schulheft der Bootz-Tochter nur erzählökonomischen Gründen geschuldet ist (damit man sie nämlich im Schulheft der Ella sofort versteht). Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung, und wenn das alle hier begreifen, dann geht die nächste Wahl ganz anders aus. Und eines Tages wird Deutschland, total karlmayhaft, der schönste Platz auf der Welt.

Kommissare, die joggen und nicht Lena Odenthal heißen: Thorsten Lannert

Der Protest gegen Stuttgart21 ist nicht vom Himmel gefallen: siehe der riesengroße "Atomkraft – Nein, danke"-Aufkleber auf der Heckscheibe des Behördenleitersohnes

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21:45 14.11.2010
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Ausgabe 43/2020

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