Das Baader-Meinhof-Kompott

Kino Von Höhepunkt zu Höhepunkt - Uli Edels Film über die RAF ist vor allem ein gewaltiger Geschichtsporno

In dieser Woche kommt der Film Der Baader-Meinhof-Komplex in die Kinos, und wenn es über jeden Film, der die RAF zum Thema hat, mindestens zwei Möglichkeiten des Redens gibt, dann muss die erste damit beginnen: An einem gewissen Punkt der Vorberichterstattung angekommen, ist es schon gleich, ob sie nur der Publicity für ein Produkt gilt oder tatsächlich dem öffentlichen Interesse, das diese Publicity sich zu Eigen macht: Sie soll nur aufhören. Das Ende all der Debatten, in denen vorzugsweise Stefan Aust Auskunft über eine Geschichte gibt, als deren Vorsteher er wegen des gleichnamigen Buches amtiert, ist der Moment, in dem der Film auf der Leinwand sich beweisen muss. Denn der gewöhnliche Mensch, der nicht in Sondervorführungen weit vor dem bundesweiten Starttermin zugelassen ist, interessiert sich zuerst dafür, ob der Film als Film etwas taugt.

Als Qualitätsausweis führt das Presseheft dafür ins Feld: "Drehtage - insgesamt 74, 56 Drehtage in Berlin und Umgebung, 3 Drehtage in der JVA Stuttgart-Stammheim, 9 Drehtage in München (Studio), 1 Drehtag in Rom, 5 Drehtage in Marokko. Sprechrollen - 123, Kleine Rollen - 52, Komparsen - 6.300." Das erinnert nicht zufällig an die Inhaltsangaben von Pornofilmen, bei denen zur besseren Orientierung Art und Zahl der gezeigten Sexualpraktiken vermerkt sind. Und siehe da: Der Baader-Meinhof-Komplex von Uli Edel funktioniert wie ein gewaltiger Geschichtsporno. Zehn Jahre, von 1967 bis 1977, von den Studentenprotesten bis zum Schleyer-Mord, umfasst der zweieinhalbstündige Film. Es gibt kaum eine Handlung zwischen den Höhepunkten, die durch zahlreiche Gewaltakte markiert sind, und das Heer der Schauspieler genießt die Anonymität von Pornodarstellern, weil sie als Charaktere nie eingeführt werden. Soll der dunkelhaarige Typ, der da neben Baader Fernsehen guckt in der konspirativen Wohnung, schon Holger Meins sein oder ist der erst später zur RAF gestoßen? Solche Fragen stellt man sich laufend, ohne dass es eine Antwort darauf gäbe, denn immer geht es weiter - zum nächsten Attentat, zur nächsten Verhaftung, zum nächsten Geballer. Irgendwann fragt man sich, wieso Austs detailliertes Buch überhaupt als Vorlage herhalten musste, denn das, worauf sich der Film konzentriert, ist die bundesdeutsche Nachrichtenlage der späten sechziger und siebziger Jahre. Sogar das Kidnapping der israelischen Olympiamannschaft in München 1972 ragt kurz in den Baader-Meinhof-Komplex hinein, weil die Namen der deutschen Terroristen auf einer Liste von Gefangenen gestanden haben, die durch die Geiselnahme freigepresst werden sollten. In diesem Moment spürt man die Beflissenheit eines Films, der wie eine wissenschaftliche Recherche alles Material zusammentragen will, was zu seinem Thema existiert, und man erkennt sein Scheitern in der unterkomplexen Andeutung, die "München" hier bleibt. Es geht nicht um die hintergründigen Verwicklungen des internationalen Terrorismus, sondern um die Bilder von strumpfmaskierten Verbrechern vor pompöser Olympia-Architektur. Bernd Eichinger hätte, wenn es ihm mit seinem Produktionsaufwand tatsächlich um die genaue und umfassende Rekonstruktion von Geschichte gegangen wäre, besser das Buch geschrieben, das Stefan Aust schon verfasst hat. Die Geschichte der RAF, die Motive ihrer Mitglieder versteht man durch den Film jedenfalls nicht.

Denn Der Baader-Meinhof-Komplex ist als Film nur zu verstehen auf der Folie des Wissens, das sich im Laufe der Zeit über die RAF angehäuft hat. Uli Edels Film setzt auf den Effekt eines Memory-Spiels: Die Bilder, die er zeigt, sollen den Bildern, die man kennt, zugeordnet werden. Da ist der Schah-Besuch in Berlin, die Jubelperser, die Demonstranten und die Polizei, und irgendwann wird ein junger Mann niedergeschossen und dann kommt eine recht schick gekleidete Frau und hebt seinen Kopf und ein Fotograf macht ein Bild und im Hintergrund steht ein Auto mit dem Kennzeichen B-WM 960 - und das ist dann der 2. Juni, der Tod Benno Ohnesorgs. Im Memory-Spiel gäbe es jetzt einen Punkt. Aber was ist damit für den Film gewonnen?

Wo soll das Drama, das hinter den Tagesschau-Bildern steckt, auch herkommen, wenn ihm keine Zeit gelassen wird, wenn es nicht mal Psychologie gibt und keine Figurenentwicklung: Eben haben Meinhof und Baader beim Kennenlernen noch gestritten. Beim nächsten Aufeinandertreffen sind beide plötzlich befreundet, ohne dass dieser Stimmungsumschwung nachvollziehbar wäre. Dabei sind Meinhof (Martina Gedeck) und Baader (Moritz Bleibtreu) unter den 123 Sprechrollen noch leidlich differenzierte Charaktere, die freilich kaum über die von ihnen kursierenden Klischees hinauskommen. Baader sagt andauernd "Fotzen" und "Wichser", und wenn er im Ausbildungslager in der Wüste keine Lust mehr hat auf Durch-den-Sand-Robben, erklärt er: "Wir sind eine Stadtguerilla." Das ist wenigstens lustig, wie überhaupt Bleibtreus Baader im Grunde eine Witzfigur ist. Und dann fragt man sich, ob Christoph Schlingensief nicht der bessere Regisseur für diesen Film gewesen wäre, weil gerade die Mischung aus heiligem Ernst des Geschichtsauftrags und solchen Miniaturen die Satire zum Thema gleich mitliefert. Schon Dani Levys braver Anti-Untergang Mein Führer hat gezeigt, dass Eichingers Ereignisfernsehen mit parodistischen Mitteln nicht beizukommen ist. Die Idee von der Mimikry eines "Wie-es-wirklich-War" ist absurder, als jede Parodie es sich hierzulande traut.

"An einem gewissen Punkt der Grausamkeit angekommen, ist es schon gleich, wer sie begangen hat: Sie soll nur aufhören." Das war der Satz Alexander Kluges, der am Anfang des Episodenfilms Deutschland im Herbst stand, mit dem die zweite Möglichkeit des Redens über den Baader-Meinhof-Komplex eröffnet wurde. Denn jeder Film über die RAF fügt sich ein in ein Genre, das politisch aufgeladen ist. Jeder RAF-Film steht vor dem Dilemma, mit den faszinierenden Bildern, die die Bildermaschine RAF hervorgebracht hat, konkurrieren zu müssen, ohne der Faszination dieser Bilder erliegen zu dürfen. Deshalb haben RAF-Filme lange Zeit entweder gleich dokumentiert oder jede Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit gemieden. In Reinhard Hauffs Stammheim (1986), nach einem Drehbuch von Stefan Aust, ging es nicht um den Originalschauplatz "Mehrzweckhalle (Gerichtssaal), JVA Stuttgart-Stammheim", vielmehr wurden die Grenzen des Rechtsstaats vermessen. Erst mit Heinrich Breloers Todesspiel (1997) hat, wenn auch dokumentarisch gebrochen, die detailgenaue Nachstellung Einzug gehalten in den RAF-Film.

Die gelungensten Auseinandersetzungen mit dem Thema sind die Filme, die das Bilderproblem konsequent angegangen sind. Die sich ihm in radikaler Subjektivität verweigert haben wie Rainer Werner Fassbinder, der in Deutschland im Herbst nackt telefonierend Selbstzweifel wälzt und mit seiner Mutter über die politische Autorität streitet. Oder die den gefährlichen Mythos mit den mythischen Bildern des Kinos ausgetrieben haben wie Christopher Roth, der 2002 aus Baader einen kühlen Gangsterfilm gemacht hat.

Der Baader-Meinhof-Komplex steht mit seinem Allmachtsanspruch auf die Geschichte am Beginn einer Trivialisierung. Dass die nicht ausbleiben würde, stand zu erwarten; sie wäre nur leichter zu ertragen, wenn der Film aus PR-Gründen nicht mehr von sich behaupten würde. Die angeblich unterbelichtete Gewalttätigkeit der RAF wird durch das endlose und laute Geballer jedenfalls nicht plötzlich offenbar. Vielmehr hat man den Eindruck, den Machern von Der Baader-Meinhof-Komplex kommt zupass, dass es im Lande der Innerlichkeit auch mal ein bisschen Action gegeben hat, und man stellt sich Bernd Eichinger vor, wie er neben dem Tonmeister steht und "mehr, mehr" schreit, ganz so wie Jürgen Drews bei der Brustvergrößerung seiner Frau, die das Privatfernsehen überträgt: Es ist so offensichtlich vulgär. Dass der Film nicht nur von den Tätern handelt, sondern den Opfern zu einem Andenken verhilft - ein Diskurs, den es immer gegeben hat und der in den letzten Jahren an Intensität gewonnen hat - lässt sich schwerlich sagen. Nicht einmal der Staat hat ein Gesicht, sieht man einmal von dem Bruno Ganz ab, der den BKA-Chef Horst Herold als guten, schrulligen "Vater" gibt. Horst Herold hat ein tieferes Verständnis für die Verfehlungen seiner "Kinder" und kocht ansonsten Suppe.

So bleibt Der Baader-Meinhof-Komplex auf der Ebene des RAF-Films ein frivoles Unterfangen, dass sich an Gewalt delektiert und an der sexuellen Freizügigkeit ein wenig aufgeilt, wenn Peter Jürgen Boock zu Gudrun Ensslin in die Wanne steigen darf oder die RAF-Frauen im Ausbildungslager FKK machen. Wo der Film sie nicht begeistert rekonstruiert, übersteigen die Bilder nichts, was die filmische Vorstellungskraft des Lesers von Austs Geschichtsbuch nicht schon wusste: Ulrike Meinhof sitzt im Gefängnis, und auch wenn es nicht der Originalschauplatz "Köln-Ossendorf" ist, so denkt man doch an ihre Gefängnisaufzeichnungen, und tatsächlich wackelt kurz die Kamera im Neonlicht: "Die Zelle fährt." Damit der Zuschauer am Ende nicht auf die Idee kommt, dass hier irgendjemand dem Baader-Meinhof-Ensslin-Mythos auf den Leim gegangen ist, gibt Brigitte Mohnhaupt (Nadja Uhl) der zweiten Generation das pädagogisch wertvolle Gegengift für die kommenden Jahre mit auf dem Weg: "Hört auf, sie so zu sehen, wie sie nicht waren." Klingt passenderweise schon wie ein Slogan, mit dem sich alles bewerben lässt.

Demnächst wird Roland Suso Richter in einem Film zum dritten, vierten oder fünften Mal die "Landshut"-Entführung zeigen, und wenn der letzte Hitler-Leibwächter gestorben ist, schlägt die Stunde für Guido Knopp und Baaders Frauen. Darauf bereitet Uli Edels Film vor, das ist ihm anzurechnen.

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