Das Gurken-Ding

Ökonomisch VEB Obst, Gemüse und Speisekartoffeln in den achtziger Jahren. Auf dem Papier hat alles gestimmt. Wie die DDR trotz Planerfüllung zu Ende ging. Eine Räubergeschichte

Ich würde ja eigentlich lieber darüber reden, was mich heute beschäftigt, sagt Kreuke. Das müssen wir ein anderes Mal machen, sage ich.

Ich bin, sagt Kreuke, 1962 in Jüterbog geboren. Ich wollte studieren, Angewandte Kunst in Dessau. Studieren war illusorisch, sagt Kreuke, drei Jahre Armee, das hätte ich für überhaupt nichts gemacht, ich bin Pazifist. Also habe ich die Abendschule abgebrochen, die Ausbildung zum Elektriker gemacht.

Gleich nach der Ausbildung zur Armee, sagt Kreuke. Bei der NVA habe ich außer Heinz Keßler keinen vernünftigen Menschen kennengelernt. Ich habe ihn einmal gefahren, er war offen, hat mich ausgefragt, der hatte ein Interesse daran, was wirklich abgeht. Das rechne ich Keßler an.

Nach der Armee nach Jüterbog, ein halbes Jahr später nach Lübben, wo meine damalige Freundin wohnte. Arbeit hatte ich keine. Ende der achtziger Jahre wäre das leichter gewesen, da hatte der halbe Prenzlauer Berg keine geregelte Arbeit. Es war aber erst Anfang der achtziger Jahre. In der DDR, sagt Kreuke, gab es Arbeitslosengeld, pro Tag konnte man sich 5 Mark beim Rat der Stadt abholen, die man wieder zurückzahlen musste, wenn man Arbeit hatte. Über eine Bekannte meiner Freundin habe ich Arbeit gefunden. Beim VEB Obst, Gemüse, Speisekartoffel, kurz OGS. Gehalt: 700 Mark.

Ausliefern, einsammeln

Der Betrieb war nicht groß, ein paar Lagerhallen für Obst und Gemüse, vorn die Betriebsleitung und Verwaltung, 5 Leute, hinten das Lager, 3 im Büro, dazu Fahrer, Lagerarbeiter, insgesamt vielleicht 20 Leute. Ich habe Auslieferungsfahrten gemacht, sagt Kreuke, das Obst und Gemüse an Kneipen, Geschäfte, Ferienlager, Kindergärten, Armee verteilt. Oder ich habe eingesammelt, private Aufkaufstellen „geräumt“, wo Obst und Gemüse von Bauern aufgekauft und von da in den Großhandel gebracht wurde. Die Aufkaufstellen mussten aufkaufen, selbst wenn es hundertmal zu viel war, die mussten aufkaufen, das war Gesetz. Zuerst bin ich nur mitgefahren, um alles kennenzulernen. Es ging schon bei der zweiten, dritten Fahrt los, da zählte der Fahrer, bei dem ich mitgefahren war, am Feierabend einen Batzen Geld, ohne dass ich bemerkt hätte, wie er zu dem gekommen ist: „Hier, die Hälfte ist für dich.“

Das Einfachste war, dass man mehr Ware geladen hatte, als auf dem Lieferschein stand. Den Leuten im Lager brachte man Schnaps mit, dann haben sie dir eine Kiste mehr aufgeladen. Die Sachen habe ich unterwegs verscheuert, sagt Kreuke. Dankbare Abnehmer waren teure Gaststätten, die Preisstufe S hatten und die bei mir zum Großverbraucherpreis kaufen konnten. Der Großverbraucherpreis galt für Armee, Kindergärten und so weiter, der Endverbraucherpreis für Läden, und für die Gaststätten je eine Preisstufe, S war das höchste. Das war eine gute Verdienstquelle.

Eine andere Sache, seltener, aber gut: Knoblauch. Als Bauer hast du fürs Kilo in der Aufkaufstelle 20 Mark bekommen, im Supermarkt dafür aber nur 3,60 Mark bezahlt. Das heißt, dass man ordentlich verdient hat, wenn man einen Sack aus dem Supermarkt gekauft und an der Aufkaufstelle abgegeben hat. Das habe ich gemacht. Der Bedarf der Läden, die den Knoblauch bei uns bestellt haben, war auch deshalb so hoch, weil ich so viel gekauft habe, sagt Kreuke und lacht. Das konntest du nicht mit jedem machen in den Aufkaufstellen. Die mussten den Knoblauch, den ich ihnen gebracht habe, auf die Bauern verteilen, die bei ihnen ablieferten, so dass keine Auffälligkeiten entstanden. Man musste aufpassen, Wirtschaftskriminalität zum Nachteil sozialistischen Eigentums, das war kein Kavaliersdelikt. Ein Kollege vom Chemiegroßhandel auf unserem Gelände, der schwarz ausgeliefert hatte, ist fünf Jahre in den Knast gegangen.

Danach war es bei uns unruhig, es wurde eine Verwaltungsstelle neu geschaffen, und es war klar, dass das ein Stasi-Mann ist. Da bin ich, sagt Kreuke, auf eine Idee gekommen: Obst verdirbt. Wenn du mit Obst was machst, lässt sich irgendwann kein Beweis mehr führen. Das einzige, was sie machen können, ist dich bei Auslieferungstouren zu verfolgen und, nachdem du ausgeliefert hast, den Lieferschein und die ausgelieferte Ware zu überprüfen. Dann könnten sie dir was beweisen. Meine Idee war todsicher: Ich schreibe prinzipiell zwei Lieferscheine. Das haben Kollegen innerbetrieblich übernommen. Ich habe meine Tour zu Ende gefahren, bei den Verkaufsstellen angerufen, ob alles in Ordnung ist, ob jemand nach mir kontrolliert hat, und dann wusste ich, wie ich meine Abrechnung machen kann. Plan A oder Plan B. Den Lieferschein mit den 5 Kisten Orangen abrechnen. Oder den ohne die Kisten. Auf dem Papier hat immer alles hundertprozentig gestimmt, das ist ja im Grunde ausschlaggebend, sagt Kreuke.

Die Banane war sehr effektiv, sie hat Türen geöffnet. Das war unglaublich. Da gab‘s keine Autoritäten mehr; wenn du Bananen hattest, haben sie vor dir gekniet. Ich habe Bananen gezielt als Geschenke eingesetzt, da, wo es Bückware gab, Schallplattenladen, RFT-Laden. Beim Verladen der Bananen wurde schon genauer geguckt. Du bist mit dem leeren Lkw auf die Waage gefahren, der Lkw wird gewogen, die Bananen geladen, wieder gewogen, und aus der Differenz wird das Gewicht berechnet. Ich habe die grandiose Idee gehabt, sagt Kreuke, mir ein 50-Kilo-Gewicht ins Führerhaus zu legen, bevor es das erste Mal auf die Waage ging. Auf dem Weg zum Lager habe ich das Gewicht wieder rausgenommen, der Lkw wurde beladen, und ich wusste, dass ich 50 Kilo Bananen für mich hatte. Dadurch bin ich an Lautsprecher gekommen, BR 50 Boxen von RFT. Ich war bestrebt, bei der Verteilung von Bananen ein wenig einzugreifen, sagt Kreuke. An der Spitze der Versorgungskette standen die Orang-Utans im Zoo, Orang-Utans brauchen Bananen, sonst können die nicht überleben, dann kamen Stasi, Ferienlager, Kindergärten. Das habe ich versucht zu relativieren, in dem ich den Kindergärten etwas mehr gegeben habe. Orang-Utans gab‘s in Lübben nicht.

Einnehmen, ausgeben

Absurderweise, sagt Kreuke, bin ich bei der OGS in Verruf geraten, gewissenhaft und penibel zu sein im Gegensatz zu allen anderen Fahrern. Hoffmann war der Lagerleiter, der nebenbei eine Aufkaufstelle betrieb, was normal war, aber eigentlich ein Interessenkonflikt, da wurde am meisten beschissen, garantiert. Hoffmann wusste genau, wer wo räumte, dass – wir hatten es gerade mit einer Gurkenschwemme zu tun – die Aufkaufstellen voll waren, die Verarbeitungsbetriebe aber nicht mehr hinterherkamen. Die Gurken standen in der Sonne und wurden schlecht. In der Zeit hat die Lieferscheine, die du abgeliefert hast, keiner für voll genommen, weil sowieso alles vergammelt ist. Das haben, sagt Kreuke, Leute wie Hoffmann gewusst, die haben es nicht mehr so genau genommen mit dem Wiegen. Damals hat Hoffmann mich in seine Aufkaufstelle geschickt, seine Frau kam, um beim Laden zu helfen. Beim dritten Sack, sagt Kreuke, habe ich gesagt: „Das kommt mir ein bisschen leicht vor.“ „Waasss?“, ruft die Frau von Hoffmann. Ich: „Holen Sie mal die Waage, wir wiegen nach.“ Ich habe jeden Sack auf die Waage, überall 5 Kilo zu wenig: „Ich ruf mal ihren Mann an.“ Hoffmann: „Waasss? Das kann nicht sein!“

So war ich den unliebsamen Job los, in Aufkaufstellen von Leuten aus unserem Betrieb zu fahren. Hoffmann hat mich danach immer zu den Stellen geschickt, von denen er dachte, die würden krumme Geschäfte machen und könnten mal eine Abreibung gebrauchen: „Da werd‘ ich mal den Kreuke hinschicken, das ist ein scharfer Hund.“ So war ich nicht nur die Stellen los, bei denen ich keine Geschäfte machen konnte, weil sie Leuten wie Hoffmann gehörten, sondern bin auch noch an die besten Geschäfte gekommen.

Das Gurken-Ding, sagt Kreuke. Das war eigentlich ein Versehen, ich hab das erst gemerkt, als ich wieder unten im Auto war, eine Fuhre abgegeben, aber schon zwei Lieferscheine quittiert bekommen hatte: Auf dem Papier hatte ich zwei Fuhren abgeliefert, in Wirklichkeit eine. Ich bin wieder zurück zur Aufkaufstelle, wo die zweite Fuhre noch stand, und habe mit dem Typen vereinbart, dass ich die am übernächsten Tag, wenn er wieder aufmacht, abhole, mit neuem Lieferschein. Die Kohle haben wir uns geteilt, 15.000 Mark für jeden.

In meiner Wohnung, sagt Kreuke, hatte ich ein Vertiko mit einer Wäscheschublade voller Geld, ich hatte keinen Überblick, wie viel da drin war. Wenn ich etwas brauchte, habe ich reingegriffen, ich hab mir um Geld keine Gedanken gemacht. Mir hat es Spaß gemacht, großzügig zu sein. Der einzige Luxus, den ich mir geleistet habe, war ein Wartburg für 27.000 Mark, den habe ich von einem Polizisten gekauft, den ein Kollege kannte. Du hast in der DDR auch Schwierigkeiten gehabt, das Geld auszugeben. Bevor ich abgehauen bin, habe ich zwei Nächte im Grand Hotel in Berlin übernachtet, eine Freundin von mir arbeitete da als Portier. Den Spaß habe ich mir gemacht, ich war der einzige Ossi. Als ich abgehauen bin, hatte ich um die 80.000 Mark.

Das war im Sommer 1989. Kreuke kauft sich auf dem Schwarzmarkt an der Glienicker Brücke einen Mazda für 30.000 Mark, fährt nach Ungarn, klaut sich ein westdeutsches Nummernschild, das er an den Mazda schraubt, drückt dem ungarischen Grenzer seinen Sozialversicherungsausweis in die Hand und gibt, noch ehe der Grenzer feststellen kann, dass es sich nicht um einen bundesdeutschen Reisepass handelt, Gas, erwischt die Schranke am rechten Ende, wo die Hebelwirkung am größten ist, wie er bei der Armee einmal unfreiwillig erfahren hat, und ist in Österreich.

Kurze Zeit später ist die DDR verschwunden.

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20:00 06.11.2009
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