Das können Sie doch nicht machen

Tatort Ein Fernsehfilm, wie für Markus Lanz gemacht: Die Leipziger Folge "Die Wahrheit stirbt zuerst" will keine Fragen offen lassen und schickt die Musik auf den Strich

Von dem Filmemacher Christian Petzold gibt es das schöne Wort von der Musik, die anschaffen geschickt wird. Das meint, dass also Filme Jefühl, Intensität oder auch nur Bedeutung von einzelnen Szenen reinholen, indem sie bei der Musik ordentlich ausgeben. So betrachtet ist der Leipziger Tatort: Die Wahrheit stirbt zuerst ein einziger Flatrate-Puff; es ist praktisch unmöglich, ein Stückchen Film zu finden, in dem man mal allein wäre mit dem Geschehen und sich, bei dem man ein wenig vor sich hin sinnen könnte, ohne dass einen die Filmmusik (Dominic Roth), dieser Sacktreter des Emotionalen, unentwegt von der Seite anginge wie unversöhnte Fuballspieler den Schiri nach einer Entscheidung, die sie nicht teilen. "Ach, wie anstrengend."

Auch unter den Schiedsrichtern gibt es toujours deux écoles, also die einen, die nickelig pfeifen, und die anderen, die viel laufen lassen, weshalb einem Klage über die Musik von ersteren als Unkenntnis ausgelegt werden könnte – die Musik tut ja beim Film immer mit, sie ist ein Werkzeug wie alle anderen Mittel och. Nur kann man bei – was für ein sinnloser Titel im übrigen – Die Wahrheit stirbt zuerst gut beobachten, wie für die 8er Mutter der 32er Schlüssel ausgepackt wird.

Da muss nämlich auch nicht mehr unterschieden werden zwischen Musik im On der Geschichte und dem Off des Drübersuppens: Im Auto des durch Verzweiflung und Insuffizienz unangenehmerweise auf Sympathie getrimmten Vaters Peter Albrecht (Pasquale Aleardi), der sich interessant machen soll durch sein nicht weiter erklärtes Hobby Tango-Musik-Hören, läuft Tango-Musik, die auch irgendwann mal abgeschaltet wird, was die Tango-Musik aber nicht davon abhält, im Schnitt zwischendurch noch für die Fahrt übers Land eines anderen Autos den Hintergrund akustisch auszumalen.

Die Fleece-Pullover des BKA

Dass die Musik so filmtragend unter jeder Szene rumtapert, hat natürlich Gründe, die man etwa am Credit für das Drehbuch ablesen kann. Dort stehen neben Miguel Alexandre (der auch noch Regie und Kamera) noch André Georgi und Harald Göckeritz, und some might say, dass das doch super Teamwork ist, Film also Kollektivkunst und so. Man kann aber auch feststellen, dass es so richtig trotzdem nicht geworden ist mit der Geschichte dieser Tatort-Folge. Und eine gute Geschichte, ja, das wäre schon was für einen Film, die halbe Miete, wie der Sportreporter in uns raunen würde, mindestens. So stirbt ein Kind an scheinbar fehlendem Asthma-Spray, eigentlich aber an den Fleece-Pullovern des BKA, was der verzweifelt sympathische Vater aus Spannungsgründen aber nicht unterscheiden können darf; lieber fährt er das Kind an den See, um ihm eine, äh, Bootsbestattung zukommen zu lassen.

Kann man alles machen, macht nur so wenig Sinn wie die Vertuschung erzwingende Intrige von Mamas neuem Lover (Bernhard Schir), dem Navi-Bittner, der seine Spitzentechnik via Egypt weiter nach Sudan verticken will, und samt seiner Mittelsmänner nur south of Mittelmeer hochgenommen werden kann, obwohl die Mittelsmänner auch in Lipsia vorbeischauen. Das klingt so umständlich blöde, dass wir's als Ausrede für die Hinterzimmersuppe, die sich das BKA in Gestalt einer kräftig auf schnepfig geschminkten Katja Riemann als Kepplers Ex-Kollegin da kocht, als Vorwand sogar hätten durchgehen lassen. Das hochgradig Traurige an diesem Schachzug des Drehbuchs ist nur leider, dass es damit schon matt ist – die hanebüchene Mittelsmännergeschichte ist am Ende dann die Erklärung für alles. Wer soll das glauben, wen soll solch eine sich selbst unverständliche Motivation für das Wirken von höheren Ordnungen und geheimerer Dienste von irgendetwas überzeugen? Beziehungsweise warum erzählt dann so ein Drehbuch nicht richtig einen vom Pferd?

Und da wir's gerade nicht fassen können: Wie wenig Respekt vor den Möglichkeiten der selbstentworfenen Geschichte muss man haben, wenn so ein Apparat wie das – "Wir haben den Mut, etwas zu verändern" – BKA immerfort erledigt werden kann von Evchen Saalfeld (Simone Thomalla) und Sono Keppler (Martin Wuttke), die Winnetou und Old Shatterhand spielen? Da läuft der angeblich vorgesetzte Staatsanwalt (Peter Benedict) dick auf, kassiert das Spielzeug ein und sagt "suspendiert", und die beiden machen das Ding einfach ohne Spielzeug zu – das ist doch so abwegig, dass man Zustände kriegt.

Beziehungsweise Wtf?

Wie absurd es ist, dass sich eine Gesellschaft, deren Problem in Verwaltung besteht, also in Führung, die sich durch Schulterstücke legitimiert, die unter Autorität fasst, was vor dem Namen steht als Fantasietitel und als Ziel die Ruhe und Disziplin des klaglos vor sich hin arbeitenden Angestelltenheeres ausgibt, in dem keiner den für ihn vorgesehenen Platz verlässt, in einer Welt also, in der Harald Welzer sich genötigt sehen muss, Bücher über die Figur des grauenhafterweise so genannten Selbstdenkers zu schreiben zur Ermutigung – wie absurd es ist, dass so eine Gesellschaft sich im Fernsehen toll findet als tapferes Schneiderlein der eigenen Unerschrockenheit, davon hat dieser Tatort keinen Schimmer. Ein Apparat wie diese verbeamtete Polizeiwelt und darin dann die letzten Helden der Menschheit, is' klar.

Zurück zur Form. Die Entsprechung der musikalischen Überdeterminierung ist die Verweisstruktur der Erzählung. Sämtliches Geschehen muss immer schon mal erlebt worden sein, als ob damit irgendetwas gewonnen wäre. Hier tut sich vor allem Menzel (Maxim Mehmet) hervor, bei dem die Tochter schon mal Asthma hatte und die Frau einen Lover aus Buenos Aires. Wofür beziehungsweise Wtf? Immerhin kann man an diesem Alles-Erklär-Wille gut sehen, wie sich die ARD ihren Zuschauer vorstellt – als völlig bekloppt.

Die Wahrheit stirbt zuerst ist Fernsehen für Markus Lanz; immer muss alles erklärt und gesagt werden, damit ja keiner von diesen Gebührenzahlern vor der Knipse verrückt wird, weil er etwas nicht verstanden hat. Das ist bekanntlich das Schlimmste, wenn Gebührenzahler vor der Knipse was nicht verstanden haben, dann werden sie verrückt, das muss verhindert werden. In diesen Bereich von Zuschauerverachtung gehört unbedingt auch der Kameramove auf den wieder genesenden Verzweiflungspapi, der uns signalisiert, dass die Mutter ihn bald wieder liebhaben wird statt des fiesen Geschäftemacherlovers.

Das Trostlose an diesem Tatort äußert sich auch dadurch, dass das Öffentlich-Rechtliche hier auf dem Schick aus dem Privatfernsehen stolz ist – Miguel Alexandre, wir hatten es bei letzter Gelegenheit schon erwähnt, ist der Mann, der Die Frau vor der Prager Botschaft gemacht hatte. An Szenen gewisser Skurrilität, die nicht erst bei der Wiederholung als Monumente des Trashs in diesem Film herumstehen werden, gibt es auch hier keinen Mangel: Wie Evchen Saalfeld sich etwa im Krankenhaus nach der Bluttransfusion (die als technische Beschreibung fast ein Highlight des Erzählens ist in diesem Tatort) sich am Tresen selbst entlässt – das könnte auch die Stellprobe mit dem Lichtdouble gewesen sein, das sich nicht scheren muss um so was wie Logik, Plausibilität.

Zu den Schauspielern bleibt zu sagen, dass Katja Riemann als einzige nicht unter ihren Möglichkeiten bleibt, was zuerst aber an den Möglichkeiten liegt. ARP, wie Anne Ratte-Polle in den Szenekreisen der Deutschen Bühne womöglich genannt wird, ist die Rolle der Mutter jedenfalls zu klein. Dass es sich um einen Winter-Tatort im Sommer handelt, könnte mit Wuttkes Wadenbeinbruch zu tun haben; der hatte seinerzeit einen Aufschub der Dreharbeiten nötig gemacht.

Ein Fun Fact, dargeboten in experimenteller Grammatik: "Zu 90 Prozent sind die Angehörigen der Täter"

Eine Lösung, die keine ist: "Trinken Sie das, das wird Ihnen guttun"

...weil sie zu Zustandsangaben wie folgender führen könnte: "Sehr breit"

http://img703.imageshack.us/img703/2071/1bb4.jpg

23:35 16.06.2013
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