Das sagt sich so leicht

Tatort Jetzt geht's ans Eingemachte: Kommissarin Saalfeld (Simone Thomalla) und mit ihr der "Tatort: Nasse Sachen" wird von der Vergangenheit überführt - Stasi, Vater und so

Leipzig sieht im Tatort schon länger nicht mehr aus, womöglich sah es das nie, aber irgendwie bleibt der Tatort der Stadt immerfort äußerlich, pendelt zwischen schicksanierten Wohlstandsbehausungen und unsanierten Bruchbuden, wo die Probleme wohnen (Melanie Köhlers Heimsexarbeit), und obwohl es diesmal sogar eine Mittellage gibt (Karla Rimbach aka Claudia Michelsen) – dieses Leipzig in diesen Tatorten kommt uns einfach nicht näher als Stadt, und daran ändert auch die Totale zu Beginn nichts. Sie ist vielmehr Zeichen des Fremdelns mit dem Drehort.

In Nasse Sachen (einer der raren schöneren Tatort-Titel, kontaminiert nur durchs menschenverachtende Zitat: Nasse Sachen, informieren Presseheft und Filmdialog, meinte im internen Stasi-Slang Gewaltmaßnahmen gegen Republikfeinde) ist das allerdings nebensächlich, es kommt nämlich knüppeldicke. Wir kriegen es mit der Vergangenheit von Eva Saalfeld (Simone Thomalla) zu tun, der Lösung zum Rätsel, warum es in dem sie umgebenden Familienzusammenhang immer nur eine Mutter gibt, die stresst (Swetlana Schönfeld – by the way, wo ist eigentlich Dr. Love?). Dieses Mal beim Kinderzimmerausmisten, was angesichts von Mutter Saalfelds Alleinstehen überflüssig wirkt, dafür der Sendegebietsvergewisserung in die Hände spielt, weil Eva eine Schnattchen-Puppe sentimental anschauen darf. Und, nein, wir wollten es nie mit der Vergangenheit von Eva Saalfeld zu tun kriegen.

Bis dahin ist's noch ein kleines Stück: Das Grundproblem von Nasse Sachen (Drehbuch: Andreas Knaup, Regie: Johannes Grieser) besteht darin, dass der Tatort hoffnungslos überdeterminiert ist. So viel Bedeutung, wie hier am Start ist, kann man als Zuschauer einfach nicht in seine 90 Minuten Wochenendausklang integrieren. Eva wird suspendiert, weil sie bei einem – man muss zum wiederholten Male sagen – dilettantischen Einsatz gegen, hier auch noch organisierte, Kriminelle zu schnell gezogen hat und den Autoschieber Georg Hantschel (der große Uwe Preuss aka Chief Röder aus dem Rostocker Polizeiruf) umgelegt hat. Das schnelle Ziehen wird sich später als Mimesis ans Väterliche erweisen, Wiederholungszwang über Generationengrenzen hinweg, weil Papa Saalfeld seinerzeit auch zu schnell gezogen hatte gegen den Republikfeind.

Trois fois pas de deux

Diese vertikale Variation wird von einer horizontalen gekreuzt, in der Eva wiederum mit Karla Rimbach um das gleiche Schicksal konkurriert (Tochter-Stasi-Vater-Beziehung). Und drittens gibt es noch die eher yin-und-yangeske Verbindung zu dem schluffig-rotzigen Bürgerrechtsbewegungsprivathistoriker Thomas Kramm (Jörg Hartmann), der nach seinen Führungen an der Thomaskirche Samisdat-Infobroschüren über unbelangte Stasi-Ärsche verteilt, wobei er als lebendes Exempel fungiert: Kramm ist Sohn des Republikfeinds, den Papa Saalfeld dereinst umgelegt hatte. Und nicht umgekehrt, wie es im Hause Saalfeld lange erzählt wurde. Eigentlich müsste zu diesem Tatort ein Schaubild dieses arg verflochtenen Beziehungsgeflechts mitgeliefert werden, um halbwegs auf dem Laufenden zu sein.

Am Ende liegt also Papa Kramm im Grab von Papa Saalfeld, der sich in der Zwischenzeit nach Zypern verabschieden musste und von da aus mit neuer Familie und neuem Leben als Herbert Bahrig (der alte, spät-achtziger Polizeiruf-Haudegen Günter Junghans) seine dreckigen Geschäfte munter weiter betreibt. Das Merkwürdige am Zypernzwangsexil von Papa Saalfeld ist nun aber zweierlei: Wieso musste jemand, der zumal aus vermuteter Notwehr – das zur familiären Ehrenrettung für Eva und Mama – in der DDR einen Republikfeind umgelegt hatte, eine neue Identität bekommen? Wenn das Gruselige an der Stasi ihre Allmacht war, muss sie sich doch keine Räuberpistolen zur Tathergangsverunklarung einfallen lassen, als ob sie einen Bundestagsuntersuchungsausschuss zu fürchten hätte (mal vorausgesetzt, dass man Bundestagsuntersuchungsausschüsse fürchten muss).

Und wieso zieht Papa Saalfeld überhaupt so schnell wie ein Südstaaten-Farmer, der die Eigentumsrechte an seinem Land verletzt sieht, wo Papa Saalfeld es doch nur mit einem schluffeligen DDR-Dissidenten zu tun hat, der im Trabant Flugblätter transportiert durch ein Land, in dem Waffenbesitz eine etwas aufwendigere kulturelle Praxis war? Der Film weiß auch hier Antwort und verweist auf den zeithistorisch hübschen, weil lang genug nicht mehr malträtierten und überdies ziemlich exploitationhaften fait divers vom so genannten Honecker-Attentat (einfach mal googlen) – dass das nun aber jeden Polizisten in Erich's own country in so was von erhöhte Alarmbereitschaft versetzt haben soll, glaubt man dem Tatort leider nicht.

Ad absurdumstum

Zu allem Elend des Stasi-Pulps kommt noch die Fernsehfilmmoral of our days, die notdürftig als Ignoranz von Zugereisten getarnt wird (was irgendwie auch öde wirkt): Warum Papa Saalfeld nicht reumütig zurückgekehrt ist nach 1990, kann ernsthaft vorwurfsvoll nur fragen (hier: Sono Keppler aka Martin Wuttke, der aber nur Träger der Dialogblase auf dem unterkomplexen Drehbuch ist), wer sich das Leben als stehendes Gewässer vorstellt, in dem alles immer so ist, wie es einmal war – Liebe etwa. Binnenhistorisch ist diese Vorstellung des Reinen-Tisch-Machens zudem naiv – und da reden wir nicht davon, dass die Zeiten, um offen über eigene Stasi-Verquickung zu reden tendenziell immer ungünstig waren, sondern weisen lediglich daraufhin, dass wenn Papa Saalfeld je eine juristische Befassung mit seiner Notwehraktion hätte befürchten müssen, dann doch nach 1990.

Ein merkwürdiger und unfreiwilliger Witz auf die Ost-West-Beziehungen im Jahre 2011 ist der Dialog, in dem die im Osten [Anm. Ursprünglich stand hier aus falsch gewusstem Wissen "Westen", siehe Kommentare] sozialisierte Schauspielerin Claudia Michelsen in der Rolle einer im Osten sozialisierten Stasi-Vater-Tochter den beiden Kommissar-Schauspielern (die eine im Osten sozialisiert und auch in dieser Rolle, der andere im Westen und ebenfalls in dieser Rolle), sie seien ja nicht von hier – um dann über den mühsamen Stasi-Vater zu klagen, der immer im "Klassenkampf gegen den Feind" gewesen sei – einen Slogan, den man in der an Slogans nicht armen DDR vergebens sucht, weil er bei Lichte besehen ziemlicher Unsinn ist.

Das, immerhin, ist ganz lustig, weil es diesen ganzen Ost-West-Biografie-Vorgezeige-Quark ad aburdsumstum führt.

Witze, die nicht klappen: zwischen Saalfeld und Keppler beim Jackenleihen zu Beginn

Witze, die klappen könnten: zwischen dem dauerarbeitskleidungtragenden Menzel (Maxim Mehmet) und Keppler

Eine Frage für Tilman "False Memory" Jens: Können Hinterbliebene Flashbacks an Ereignisse haben, bei denen sie nicht dabei waren, wie hier Eva Saalfeld?

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21:45 13.06.2011
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Ausgabe 41/2021

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