Der Kaiser von Korea

Mythenbildung In "Dem Kaiser!" betrachtet Yi Munyol die Historie durch die Augen eines Spinners

Warum sollte man sich für die Geschichte eines selbst ernannten koreanischen Herrschers interessieren, von dem keiner je gehört hat, weil es ihn nie gegeben hat? Das fragen sich nicht nur Leser und Rezensent, das fragt sich auch der Ich-Erzähler in Yi Munyols Buch Dem Kaiser! Er stellt sich vor als Journalist bei "einer zweitklassigen Zeitschrift", dem der Chefredakteur ein Buch zu lesen gibt. Das trägt den sonderbaren Titel Neuübersetzung des Chônggamnok, die Chronik der Chông, was dem Erzähler nichts sagt, und es mutet an wie "einer dieser Schundromane, die an der Straßenecke unter einer Gaslampe aus dem Fahrradanhänger heraus feilgeboten und den Leuten beinah kostenlos nachgeschmissen werden." Keine günstigen Voraussetzungen für eine glorreiche Geschichte, aber Order ist Order, und so liest der Journalist, was ihm aufgetragen, um am Tag nach der "zermürbenden Lektüre" vom Chefredakteur mit einem neuen Auftrag überrascht zu werden: "Ich nehme an, Sie fanden das auch ganz interessant. Sie brauchen jetzt nur einen Reisekostenantrag zu stellen und sich auf den Weg zu machen, und zwar zum Keryong-Berg." Das ist der Ort, an dem die Chronik der Chông spielt, und so bricht der Journalist auf - wenn auch nicht begeistert, so zumindest versöhnt durch den Gedanken, "für eine Weile der öden Redaktionsstube zu entkommen". Nach einigen Recherchen stößt er auf ein "Tugendkaisergrab" samt greisem Grabwächter, verfasst einen launigen Bericht, ist in Wahrheit aber von dem Grab, dem Wächter und der Chronik so fasziniert, dass er bald seine Stelle bei der zweitklassigen Zeitschrift kündigt, um die Geschichte des Herrschers vom Keryong-Berg zu rekonstruieren.

Dieses lapidare Vorspiel, inklusive der in ihm ausgestellten Verdrossenheit, ist doch recht tröstlich. Dem Erzähler geht es keineswegs besser als uns, er kommt zu seiner Geschichte wie die Jungfrau zum Kinde. Das scheint jetzt lapidar dahingesagt, aber darin steckt der Kern des ganzen Buchs: Hierzulande hat Helmut Krausser in seinem riesenhaften Roman Melodien vor Jahren zu zeigen versucht, wie die Jungfrau zum Kinde, soll heißen: der Mythos in die Welt kommt. Yi Munyols Buch ist einer solchen Unternehmung verwandt; es geht hier allerdings mehr darum, wie der Mythos sich zur Welt, der er entstammt, verhält. Der Mythos ist eine Ursprungserzählung und zugleich deren poetische Verunklarung: Am Anfang der Geschichte stehen immer nur Geschichten, und auf diese beiden Gleise setzt der Erzähler den Leser mit Geschick. Womit eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage schon mal gegeben werden muss: Man kann sich für die koreanische Geschichte interessieren, weil man in Yi Munyol, als Koreas renommiertester Autor gepriesen, einen sprachlich so versierten Führer durch sie hat. Mit souveräner Geste und zugleich beruhigender Ironie geleitet der Erzähler durch eine Geschichte, die vermutlich selbst dem koreanischen Leser an geschichtlicher Kenntnis einiges abverlangt, den deutschen aber permanent mit Unbekanntem konfrontiert - wenn auch die Übersetzung, soweit sich das aus dem Leseeindruck ermessen lässt, von sprachlicher Sorgfalt und Könnerschaft ist.

Bei dem Herrscher, dessen Leben und Wirken Munyols Erzähler anhand der so genannten Chronik durchbuchstabiert, handelt es sich um "die Inkarnation des Großen Kaisers Chami, des Wahren Meisters des Nordpols, der Erhabene Chông vom Berg Keryong". Und das sind nur die elementaren Attribute, mit denen die Figur sich schmückt. In Wirklichkeit ist sie ein naiv-jähzorniger, tragikomischer Charakter, angesiedelt zwischen Don Quijote und einem Spinner wie dem Kaiser von Amerika aus dem gleichnamigen Lucky-Luke-Comic. Der Geburt des Kaisers verleiht ein verrosteter, tausend Jahre alter Spiegel Bedeutsamkeit, den dessen Vater kurz vor der Niederkunft seiner Frau findet. Unter dem Rost verbirgt sich eine Inschrift, welche die Blüte einer Chông-Dynastie annonciert und damit das ideelle Firmament aufspannt, zu dem sich der Kaiser als vom Himmel Gesandter zeit seines 70 Jahre währenden Lebens streckt. Die siebzig Jahre sind jene des modernen Koreas bis in die 1970er Jahre, und so erzählt Yi Munyols Buch, indem es vorgibt, die Chronik zu entziffern, recht eigentlich vom Kampf um einen eigenständigen Staat, der ausgehend vom ersten Chinesisch-Japanischen Krieg 1894 über die Zeit unter japanischer Besatzung bis über den Koreakrieg und die Teilung in Nord- und Südkorea währt. Der schrullige Kaiser, der zu jeder neuen politische Situation vergleichbare Szenen aus den alten Geschichten zu zitieren weiß, nimmt darin die Rolle eines Herrschers im Wartesaal ein. Sein Reich, ursprünglich im "Dorf der Weißen Steine" verortet und mehrfach seinen Ort wechselnd, befindet sich in einem Nirgendwo, in einem toten Winkel der Zeitläufte. Dort harrt der Kaiser mit seinen mehr oder minder Getreuen dem Eintreffen der Prophezeiung, was als Metapher auf die Sehnsucht nach Autonomie eines weitgehend fremdbestimmten koreanischen Staates gelesen werden kann.

Aber der Kaiser wartet nicht nur, er schreitet zur Tat. Sein Volk ist der Außenwelt an militärischer Schlagkraft ebenso hoffnungslos unterlegen wie es ihm selbst an souveräner Weltgewandtheit mangelt, was ihn immerfort als Geisteskranken oder Sektenführer erscheinen lässt. Aus diesen Begegnungen mit der Wirklichkeit aber, tritt sie nun in Gestalt der Eisenbahn oder des Kommunismus auf, schöpft der Roman seine Kraft: Der Mythos, der in der Chronik fortgeschrieben wird, ist eine Erfolgsgeschichte, in deren Spur Yi Munyols Erzähler durch seinen ironischen Kommentar immer wieder findet - mögen die Verwerfungen auch noch so groß, die Abenteuer noch so gefährlich sein. Die Distanz, die der Autor zu seinem Stoff behauptet, ermöglicht ihm zugleich einen Abstand zum Lauf der Weltgeschichte: Aus dem Blickwinkel eines Spinners kommt einem die Politik der Moderne zwangsläufig fremd vor.

Das heißt nicht, dass Dem Kaiser! einen alternativen Entwurf zu den Herrschaftsmodellen des 20. Jahrhunderts bietet würde. Das heißt aber: Man kann sich für die Geschichte eines selbst ernannten koreanischen Herrschers, den es nie gegeben hat, durchaus interessieren - weil die Irrungen der Geschichte nur als Roman einen Sinn ergeben.

Yi Munyol Dem Kaiser! Aus dem Koreanischen von Mo Seoyoung und Frieder Stappenbeck, 446 S., Wallstein, Göttingen 2008, 24 EUR

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