Der Piepser von Regensburg

Polizeiruf Lorenz-Günther Meuffels sei Dank: Der Münchner "Polizeiruf 110: Fieber" zeichnet das Gesundheitswesen als Mühle des Gegenwartskapitalism und seine eigene Kontur klarer

Der von ewiger Statistikbeschwörung zum Zwecke permanenter Aufregerproduktion unterjochte Sportreporter modernen Zuschnitts dürfte angesichts des Münchner Polizeiruf "Fieber" freudig vermelden: Negativ-Serie gestoppt! Die quälenden, wenn nicht bleiernen letzten Wochen deprimierendster Mittelmäßigkeit, dieses Wolfsburg Felix Magaths hat endlich ein vorläufiges Ende, die Mannschaft die langerwartete Reaktion gezeigt.

Kann man schon daran sehen, dass sich "Fieber" so etwas wie eine Exposition leistet, und wenn sich jetzt – vom Fernsehredakteur abwärts – die Verantwortlichen des Durchschnittsgelumpes der vergangenen Wochen fragen, was das denn ist, eine Exposition, dieses Fremdwort, das man keinem Zuschauer zumuten würde, wenn man ihn nur da abholen wollte, wo man ihn immerfort behauptet, dann lautete die Antwort: Na, jedenfalls nicht dieses Kantinensuppenkellenhingeklatsche von zwei Bildern, Standardspannungsmucke und einem Toten, an dem dann nach 1.32 Min. die Kommissare auflaufen dürfen, damit der Fall losgeht und der Zuschauer, diese Bordsteinschwalbe seiner Launen, nicht doch noch auf die Idee kommt, zu Inga Lindström ins ZDF zu schalten oder wie immer das heißt, wo die Schafherden auf malerischen Landstraßen rumstehen.

Exposition means auch Rhythmus und Fallhöhe, also in "Fieber": Zack rin in media res, Marv Meuffelsn aka der Vom Von (Matthias Brandt) und Anna "Burn, Baby" Burnhauser (Anna Maria Sturm) bei Geiselnahmegeschrei in Kindertagesstätte, Anna rein, Vom Von rein, der eigentlich in aussichtsreicher Position auf der Außenbahn in den Rücken des Geiselnehmers (der große Georg Friedrich) gelangt, um dann zu versieben wie – Obacht, Trauma-Trigger – Schweini den Elfmeter im sogenannten CL-Finale dahoam. Vom Von verwundet, dann Alpenberge und Musik, die Ulrich Tukur bestimmt auch in seiner Schellackplattensammlung hat: "Heaven, I'm in Heaven." Schließlich: Titel.

Fliegender Start

Und dann hört es nicht auf, sondern geht einfach weiter, Meuffels liegt im Krankenhaus und ist krank und eben nicht nur auf der Durchgangsstation einer Drehbuchautomatik, die wie ferngesteuert alle Standardhaltestellen ansteuert eines Fernsehkriminalfilms anfährt, um Informationen durchzugeben. Der Kommissar bleibt im Krankenhaus, und dort erst findet sich der Fall, mit fliegendem Start, wie es im Radsport heißt, insofern man gar nicht weiß, ab welchem Toten in dieser Mühle des disparaten Gegenwartskapitalism man "Mord" rufen und die Zuständigkeit des verwundeten Meuffels auf dem Spielberichtsbogen der Tatort-Polizei abhaken könnte. Den Anfang mit dem mysteriösen Sterben im Krankenhaus macht jedenfalls ein Schulfreund vom Meuffels mit dem tollen Namen Detti Ellermann (der große Josef Ostendorf).

Ist aber auch mal gut jetzt mit dem Dissen der Sonntagabendkonfektion. "Fieber" beziehungsweise der Münchner Polizeiruf befarf dieser billigen und irgendwie auch kleinmütigen Form des Lobens nicht; es wird nämlich gerade mit der nun vierten Folge (Buch: Alex Buresch, Matthias Pacht, Regie: Hendrik Handloegten) sichtbar, worin die eigene Qualität des Schauplatzes besteht. Brandts Meuffels ist der sympathische Last Man Standing auf den Rückzugsgefechten einer altmodisch gewordenen Männlichkeit, zu der vor allem gehört, weniger zu handeln als gehandelt zu werden: Marv Meuffels ist ein Ermittler, mit dem man es ja machen kann, dem die Dinge zu passieren scheinen, der sie erleiden muss, um für einen kurzen Moment der Befreiung am Ende das Bild eines schwarz-weißen Sechziger-Jahre-Playboys zu rekonstruieren, das Brandts Gesicht eben auch vorzeigen kann. Anders gesagt: Der Vom Von etabliert sich als Sonde im, mit Verlaub, Arsch der systemischen Zumutungen unserer Zeit – also München ("Cassandras Warnung"), Al-Kaida.de ("Denn sie wissen nicht, was sie tun"), Bayerndorf ("Schuld") oder, wie hier, Gesundheitsunwesen. Hanns von Meuffels, der Metakommissar seiner Verhältnisse.

Es geht im Krankenhaus ums Geldverdienen, nicht um den Menschen, und das titelgebende Fieber taucht zur Extrapolierung dieses Befundes ins leicht Horröse, Schaumärchenhafte. Tatsächlich ist "Fieber" die niedrigtourigere, aber auch zwingendere Variante vom, wenn wir ihn schon erwähnt haben, letzten Tukur-Tatort "Das Dorf", das damals Rocky Horror Picture Show in Sepia-Hessen spielte. Hier ist Georg Friedrichs Geiselnahmer-Zombie der Running Gag von Meuffels ("der Herr Kommissäär") Wahrnehmungsdissonanzen. Und den Grenzbereichen des Trashs, in denen Entwürfe wie "Fieber" zwangsläufig angesiedelt sind, tragen Szenen wie die mit dem komplettkaputten Meuffels bei, der den Ärzten nach Entdeckung des MRSA-Bakteriums wie im Endzeittthriller aufdrängt: "Sie müssen die Station schließen."

Der Vorteil des menschenverachtenden Geldmachens im Klinikbiz, das hier vor dem Hintergrund der "kinesischen" Inverstoren erzählt wird, besteht darin, dass es keine Glaubwürdigkeitsprobleme mit dem Personal gibt: Weil sie immerzu durcharbeiten müssen, ist die Daueranwesenheit von Peter Jordans Dr. Klenk, Ronald Kukuliesens Dr. Vasary und so weiter selbsterklärend. Die Differenzen zum Klischee, für die der Vom Von seinen Dienst versieht, machen das Aufatmen noch mal leichter: Eine afrodeutsche Krankenschwester darf hier fehlerfreies Deutsch sprechen, der Migrant entspannt sein und die FSJlerin übertattoowiert.

Putzig ist lediglich, dass die weiblichen Kräfte, Schwestern und Ärztinnen, allesamt modelhaft gut aussehen.

Etwas, das sich auch gut als Leselampe in den eigenen vier Wänden macht: der Röntgenbilder, hier mit automatischem Cache

Ein großer Satz, auch wenn wir nicht ganz verstanden haben: "Ich bin doch das Wie, das du wegsperrst tief in dir drinnen jeden Tag"

Ein großer Satz, gerade weil wir ihn ein wenig falsch verstanden haben: "Schwester Angele verweigert die Aussage"

22:05 04.11.2012
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