"Der Predator rotzt die alle weg"

Kino ohne Bilder Muss man gesehen haben: Beim "Festival des nacherzählten Films" lassen die Teilnehmer allein mit Worten Kino im Kopf entstehen – Abschweifungen inklusive

"Es ist das wichtigste Festival des nacherzählten Films", sagt Bernd Terstegge in einem sehr ruhigen, unaufgeregten Ton am frühen Samstagabend im Berliner Hebbel-Theater – "weil es das einzige ist." Das ist ein Witz, aber der Witz ist ernst gemeint wie alles hier. Bei Total Recall hat man es mit einer Form von Parodie zu tun, die einen ganz eigenen Begriff von Sprechkunst entwickelt hat. Seit 1999 tourt der Kommunikationsdesigner Terstegge, der gemeinsam mit Axel Ganz das "Internationale Festival des nacherzählten Films" organisiert, mit Total Recall durch den deutschsprachigen Raum.

Es gibt eine Fanfare, es gibt einen Preis (die Silberne Linde), und der Ablauf ist denkbar einfach: In mehreren Fünfer- oder Sechser-Blöcken treten die einzelnen Teilnehmer vor einen schmalen, weißen Vorhang auf die leere Bühne des Hebbel-Theaters. Jeder Kandidat hat zehn Minuten Zeit für seine Nacherzählung. Der Begriff "Film" wird relativ weit gefasst, es kommen auch Fernsehsendungen wie Elefant, Tiger Co. oder die auf Phoenix übertragenen Schlichtungsrunden um Stuttgart21 in Frage.

Ein gemeinsamer DVD-Abend

Das Publikum unterscheidet sich spürbar vom akademisch bewehrten Personal der avancierten Theaterpremieren, die hier sonst auf dem Programm stehen. Eher herrscht die Stimmung eines gemeinsamen DVD-Abends, was Total Recall irgendwie auch ist. Wobei die Tatsache, dass Filme ohne jegliche Hilfsmittel erzählt werden, die Bühne als den besten aller möglichen Orte erscheinen lässt. Hinzu kommt eine gewisse Vertrautheit: Viele Besucher kommen seit Jahren zu dem Festival.

Das gilt auch für die Teilnehmer. Jan Poppenhagen ist zum dritten Mal dabei, und wieder erzählt er einen Arnold-Schwarzenegger-Film nach (Predator), weil er Arnold liebe, und zwar schon immer: "Ich bin damit groß geworden." Poppenhagens Insistieren auf der Echtheit seiner Begeisterung ist ein wichtiges Indiz für die Qualitätsbemessung der Beiträge: Credibility ist förderlich; die als ehrlich empfundene Emphase sorgt für bessere Unterhaltung als das neunmalkluge Kalkül, mit dem etwa Bernd Matzner Die Teufelsbrigade von Raoul Walsh, Der brennende Pfeil von Gordon Douglas und noch drei weitere Filme mit privatfeuilletonistischen Beobachtungen überwölbt. Etwa dem Kevin-Bacon-Faktor oder dem Wilhelm-Scream – einem Schrei, ohne den angeblich seit Walshs Teufelsbrigade von 1951 nicht mehr publikumswirksam gestorben werden könne in Hollywood-Filmen, den Matzner aber so schlecht nachmacht, dass sich eine plastische Vorstellung davon nicht einstellen will.

Poppenhagen erzählt dagegen in einer betörenden Mischung aus Straßenslang ("der Predator rotzt die alle weg") und intelligenter Reflektion (das "Vietnam-Trauma" lasse die schwer bewaffneten Helden immer wieder sinnlos in den Wald ballern), die schon durch den wohligen Berliner Dialekt und Poppenhagens bisweilen zum Verschlucken neigende Artikulation (bei "Schwarzenegger" moduliert er die Buchstaben zwischen "Schwa-" und "-egger" so zurückhaltend, dass es sich wie "Schwahnegger" anhört) jenem Übermaß an Gewitzheit fern steht, das den Zuhörer verstimmen könnte. Solche Bescheidenheit empfiehlt sich auch bei der Filmauswahl: Hintersinnige und an sich schon witzige Filme wie The Big Lebowski eignen sich schlechter als die großen, schönen Lügen Hollywoods wie Black Dynamite oder Pretty Woman. Kann natürlich auch am Erzähler liegen.

Zum sechsten oder siebten Mal, "da gehen die Schulen auseinander" (Terstegge), ist Ilia Papatheodoru dabei, die akademisch bewehrte Zuschauer als Performerin der Gruppe She She Pop kennt. Man hat es bei Total Recall nicht nur mit Laien zu tun, auch wenn sich die Liste der Teilnehmer immer erst im Laufe des Abends füllt. Papatheodoru entzieht sich der zeitlichen Limitierung (nach zehn Minuten signalisiert dem Vortragenden das Geräusch einer auslaufenden Filmspule an einem Projektor, dass er zum Ende kommen muss) durch einen seriellen Trick: Sie erzählt Vom Winde verweht immer da weiter, wo sie das letzte Mal abbrechen musste. Diesmal von der 70. Minute bis zum Ende des ersten Teils.

Tendenziell endlos

"Wir erinnern uns kurz", sagt Papatheodoru zu Beginn ihres Vortrags und liefert damit ein Stichwort für die Größe des Formats: Tatsächlich sind die Erzählungen bei Total Recall tendenziell endlos, und zu den Reizen gehört, sich der je individuellen Zeitwahrnehmung hinzugeben oder der sich entwickelnden Erzählung zu folgen, die meist erst nach zwei Dritteln ihre Form gefunden hat. Auch Papatheodoru spricht mit einer Emphase, die manchmal gar als Rührung ihre Stimme belegt. Eine Kussszene, in der Rhett Butler als weißer Ritter erscheint, während Scarlett O'Hara in seinen Armen sich empört, kommentiert Papatheodoru: "Wo findet man das schon, dass sich eine Frau in so einer Situation als antiromantische Heldin erweist?"

Rätselhaft bleibt die Bewertungslogik Die Zuschauer stimmen nach jedem Block ab, in dem sie auf kleinen Kärtchen Noten von 0 (schlecht) bis 9 (gut) vergeben. Dabei ist es häufig so, wie Moderator Terstegge bemerkt, dass die Beiträge, die die meisten Lacher verbuchen konnten, nicht zu den Siegern zählen. Poppenhagen geht leer aus, Papatheodoru wird immerhin Dritte.

Sechster wird erstaunlicherweise ein Torsten, der nicht nur leichtes Murren hervorruft, als er spielverderberisch ankündigt, den gerade erst gestarteten Ballett-Film Black Swan erzählen zu wollen, sondern vor allem als eitler Klugscheißer rüberkommt: Einen Großteil seiner Nacherzählung verwendet er auf eine verklemmte Natalie-Portman-Begeisterung, die über Zwistigkeiten mit seiner Freundin ventiliert wird.

Dass persönliche Zugänge auch honoriert werden, zeigt indes die Wahl des Siegers: Andres Blumenthal hatte Mamma Mia! als kollektives Heilig-Abend-Erlebnis mit Oma und den Eltern dargestellt.

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16:00 01.02.2011
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