Matthias Dell
06.11.2011 | 21:45 35

Die ist selbstgemacht

Tatort "Tatort", der aus Träumen geboren: Kiel hält mit "Borowski und der coole Hund" das Niveau hoch, verhilft der Spannung zu ihrem Recht und ist überdies aktuellst politisch

Niemand wird nach Borowski und der coole Hund bestreiten wollen, dass Kiel so was von Darling der Hinrunde ist und jetzt schon als haushoher Herbstmeister 2011 feststeht. Nach der canonicanonischen Folge vor einem Monat wird nun nachgelegt – Borowski und der coole Hund ist Part two des Henning-Mankell-Agreements, das im Winter mit diesen depravierten Trader-Freizeit-Großwildjägern einen ersten Akzent setzen konnte. Michael Proehl, dessen Namen wir nur noch mit Samthandschuhen eintippen seit dem allerunvergesslichsten Schweighöfer-Tatort, hat die Vorlage von Mankell zu einem Drehbuch ausgearbeitet, das sich einer altmodischen Spannungsökonomie verpflichtet fühlt, die so sehr nach unserem Geschmacke ist, dass wir das Dativ-e hier einmal nicht scheuen.

Den Täter schüttelt der Tatort tatsächlich im Vorbeigehen aus dem Ärmel: Wenn nach 70 Minuten alles auf den mutterpflegenden IT-Narcotics-Tierschutz-Aktivisten Nils Ackermann (sieht aus wie ein gephotoboothter Lars Eidinger: Sebastian Weber) zuzulaufen scheint (ein schönes Detail für den Zuschauer: wie Ackermann da im Garten wasweißich verbrennend den Look des Kapuziner-Rächers zu performen scheint, aber durch die speckige Jacke auch wieder vom eher tighten Style des zuvor eingeführten Täters abweicht), und man sich, von der scheinbar frühen Täterfindung irritiert, innerlich auf ein langes Gefecht zur Dingfestmachung samt sentimental gedehntem Afterglow für den toten schwedischen Ermittlerfreund einstellt, da entdecken Sarah Brandt (Sibel Kekilli) und ihr namenloser Kollege mit dem Goatie-Bart (der mal einen unterkomplexeren Männlichkeitsentwurf vorstellt, wie wir ihn in Analogie zur feschen Conny Nina Kunzendorfs in Bankfurt wünschten) erst den wahren Übeltäter in dieser fancy Neubauwohnanlage.

André Ratownik (sieht aus wie ein gephotoshopter Jan Henrik Stahlberg: Sebastian Zimmler) ist als Rettungssanitäter zuvor nur einmal kurz durchs Bild gelaufen, als Ina Santamaria (what a Name: Mavie Hörbiger) sich absichtsvoll an der Ceran-Herdplatte spüren wollte. Und selbst bei der Entdeckung spielt die Inszenierung (Regie: Christian Alvart) noch geschickt mit falschem Verdacht, weil sie zuerst die Sanitäterkollegin (Kathrin Wehlisch) fokussiert, die mit dem im Täterprofil geforderten Overcaring identifiziert werden könnte und durch den Zuschauerkopf für eine Sekunde den Gedanken schießen lässt, der Vernichtungsfeldzug an den Hardcore-Sexbekanntschaften der borderlinenden Ina müsse natürlich von einer sorgenvollen Frau durchgezogen werden und auf Geschlechterrache hinauslaufen.

Die gute Staatstrojanerin

Es gibt in Borowski und der coole Hund so viele triftige Details, dass der Platz zum Dauerpreisen kaum ausreicht. Mankell/Proehls Buch bringt Disparatestes spannungstreibend zusammen (hübsch auch dieses aufwendige Fallenstellen, bei Mankell ist der Täter ein Künstler) und die Kamera von Ngo The Chau öffnet die Erzählung für die Wucht von großen Bildern (die Geometrie dieser fancy Neubauwohnanlage!) – wobei wir den Pharisäer in uns unterdrücken wollen, der herummäkeln könnte, dass gerade das Pimpen in beiden Fällen die Form mitunter sprengt. Genauso wie wir dem Hinweis, auf die kleinen Ungenauigkeiten in der Erzählung nicht nachgehen (Wie kann der alte Schwede die Nummer von Sarah Brandt in seinem Handy schon bei der ersten SMS am zweiten Tag der flüchtigen Bekanntschaft eingespeichert haben? Was, wenn nicht ködern, will Boro bei der Santamaria und wenn ja, wieso ruft er nicht die Kavallerie, als der Fisch an der Angel zu hängen scheint?). Die Musik (Michl Britsch) hat ihre Momente, der Schnitt (Andreas Wodraschke) erzeugt Effekte.

Vor allem aber ragen die Schauspieler und Rollen heraus (bis hin zum Weber von Kiel: Jan Peter "Nichts für ungut, Klaus" Heyne). Sibel Kekilli macht weiterhin unbändige Freude in ihrer lausbübischen Aufgewecktheit. Solch eine Frauenfigur hat man sich lange gewünscht im Tatort. Schließlich geht Sarah Brandt, diese analog gewordene Online-Durchsuchung (wie sie bei der Santamaria mal eben den Rechner und das Tagebuch checkt, das ist Medienkompetenz, von der die Grundschule träumt), in ihrem lässigen Ermittlungsfleiß incl. dem finalen Rettungsköpper ins Nass so weit, dass man sich Sorgen um den Arbeitsplatz von Boro machen muss. Vor der Überflüssigungmachung von Boro wird allerdings auch diese ominöse, mit großer Geheimnistuerei auch hier performte Krankheit der Sarah Brandt sein. Genderpsychoanalytisch gesprochen steckt darin wohl vor allem männliche Abschaffungsangst.

Stefan Enberg (Magnus Krepper), der envoyé special zur Rabies-Bekämpfung aus Schweden, bringt Boro zum Lachen, klampfert bei den Ladies an, dass es eine Schau ist, und geriert sich sonst als Ermittlungsrambo. Der Drang zur Moral (dieses Bild mit dem Kind!) nervt etwas, Enbergs Technik, den Verhörten immerfort die vermutete Wahrheit auf den Kopf zuzusagen ("Prinzessin auf der Erbse bumst quer durchs Internet, weil sie sich fremd fühlt"), könnte aber Schule machen. Und die raubeinige Figur funktioniert, weil es als Puffer eben den immer nur innermost Boro gibt, der auch hier seinen Verdruckstheit performen kann (sehr hübsch: das Frühstück), ohne dass der vierte Offizielle Manierismus im Spielbericht vermerken müsste.


Und zuletzt ist dieser Tatort mit seinem nie voyeuristischen oder analphabetösen (kinda: Was für krasses Zeug dieses Internet mit sich bringt!) Hot-Sex-Begehren in der Mitte durchaus aktuellst politisch lesbar. Denkt man den Hund wie Sam Fuller in seinem großen Film White Dog und würgt den Hinweis von Enbergs One-Night-Friendin auf die Politik nicht ab, dann funktioniert der tollwütige Hund am Anfang als Medium für das EU-Europa: Kommt mal eben über die Öresund-Brücke spaziert, will nur spielen und verursacht dann lauter existentiellen Trouble. Das sicke Finanzsystem wäre folglich diese Tierschinderbude, in der dem seine Verantwortung für den giftigen Viren resp. Papiere im Hund auf den Kopf zugesagte Arzt (auch toll: Jan Georg Schütte) nur verdattert Job-Angst als Ausrede einfällt. Wie sich das letztlich mit Sanitäters "Nicknamen" aus dem Griechischen kurzschließen lässt (Soter22), sollten wir aber besser weiter zu denken versuchen, wenn das Referendum in Athen durch ist.

Dem kann man sich nur anschließen: für Jeanette Würl (die im Juni verstorbene, zuständige NDR-Redakteurin)
 

Kommentare (35)

RGabriel 06.11.2011 | 22:52

Lieber Herr Dell,

Ihr Dativ-e in allen Ehren, nichts dagegen. Aber dass Sie dem Wörtchen "seit" den Genitiv folgen lassen, ist grausam. Liest und hört man immer öfter "entlang des Rheins", "gegenüber des Hauses" (das hat sich schon so eingebürgert, dass man schon schief angeschaut wird, wenn man darauf hinweist), gut. Aber:

"Michael Proehl, dessen Namen wir nur noch mit Samthandschuhen eintippen seit des allerunvergesslichsten Schweighöfer-Tatorts..."

Das ist grammatikalisch unverzeihlich. Rettet dem Dativ, kann ich da nur sagen.

Magda 06.11.2011 | 23:50

Wir haben - auf meine Anordnung - diesen "Tatort" nicht gesehen. Die Idee, dass jemand seine Opfer pfählt, hat mich schon im Vorfeld zu der Frage veranlasst, wie rum das vollzogen wird. Von oben oder von unten.

Im Ernst, mir war schlichtweg der Grausamkeitsfaktor zu hoch.
Und dann haben wir uns dieses Traumschiff-Jubiläum angesehen und wurden darüber belehrt, dass es auch bei der Unterhaltung eine Grausamkeitsschwelle gibt, hinter der das Grauen lauert.

Kurzerhand das war ein ziemlich unergiebiger Abend. Gepfählt habe ich dann doch noch - man will ja auch Reue zeigen - ein oder zwei Käsewürfel.

RGabriel 07.11.2011 | 00:06

papperlapapp Belehrung. Von mir aus. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass Dell selbst das gar nicht grausam findet, so penibel wie er dramaturgische Fehlerchen seziert. Dem einen sein Tatort, der anderen ihr Mord am deutschen Dativ. Ich glaub nämlich nicht, dass der Fehler der Euphorie geschuldet ist, sondern einem Komplott, jaja, den Dativ so fürchterlich hinzumetzeln, dass Magda eine familiäre Anordnung ausrufen müsste, dass beim Freitag die grammatikalische Grausamkeitsschwelle überschritten ist.

@Herr Dell
Was isn das für eine Krankheit, die Frau Brandt wie vom Tollwut-Virus befallen ins Klo befördert hat?

fudge 07.11.2011 | 10:33

lieber herr dell und kommentierende,

endlich habe ich mit ihren rezensionen zum sonntagabendlichem krimispaß eine lesenswerte nachbereitung gefunden, die ich bislang im netz vermisst habe. so macht es spaß, tatort zu diskutieren!

was ich jedoch noch zu kritisieren finde an dem sonst durchweg spannenden tatort ist der etwas krude titel featuring "der coole hund" (nachdem kiel schon vor nicht allzu langer zeit mit der energydrink-folge den titel-vogel abgeschossen hatte...).

außerdem finde ich bei den mankell-vorlagen immer etwas schade, dass mitraten kaum möglich wird, außer, man tippt auf die erstbeste randfigur. ich war ja auch kurzfristig in die falle der "geschlechterrache" der privatsanitäterin getappt und war froh zu lesen, dass ich nicht die einzige war. irgendwie war es trotzdem noch zu überraschend, dass plötzlich der sanitöter als besessener serienkiller aus dem hut gezaubert wird....

und warum konnte sich sarah brand eigentlich in der letzten folge noch binnen weniger sekunden in irgendwelche hochgesicherten zentraldatenbanken hacken und dieses mal dauert es die halbe sendezeit, bis man eine ip-adresse ausfindig gemacht hat? (schön aber auch der ältere herr über den w-lan-router: "das braucht man doch zum telefonieren. oder?"). ich finde, so einige krimimacher sollten öfter mal einen schärferen blick auf die darstellung von computerprogrammen in ihren filmen werfen... sonst aber eine spannende unterhaltung, dieser tatort. bin schon sehr gespannt auf die weiterentwicklung der frankfurter in zwei wochen!

Henning Grabow 07.11.2011 | 13:10

Geschätzter Herr Dell,

wie immer ist ihre vorzügliche Kolumne ein Sonntag-Abend-Plaisir erster Güte. Mighty Milberg dürfte in der Tat der einzig zu akzeptierende Tatort-Gegenkandidat zum Brandt'schen Hyper-Neo-Polizeiruf sein. Insofern: Herbstmeisterschaft gesichert.

Doch wo bleibt der Spaß ohne Kritik: den am Ende folgenden Slow-Mo-Ausritt "Fffrrraaauuu Braaaandt" hätte man sich sparen dürfen. Unsäglicher Ammi-Kitsch und nur mit Ironie zu rechtfertigen.

Ansonsten trete ich gerne ein, in die Brotherhood of Boro.

Herzlichst,
H.

Amanda 07.11.2011 | 13:36

Kompliment für diesen Text, Mr. Dell, ist ja fast besser als der Tatort ;o)

Welcher eine Freude ward, durchaus, schön auch, dass meine Mankell-Assoziation richtig gefühlt war (Wer recherchiert, ist nur zu doof zum Schreiben > K.N.).

Highlight 1: Der Ton zum Zahnschmerz. Wer mal erlebt hat, wie sich n Wurzelkumpel aufmacht, mittels schnellster Eiterversammlung auf dicken Max zu machen, weiß, wie treffend das hier umtont wurde.

Highlight 2: Die zweimalige Versicherung, Boro tät der Mavie nicht ihr Leben vorwerfen oder selbiges verurteilen oder so. Jedoch: Wermutstropfen Selbstverletzung > so GANZ trauen wir uns noch nicht, einer Frau DIESEN Hunger nach Sex ("Es ist nie etwas passiert, was ich nicht wollte.") zuzugestehen.

Grüße: A.

Magda 07.11.2011 | 15:31

@ Rene Artois - "dann reden wir weiter? Wo?
Aber keine langen, aus Holz gefertigten Stangen mitführen. Dann hau ich gleich ab. Mankell ist immer grausam, deshalb bin ich ja so abgeneigt.

@ md -"denn so heftig kommt's doch nie im tatort"

Das stimmt, ich bin "belernt". Bekehrt noch nicht. Bis zur nächsten, ungewöhnlichen Menschenabschaffungsmethode warten wir mal. Vielleicht finde ich dann das Pfählen sowas von ...gemütlich und, normal.

rago42 07.11.2011 | 17:43

"Genauso wie wir dem Hinweis, auf die kleinen Ungenauigkeiten in der Erzählung nicht nachgehen."

Kleine Ungenauigkeiten finde ich aber putzig - ich musste häufig beide Augen ganz fest zudrücken (natürlich nur allegorisch) um die derbsten Fehler zu Ignorieren.
Deshalb habe ich mal zwei Fragen:
1)Die Lobpreisungen sind in Relation zu anderen tatorten zu verstehen und (hoffentlich) nicht allgemeingültig?
2) Wer ist Sarah Brandt? Die Dame von gestern hatte ja einen deutlich anderes Auftreten als bei dem Mal davor.

Und dann hat Boro auch noch Zahnschmerzen, man fasst es nicht.......das ist ja fast schon ein Topos.

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fraus 07.11.2011 | 21:14

Dieser Tatort war fast schon nervenaufreibend; ich habe mir zweimal die Hand so vor Augen gehalten, dass ich nur noch ein Fizzelchen der linken unteren Ecke sehen konnte, was in diesen Momenten auch schon zuviel anmutete, da mir nur die Konzentration auf meine auditive Wahrnehmung willkommen erschien...

perlenklauben 08.11.2011 | 05:00

Unnachahmlich charmant hat man uns über korrektes Frauenverhalten aufgeklärt. Sarah Brandt kann mit ihren fruchtigen Kulleraugen zwar einen Laptop in aller Kürze durchleuchten, gegenüber einer Frau mit "Internet- und Chatbekanntschaften", die unter Nicknames in Foren schreibt - Himmel, wie anrüchig! - muss aber mehrmals versichert werden, dass man sie gaar nicht verurteilt. Da bin ich aber beruhigt.

Wieso der hote Schwede aber einen Anstandswauwau wollte, um nächtens die anrüchtige Blondine mit zugegebenermaßen begehrenswertem Wodka und reumütiger Tollwütigkeit zu belästigen, konnte sich mir nicht so ganz einleuchten.

Zum Niederknien: Boro kauft sich in Sarahs schlechtes Gewissen ein, obwohl er, anders als wir, gar nichts von ihrem geheimnisvollen Handicap.