Matthias Dell
16.06.2010 | 11:15

"Erschossen." – "Erschossen?"

Herzschlagbeschleunigung Stefan Eckel von der Hamburger Künstlergruppe reproducts über Fernsehen als Kulturleistung, Hans Rosenthals Versöhnungsspieltrieb und Herbert Reineckers „Todesboten“

DER FREITAG: In diesen Tagen erscheint die Fernsehserie „Der Kommissar“ erstmals auf DVD; reproducts hat dazu alles gesagt, Ihr Zusammenschnitt „Todes­boten“ ist ein Youtube-Hit.

STEFAN ECKEL: Selbst jetzt noch, der Film ist 16 Jahre alt. „Todesboten“ war ein Festivalerfolg, wurde mal im Fernsehen gezeigt und vor drei, vier Jahren ist er in den universitären Bereich eingesickert.

Die Wirkung des Films ist faszinierend. Harald Schmidt hat durch „Todesboten“ gelernt, das Theater von René Pollesch zu lieben. Pollesch hatte die sich wiederholenden Dialoge in einer Inszenierung verwandt. Die hatte Schmidt gesehen und rezitierte sie dann in seiner Show. Man kann sich dem Sog der komprimierten Reinecker-Dialoge – „Ihr Mann wurde erschossen. – Erschossen?“ – schwer entziehen.

Es ging darum, eine Quintessenz des Formats zu generieren. Beim „Kommissar“ ist ein zentrales Motiv das Überbringen der Todesnachricht.

Warum?

Der Autor trug schwer an seiner Schuld. Der Überbringer der Todesnachricht steht auf der Schwelle, an der sich die Räume von Leben und Tod zu einem Punkt verdichten. Ein Schwarzes Loch, in dem die Wahrheit auf ewig wohnt. Reinecker hat sich übel verhalten in den Nazi-Jahren und ist nach dem Krieg weich gefallen. Wir sind davon überzeugt, dass er sich immer wieder lossagen musste von dieser traumatischen Verfehlung. Wenn man den „Kommissar“ daraufhin anschaut, stellt man fest, dass da die demokratische, gleichwertige Behandlung von irgendwie allem behauptet wird. Erik Ode als Kommissar ist den Dingen gegenüber völlig gleichgültig, er findet nur den Schuldigen.

Reinecker hält sich raus, er will in der Nachkriegsbiografie nicht noch mal einen Fehler machen.

Ja. Auf eine bürgerliche Weise, voll auf so einem Freiheitlich-demokratische-Grundordnung-Level.

Als Krimiautor war er langweilig.

Seine psychologischen Konstellationen empfinden wir keineswegs als langweilig, aber die Art seiner Plots und seiner Dialoge sind extrem repetitiv – die Grundlage für „Todesboten“. Übrigens haben wir Reinecker um Erlaubnis gefragt, ob wir „Todesboten“ veröffentlichen dürfen. Er hat uns auf seiner Schreibmaschine geantwortet und gesehen, dass es hier nicht einfach darum ging, „was Witziges“ zu machen, sondern um sehr viel mehr.

Worum denn?

Den Moment, wo das Herz schneller schlägt, weil man im Spiegel des Gegenübers – hier der Mattscheibe – für einen Moment sich selbst sieht. Dieser Moment ist zugleich ein absolut physischer wie psychischer Erregungszustand. Wie guter Sex.

Sind das die Momente, für die Youtube erfunden wurde?

Youtube ist auf jeden Fall der perfekte Aufbewahrungsort für diese Momente. Vielleicht kennen Sie auch diese Nächte, in denen man anfängt zu graben und dann entsteht daraus ein Netz aus Erinnerungen und Querverweisen. Das ist wunderschön.

Darum geht’s beim Fernsehen?

Nein, da geht’s ums Geld. Aber es ist eben auch ein Ausdrucksmedium für künstlerisches Wollen. Weniger bei „GZSZ“, das ist von vielen Köchen durchgekocht. Reinecker dagegen arbeitet hier sein persönliches Trauma ab, aber so, dass andere Leute sich mit ihrem Trauma einklinken können. Deswegen ist das so ein Erfolg geworden. Die Leute haben verstanden, was er sagt – auf subliminaler Ebene.

Vielen ist die Begeisterung fürs frühe Fernsehen nostalgische Kindheitserinnerung.

Das ist schön, aber eine Privatsache. Dafür macht man keine Filme wie „Todesboten“. Fernsehen ist das gerade noch größte und wichtigste Kulturmedium. Und um etwas wie „Reinecker reloaded“ zu machen, verbannen wir aus unseren Arbeiten eine persönliche Handschrift. Nichts hassen wir mehr als Ausdrucksmalerei. Kunst hat einen Erkenntnisgewinn zu bringen. Und wenn nicht, soll sie bitte zu Hause bleiben.

Das müssen Sie den Museen noch erklären.

Die interessieren sich in Deutschland gar nicht fürs Fernsehen. Fernsehen ist das Schmuddelmedium, das ist in England und Amerika anders, da hat man Achtung davor, dass es sich um eine Kulturleistung handelt, die von vielen geschaffen wird und von noch mehr Leuten angesehen. Deshalb sind Fernsehshows wichtiger als Damien-Hirst-Installationen.

Warum hat Fernsehen hier diesen Ruf?

Wahrscheinlich, weil die Arbeit in und mit dem Medium ein Verrat an dieser romantizistischen Künstlernummer ist. Aufgrund von „Todesboten“ sind wir 1996 vom ZDF angefragt worden, Archivkompilationen zu machen. Nach vier Monaten Schnitt in Mainz gab’s eine Vorführung, wo uns einige Redakteure mitleidig die Hand auf die Schulter legten: „Sagt mal, wie viele Stunden musstet ihr denn dafür gucken? Ist ja schrecklich!“ Da war überhaupt keine Verve, keine Euphorie für das eigene Schaffen. Für uns waren das die besten Stunden, für manche dort war das unvorstellbar. Die saßen da und dachten: „Oh Gott, ich mach echt Dreck hier, und ich würde sogar nach Pirmasens ans Theater gehen, wenn’s nur irgendwie Theater wäre!“

Der Geburtsfehler des Fernsehens in Deutschland: Es muss immer sagen, ich bin nicht blöder als das Theater, obwohl es sich selbst dafür verachtet.

Es fing notgedrungen mit dem Abfilmen von Theater an. Weil es keine Vorbilder gab und weil man Standfernsehen machen musste.

Wegen der Kameratechnik.

Ja. Aber das zieht sich durch. Das große Projekt von Ex-Intendant Professor Dieter Stolte war, den ZDF-Theaterkanal zu gründen. THEATER-kanal? Geht’s noch?

Bleibt die Selbstverachtung?

Es gibt zum Glück vermehrt Leute, die ein anderes Verhältnis dazu haben. Aber im alten ZDF wohl kaum. Insofern war es klug, ZDFneo zu gründen, auch wenn’s da noch Startschwierigkeiten gibt. Man muss einem Sender ein Gesicht geben und nicht sagen, wir haben kein Geld und zeigen nur Wiederholungen wie „Reich und schön“, weil das ganz gut im ZDF läuft. Ja, da soll’s auch bleiben! Mit ­audience flow brauchen wir nicht anzufangen, den gibt es nicht zwischen diesen Sendern, das sind verschiedene Welten. Die BBC achtet sehr darauf, dass ihre Sender nicht zu verwechseln sind.

Wie könnte das hier aussehen?

Ein Andrea-Kiewel-Bot könnte etwa, wenn sonntags der ZDF-Fernsehgarten läuft, parallel auf ZDFneo durch eine neutronen­verstrahlte Endzeitwüste eiern und dann da mal Show machen.

Zurück zur Gegenwart. Der Regisseur Christoph Hochhäusler hat mal vermutet, dass die Deutschen wegen ihrer Vergangenheit dauernd Krimis machen. Es muss endlos aufgeklärt werden.

Und mit dem Einverleiben der DDR ist das nicht besser geworden.

Haben Sie DDR-Fernsehen gesehen?

Das war die schönste Fernsehzeit.

Warum?

Das war ein legales, frei verfügbares Metaprogrammierungstool.

Frei verfügbares was?

Wir hatten das große Glück – und es wäre toll, wenn es medial so etwas noch gäbe – im Zonenrandgebiet aufzuwachsen. Mit der Fernbedienung konnten wir zwischen zwei Realitäten wechseln. Man kriegte eine völlig andere Sicht auf die Dinge präsentiert – das meine ich mit Metaprogrammierungstool. Der Sinn von solchen Techniken ist ja, dass sie einen neuen Zugriff auf Realität ermöglichen, einen damit konfrontieren, wie man Realität wahrnimmt. Das DDR-Fernsehen hat gezeigt: Es ist eine Interpretationssache, was ich hier sehe. Das hat einen ideologisch imprägniert.

Das DDR-Fernsehen als Schule der Ideologiekritik.

Auf uns hat’s so gewirkt. Mein Favorit waren im Sommer immer diese Ernteberichte in der „Aktuellen Kamera“, da gab’s 20 Minuten lang Ernteberichte, wo irgendwelche Traktoristen diese unglaublich monotonen Texte sprachen.

Hat Sie der „Schwarze Kanal“ interessiert?

Das war zu gefaked. Interessant wird es doch, wenn wie im Kinderfernsehen ein Fotokurs gegeben wird und man darüber spricht, was man warum fotografieren sollte. Da wird Realität festgeklopft.

Die Sie künstlerisch erforschen.

Wir operieren an der Schnittstelle zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Wir erleben zunehmend eine unglaubliche Veröffentlichung des Privaten und gleichzeitig eine perverse Privatisierung des Öffentlichen. Weil wir diese Begriffe für zentral für unser gesellschaftliches Konstrukt halten, setzen wir uns in unseren Arbeiten damit auseinander. Ganz viel auch mit Postkarten.

Wieso Postkarten?

Die Postkarte ist ein vergleichsweise dauerhafter Gegenstand und ein perfektes Symbol: eine öffentliche Frontseite, ein Postkartenblick, common sense darüber, was wichtig, gut ist. Und auf der Rückseite eine komprimierte persönliche Mitteilung, manchmal banal, manchmal gnadenlos privat.

Was heißt das fürs Fernsehen?

Das heißt zum Beispiel, dass Hans Rosenthal die letzten Nazi-Jahre in Berlin in einer Laube sitzt und jeden Tag vom Tod bedroht ist. Dann ist der Krieg vorbei, und Rosenthal macht Rundfunk, später Fernsehen. Dabei geht es immer nur ums Spielen. Bis zum Ende. Das ist zutiefst anrührend und erschütternd, wie damit jemand sagt: „Nein, das ist gewesen, das vergessen wir, wir spielen jetzt wieder, jetzt sind wir wieder Freunde.“ Das berührt uns sehr.

Ihre erste Kunstaktion war 1989 eine nachgestellte „Dalli, Dalli“-Sendung. Auf einem Bild sieht man, dass Rainald Goetz damals bei Ihnen zu Gast war.

Das war Zufall. „Dalli, Dalli“ war der Abend der Versöhnung zwischen Deutschen und Juden. Was Rosenthal da macht, ist der Hammer, klassische Gehirnwäsche – mit Leuten in einer Live-Situation erstmal 15 Sekunden Assoziationstest zu machen. Da wurde ein mind tuning hergestellt, was die Verhärtung, die Ressentiments, die Schuld aufbricht, um am Ende zusammen dazustehen als eine Familie und Geld an Menschen in Not zu spenden.

Das ist in der Tat berührend.

Wenn man diese Sendung anguckt, findet man Spuren. Man schaue sich nur die Sechseck-Waben oder die Etymologie von „Dalli, Dalli“ an – es ist alles so überdeutlich, dass man perfekt dran vorbei­gucken kann.

Sechseckige Waben statt sechseckiger Davidsterne. Aber „Dalli, dalli“ für „Mach hin, beeil dich“, das kommt doch aus dem Polnischen?

Ja, eben, aus dem Polnischen.

Ach so! Das ist ja – krass.

Es gab in den Siebzigern eine Sendung, „Was wäre wenn“, da haben Promis von dem Beruf erzählt, den sie hätten ergreifen wollen oder sollen. In einer Sendung war Rosenthal zu Gast, der Fußballer werden wollte. Und er steht da in einem blau-weiß gestreiften Hertha-Hemd. Blau-weiß gestreift! Warum er das nicht werden konnte, blieb in der Show undeutlich – aber es war klar, dass man das nicht groß bespricht. „Es war nicht okay damals, aber wir machen zusammen weiter, wir können nur was werden, wenn wir zusammen weitermachen.“

Produziert die einverleibte DDR Traumata?

Für die Verarbeitung der ganzen DDR ist der MDR zuständig.

Aber das ist doch vermittelt, da sitzen zynische Medienfutzis aus dem Westen und geben dem Affen Zucker.

Genau, das wird gestyled. Rosenthal funktionierte, weil er nicht plante, Versöhnungsshows zu produzieren, sondern in erster Linie spielen wollte. Man kann diese Unbedarftheit nicht faken.

Neulich habe ich gestutzt. Zu Gottschalks 60. Geburtstag war Wolfgang Lippert plötzlich verschwunden...

… die Story of his life.

Da stand dann, dass Gottschalk „Wetten, dass?“ seit 1987 moderiere, was letztlich stimmt, aber nicht mal fürs Protokoll wird Lipperts Zwischenspiel erwähnt.

Ein kollektiver blinder Fleck. Über Wolfgang Lippert haben wir auch etwas in unserem Archiv. Der hat später den „Großen Preis“ moderiert, der dann „Goldmillion“ hieß. Legendäre Sendung.

Inwiefern?

In einer Sendung hat ihn Günther Jauch vertreten, Lippert hatte sich im Skiurlaub das Bein gebrochen. Bezeichnend war, dass Jauch das Röntgenbild von Lipperts Bein zeigte, um das zu dokumentieren. Stripped down to the bone. Ich fand das eine unglaublich herablassende Geste. Diese Objekthaftigkeit! Und ich habe noch nie ein Röntgenbild als so intim empfunden. Lippert hatte nicht mal mehr Anrecht auf das Bild seines Knochens.

Ist Lippis Geschichte nicht die des Ost-West-Zusammenwachsens: Anfangs Euphorie – er kriegt die größte Samstagabendshow, dann Kater – Lippis Shows werden immer kleiner. Jetzt tritt er bei den Störtebeker-Festspielen in Ralswiek auf, einer DDR-Erfindung.

Das ist wie Verwandtenbesuch: Der wird er erst herzlich aufgenommen, aber letztlich findet man die Leute doof. Dann bleiben nur die übrig, die sich an das assimilieren, was hier vorgelebt wird. Der Rest wird rausgekickt. Oder im MDR so umgestaltet, dass es wieder passt. Aber wenn man Lippert im Interview so sieht – ich habe Respekt vor dem. Der sieht nicht wie ein böser Mensch aus und der redet auch nicht wie ein böser Mensch. Der hat sich seine Würde bewahrt, und das finde ich gut.

Stefan Eckel betreibt zusammen mit Stefan Prehn seit 1989 unter dem Label reproducts medienarchäologische Forschungen, deren Ergebnisse in Filmen, Texten, Objekten und Performances öffentlich gemacht werden. Auf Youtube finden sich weitere Arbeiten.

Weitere Informationen unter reproducts.de.

"Der Kommissar gilt als erste deutsche Krimiserie. Die Drehbücher schrieb Herbert Reinecker (der auch Derrick erfand). Reinecker war zur NS-Zeit Schriftleiter einer HJ-Zeitung und betätigte sich als Schriftsteller. Produziert wurde Der Kommissar von Helmut Ringelmann (Traumschiff), gedreht wurde in Schwarz-Weiß und zwischen 1969 und 1976 im ZDF ausgestrahlt. Seither mehrfach wiederholt auf 3sat.

Am 18. Juni erscheint die Kollektion 1 mit den ersten 24 Folgen des Kommissar auf DVD bei Universum. Gesamtlänge: 1.424 Minuten, 34,95 Euro.