Gemeinsames Terrorabwehrzentrum

Tatort Es ist noch nicht vorbei: Thomas Jahn legt in seiner Leipziger Folge über Terror und Ausgrenzung eher Wert auf äußerliche Werte wie gutes Aussehen und schicke Unschärfe

Ist gut jetzt, könnte man fauchen und die Hand bestimmt über das Gerede der letzten Wochen legen, auch wenn man daran beteiligt war. Ist auch mal gut jetzt mit – don't mention the name – Til Schweiger. Aber dann erlaubt sich diese sogenannte Tatort-Koordination solchen Witz, zeigt ihren sick sense of humor vor, und wenn man eines Tages vor Prof. Henke, dem Lehrstuhlinhaber für Fernsehfilm, Kino und Serie beim WDR, stehen sollte: expect to find him laughing.

Der neueste Leipziger Streich wurde nämlich inszeniert von Thomas Jahn (nach dem Tatort-Debüt 2007 am Bodensee nun erst zum zweiten Mal am Start), und dieser Thomas Jahn taucht auf als Regisseur und Drehbuchautor am Anfang von Til Schweigers Aufstieg zu Til Schweiger. Knockin' on Heavens Door hatte sich 1997 an Amerika in Deutschland versucht und dazu eine amerikanische Geschichte erzählt, die von Jahn handelte, der als Taxifahrer Schweiger kutschiert und ihm das Drehbuch reicht, das Schweiger dann so toll findet, dass Jahn vom Taxi zum Regisseur – und der Rest soll history sein.

Solche Geschichten in der deutschen Filmförderverwaltungswelt zu erzählen, ist ein wenig albern, schon weil die Pointe des Zu-richtigen-Zeit-an-der-richtigen-Stelle-dem-richten-Mann-begegnet eine inaccessibility voraussetzt, wie sie den amerikanischen Star auszeichnet. Hierzulande macht man eher Karriere aka darf arbeiten, wenn man einer Doris-Heinze-Politik oder überhaupt zuständigen Redakteuren gegenüber nicht unangenehm auffällt durch eine eigene Meinung oder was sonst noch alles als Querulanz beschrieben werden kann.

Schicker Look

Immerhin reicht das Anekdotat der komischen Taxifahrer-Geschichte von Jahn noch so weit, dass Sono Keppler (Martin Wuttke) gegen Ende einer Tatort-Folge bald 20 Jahre später ein Taxi nehmen muss, in dem ihm dann vom Fahrersitz absichtsvoll der Regisseur entgegen gucken kann.

Was nun aber die greater Ironie von Jahns Regie ist: dass Lipsia an die Befürchtungen erinnert, die man an einen Stil Schweiger haben konnte. Jahn arbeitet (Kamera: er selbst) mit geringer Schärfentiefe, was den Hintergrund immer fei unscharf erscheinen lässt. Hat seine Reize, kann man aber nicht mit altwerden, kurz: ist so modisch wie der standardcoole Style vons Janze, der sich etwa in Kepplers braunem Anzug samt neckischer Urlaubsmütze materialisiert oder auch im Lederjackentum vom mad MAD-Mann Böhm (Anatole Taubman).

Immerhin sind Jahn die Bilder nicht egal, die er macht, was Leipzig eine gewisse Größe verleiht (in terms of Leipzig), aber für etwas, das über einen schicken "Look" hinausginge – Geschmack etwa oder eine spezifischere Vorstellung von Stil –, bleibt alles zu epigonal. Die himmelzerreißende Dämmerung, in der sich der Erpresserrächerterrorist und Vertickerschmugglervater an der Landstraße Bomben überreichen, ist dem Wollen von Jahn lieber als so was wie die Wahrscheinlichkeit aka der Realism der Erbsenzähler unter uns.

Verruchte Liebesspiele

Wie man überhaupt von der relativistischen Position, in die man durchs dauernde Sonntagabendkrimi gucken gerät, sagen könnte, dass es Leipzig normalerweise schlechter geht: Die Geschichte (Buch: Holger Jancke) gestattet Keppler und Sporty Saalfeld (Simone Thomalla) – welch' Einsatz mit den Hackenschuhen am Tümpel des ersten Phosphor-Fires! – mehr Sätze, die keine Stanzen sein müssen, als sonst. Sogar auf den späten Bingo-Running-Gag vom letzten Mal wird, sanft, zurückgekommen, was in der Tatort-Reihe hohe Seltenheit genießt; es ist ein wenig Luft in dieser Folge.

Womit freilich noch nichts über die Binnenlogik des Films gesagt ist, der sich einen zurechtmontiert, wie's gerade passt. Tollstes Tool in diesem Zauberkasten ist die Instant-Studentin Lena (Laura Lippmann), die immer dann ins Rennen geschickt wird, wenn es irgendwo einen Dialog braucht – und die das durchzieht mit der waghalsigen Kombination aus Sprechen-Sie-mich-bitte-an-ich-habe-die-Info-nach-der-sie-Suchen-Aufmerksamkeitsgeheische und radikalem Ich-dreh-mich-nicht-um-um-zu-gucken-wer-da-kommt-weil-ich-das-ja-aus-dem-Drehbuch-weiß-Ignorieren. Grandios.

Der Fall vom "Strand-Café" führt dagegen zu dem Nerv, den diese Leipziger Folge abgibt. Wo "Afghanen" auftauchen, muss Differenz markiert werden, und auch wenn es mal eine Figur gibt, die aussprechen darf, wie dämlich, herzlos und uncool das ist, die Dozentin of Love (Margrit Sartorius) – die Mehrheitsverhältnisse in diesem Tatort neigen ihrer Position nicht zu, was man schon daran sehen kann, dass sie mit verruchten Sexspielen in Verbindung gebracht wird (Würging, während der Lover im WC das Phosphor-Schweißbad einlässt) und am Ende für ihre Haltung mit einem Mord durch den undankbaren Terroristen (Kostja Ullmann) bestraft wird. Der macht sein Ding aus radikal persönlichen Gründen, natürlich, und ohne Rücksicht auf Verluste. So sindse eben!

Was erlaube MDR?

Das "Strand-Café" hat damit nun zu tun, insofern es im Untertitel was mit "1000 und einer Nacht" heißt, damit Tante Jamila (Ilknur Boyraz) auch ja ihrer Herkunft zugeordnet werden kann, wenn sie den Kommissaren gegenüber das erste Mal erwähnt wird. Dummerweise braucht dieses Café in seinem Sosein diesen Untertitel nicht, weshalb es eben vor allem Strand-Café heißt – bei was mit "1000 und einer Nacht" würde man irgendeinen Orientalism vermuten und nicht diesen kommunalschicken, EU-Mittel geförderten, stadtumbaubefriedigenden Minimalstyle.

Und das ist das Dämliche an diesem Tatort: Dass ein "Strand-Café" eben unmöglich von einer Frau mit Migrationbackground geführt werden könnte als Ausflugslokal, sondern dass eine Tante Jamila aus Afghanistan immer nur ein Café führen kann, dass irgendeinen Bezug zu ihrem Orientalism erkennen lässt, egal wie lange sie jetzt schon hier lebt in diesem Deutschland.

Am übelsten ist freilich – deshalb fassen wir ihn nur dieses eine Mal an und lassen die Anführungszeichen sicherheitshalber dran – der Folgentitel selbst: "Schwarzer Afghane" mag sich auf die Drogenladung von Norbertmüller (der große Sylvester Groth) rausreden, kann aber dennoch nicht leugnen, dass man damit auch die "Illegalität" von Arian Bakhtari assoziieren könnte. Und er wird komplett widerlich, wo ein "Afghane" verbrennt in diesem Film. Wie kann man so zynisch sein, MDR? Hat denn diese Gesellschaft überhaupt nichts gelernt in Sachen ekligen Bezeichnungen nach den lange so genannten "Döner-Mordern"? Man fasst es nicht.

Etwas, das man gern über sich hören würde: "Sie kennen sich aus"

Etwas, das man ungern über sich hören würde: "Hör' ich da einen Experten?"

Eine Auskunft, mit der man Verspätungen bei Verabredungen vertuschen könnte: "Wir sind gerade bei Mette Müller und versuchen, sie von der Bombe zu befreien"

21:45 17.03.2013
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Ausgabe 14/2020

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