Ich dachte, ich ...

Tatort Das Mündel will Vormund sein: Undercover-Cenk (Mehmet Kurtulus) will im Hamburger "Tatort: Leben gegen Leben" zum Subjekt seines Falles werden, indem er Gefühle zeigt

Das Klandestine ist der Feind des Melodramatischen, lautet das kühne Fazit, das die Ambivalenzen beim Schauen der Hamburger Tatort-Folge Leben gegen Leben auf einen zwangsläufig verkürzten Begriff bringen will. Die Figur des Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) behauptet ihre Sonderstellung im Gros der Tatort-Kommissare bekanntlich durch den Umstand, kein schnöder Kommissar zu sein, sondern als verdeckter Ermittler des LKA einen rougheren Zugriff auf das zu haben, was wir Fernsehzuschauer für die Wirklichkeit halten.

Cenk hat kaum das Olivenöl vom letzten Türkei-Besuch aus der die grassierende, wenn nicht totalitäre Praxis des Rollkoffers aber so was von dementierenden Holzkiste gepackt, da verwickeln ihn die Parallelmontagen (Schnitt: Lars Jordan) schon in einen Fall (Buch und Regie: Nils Willbrandt), der ihn zum gegenspielenden Handlanger des organisierten Organhandels macht.

Die Entwicklung ist nicht immer gut überschaubar und etwas zäh, ein Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen mit funktionierenden Nieren soll unfreiwillig spenden für ein Mädchen aus reichen Verhältnissen mit dysfunktionalen Nieren. Das ethische Dilemma, das in dieser Anlage steckt und das der Titel Leben gegen Leben durchaus fokussiert, bleibt in Willbrandts Ausführung allerdings reduziert auf das LKA interne Scharmützelchen, ob die Straßenkind-Amelie (Michelle Barthel) nun als Köder verwendet werden darf oder nicht – da war Tante Lürsen vor zwei Wochen weniger zimperlich. So bleibt als einzige Vermittlungsoption zwischen oben und unten beziehungsweise drinnen und draußen hier die sture Cenk-Frage an jede Beteiligte nach der hoffentlich richtigen Herkunft: Sind Sie aus Hamburg?

Birth of a Subjekt

Dass Willbrandt den Gegensatz von Leben und Leben nicht weitet auf das, was wir das Gesellschaftliche nennen, liegt in den doch recht beschränkten Milieuzeichnungen begründet: Ameliepapa Günther (Mario Irrek) zeichnet sein Hartz-IV-Elend vor allem dadurch aus, dass er, wo er auch fläzt, die Beine hochlegt. Wie es zu solchen geringen Ansprüchen ans Dasein gekommen ist, wird ebenso wenig gezeigt wie der Konflikt, in den reiche Ehepaare (Bibiana Beglau und Klawitter) geraten können, die alles für das Kindswohl zu tun bereit sind, aber doch auch Restzweifel hegen könnten, dass Anonymität im Fall ihrer diskreten Abhilfeschaffer nichts mit Datenschutz zu tun hat (zumal die beiden Mädchen vor der Operation ja noch psychoterroristisch nebeneinander gelegt werden) – das Gespräch des Ehepaars im Garten der Mietvilla, in der der Vertrag geschlossen wurde, behauptet jedenfalls eher einen Konflikt, als das es ihn zeigte; zudem ist es filmisch merkwürdig aufgelöst, weil aus der fernen Perspektive Cenk Batus gefilmt, für den Zuschauer aber gleichsam mit Ton versehen.

Cenk Batu, das bringt die Rolle mit sich, hängt zwischen allen Fronten, was auf Dauer die Subjekthaftigkeit noch des präsentesten Protagonisten beschädigt. Der Ausweg für Willbrandt ist die Emotionalität, die sich entweder in Kunstregen, Aufgerege oder Lautwerden im öffentlichen Personennahverkehr äußert – was eben unsere Vorstellungen von der klandestinen Arbeit des verdeckten Ermittlers irritiert. Eigentlich ist die Batu-Figur als Hafenstadt-James-Bond mit fancy Gimmicks (dieser herrliche Detektor, mit dem der von schicken Autos träumende Fieslingshelfer Tremmel, gespielt vom großen Godehard Giese, Eindruck macht) auf ihr Objektsein völlig zurecht reduziert, um in den Kanälen des großen, multinationalen organisierten Verbrechens als Kontrastmittel des Guten zumindest partiell wieder die Ordnung herzustellen – eine Situation, die bei der finalen Suche nach dem fliegenden OP-Saal auf dem Display von Cenks Spielleiter Kohnau (Peter Jordan) durch leuchtende Punkte in digitalisierten Grundrissen recht gut anschaulich wird.

Stattdessen muss Cenk sich aber als Subjekt emanzipieren durch Gefühle, die es ihm zur Herzensangelegenheit machen, das undercover zugeführte Mädchen rechtzeitig vor der Nierenentnahme wieder zu befreien – sein Job, um es einmal so zu sagen, sähe doch auch nichts anderes vor. Dramaturgisch kommt das auch nicht so gut, weil die geliebte Kavallerie doch reichlich spät: In der hier vielleicht nicht ganz glücklichen Metaphorik des Fußballs gesprochen provoziert der Diver Cenk durch eine Schwalbe einen Elfmeter (die umgehende Verfolgung der von ihm bedienten Mädchenausweider), den er auch noch selbst reinmacht. Der Vergleich zum Fußball legt immerhin nahe: So ein Arrangement ist irgendwie nicht true.

Durchwachsene Folge also. Lobenswert bleibt Stephan Bissmeier als distinguierter Chirurg des Bösen und das alte Hamburg, das Jens Harant immer wieder hübsch in Szene setzt.

Nicht verstanden (1): Warum steht der Securitybösewicht im Gang am Ende die aus der Hand gefallene Waffe ergreifend nicht einfach wieder auf, als Cenk ihm den Rücken zuwendet, weil Tremmel von der anderen Seite her Bedrohung performt?

Nicht verstanden (2): Warum gibt Cenk sich dem Mädchen gegenüber als Journalist und nicht gleich als Polizist zu erkennen – klänge doch viel seriöser und beruhigender?

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21:45 27.02.2011
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Ausgabe 43/2021

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