Ich war um 3.41 Uhr im Dschungel

Tatort Zehn Jahre Tilli, Stark und Weber und eigentlich ein schöner Titel: Der Berliner "Tatort: Mauerpark" will trotz interessanter Momente aber viel zu viel

Der Tatort sieht nur aus wie ein Krimi, in Wirklichkeit handelt es sich um eine Maschine zur Beförderung gesellschaftlicher Diskurse. Man steckt das jeweilige Problem rein, und heraus kommt die Problembehandlung in Form eines Krimis. Kann man sich ein bisschen vorstellen wie dieses tolle Gerät auf dem Schrottplatz in dem Berliner Tatort: Mauerpark (dem man einen Auftritt als Mordwerkzeug durchaus gegönnt hätte, immer diese Pistolen) – ob häckseln der richtige Begriff für die Problembehandlung ist, darüber ließe sich dann streiten.

In Mauerpark steckt in der Maschine allerdings sehr viel, und das ist schon deshalb ein Jammer, weil der Name der Folge anders als bei der üblich-lieblosen Verlängerung des nichtssagenden Arbeitstitels in die Programmzeitschrift (Das schwarze Haus), einmal hübsch ist, konkret und doch assoziativ. Was Mauerpark an Geschichten aufruft! Da steckt doch so viel drin! Etwa: Killerkaraoke während des sonntäglichen Flanats der urbancoolen Weltjugend über Flohmarkt mit Biowurststand und DDR-Devotionalien hin zum Do-it-yourself-Unterhaltungswesen, das in eben der besagten Karaoke-Veranstaltung seinen stolzesten Ausdruck findet. 50.000 Menschen sollen sich hier wochenends drängeln, Massenaufläufe, wie man sie "dereinst" (Thomas Mann) nur von der Shibuya-Station in Tokio kannte.

Ein Mord könnte hier geschehen sein, genau hier und nicht irgendwo (nur am Rande, weil wir in letzter Zeit viel frühen Derrick geguckt haben – die dislozierte Leiche, die ist da echt ein issue), an einem dieser lifestyleprofessionellen Globalberlinbewohner, die nur Englisch sprechen und irgendwas mit Kunst auf dem iPad machen, das Verdächtigenheer reichte von den anderen lifestyleprofessionellen Globalberlinbewohnern (Neid, Eifersucht, die menschlichen Gefühle) über ungewaschene, wertkonservative Lederjackenpunks, die 1989 nicht verkraftet haben, dänisch-deutsche Immobilienhaie aka "Projektentwickler" mit Ehegattinnen, die sich was drauf einbilden, die Blumenmuster für die Fassaden ihrer Townhouse-Gettos auch noch selbst am Computer zu entwerfen und die ihrem kapitalen Kolonialismus einfach keinen Einhalt gebieten können, genervte Schrebergärtner, denen die Musik von nebenan das Zur-Ruhe-Kommen madig macht, irregeleitete Hools vom BFC-Spiel im Jahnsportpark, die das weltläufig-individualkonformistische Wuseln im Mauerpark nicht in ihre Vorstellungen von Ordnung integriert kriegen. Und so weiter. Und am Ende wäre das: große Gegenwart.

Tricky Geschichte

Bitte um Entschuldigung für diese kleine Abschweifung in die Vorstellungswelt unserer Assoziationen, wir wollten uns keineswegs als sauertöpfisch-verkrachter Drehbuchautorendilettant gerieren, aber so ein Tatort, der hat doch auch eine Verantwortung gegenüber der Zeit, dem Ort und der Gesellschaft. Der kann doch nicht einfach, wie Heiko Schier (Buch und Regie) das hier macht, so eine heillose Mischung aus unglaublich vielem (DDR-Händel, private Wohlfahrtspflege, Achtziger-Jahre-Szenism, Reichtumsennui, Gentrifizierung, Kinderschänder) performen, der muss doch auf ein Schlagwort runterzubrechen sein, anstatt dauernd neue Kaninchen zu füttern, die er aus dem Hut seiner tricky Geschichte zieht. Und so wie diese Schrottbude da rumsteht, da könnte sie auch im postindustrialisierten Ruhrgebiet oder in Eisenhüttenstadt stehen.

Die Trickyness der Geschichte verläuft sich in dauernd neue Seitenstränge, die glaubhaft dann nicht mehr zusammengeführt werden können, wie man am besten an dieser, cold as ice, Ina Kilian (Rebecca Immanuel) sieht, die über einem krassen Gefälle von Engagement für die Entrechteten und villösestem Supperreichtum wohnt und nicht nur durch die Wahl ihres Fuhrparks Erinnerungen an den realen, Maserati besitzenden Treberhilfe-Helfer Harald Ehlert erinnert. Die Kälte, die Ina Kilian verströmt im Verhör, ist verdächtig und verhindert zugleich jede Psychologisierung, die nachvollziehbar machen könnte, warum sie das Kind ihrer Zwillingsschwester nach Gotha (why Gotha, wäre Jüterbog nicht naheliegender gewesen?) bringen musste. Eine Räuberpistole, die aber mitunter zum schichtenübergreifenden Ringelpiez im Hause Kilian passt (Abhang und Verhältnisse mit dem boxenden Gärtner Müller, gespielt von Sven Lehmann).

Der tote Anwalt Herzog (Christoph Gareisen) bleibt als Figur so vage, dass sie als Projektionsfläche für alles Üble dieser Welt (Kinderschänder) taugt, kriegt aber ebenso wenig Boden unter die Füße wie die ausgeklügelste Rache des scheinbar inzestuösen Rachegeschwisterpärchens Nadja Skrebber (Eva Bay) und Lukas Vogt (Robert Gwisdek). Ausgehend von der alten Faustregel, dass jeder Schauspieler einmal eine zutiefst pathologische Figur gespielt haben muss, kann man für Robert Gwisdek hoffen, dass er es hiermit hinter sich hat: Die Schlussbeichte im Schrottbudencontainer ("Die ganze Kindheit über geschlagen und getreten") wirkt jedenfalls eher unfreiwillig komisch, seine traumatösen Schmierereien (G88) drängen sich als arg gegenständlich auf.

Webers Fleiß

Schiers tricky Drehbuch wird also Opfer seiner eigenen Cleverness (das Faken der Beweismaterialkassette mit dem leitmotivischen Fun-Boy-Three-Klassiker Our Lips are sealed hätte doch auch handlungstragender sein können, die Ritter-Stark-Beef ist keine). Und auch wenn Schiers Regie bisweilen den etwas unangenehmen Eindruck erweckt, sie wolle "Qnst" (Thomas Kapielski) machen, hat Mauerpark seine Momente.

Die Musik hält häufig sich zurück, und lobenswert ist überdies die Inszenierung der Kommissare, die jetzt zehn Jahre ermitteln. Tilli (Dominic Raacke) und Stark (not so sophisticated this time: Boris Aljinovic) sind still und von hübschest-distanzierter Grundtraurigkeit, derweil good ol' Weber (der große Ernst-Georg Schwill) Auftritte hat nicht nur als Fremdenführer (kleine Geschichte des Mauerparks – nur dass Berghain und Dschungel die jeweils coolsten Clubs der Welt sind/waren, müssen andere wissen), sondern sich als einziger erinnert an die Kilian-Entführung, obwohl er seinerzeit noch bei der "Volkspolizei" diente – was eine schöne Pointe auf den Fleiß der Subalternen ist, die immerfort besser vorbereitet sind und trotzdem übers Zuarbeiten-Dürfen nicht hinauskommen. Und auch sagt Weber so wunderschöne Sätze wie: "Der bringt mer uff de Palme."

Im Ganzen so, wie sich Jürgen Klopp nach der Piräus-Pleite gefühlt haben muss – da wäre mehr drin gewesen.

Auskünfte, die man auch gern einmal geben würde: "Schon sein Vater arbeitete für uns" (Ina Kilian über Müller)

Nichts, was man auf einen Grabstein meißeln könnte: "Aggressiv und überheblich, das war sein Stil"



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21:45 23.10.2011
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Ausgabe 38/2021

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